Vor den Römern - Eliten in der vorrömischen Eisenzeit

September 7, 2017 | Author: Jes Martens | Category: Archaeology, Prehistoric Archaeology, Social Stratification, Prehistoric Settlement, Iron Age Germany (Archaeology), Prehistoric Europe (Archaeology), Iron Age (Archaeology), Prehistory, Settlement archaeology, Ancient Warfare, Iron Age, Scandinavian Archaeology, Danish Iron Age Archaeology, Early Iron Age, Przeworsk culture, Burial Customs, Jastorf culture, Pre-Roman Iron Age, Ancient Weapons and Warfare, Prehistoric weapons, Iron Age (Archaeology), Prehistory of northwest Europe, Central Places, Late LaTéne period, Scandinavian Pre roman Iron age, Hjortspring, Kultura Przeworska, Prehistoric Social Organization, Early Roman Expansion, Borremose, Latene-ization, Latenization, Prehistoric Europe (Archaeology), Iron Age (Archaeology), Prehistory, Settlement archaeology, Ancient Warfare, Iron Age, Scandinavian Archaeology, Danish Iron Age Archaeology, Early Iron Age, Przeworsk culture, Burial Customs, Jastorf culture, Pre-Roman Iron Age, Ancient Weapons and Warfare, Prehistoric weapons, Iron Age (Archaeology), Prehistory of northwest Europe, Central Places, Late LaTéne period, Scandinavian Pre roman Iron age, Hjortspring, Kultura Przeworska, Prehistoric Social Organization, Early Roman Expansion, Borremose, Latene-ization, Latenization
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Description

VARUSSCHLACHT IM O S N A B R U C K E R LAND MUSEUM UNO PARK KALKRIESE

2000 J A H R E

VARUSSCHLACHT KONFLIKT

THEISS

2000 J A H R E

VARUSSCHLACHT KONFLIKT Herausgegeben von der

VARUSSCHLACHT im Osnabriicker Land GmbH Museum und Park Kalkriese

Umsch laga bbildungen: Gesichtsmaske cines rornischen Reiterhelms, gefunden 1990 in Kalkriese. © VARUSSCHLACHT irn Osnabrucker Land / Christian Grovermann; »Die Herniannsschlacht«, Gemalde von Friedridi Gunkel, Miinchen, Maximilianeum, 1862-64 (picture-alliance/akgimages).

Bibliografische Information dcr Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnel diese Pubhkation in der Deutschen Nalionalbibliografie; detaillierle bibliografische Daten sind im Internet iiber http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2009 Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart VARUSSCHLACHT im Osnabrucker Land GmbH Museum und Park Kalkriese Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsrnitglieder der WBG ermoglicht. Redaktion: Stefan Burmeister, Heidrun Derks Kalaloggestaltung und -produktion: Verlagsbiiro Wais & Partner, Stuttgart (Rainer Manchcr, Tina Pauly, Verena Schmynec; Michaela Franke [Lektorat]} Umschlaggeslaltung: Stefan Schmid Design, Stuttgart Bildbearbeilung: DBS Lenhard, Stuttgart Druck: Firmengruppe APPL, aprinta druck, Wemding ISBN 978-3-8062-2279-1 (Buchhandelsausgabe) ISBN 978-3-8062-2313-2 (Museumsausgabe)

Inhalt 8 GruSwort Angela Merkel BundeskanzlerinderBundesrepublikDeutschland

DIEVARUSSCHLACHT 36 Die Varusschlacht Heidrun Derks

9 Gruftwort Hans-Cert Pottering President des Europaischen Parlaments

10 GruBwort Jiirgen Riittgers Ministerpra'sident des Landes Nordrhein-Westfalen

11 Grufiwort Christian Wulff

56 Kalkriese und die Varusschlacht Multidisziplinare Forschungen zu einem militarischen Konflikt GiintherMoosbauerund Susanne Wilbers-Rost

68 Das Schlachtfeld von Kalkriese Eine archaologische Q u e l l e f l i r d i e Konfliktforschung Ac him Rost

Niedersa'chsischer Ministerpra'sident

DER GERMANISCHE KRIEGER 12 Geleitwort Ermutigung zum Hinterfragen Land rat Manfred Hugo, Vorsitzender des Aufsichtsrates Varusschlacht im Osnabrucker Land; Joseph Rottmann, Gescha'ftsfiihrer Varusschlacht im Osnabriicker Land

14 IMPERIUM KONFLIKT MYTHOS 2000jahre Varusschlacht

78 Gebrauchsweisen! Der romische Germanen- und Germanienbegriff Roland Steinacher 83 Fremdbilder Dergermanische Krieger aus Sicht antiker Autoren Reinhard Wolters

ElkeTreude, Heidrun Derksund Rudolf AKkamp

DIE AUSSTELLUNC »KONFLIKT«

89 Der Krieger im Grab Germanische Graber mit Waffen JbrgKleemann

is Der fremde Krieger Versuche, die Motive germanischer Kriegsfiihrungzu ergriinden Stefan Burmeister

MARKOMANNENKRIEGE

98 Rom in Not ZurGeschichte der Markomannenkriege

28 Raum - Inhalt - Sprache

Peter Kehne

DieAusstel!ung»KONFLIKT« Moritz Schneider und Tobias Neumann, neo.studio Architekten

33 »Memory is a still« Stefan Burmeister

109 Zerstorungshorizonte Germanische Ubergriffe und ihrarchaologischer Niederschlag Thomas Fischer

114 Marcomannia Der Milita'rschlaggegen die Markomannen undQuaden-ein archaologischer Survey Balazs Komoroczy

126 Im Handstreich genommen DerFalldes Romerlagersvon Iza Jan Rajtar

203 Angsthorte und Pliindererdepots Die Reichskrisedes3.jahrhundertsn.Chr. aus archaologischerSicht Ernst Kiinzl

128 Rdmisch-germanisch bis zum Tod Das Konigsgrab von Musov JaroslavTejral

OSTSEERAUM

132 Skandinavische Kriegsbeuteopfer Befunde, Funde und Interpretationen Ruth Blankenfeldt und Andreas Ran

140 Untergegangen

212 Hortfunde im Rhein Die Pliinderungsbeute von Neupotz und Hagenbach Richard Petrovszky

220 Ruckzug hinter Rhein und Donau Die Fallbeispiele Raetien und Obergermanien Marcus Reuter

228 Roms vergessener Feldzug

Cermanische Heeresverbande und skandinavische Kriegsbeuteopfer

Das neu entdeckte Schlachtfeld am Harzhorn in Niedersachsen

J0rgen Ilkjaerund Rasmus Birch Iversen

Michael Geschwinde, Henning HaBmann, Petra Lonne, Michael Meyer und Giinther Moosbauer

148 Neue Forschungen in Thorsberg und Nydam

CERMANISCHE SOLDNER

Andreas Rau, Ruth Blankenfeldt, Nina La LI, Suzana Matesic, Florian Westphal

234 Die romische Armee

162 ^Confrontation, Kooperation, Ignoranz? Rom und der Norden Europas nach den Markomannenkriegen Michael Erdrich

Ihre Organisation von augusteischerZeit bis zur Regierung Diocletians Yann Le Bohec

241 »Franke bin ich...« Germanische Verbande im rdmischen Heer

170 Friihe Konigreiche Machtkonzentrationen in Sudskandinavien im i.-4. Jahrhundertn. Chr. PerEthelberg

Michael A.Speidel

248 Militarreformen der Spatantike

Die Ubernahme nichtrbmischer, lokalerTradition Thomas Fischer

RHEINLIMES

253 Germanen oder (Wahl-)Romer? 184 Die politische Situation im 3. Jahrhundert n.Chr. Das Imperium Romanum und die Provinzen am Rhein WernerEck

192 Die germanische Bedrohung im 3. Jahrhundert n.Chr. Die BildungneuerGrofSstamme im Lichtederschriftlichen Quellen Bruno Bleckmann

Karrieren germanischerOffiziere ab dem 4.Jahrhundert n.Chr. Dieter Geuenich

258 Burger Roms Cermanische Heimkehrer aus dem romischen Militardienst Johan A. W. Nicolay

270 Die Militarisierung Nordgalliens Fdderaten und »F6deratengraber« Guy Halsall

KRIEC UNO RITUAL

280 Vaevictis! Das Schicksal der Besiegten in der romischen Antike

352 Eine friihe Dynastic in Mecklenburg Flirstengraberder alteren Romischen Kaiserzeit von Hagenow Hans-UlrichVoB

Loretana de Libero

285 Feind und Freund ZurKulturgeschichte der Aggression bei den Germanen Hans-Peter Hasenfratz

290 Die Toten im Brunnen Regensburg-Harting: Eine anthropologische Nachuntersuchung MikeSchweissing

356 Friihe Eliten an der Ostseekiiste Die FiJrstengrabervon Liibsow (an Schuster

358 Germanische Eliten der spaten Romischen Kaiserzeit Matthias Becker

370 Das germanische Fiirstengrab von Gommern Matthias Becker

CEFOLGSCHAFTSWESEN

372 Erben Roms 294 Germanische Gefolgschaften in den antiken Berichten DieterTimpe

301 Gefolgschaften in Afrika Das Beispiel Nigeria

Volkerwanderungszeitliche Prunkgraber auf ehemaligem romischen Reichsgebiet Dieter Quast

379 Das Grab des Frankenkonigs Childerich Dieter Quast

Heinz Jockers und Wulf Lohse

309 Archaologie der Gefolgschaft HeikoSteuer

382 Germanisch-romische Eliten Das Fiirstengrab I von Apahida Rodica Oanta-Marghitu

GERMANISCHE ELITEN

FAZIT

320 Germanische Eliten in den antiken Schriftquellen

386 Niemand vermag zu herrschen... Grenzen germanischer Machtentfaltung b i s z u m S.Jahrhundert

StefanieDick

Walter Pohl

326 Bauern - Hauptlinge - Fiirsten Kulturanthropologische Modelle archaischer Herrschaftssysteme und die Archaologie der fruhen Cermanen UI rich Veil

392 Aufstieg germanischer Kriegsherren Interaktion von germanischem Kriegswesen und romischer Militarpolitik Stefan Burmeister

334 Vor den Romern Eliten in derVorromischen Eisenzeit jes Martens

ANHANG 404 Anmerkungen 422 Impressum

342 Reiche Bauern oder Fiirsten? Germanische Eliten in der alteren Romischen Kaiserzeit Michael Gebiihr

424 Sponsoren 425 Leihgeber

426 Bildnachweis

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Vor den Römern Eliten in der Vorrömischen Eisenzeit Jes Martens

Als im Jahre 9 n. Chr. drei römische Legionen im Teutoburger Wald vernichtet wurden, löste dies eine Schockwelle im Römischen Reich aus, da niemand damit gerechnet hatte, Gegner mit solchen Fähigkeiten in diesen abgelegenen Regionen vorzufinden. Natürlich hat dieser Vorfall ein immenses Interesse an der Region hervorgerufen, sodass mehrere Bücher entstanden, die jedoch nicht alle bis zur heutigen Zeit überdauert haben. Diese Werke beschreiben hauptsächlich die Situation im 1. Jahrhundert n. Chr. und besonders in jenen Gebieten, in welche die römische Armee während der Jahrzehnte um Christi Geburt vorgedrungen war. Aus früheren Zeiten wusste man nicht viel. Die Ära vor der Schlacht im Teutoburger Wald wird in Nordeuropa üblicherweise »Vorrömische Eisenzeit« genannt. Diese umfasst den Zeitraum von 600/500 v. Chr. bis Christi Geburt. Im frühen Abschnitt dieses Zeitraums lebte die mediterrane Welt in glücklicher Ignoranz bezüglich der Geschehnisse im fernen Norden. Einen ersten, kurzen Einblick gewährte Pytheas von Massilia, der Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine geographische Expedition nach Nordeuropa unternahm.1 Unglücklicherweise ist sehr wenig von seiner Erzählung erhalten, und es ist nicht viel, was uns den Blick auf die Wesenszüge der Gesellschaften in diesem abgelegenen Teil der Welt erhellen könnte. Der nächste Augenzeugenbericht kam von Iulius Caesar in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Doch seine Erzählung stieß auf Kritik, wurde oft als politisches Pamphlet abgetan. Mehr noch, seinen ethnographischen Schilderungen wurde unterstellt, die Vorurteile der mediterranen Welt gegenüber den nördlichen Barbaren widerzuspiegeln und weniger die Realität zu beschreiben.2 Und es ist in der Tat schwierig, seine Beschreibungen von in Fellen gekleideten, halbnomadischen Barbaren mit dem tatsächlichen archäologischen Befund in Einklang zu bringen. Die archäologischen Quellen geben den Eindruck einer gut organisierten Gesellschaft sesshafter, die neueste Mode und Schmuck tragender Bauern. Sie scheinen deshalb am besten für ein Verständnis der nördlichen Völker geeignet zu sein. Den traditionellen Ansichten zufolge war die nordeuropäische Gesellschaft der Vorrömischen Eisenzeit nicht sehr

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komplex und hatte eine wenig ausgeprägte soziale Differenzierung. Diese Ansicht basiert fast ausschließlich auf Grabfunden jener Zeit, die in der Tat eher einförmig sind und die nur zum Ende dieser Periode hin Merkmale aufweisen, welche der nachfolgenden römischen Periode nahekommen. Wenn man sich allerdings nur auf die Grabfunde stützen wollte, dann müsste man auch zu dem Schluss gelangen, dass größere Teile der nördlichen Region, wie Nordjütland, die dänischen Inseln sowie Schonen, zumindest zeitweise menschenleer oder beinahe entvölkert waren. Dass dem nicht so war, wird anhand zahlreicher Siedlungsfunde aus diesen Gebieten belegt. Als Hauptgrund für die »fehlenden« Gräber in einigen Regionen muss der Bestattungsritus gesehen werden, der keine großen Grabmonumente und auch keine aufwändige Grabausstattung vorsah. Die Toten wurden verbrannt und in einer Urne beigesetzt; in einigen Gegenden wurden die sterblichen Überreste und die Totenausstattung nicht einmal in Urnen verwahrt, hier wurden nur Teile des Scheiterhaufens beigesetzt. Was mit dem Rest des Scheiterhaufens geschah, ist nicht bekannt. Es ist offensichtlich, dass solche Gräber, die womöglich nur aus einer flachen Grube mit wenigen Knochenstücken, Holzkohle und vielleicht einer kleinen Tonscherbe bestehen, nicht die Aufmerksamkeit des ungeübten Auges auf sich ziehen; von daher werden Zufallsfunde solcher Gräber selten sein. Es ist ebenfalls offensichtlich, dass dieser Bestattungsritus nicht die soziale Realität der Gesellschaft 1:1 widerspiegelt, da es keinen Grund gibt, weswegen selbst arme Gesellschaften nicht den gesamten Scheiterhaufen bestatten oder in der Lage sein sollten, dem Verstorbenen einen abgenutzten Topf als Urne bereitzustellen. Diese armen Bestattungen spiegeln eher Riten wider, die die sichtbare Kennzeichnung von individuellen Gräbern sowie deren Ausstattung mit irgendetwas, das auf den sozialen Stand des Toten hinweisen könnte, verboten. Die Ideologie hinter solch strikten Regeln kann nur als »egalitär« beschrieben werden. Dies ist kein nordeuropäischer Sonderfall, ähnliche Ideen waren auch im Mittelmeerraum verbreitet, aber dort – wie überall, wo solche Vorstellungen geherrscht haben – bedeutete dies nicht, dass die Gesellschaft de facto egalitär war. Einige waren immer gleicher als andere.

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Dass dies auch im vorrömischen Nordeuropa der Fall war, ist beinahe sicher. Wie waren nun die Gesellschaften dieser fernen Zeiten organisiert? Es gibt mehrere Gründe dafür, dass Gräbern grundsätzlich eine zentrale Bedeutung zukommt, wenn die soziale Organisation einer prähistorischen Gesellschaft erschlossen werden soll. Zum einen bilden Gräber die fundreichste Quellengattung, zum anderen ist das Grab der Ort, an dem man dem prähistorischen Individuum am nächsten zu kommen meint. Dass Gräber bislang die ergiebigste Quelle waren, liegt in der Archäologie selbst begründet, da man Grabuntersuchungen im Vergleich zu Siedlungsuntersuchungen lange bevorzugt hat. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert; so werden nun überall in Nordeuropa in großem Umfang Siedlungen untersucht. Es ist allerdings noch ein weiter Weg, bis der Stand der Siedlungsforschung ein ähnliches Niveau erreicht hat. Das einzige Gebiet, in dem alle Fundarten gleichermaßen gut untersucht sind, ist Jütland, doch unglücklicherweise spiegelt das Maß an Veröffentlichungen nicht den Stand der Forschung wider.3 Der zweite Punkt, die Annahme, die Gräber würden den besten Zugang zum prähistorischen Menschen bieten, basiert auf dem Missverständnis, dass das Begräbnis ein Spiegel des Lebens sei. Das ist eine trügerische Annahme, da – wie bereits dargestellt – Bestattungsriten die Lebensrealität nicht 1:1 abbilden. Zudem ist ein Begräbnis nie ein individueller, sondern ein sozialer Vorgang, da es die Hinterbliebenen sind, die den Verstorbenen bestatten. Abgesehen vom Bestattungsbrauch ist es darum weniger der eigentliche Status des Toten, als viel-

mehr der gesellschaftliche Status jener, die die Bestattung ausrichten, sowie deren Gefühle dem Toten gegenüber, die das Erscheinungsbild eines Grabes bestimmen. Schließlich sei zu erwähnen, dass aus ideologischen, ökonomischen oder ökologischen Gründen ähnliche Phänomene zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen Orten auch jeweils eigene Ausdrucksformen finden können. Dies gilt auch für die Sphäre der Lebenden, wo beispielsweise Zentralorte in Bedeutung und Aussehen wandelbar sind. Diese einleitenden Anmerkungen im Sinn, soll der Blick nun auf die sozialen Eliten während der Vorrömischen Eisenzeit gerichtet werden. Die Vorrömische Eisenzeit in Nordeuropa wird in zwei Hauptphasen unterteilt: Die ältere Phase ist geprägt von Gräbern mit relativ einheitlicher Ausstattung sowie regionalen Trachtstilen, die es uns ermöglichen, größere regionale Gruppen abzugrenzen. In der jüngeren Phase erfolgte ein Wechsel hin zu überregionalen Stilen hinsichtlich Tracht und Bewaffnung; der Bestattungsbrauch war nun offen für verschwenderische Grabausstattungen. Diese Veränderungen vollzogen sich im weiten Gebiet des Nordens nicht überall gleichzeitig. Am deutlichsten erfahren wir diesen Wandel im Zuge der Entstehung der Przeworsk-Kultur in Zentralpolen, wohingegen sich im Nordwesten Europas ein eher schrittweiser Wechsel innerhalb der norddeutschen Jastorfkultur abzeichnet. Die Veränderungen in der skandinavischen Peripherie schließlich vollzogen sich auf unterschiedliche Weise: In einigen Gegenden waren sie so abrupt wie in Polen, in anderen so graduell wie in Norddeutschland. In den Gebieten mit schnell vollzogenem Wandel wird die Änderung meist entweder durch den Abbruch oder die Neugründung eines Friedhofs markiert – Gebiete, in denen es viele Funde aus der Zeit vor dem Bruch gab, sind plötzlich sehr fundarm, oder umgekehrt.

abb. 1 Siedlungsplan von Hodde, Jütland, mit dem Häuptlingshof. – a Gesamtplan der Siedlung; die Pfeile markieren Zaundurchlässe; – b Grundplan des Häuptlingshofs.

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Eliten in der frühen Vorrömischen Eisenzeit Wie bereits erwähnt, erlaubte der Bestattungsritus in der frühen Vorrömischen Eisenzeit nicht die Darstellung des individuellen sozialen Status. Jedoch gibt es andere Quellen, die uns einen Einblick in die soziale Organisation geben. Die Siedlungen, also das Heim der Lebenden, sind ein geeigneter Ausgangspunkt. Die Forschung in Jütland hat gezeigt, dass die Menschen hier in Dörfern lebten. Diese können unterschiedliche Größen und Ausdehnungen gehabt haben. Neben den Dörfern existierten gleichzeitig vereinzelt stehende Bauernhöfe. Das typische Langhaus war relativ klein (4,5 x 10 m), Mensch und Tier lebten unter einem Dach. Ein genauerer Blick auf die Siedlungen dieser Zeit offenbart jedoch ein komplexeres Bild. Die bekannteste Siedlung der älteren Vorrömischen Eisenzeit ist Grøntoft in Westjütland. Hier wurde eine Fläche von 160000 m2 archäologisch untersucht. Bei den Grabungen kam ein ganzer Komplex an Siedlungen zum Vorschein oder vielmehr eine oder zwei Siedlungen, deren Standort vielfach verlagert wurde und schließlich in einer geschlossenen, umzäunten Dorfanlage mit 9–13 Bauernhäusern endete.4 In dieser letzten Siedlungsphase ist das größte Haus im Dorf mehr als doppelt so groß wie das kleinste. Ein weit größeres Haus wurde im Bereich einer früheren Phase der Siedlung freigelegt. Dieses Haus (P VI) ist genau so

abb. 2 Siedlungsplan von Borremose, Jütland. In dem Grundplan sind die ältere und jüngere Siedlungsphase zusammen dargestellt. Da sich die Häuser I und III leicht überschneiden, löste in der jüngeren Siedlungsphase möglicherweise Haus III das Haus I als Häuptlingssitz ab.

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groß wie das des Häuptlings am Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Hodde. Nicht alle Wohnhäuser hatten auch einen Stall, und auch nicht alle Häuser hatten Nebengebäude. Somit zeugen die einzelnen Siedlungen in Grøntoft von einem ökonomischen Ungleichgewicht, das sich jedoch nicht in den Bestattungen widerspiegelt. Andererseits bedeuten ökonomische Unterschiede nicht zwangsläufig eine komplex geschichtete Gesellschaft. Eine weitere Siedlung, die dieses Problem näher beleuchten könnte, ist die befestigte Siedlung von Borremose in Nordjütland.5 Sie wurde während des 4. Jahrhunderts v. Chr. gegründet und mit ihrer ersten Phase ist sie zeitgleich mit dem Ende der Grøntoft-Siedlung. Die Siedlung von Borremose ist unter anderem wegen ihrer Größe interessant. Von Anfang an umgaben die Befestigungen eine Fläche, die viermal so groß ist wie die der umzäunten Siedlung in Grøntoft. Eine entsprechende Größe weist erst wieder die deutlich spätere Siedlung in Hodde auf. Für Hodde geht man davon aus, dass die Gründung und Anlage der Siedlung von dem Häuptling ausging, der seinen Hof in der nordwestlichen Ecke des Dorfes anlegte (Abb. 1). Eine vergleichbare Situation scheint in Borremose vorzuliegen (Abb. 2), wo sich ein Langhaus, das so ähnliche Proportionen hat wie das Langhaus des Häuptlings von Hodde, im Nordwesten des Dorfes befindet. Wenn man die gleichen Argumente, wie sie bislang für Hodde vorgebracht wurden, ansetzt, dann müsste auch dieses Haus als Hof des Gründers und Häuptlings der Siedlung von Borremose interpretiert werden. Es gibt etliche Gründe, für diese Siedlung eine zentralörtliche Funktion anzunehmen.6 Das wurde auch für Hodde vorgebracht.7 Jedoch: Große Häuser müssen nicht zwangsläufig Höfe von Häuptlingen gewesen sein. Sie können auch als kommunale Einrichtungen oder als Haus einer Ritualgemeinschaft ge-

Wall Graben/Teich Dammweg, frühe/späte Phase XIV

Dorfstraße/vermutet Pfade Hausplätze Frühe Phase: Häuptlingshof

I III

Vermutlicher Häuptlingssitz

0

20

40

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60

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100 m

Späte Phase: Häuser mit erweitertem Wohnbereich Vermutlicher Häuptlingssitz

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abb. 3 Hjortspring, Jütland. Das Boot wurde als Teil einer Kriegsbeute geopfert. Siehe auch die Abb. 6 in dem Beitrag von H. Steuer.

dient haben.8 Doch speziell die außerordentlich großen Häuser von Grøntoft und Hodde sind genauso angelegt wie die normalen Langhäuser dieser Siedlungen: An einem Ende befand sich der Wohnraum mit Herdstelle, am anderen Ende der Stall. Das herausragende Haus in Borremose wies keine Spuren von einem Stall auf, doch ein Stall ließ sich auch an keinem anderen Langhaus dieser Siedlung feststellen. Folglich ist davon auszugehen, dass die sehr großen Häuser, die mindestens doppelt so groß waren wie die kleinsten Langhäuser am jeweiligen Fundort, tatsächlich im Wesentlichen die gleiche Funktion erfüllten. Möglicherweise hatten sie zusätzliche Funktionen, Gemeinschaftshäuser waren sie aber sicherlich nicht. Wie in Hodde, befanden sich in Borremose neben dem Gründerhof zwei Nebengebäude ohne Herdstelle.9 Da hier keine Hofumzäunungen beobachtet werden konnten, kann nicht mit letzter Sicherheit eine Verbindung zwischen diesen und dem Hauptgebäude belegt werden, doch zumindest eines dieser Häuser stand zeitgleich mit dem Hauptgebäude. Diese Nebengebäude sind größer als die typischen, mit vier Pfosten errichteten Nebengebäude der Vorrömischen Eisenzeit und könnten eine andere Funktion gehabt haben. Interessanterweise wurde eines dieser Gebäude in Borremose niedergebrannt und trotz der Tatsache, dass die Siedlung danach innerhalb der Befestigung für fast zwei Jahrhunderte fortbestand, wurde dieses Areal nach dem Feuer nie mehr berührt, so als ob es durch irgendeine Art von Tabu belegt gewesen wäre. Und auch im Moor lässt sich den Eliten der frühen Vorrömischen Eisenzeit auf die Spur kommen. Im Hjortspring-

Moor auf der Insel Alsen wurde die Ausrüstung eines besiegten Kriegerverbandes zusammen mit einem der Boote geopfert, die sie zu der Insel gebracht hatten (Abb. 3).10 Das Boot konnte nur 20–22 Personen transportieren und somit kann anhand der vorhandenen Ausrüstungsstücke erschlossen werden, dass zumindest drei Boote fehlen. Da diese wahrscheinlich von den fliehenden Truppen mitgenommen wurden, ist es möglich, dass Teile der Bewaffnung ebenfalls fehlen. Daher wäre es eine zurückhaltende Schätzung, von einem ungefähr 100 Krieger umfassenden Kampfverband auszugehen. Die Zusammensetzung der verschiedenen im Moor gefundenen Ausrüstungsteile lässt auf verschiedene militärische Ränge schließen. So ist das Verhältnis zwischen Schwertern zu eisernen Lanzen und Speeren 1:13, oder wenn jeder Krieger mit einer Lanze und einem Speer ausgestattet war, dann wäre es 1 : 6,5.11 Demnach hätte ein Schwertträger eine Gruppe von 6–12 Lanzenkriegern befehligt. Die Anzahl von 6–7 Kriegern stimmt mit der Zahl der Wohnstallhäuser beziehungsweise mit der Anzahl jener Häuser von durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Größe in der jüngsten Siedlungsphase von Grøntoft überein. Ob die Krieger des bei Hjortspring besiegten Verbandes aus einer Gesellschaft kamen, die in ähnlich großen und ähnlich angeordneten Dörfern wie in Grøntoft lebten, ist jedoch kaum mehr zu ermessen. Siedlungen und Moorfunde scheinen jedoch für eine stratifizierte Gesellschaft mit zumindest zwei, jedoch eher drei Ebenen zu sprechen. Die Häuptlingsebene, die Ebene der freien Männer und eine dritte, abhängige Ebene, die wahrscheinlich keine Krieger für Einsätze stellte, wie jenen, der im Moor von Hjortspring endete.

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Die Existenz von Zentralorten, wie der befestigten Siedlung von Borremose, und einem Heeresverband, der aus mindestens zehn Dörfern der Größe Grøntofts rekrutiert worden ist, impliziert Macht und Organisation auf regionaler Ebene. Art und Reichweite dieser Macht lassen sich schwer fassen. Es könnte sein, dass die regionalen Gruppen, die anhand von Trachtstilen abgegrenzt werden können, die obere Grenze einer solchen Organisationseinheit markieren.

Eliten in der späten Vorrömischen Eisenzeit Mit dem Wandel der Bestattungsbräuche zur Mitte der Vorrömischen Eisenzeit begegnen uns in vielen Gegenden Nordeuropas die Eliten der vorrömischen Gesellschaften in all ihrer Pracht. Es gibt nun Personen, die im Tod von Pferd und Wagen begleitet wurden, die mit Waffen, Werkzeugen, Schmuck und Töpferwaren sowie mit ausreichend Nahrungsmitteln ausgestattet waren, um eine größere Festgesellschaft oder ein Gefolge bei der Ankunft im Jenseits bewirten zu können. In anderen Gebieten sind die Gräber noch relativ einheitlich ausgestattet, sodass es kaum möglich ist, hier begründet für eine stratifizierte Gesellschaft zu argumentieren.12 Obwohl Trachtstile nun nicht mehr nur auf eine regionale Verbreitung beschränkt sind, lässt sich für die Eliten zeigen, dass sie weiträumige Heiratsverbindungen hatten. So scheinen Töchter führender Familien in Västergötland, Zentralschweden, sehr attraktive Partnerinnen gewesen zu sein, die ihre Gatten in so entfernten Gegenden wie Buskerud in Norwegen oder Vendsyssel in Dänemark fanden.13 Für die Heirat nach Dänemark mussten sie 80 km offenes Meer überqueren. Dieses Netzwerk von weiträumigen Heiratsallianzen, welches in der zweiten Hälfte der späten Vorrömischen Eisenzeit zu beobachten ist, macht die zunehmende Komplexität politischer Entwicklungen deutlich. Des Weiteren lässt es darauf schließen, dass die politischen Einheiten in dieser Zeit ein Niveau erreicht hatten, das weiträumige Allianzen geradezu erforderte. Die Elite zeichnete sich in ihren Grabbeigaben vor allem durch goldenen Schmuck, importierte große Metallkessel, Wagen und eine überhaupt sehr reichhaltige Grabausstattung aus. In einigen Regionen lässt sich möglicherweise durch die differenzierte Ausstattung auf verschiedene soziale Positionen schließen. In der späten Vorrömischen Eisenzeit gehört die Waffenbeigabe zur weit verbreiteten Grabausstattung. In vielen Gräbern wurden nur Waffen beigelegt, weswegen die Ausstattung mit Waffen sicherlich nicht als Zeichen großer Macht gesehen werden kann. Da auch sehr reich ausgestattete Gräber, wie zum Beispiel das Grab von Langå auf Fünen (Abb. 4),14 Waffen enthielten, wird die Bewaffnung vielmehr Recht und Möglichkeit zur Durchsetzung von Macht symbolisiert haben

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und nicht den damit verbundenen Besitz. Man kann vermuten, dass die Waffen eine der Führungsmacht untergeordnete Exekutivebene auszeichneten: lokale Häuptlinge oder Gefolgsleute des obersten Häuptlings.15 Die Beigaben, die nur in den reichsten Gräbern auftreten, wie etwa die großen Kessel, Wagen und auch die mit zoomorphem Dekor verzierten Gegenstände, waren Symbole der Führungselite. Solche Stücke kamen nicht nur in die Gräber, sondern wurden auch als Opfergaben im Moor deponiert.16 Das wiederum lässt darauf schließen, dass die Führungselite sich mit übernatürlichen Mächten identifizierte oder ihnen als Priester diente. Siedlungsfunde und Kriegsbeuteopfer wie in Hjortspring ließen bereits vermuten, dass schon während der frühen Vorrömischen Eisenzeit eine Elite die politische und sakrale Sphäre besetzte. In der späten Vorrömischen Eisenzeit wird das zumindest hinsichtlich der Siedlungen deutlich. In Hodde und Borremose sowie anderen, weniger gut untersuchten Fundplätzen ist es möglich, mehrere soziale Ebenen aufgrund der Größe und Art der Höfe voneinander abzugrenzen:17 Die oberste Ebene zeichnet sich durch einen größeren Wohnbereich aus; und während ein Hof als der Gründerhof ausgemacht werden kann, scheint es eine zweite Ebene von großen Höfen zu geben, die annähernd so groß sind wie jener. Es könnte diese Gruppe sein, die sich auf den Friedhöfen durch Waffenausstattung zu erkennen gibt. Unterhalb dieser Ebene können noch zwei weitere unterschieden werden. Mit Bezug auf den Kriegerverband von Hjortspring würde die dritte Ebene durch die Speerkämpfer repräsentiert. Möglicherweise er-

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abb. 4 Langå, Fünen. Sehr reich ausgestattetes Männergrab. Der Tote wurde verbrannt; ihm wurden unter anderem ein bronzener Kessel, zwei goldene Fingerringe und ein Wagen beigegeben. Der Kessel wurde ursprünglich in Etrurien hergestellt und ist wahrscheinlich über den keltischen Raum in den Norden vermittelt worden. Keltische Einflüsse zeigt auch der Wagen.

laubte der Bestattungsbrauch es dieser Gruppe nicht, sich als solche im Grab darzustellen. Das Verhältnis von Bestattungen mit Schwertbeigabe zu jenen mit der alleinigen Beigabe eines Speeres oder einer Lanze spricht zumindest dagegen. Siedlungen wie Hodde oder Borremose wurden als regionale Zentralorte gedeutet. Gehen wir nun davon aus, dass Waffen das Kennzeichen einer Exekutivgewalt sind, dann ist es sehr wohl wahrscheinlich, dass sich sogar niedere Häuptlinge untergeordneter Dörfer mit diesen Insignien versehen konnten. Die Höfe der Führungselite unterschieden sich nicht sehr von denen gewöhnlicher Bauern dieser Zeit. Wie bereits erwähnt, war der sichtbarste Unterschied ein größerer Wohnbereich, doch trotzdem war der Luxus nicht überragend. Das Hauptgebäude des Gründerhofes in Hodde hatte, wie alle anderen Höfe auch, einen Stallbereich, der allerdings überdurchschnittlich groß war, was darauf hindeutet, dass Wohl-

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stand hier auf Vieheigentum basierte. Die einzigen Luxusartikel, die sich an diesem Hof feststellen ließen, waren qualitativ hochwertige Töpferwaren aus lokaler Herstellung. In Borremose wurden zwei Töpfe freigelegt, die im Wohnbereich des Häuptlingshofes (Haus I) in den Fußboden eingelassen waren (Abb. 2); offensichtlich wurden hier gesellschaftliche Treffen oder Zeremonien abgehalten. Dies ist bei den inzwischen vielen Tausend freigelegten zeitgenössischen Häusern in Jütland eine ebenso exklusive Erscheinung wie das überdurchschnittlich große Wohnareal.18 Dass jedoch ein herausragender Häuptling, wie jener in Langå bestattete Mann, in einem solchen Haus residierte, möchte man kaum annehmen. In den eingefriedeten Siedlungen von Hodde und Borremose sind die Hauptzugänge groß genug für die Durchfahrt eines Wagens. In Borremose ist zusätzlich ein mit Steinen gepflasterter Damm vom trockenen Festland über das Sumpfgebiet hinweg zu dem in der Niederung geschützt liegenden Dorf gebaut worden. Der Damm wird durch eine steingepflasterte Straße im Dorf fortgeführt. In der jüngeren Siedlungsphase verlief die Dorfstraße jedoch lediglich bis zur Mitte der einge-

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friedeten Fläche, wo sie in einer Biegung endete und damit das nördliche Drittel der Siedlung ohne befestigte Zuwegung ließ. Während der Damm breit genug war, dass zwei Fahrzeuge, wie sie aus der Vorrömischen Eisenzeit bekannt sind, aneinander vorbeifahren konnten, war die gepflasterte Straße schmaler. Hier konnte man nur mit einem Wagen passieren. Eine Wagenfahrt auf festem Grund war nur bis zum Haus XIV möglich, dem nördlichsten, mit großem Wohnbereich versehenen Haus. Danach machte die Straße eine scharfe Kurve in Richtung Osten und verengte sich dabei zu einem schmalen Pfad. Während der späten Vorrömischen Eisenzeit tauchen die ersten sogenannten Fürstengräber in Nordeuropa auf, von denen einige einen vierrädrigen Wagen enthielten. Und diese Wagen erforderten befahrbare Wege. Das könnte der Grund für den Bau des Damms und der Dorfstraße in der Siedlung von Borremose gewesen sein. Diese wurde jedoch nur so weit wie nötig angelegt, das heißt bis zum Haus des Großbauern von Haus XIV (Abb. 2). Steingepflasterte Wege sind keine Seltenheit in den jütischen Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit; steingepflasterte Straßen hingegen, die breit genug für Wagen waren, sind jedoch selten. In der Regel handelt es sich um befestigte Fußwege, und es ist bezeichnend, dass das nördliche Ende von Borremose nur auf einem solchen Pfad erreicht wer-

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den konnte. Es scheint so, dass in der jüngeren Siedlungsphase der nördliche Siedlungsteil durch den Umzug des Häuptlingshofes an den Südrand des Dorfes an Bedeutung verlor. In der späten Vorrömischen Eisenzeit sind die Voraussetzungen für die Macht der lokalen und regionalen Häuptlinge nicht eindeutig zu ermitteln. In Hodde etwa scheint es ein großer Viehbestand gewesen zu sein. Doch auch die Verbindung zu übernatürlichen Mächten könnte eine Rolle gespielt haben. Spezialisiertes Handwerk hatte für die Elite keine stützende Funktion. So ließen sich zum Beispiel in Hodde sowohl das Schmiede- als auch das Töpferhandwerk nachweisen – mit dem Gründerhof standen sie jedoch nicht in Verbindung. Der Gründerhof weist eine Eigenheit auf: Er hatte als einziger ein zusätzliches Nebengebäude, das innerhalb der Hofumzäunung nochmals eingezäunt war (Abb. 1). Dieses umzäunte Areal ist durch ein 1,2 m breites Tor zu betreten; in der Mitte des Durchganges stand ein aufrechter Pfosten, der an jeder Seite einen schmalen Durchgang von jeweils nur noch 50 cm freiließ. Als Zugang zu einem Lagergebäude wäre dies eine äußerst unpraktische Wegsituation, sodass man hier sicherlich an andere Funktionen zu denken hat. Als sakraler Ort oder als ein Ort, an dem man heilige Riten und Opferhandlungen vollzog, könnte eine solche bauliche Situation durchaus sinnvoll sein.19 Möglicherweise hatte dieses Nebengebäude religiöse Funktionen, und der im Haupthaus wohnende Häuptling könnte Priester gewesen sein oder jemand, der einen Priester beherbergte. Tatsächlich würde dies gut dazu passen, dass die Familie des Häuptlings die Siedlung gründete. In primitiven Gesellschaften behaupten führende Familien häufig eine besondere Verbindung zu den Gründern ihrer Gesellschaft sowie zu den Göttern und Schöpfern des Universums,20 – und die Situation des Gründerhofes in Hodde mit dem eingezäunten und schwer zugänglichen Nebengebäude scheint Ausdruck dessen zu sein. Eine letzte wichtige Frage ist die Dauerhaftigkeit gesellschaftlicher Macht. In Hodde scheint der Gründerhof seine Position während der gesamten Existenz des Dorfes beibehalten

abb. 5 Kraghede, Grab a, Jütland. Keramikgefäß mit Jagddarstellung. Nahe beim Grab wurde ein Wagen mit zwei Pferden niedergelegt.

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zu haben. Dies würde bedeuten, dass dieselbe Familie die Führungsposition mindestens über drei Generationen hinweg bekleidete. Es gibt bislang im Norden keine weiteren Belege dieser Zeit für eine ähnliche Kontinuität, aber das könnte noch auf den unzureichenden Forschungsstand zurückzuführen sein. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gesellschaft der Vorrömischen Eisenzeit in hierarchische Gruppen gegliedert war, an deren Spitze jeweils Häuptlinge standen; aus dieser Gruppe standen wiederum einige mehreren Gemeinschaften vor. Während der späten Vorrömischen Eisenzeit erreichten diese politischen Einheiten einen Grad an Stabilität und Komplexität, welcher sie gleichermaßen befähigte wie nötigte, weiträumige Allianzen mit ähnlichen Gemeinschaften in anderen Regionen einzugehen. Die Kriegsbeuteopfer von Hjortspring und Krogsbølle zeigen anschaulich, dass gemeinsame militärische Kontingente von mehreren Dorfgemeinschaften aufgestellt wurden. Die Macht des obersten Häuptlings basierte ebenso wie die des Dorfhäuptlings auf der Behauptung einer besonderen Verbindung mit den Vorfahren sowie mit übernatürlichen Kräften – und dies offensichtlich gepaart mit einer stabilen ökonomischen Basis, basierend auf überdurchschnittlichem Viehbesitz. Während der späten Vorrömischen Eisenzeit konnten sowohl Männer als auch Frauen der führenden Gruppe mit Insignien ihres Ranges bestattet werden, was zeigt, dass beide Geschlechter eine herausragen-

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de Rolle im politischen System einnehmen konnten. Die Führungselite demonstrierte ihre überregionalen Beziehungen und ihre herausgehobene gesellschaftliche Position, indem sie importierte Güter als Grabbeigaben verwendete und ihren Kleidungsstil an zentraleuropäischen Vorbildern ausrichtete. Sogar ihr Lebensstil war wahrscheinlich einem überregionalen Stil nachempfunden. Der Fries auf dem wohl lokal gefertigten Becher aus dem Fürstengrab von Kraghede zeigt einen berittenen Jäger, der mit seinem Hund ein Reh verfolgt (Abb. 5). Zu dieser Zeit hatte das Jagen in den meisten Teilen Nordeuropas seine Bedeutung für den Lebensunterhalt eingebüßt und war zu einem Sport ausschließlich für die oberen sozialen Gruppen geworden. Doch obwohl ein exklusiver Habitus in diesen Gräbern aufblitzt, war die Produktionssphäre der Vorrömischen Eisenzeit immer noch sehr primitiv. Es gab nur wenig Spezialisierung, und mechanische Hilfsmittel wie etwa die Töpferscheibe, die eine Massenproduktion ermöglicht hätte, wurden nicht verwendet – auch wenn der Produktivitätsfortschritt in benachbarten Kulturen längst Einzug gehalten hatte. Stattdessen lebte man in kleinen Dörfern auf Grundlage einer Subsistenzwirtschaft. Dies war die Gesellschaft, die Iulius Caesar bei seinen ersten Kontakten mit der germanischen Welt vorgefunden hat, und diese Gesellschaft war in der Lage, eine Armee aufzustellen, welche im Jahre 9 n. Chr. die drei Legionen des Varus bezwang.

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Steuer 1987. Geisslinger 1967. Jørgensen u. Vang Petersen 2003. von Carnap-Bornheim 2000, 63. Steuer 1997, 550 f.; von Carnap-Bornheim 2000, 63. Herschend 1999; zu den Tischgenossen siehe Peschel 2006, 160. Steuer 2008, 348. Wamers 1994. Steuer 2008. Grane 2003, 145 f. Kaul 2003. Jørgensen 2003, 16; Ilkjær 2003; Steuer 2006b, 36 ff. Jørgensen 2003, 16. Geisslinger 1967, 110; von Carnap-Bornheim 1992, 47. Verschiedene Zahlen finden sich in: Ilkjær 2000, 351: Platz Illerup A/B mit 5 Schildbuckeln aus Silber, 30 aus Bronze, 248 aus Eisen; 352: Platz Illerup A mit 5–6 Schildbuckeln aus Silber, 30 aus Bronze, 6 aus Bronze oder Eisen mit vergoldeten Pressblechen und mehr als 350 aus Eisen; von CarnapBornheim u. Ilkjær 1996, 484 f. Tacitus, Germania 13,2 und 14,1. Fröhlich 2000; Becker 2002, 285. Steuer 2006a. Goetz u. Welwei 1995, Teilband 1, 22. Peschel 2006, 162 mit Stellennachweis. Hoeper u. Steuer 1999. Tacitus, Germania 44. Kristensen 1983; von Carnap-Bornheim 1992, 46; Goetz u. Welwei 1995, Teilband 2, 118 ff. Tacitus, Germania 14,2. Velleius Paterculus, historiae Romanae 2,109,1. Jørgensen u. Vang Petersen 2003, 277 ff.; Vang Petersen 2003. Von Carnap-Bornheim 2000, 62. Tacitus, Germania 13,1; Goetz u. Welwei 1995, Teilband 1, 136 ff. Vgl. Schirnig 1965; Peschel 2006, 174 u. 179. Thrane 2006, 216. Härke 2000. Drinkwater 2007.

Germanische Eliten in den antiken Schriftquellen (Stefanie Dick) (S. 320) 1 Ausführlich hierzu Steinacher, in diesem Band mit weiterführender Literatur. 2 Jarnut 2004. 3 Pohl 2004a; ders. 2004b. 4 Pohl 2000, 50 f.; Jarnut 2004, 109; sowie zuletzt Ward-Perkins 2007, 60. 5 Vgl. zum Elitenbegriff etwa Steuer 1994. Auf die sehr viel differenziertere soziologische Diskussion zu diesem Themenkomplex kann hier nicht näher eingegangen werden. 6 Dick 2005, 336 f.; dies. 2008, Kap. 3. 7 Mit Ausnahme weniger Runenfragmente, die jedoch für die hier interessierende Fragestellung keine Aussagen zulassen. 8 Ausbüttel 2007, 7. 9 Riemer 2006, 142 f. 10 Caesar, de bello Gallico 1, 31,10 u. 1, 35,1–2; ausführlicher hierzu Dick 2004, 515 f.

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11 Pohl 2000, 59–62, mit weiterer Literatur. 12 Tacitus, Germania 7,1; Übers. nach Goetz u. Welwei 2005, 133. 13 Vgl. grundlegend Hettlage 1988; Patzek 1988. 14 Interpretatio Romana bezeichnet ein Wahrnehmungsprinzip, nach welchem das Fremde auf dem Wege der Analogiebildung an den vertrauten Strukturen der eigenen, römischen Umwelt gemessen, mit diesen verglichen und so letztlich verständlich gemacht wurde. 15 Castritius 2003, 454 u. passim. 16 Vgl. hierzu ausführlich unten Kap. 10.4–8. 17 Dick 2008, Kap. 6.2. 18 Müller 1986, 70. 19 Grünert 1983, bes. 504; Steuer 1998, 157. 20 Wolfram 1998, 32. 21 Caesar, de bello Gallico 6, 37,1 u. 7, 13,1. 22 Bellen 1981. 23 Kraft 1951, 39–42; Le Bohec 1993. 24 Ausbüttel 2007, 26. 25 Waas 1971; Demandt 1980, 610 u. passim. 26 Siehe auch Kap. 7.1–5 in diesem Band. 27 Pohl 2002, 29.

Bauern – Häuptlinge – Fürsten (Ulrich Veit) (S. 326) 1 2 3 4 5

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Eggert 2007, 271. Ebd. 259. Arnold 2001, 69 f. Wenskus 1974 mit älterer Literatur. Zusammenfassend: Pohl 2004, 65. – Er betont, dass es die altgermanische Verfassung nicht gab, sondern sehr unterschiedliche Herrschaftsformen nebeneinander existierten. Auch sei keine lineare Entwicklung, etwa hin zur Stärkung königlicher Positionen, zu beobachten. Siehe z.B. Jankuhn 1942. Hachmann 1957. Steuer 1982; ders. 2003. Siehe dazu etwa Breuer 1990. – Dies dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass bei Weber die ganz frühen Stufen soziopolitischer Entwicklung nicht systematisch behandelt wurden. Gewöhnungsbedürftig ist ferner sein umfassender Staatsbegriff. Service 1977; Kohl 1993, 52–67. Siehe z.B. Johnston u. Earle 1987. Renfrew u. Shennan 1982. Zuletzt: Brandt 2001; Eggert 2007; Wells 2007. Hachmann 1957. Konkret nahm er eine Beeinflussung durch das »Keltentum« an. Ebd. 18. Steuer 2003. – Fassbar sei erst die Landnahme als Folge derartiger Kriege, in der Regel ein bis zwei Generationen später. Karl 2006. Zum Beispiel Yoffee u. Sherratt 1993. Zum Beispiel Geertz 1987. Zum Beispiel Wimmer 2005. Zum Beispiel Kristiansen 1998. Eggert 2007, 269–271. Yoffee 1993, 63. Weber fasst allerdings die Kategorie des Staates viel breiter, als dies heute üblich ist; vgl. Breuer 1990, 11–16. Winterling 2003, 411.

27 Dazu und zum Folgenden ausführlich: Kohl 1993, 52–68. 28 Der Begriff »Häuptling« ist im Deutschen wenig präzise: er bezeichnet sowohl die Vorsteher einzelner Abstammungs- und Lokalgruppen (headmen) als auch Oberhäupter größerer Lokalverbände (chiefs), die aus mehreren solcher Territorialgruppen bestehen und Häuptlingstümer (chiefdoms) im eigentlichen Sinn darstellen. Als paramount chief wird das anerkannte Oberhaupt mehrerer kleinerer Häuptlingstümer bezeichnet, die er oder seine Vorfahren zumeist durch kriegerische Expansion in ihre Gewalt gebracht haben, die aber von ihm nicht direkt administriert werden. 29 Zur Struktur segmentärer Gesellschaften siehe Sigrist 1979. 30 Hess 1977. 31 »Je schwächer im sozialen Sinne der Gefolgsmann war, desto brauchbarer war er für die Stabsbildung« (ebd. 771). 32 Steuer 2003. 33 Steuer versteht seinen Ansatz – da ihm nicht interkulturelle Vergleiche zugrunde lägen – explizit nicht als einen »kulturanthropologischen«, sondern als einen »soziologisch-biologistischen«. Er testet seine Generalisierungen überdies auch nicht am archäologischen Befund, und zwar ganz einfach deshalb, weil sich die zentralen Elemente seines Modells archäologisch nicht nachweisen lassen (ebd. 825). 34 Ebd. 825. 35 Ebd. 844.

Vor den Römern (Jes Martens) (S. 334) 1 Hermann 1985. 2 Lund 1978. 3 Für einen Überblick über die komplexe archäologische Quellenlage siehe Becker 1961; Brøndsted 1965; Hedeager 1992; Jensen 1997; ders. 2003. 4 Rindel 2001. 5 Martens 1994; ders. 2007; ders. im Druck. 6 Martens 1994. 7 Hvass 1985. 8 Brandt 2001. 9 Martens im Druck. 10 Randsborg 1995. 11 Der Ausgräber G. Rosenberg hat etwas beobachtet, das er als vollkommen korrodierte Kettenhemden interpretierte. Eine Untersuchung der Reste durch A. Juttajärvi konnte dies jüngst nicht bestätigen; es handelt sich demnach um natürliche Ablagerungen. Somit gab es keine Kettenhemden in Hjortspring (persönliche Mitteilung Xenia Pauli Jensen 2008). 12 Martens 1998; ders. 2002; Brandt 2001. 13 Becker 1993. 14 Siehe Albrectsen 1954, 29 f., Taf. 4a–g; 5a–i; 6c; 7a. 15 Martens 2008. 16 Martens 1999. 17 Hvass 1985; Martens 1994; Martens im Druck. 18 Martens im Druck. 19 Eliade 1987; Völling u. Wirtz 1994. 20 Eliade 1987.

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Herausgegeben von der

VARUSSCHLACHT im Osnabrücker Land GmbH – Museum und Park Kalkriese

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VARUSSCHLACHT KONFLIKT

DIE VARUSSCHLACHT DBS JAHRES 9 N. CHR. ist ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Sie brachte der Supermacht Rom nicht nur eine ihrer bittersten Niederlagen, sie markierte vor allem den Anfang vom Ende der romischen Eroberung Germaniens. Wie konnte es geschehen, dass die beste Armee der antiken Welt von Barbaren geschlagen wurde? Wie wurde gekampft? Warum kehrte nach der Schlacht kein Frieden in der germanischen Welt ein? Was trieb die »wilden, ungeziigelten« Germanen in eine endlose Folge militarischer Konflikte mit dem an sich iiberlegenen Kontrahenten? Der Band KONFLIKT fiihrt an den Ort der Varusschlacht und prasentiert die jiingsten Forschungsergebnisse. Seit fiinf Jahrhunderten wird urn die Ortlichkeit dieser Schlacht gestritten, heute kb'nnen wir zumindest sagen, dass Kalkriese ein Ort der sich iiber mehrere Tage hinziehenden Gefechte ist. Doch die Varusschlacht stand nur am Anfang, fiinf Jahrhunderte spa'ter Ib'sten die ersten germanischen Konigreiche Rom als politische Kraft ab. Jenseits vertrauter Klischees zeichnet die Darstellung mit eindrucksvollen Bildern herausragender Funde den Weg der Germanen an die Spitze der Macht im alien Europa nach und zeigt die Gru'nde fur ihren Erfolg.

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