Von Asiaticus bis Zaisser: KPD-Mitglieder in China

May 31, 2017 | Author: Thomas Kampen | Category: History of Comintern, Soviet Union (History), Refugees, Berlin, DDR, Beijing, Mao Zedong, Communist International, Shanghai, foreigners in Modern China, Chinese Communist Party, KPD, Sino-German Relationship, The Long March, Harbin, Germans In China, Richard Paulick, Asiaticus, Zaisser, Jiangxi, Foreigners in China, Europeans in China, Gerhart Eisler, Grzyb - Shippe - Xibo, Walter Czollek, Hans (Johannes) König, Gertrud/Trude/Trudi/Trudy Rosenberg, Arthur Ewert, Komintern - KI - Gongchanguoji, AIL - Fandihui, Germans in Shanghai, Thomas Kampen, Beijing, Mao Zedong, Communist International, Shanghai, foreigners in Modern China, Chinese Communist Party, KPD, Sino-German Relationship, The Long March, Harbin, Germans In China, Richard Paulick, Asiaticus, Zaisser, Jiangxi, Foreigners in China, Europeans in China, Gerhart Eisler, Grzyb - Shippe - Xibo, Walter Czollek, Hans (Johannes) König, Gertrud/Trude/Trudi/Trudy Rosenberg, Arthur Ewert, Komintern - KI - Gongchanguoji, AIL - Fandihui, Germans in Shanghai, Thomas Kampen
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Von Asiaticus bis Zaisser:
KPD-Mitglieder in China

Nach der Gründung der Kommunistischen Internationale (Komintern) und der
Kommunistischen Parteien Deutschlands und Chinas (1918-1921) kamen
chinesische Kommunisten wie Zhu De, Zhou Enlai und Deng Xiaoping für
kürzere oder längere Zeit nach Deutschland. Sie hatten zwar Kontakt mit
deutschen Kommunisten, jedoch keinen Einfluß auf die Politik der KPD. Ganz
anders verhielt es sich mit KPD-Mitgliedern, die nach China gingen. Sie
waren zu verschiedenen Zeiten maßgeblich an militärischen und politischen
Entscheidungen der KP Chinas beteiligt. Viele verstrickten sich allerdings
in heftige parteiinterne Flügel- und Fraktionskämpfe, verwendeten aus
Sicherheitsgründen Decknamen oder hielten sich nur kurz in China auf. Daher
war ihre Identifizierung und die Erforschung ihrer Aktivitäten bisher sehr
schwierig. Einige der im folgenden vorgestellten Personen starben in
Gefängnissen und Lagern oder schwiegen lange aus politischen bzw.
persönlichen Gründen. Nur wenige hatten wie Otto Braun und Ruth Werner die
Möglichkeit, ihre Erinnerungen zu veröffentlichen. Leider sind jedoch diese
in den siebziger Jahren in der DDR erschienenen Bücher einseitig und
unvollständig. Erst in den letzten Jahren sind eine Reihe amerikanischer,
chinesischer und deutscher Publikationen erschienen, die über einige der
KPD-Mitglieder genauer Auskunft geben.
Die Aktivitäten der KPD-Mitglieder in China lassen sich in zwei Phasen
einteilen. In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren schickten Armee und
Geheimdienst der Sowjetunion und die Komintern zahlreiche KPD-Mitglieder
mit konkreten Aufträgen nach China. Für derartige Aufgaben wurden häufig
Mittel- und Westeuropäer ausgewählt, da sie unauffälliger waren als Inhaber
von sowjetischen Pässen. Ab Mitte der dreißiger Jahre kamen viele
europäische, insbesondere jüdische Flüchtlinge nach Shanghai. Unter ihnen
befanden sich auch einige Kommunisten. Die meisten kehrten nach Ende des
Zweiten Weltkriegs nach Europa zurück.

Asiaticus
Zu den frühesten und interessantesten Chinabesuchern gehört Mojzesz (Moses)
GRZYB, der am 13. Juni 1897 in Tarnow bei Krakau geboren wurde. Er benutzte
neben "Asiaticus" auch die Namen Hans bzw. Erich Shippe und Heinz Möller.
Auf chinesisch nannte er sich Xibo. (Vgl. dnC 1/1989). Kurz nach dem ersten
Weltkrieg kam er nach Deutschland und trat bald darauf in die KPD ein. Nach
einem Aufenthalt in Moskau ging er 1925 nach China. Während der ersten
Einheitsfront von KMT und KP arbeitete er für den Propagandaapparat der
Kuomintang. Als die Einheitsfront 1927 scheiterte, kehrte er nach
Deutschland zurück. Im Vorwort zu dem 1928 veröffentlichten Buch "Von
Kanton bis Shanghai" schrieb Asiaticus über seine Rolle in China:
"In dem Zeitabschnitt von Dezember 1926 bis Mai 1927 stand der Verfasser im
Dienste des Zentralkomitees der Kuomintang bzw. ihrer Politischen Abteilung
im Hauptquartier der National-revolutionären Armee. In ihrem Auftrage
arbeitete er gemeinsam mit dem Genossen Friedrich Lienhard [= Karl Schulz,
1884-1933], dem Delegierten der Internationalen Arbeiterhilfe für China,
als Redakteur der "Chinesischen Korrespondenz" [...]
Mit der Abwendung auch der kleinbürgerlichen Führung der Kuomintang von den
wirklichen Interessen der nationalen Revolution und ihrer Träger, des
Proletariats, der Bauernschaft und der kleinbürgerlichen Armut, mußte auch
diese Funktion ein Ende nehmen. Sie fand ihren Ausdruck in der
Suspendierung des weiteren Erscheinens der "Chinesischen Korrespondenz"."
In den folgenden Jahren veröffentlichte er in der " Weltbühne" und anderen
Zeitschriften zahlreiche Aufsätze über China. Zu dieser Zeit wurde er als
"Rechtsabweichler" aus der Partei ausgeschlossen.
Im Herbst 1927 ging der bekannte deutsche Kommunist Heinz Neumann mit einem
wichtigen Auftrag nach China. Der am 6. Juli 1902 in Berlin geborene Heinz
NEUMANN war 1920 als Student Mitglied der KPD und 1925 Vertreter der KPD
bei der Komintern geworden. Ruth von Mayenburg, die wie Neumann längere
Zeit im Moskauer Komintern-Hotel Lux gelebt hatte schreibt:
"Aus dem Lux griff sich Stalin persönlich einen weniger kompetenten
Komintern->Chinesen< heraus, um ihn nach Kanton zu schicken: Heinz Neumann.
Der unversöhnliche Gegner jeglichen >Versöhnlertums< in der KPD und
Anhänger von Stalins Protegé Ernst Thälmann schien fähig zu sein, den
chinesischen Genossen ordentlich auf die Beine zu helfen. [...] Als später
bessere Einsicht den Kantoner Aufstand für ein abenteuerliches Unternehmen
erklärte, das von vornherein zum Scheitern verurteilt war und nur mit einem
Blutbad enden konnte, wurde Heinz Neumann mit dem wenig ruhmvollen Beinamen
>der Schlächter von Kanton< bedacht."
Lominadse beging 1934 Selbstmord. Neumann schadete der Mißerfolg zunächst
nicht. Er stieg 1929 ins ZK und Politbüro der KPD auf, und zog 1930 als
Abgeordneter in den Reichstag ein. 1932 wurde der treue Anhänger Stalins
jedoch aus der KPD-Führung entfernt, 1937 in Moskau verhaftet, zum Tode
verurteilt und erschossen. Seine Witwe Margarete Buber-Neumann (1901-1989),
die selbst nicht in China war, hat sein Leben in mehreren Büchern
beschrieben.
In den späten zwanziger Jahren hielten sich einige spätere SED-Politiker in
China auf. Der am 20. Juni 1893 in Gelsenkirchen-Rotthausen geborene
Volksschullehrer Wilhelm ZAISSER war 1919 Mitglied der KPD geworden und
hatte später - wie Heinz Neumann - in der Sowjetunion an militärischen
Schulungen teilgenommen. 1929 und 1930 arbeitete Zaisser zusammen mit
seiner Frau Else (1898-1987) - ebenfalls Lehrerin und KPD-Mitglied - für
den militärischen Nachrichtendienst der Roten Armee in Nordostchina. Später
nahm er als General Gomez am Spanischen Bürgerkrieg teil. Gerhart EISLER,
der am 20. Februar 1897 in Leipzig geborene Bruder des Komponisten Hanns
Eisler und der KPD-Führerin Ruth Fischer war 1918 Mitglied der KP
Österreichs geworden und kam 1921 zur KPD. Er stieg 1928 ins Politbüro auf
und plädierte für die Absetzung Thälmanns. Eisler wurde noch im gleichen
Jahr gestürzt und ging dann nach Moskau. In dem in mehreren Auflagen
erschienenen Band "Dr. Sorge funkt aus Tokyo", für das er das Vorwort
schrieb, erwähnt Eisler seinen Aufenthalt in China von 1929 und 1931 ohne
jedoch weitere Informationen zu liefern. Eislers erste Frau Hede Massing
bemerkte dazu:
"Gerharts Abordnung nach China war als Strafe gedacht. [...] Er soll dort,
nach den verschiedensten Berichten zu urteilen, einen ungeheuren Erfolg
damit gehabt haben, daß er die angeordnete Parteilinie erbarmungslos
durchführte. Danach stand er wieder bei Stalin in Gunst."
Nach der Verhaftung eines anderen Kominternvertreters floh Eisler aus
Shanghai und lebte in den folgenden Jahren in Frankreich, Mexiko und in den
Vereinigten Staaten.

Die Sorge-Gruppe
Eisler erlebte im letzten Jahr seines Aufenthalts in Shanghai die ersten
Aktivitäten von Richard SORGE und dessen Bemühungen um den Aufbau eines
Spionagerings. Der am 4. Oktober 1895 bei Baku im Kaukasus geborene Sorge
ging in Berlin zur Schule und promovierte an der Universität Hamburg. Er
wurde 1919 KPD-Mitglied und arbeitete in den frühen zwanziger Jahren
zeitweilig am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Ab 1925 war er bei
der Komintern in Moskau tätig und nahm 1928 am Sechsten Weltkongreß teil.
Er hielt sich zunächst von Anfang 1930 bis Herbst 1932 in China auf,
bereiste das Land aber auch in den folgenden Jahren. Im Gegensatz zu
früheren KPD-Mitgliedern war er weniger an Aktionen der chinesischen
Kommunisten beteiligt, sondern mehr an der Beobachtung der Ausländer, vor
allem der Deutschen und Japaner interessiert. Er benutzte seinen eigenen
Namen, trat in der Öffentlichkeit als Journalist auf und pflegte enge
Beziehungen zu Diplomaten und Geschäftsleuten. Ab 1936 arbeitete Sorge
hauptsächlich in Japan. Dort wurde er 1941 verhaftet und am 7. November
1944 hingerichtet.
Zu Sorges Mitarbeitern gehörte Ursula Kuczynski, die am 15. Mai 1907 in
Berlin geborene jüngere Schwester des Wirtschaftswissenschaftlers Jürgen
Kuczynski. Sie war 1926 in die KPD eingetreten, hatte 1929 einen
Architekten geheiratet und ging mit diesem im Sommer 1930 nach Shanghai.
Über ihre Aktivitäten während des dreijährigen Aufenthalt berichtete die in
der DDR als Ruth WERNER bekannt gewordene Autorin in ihrem Buch "Sonjas
Rapport":
"Ich besinne mich, daß Richard mir vorschlug, ich solle einer Demonstration
in der Hauptstraße beiwohnen, ohne direkt daran teilzunehmen. Mit Einkäufen
beladen, um als Europäer ein Alibi für meine Anwesenheit zu haben, stand
ich vor dem großen Warenhaus Wing-On und sah zu, wie Chinesen geschlagen
und verhaftet wurden.
Die Festnahme bedeutete in vielen Fällen das Ende. Ich sah in die Gesichter
junger Menschen, deren Todesurteil soeben gesprochen worden war, und wußte,
daß ich schon um ihretwillen jede Arbeit, die man von mir verlangte,
leisten würde.
Später erfuhr ich, daß Gerhart Eisler, wir kannten uns flüchtig aus
Deutschland, mich dort gesehen hatte. Er machte die Genossen darauf
aufmerksam, daß ich in Zukunft bei solchen Gelegenheiten damenhafter
aussehen, zum Beispiel einen Hut tragen müsse. Bis dahin wußte ich nicht,
daß er in China war, und ich habe ihn auch danach nicht dort getroffen.
Nachdem ich Richard kennengelernt hatte, hörte ich, man habe sich nun auch
von der Komintern gemeldet und wünsche meine Mitarbeit.
Richard legte Wert darauf, mich in seiner Gruppe zu behalten; er fand einen
Wechsel vom konspirativen Gesichtspunkt aus ungünstig, überließ mir aber
die Entscheidung. Ich blieb bei Richard und seiner Gruppe, ohne mir den
Kopf darüber zu zerbrechen, welches ihre besonderen Aufgaben waren. Erst
viel später erfuhr ich, daß es sich um Mitarbeit bei der sowjetischen
Aufklärung des Generalstabes der Roten Armee handelte."
Ursula Kuczynski verließ Shanghai 1933, nahm an einer Schulung in Moskau
teil und wurde 1934 und 1935 in Shenyang in Nordostchina eingesetzt.
Ein weiteres Mitglied der Sorge-Gruppe war der Funker Max CHRISTIANSEN-
CLAUSEN (1899-1979), der in Shanghai und Japan für Sorge arbeitete und
ebenfalls festgenommen wurde. Er wurde 1945 aus japanischer Haft entlassen
und lebte später wie Ruth Werner in Ostberlin.

Berater
Auch in den dreißiger Jahren gab es mehrere KPD-Mitglieder, die eng mit den
chinesischen Kommunisten zusammenarbeiteten bzw. für den Kontakt mit der
Moskauer Kominternzentrale sorgten. Die wichtigsten von ihnen waren Arthur
EWERT, Otto BRAUN und Manfred STERN, die sich 1932 und 1933 in Shanghai
aufhielten. In den "Chinesischen Aufzeichnungen" schilderte Braun die
Situation zur Zeit seiner Ankunft in Shanghai:
"Binnen wenigen Tagen nach meiner Ankunft nahm ich Verbindungen mit
Genossen Arthur Ewert auf, der zu dieser Zeit Kominternvertreter beim
Zentralkomitee der KP Chinas war. Ich kannte ihn gut aus der Parteiarbeit
in Deutschland. Einige Jahre später ist er in Brasilien zusammen mit seiner
Frau Szabo verhaftet und scheußlich gefoltert worden. Der
Kominternvertretung gehörten außerdem ein russischer Genosse an, der als
Mitarbeiter der OMS (Abteilung für internationale Verbindungen)
verantwortlich war und sich als Emigrant tarnte, sowie zwei amerikanische
Genossen, die die KIM (Kommunistische Jugendinternationale) und die
Profintern (Rote Gewerkschaftsinternationale) vertraten."
Der 1890 geborene Ewert war in den zwanziger Jahren bis ins Politbüro der
KPD aufgestiegen, später jedoch kritisiert worden. Fernando Morais
schreibt:
"1928 zieht Ewert als Vertreter der KPD in den Deutschen Reichstag ein.
Sein Stern verliert jedoch schnell wieder an Glanz. Eine tiefe
Meinungsverschiedenheit innerhalb der Komintern über die von den
Kommunisten einzuschlagende Taaktik macht schließlich auch vor seiner
Person nicht halt. Im Sommer 1928 wird Ewert auf dem VI. Kongreß der
Kommunistischen Internationale in Moskauer als >Versöhnler< angeklagt. Man
wirft ihm vor, sich zusammen mit seinem Freund und Genossen Gerhart Eisler
der von Ernst Thälmann in der KPD vertretenen Linie widersetzt zu haben,
die die sozialdemokratische Partei zum Hauptfeind der Kommunisten erklärt."
Nach etwa zwei Jahren als Vertreter der Komintern in China ging er nach
Südamerika, wo er verhaftet wurde. Er starb 1959 in einem Sanatorium der
DDR. Ruth von Mayenburg kommt in "Hotel Lux" zu folgender Einschätzung:
"Den politischen Emissären folgten auf dem Fuße die sogenannten 'Militär-
Spezialisten'. Unkundig der chinesischen Sprache und Mentalität, stets
eines Dolmetschers bedürftig im Umgang mit den chinesischen Genossen, taten
sie sich schwer mit dem Kommandieren; so etwa der auf der Moskauer Frunse-
Akademie militärisch ausgebildete deutsche Journalist Otto Braun und sein
aus dem Lux exportierter Genosse Arthur Ewert, der parteiintern wie Gerhart
Eisler zu den 'Versöhnlern' gehörte - was die Frage berechtigt erscheinen
läßt, ob nicht solche Partei-Störenfriede gewissermaßen 'zur Bewährung' den
chinesischen Genossen zur Verfügung gestellt wurden."
Manfred Stern kam kurz nach Ewert als Militärberater nach Shanghai, verließ
aber schon 1934 die Stadt. In "Sonjas Rapport" wird die folgende Begegnung
erwähnt:
"Zu meinen schönsten Erinnerungen gehören die wenigen Male, die ich
"unkonspirativ" mit Genossen zusammen war. Einmal trafen wir uns im Jahre
1932 in einem Hotelzimmer. Anwesend waren Otto Braun, [...] Richard und als
Gastgeber ein mir fremder Genosse mit dunklem Haar und dunklen Augen. Ich
nannte ihn wie die andern Fred. Warum wir uns trafen, weiß ich nicht mehr.
Es war ein fröhlicher Abend. Freds herzhaftes Gelächter klang robust und
lebenslustig, er hatte eine schöne Stimme, kannte viele Lieder, und es war
ein Genuß, ihm zuzuhören. Er war Mittelpunkt dieses Abends. Viele Jahre
später erkannte ich ihn auf einem Foto als "den Helden von Madrid" wieder.
Es war Manfred Stern; unter dem Namen General Kleber war er als
Befehlshaber, Verteidiger und Held der Front von Madrid berühmt geworden."
Otto Braun, der auch die Namen Karl Wagner und Li De benutzte, blieb von
1932 bis 1939 in China. Der am 28.September 1900 in Ismaning bei München
geborene Braun war 1919 in die KPD eingetreten und 1926 verhaftet worden.
Margarete Buber-Neumann erwähnt folgendes Episode:
"Im Jahre 1928 verkündeten eines Tages die Schlagzeilen der
Boulevardblätter, daß es einer Gruppe tollkühner Kommunisten gelungen sei,
ihren Genossen Otto Braun aus dem Berliner Untersuchungsgefängnis Moabit zu
befreien. Die Hauptrolle bei diesem Husarenstreich spielte Olga Benario,
die Braut des Befreiten. Es ging also um Politik und Liebe, und das ließ
die Herzen der Berliner höher schlagen."
Beide flohen in die Sowjetunion, doch das Glück war nur von kurzer Dauer:
Olga Benario ging nach Südamerika, Otto Braun in den Fernen Osten. 1932
hielt er sich zunächst in Nordostchina, dann in Shanghai und im
Sowjetgebiet von Jiangxi auf. 1934 nahm er am Langen Marsch teil und
verbrachte die nächsten Jahre in Yan'an. Er war der einzige KPD-Berater,
der nicht nur in Shanghai und Kanton, sondern auch längere Zeit bei der
Roten Armee im Landesinnern tätig war. Er lebte nacheinander mit zwei
Chinesinnen zusammen und hatte mindestens einen Sohn. Als Braun 1939 in die
Sowjetunion zurückkehrte, blieben diese jedoch in China.
Noch während Brauns Anwesenheit in Nordwestchina traf Edgar Snow dort ein
und führte mehrere ausführliche Gespräche mit Mao Zedong. Das daraus
entstandene Buch "Roter Stern über China" wurde bald darauf in
verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Unter den vielen Rezensenten gab es
einen scharfen Kritiker: Asiaticus. Er war Anfang der dreißiger Jahre mit
seiner Frau Gertrud (Trudy) Rosenberg wieder nach China gekommen. In der
amerikanischen "Pacific Affairs" und anderen Zeitschriften veröffentlichte
er Artikel über den Krieg in China. Obwohl er nicht mehr Parteimitglied
war, vertrat er dennoch die Linie der Komintern und unterstützte Maos
parteiinternen Gegner Wang Ming. Als er nach der Kritik an Snows Buch
Yan'an besuchte, kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung mit Mao
Zedong, der Edgar Snow verteidigte. Deprimiert reiste Asiaticus wieder ab.
Er kam am 30. November 1941 zusammen mit kommunistischen Soldaten in der
Provinz Shandong bei einem japanischen Luftangriff ums Leben.

Flüchtlinge in Shanghai
Ende der dreißiger Jahre war Shanghai für zehntausende europäische,
insbesondere jüdische Flüchtlinge der einzig mögliche Zufluchtsort.(Vgl.
dnC 3/1994) Unter ihnen gab es einige Kommunisten wie Walter CZOLLEK (1907-
1972) aus Berlin, Alfred DREIFUSS (1902-1993) aus Württemberg und Johannes
KÖNIG (1903-1966) aus Thüringen, die vorher jeweils mehrere Jahre in
Zuchthäusern und Konzentrationslagern inhaftiert waren. Dreifuß schreibt in
seinem Bericht über die Emigration:
"Der Verfasser dieser Arbeit war, nachdem er dank der Hilfe seiner Mutter
aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen wurde, von Juni 1939 bis
Juni 1947 politischer Emigrant in Schanghai. Er arbeitete - die Jahre des
Pazifischen Krieges, in denen Kulturarbeit nicht möglich und er arbeitslos
war - als Regisseur, Journalist und als Dozent für Musikgeschichte an einer
Schanghaier Universität."
Der 1925 in die SPD eingetretene Anhalter Architekt Richard PAULICK (1903-
1979) war dagegen schon 1933 nach Shanghai gekommen und hatte 1936 als
Peter Winslow die Zeitschrift "Voice of China" mitbegründet. Die Emigranten
arbeiteten zunächst mit Asiaticus-Grzyb zusammen und bildeten eine
Studiengruppe. Im oben erwähnten Bericht zitiert Alfred Dreifuß eine bis
dahin unveröffentlichte Schilderung des 1972 verstorbenen Walter Czollek:
"Ankunft am 17. VI. 1939 in Schanghai. Abgeholt von Alfred Dreifuß und Max
Lewinsohn. Wohnung zunächst in der Ward Road mit Schwester Erika. [...]
Durch Dreifuß baldige Verbindung zu Richard Paulick, der so etwas wie einen
'politischen Salon' führte. Dort Bekanntschaft mit dem bereits
eingesessenen Schanghaier Heinz Grzyb, alias Erich Möller, alias Asiaticus.
Publizistisch für chinesische Partei tätig, in fortschrittlichen
amerikanischen Zeitungen Interpret der fernöstlichen Sowjetpolitik. Durch
Grzyb erhielt ich die Verbindung zu TASS und zur KPCH= Kommunistische
Partei Chinas. Davor jedoch Schaffung einer Parteigruppe unter den
Emigranten, die von Hans König, mir und zeitweise von Günther Nobel geführt
wurde. Intensive Aufklärungsarbeit und Überwindung durch den Pakt
Sowjetunion-Deutschland hervorgerufener Spannungen zunächst innerhalb der
Gruppe. Dann aktiveres Auftreten unter den Emigranten, allerdings mit wenig
Erfolg, da antikommunistische Tendenzen vorherrschten. Die Emigration
setzte sich im wesentlichen aus Kleinbürgern ohne ausgeprägte politische
Interessen zusammen. Der Kampf um die bloße Existenz ließ bei ihnen keine
Blickerweiterung zu. [...]
Verbindung zu TASS nach dem Tode von Heinz Grczyb, der hinter den
japanischen Linien während einer Reise für ein Buch über die von der KPCH
befreiten Gebiete umkam, abgebrochen, da kein Anlaß mehr bestand und meine
Verbindung zur chinesischen Partei nicht gefährdet werden durfte."
Wiederholt finden sich im gleichen Buch relativ nüchterne Darstellungen der
Arbeit der Kommunisten:
"Wir wenigen Kommunisten (20 im engeren und 70 bis 80 Leute im weiteren
Kreis) taten was wir konnten. Einen Einfluß auf die Gesamthaltung der
Emigranten hatten wir nicht. Sicher, es gab auch unter den "Unpolitischen"
Freunde, Menschen, die unsere Bemühungen und auch zeitweiligen Erfolge
respektierten und dankbar anerkannten. Doch sie und wir blieben eine
Minderheit in diesem Chaos von Meinungen, Haltungen und Indolenz."
Wie Dreifuss konnten viele Flüchtlinge China nicht sofort nach Ende des
Zweiten Weltkriegs verlassen. Die meisten kehrten erst 1947 nach Europa
zurück oder gingen in andere Länder.

In der DDR
Die überlebenden KPD-Mitglieder gingen nach dem Krieg größtenteils in den
Osten Deutschlands. Im Westen gab es damals nur wenig Informationen über
sie und ihre Geschichte. Bemerkenswert ist jedoch, daß die Kommunisten, die
sich in der DDR niederließen, in den fünfziger und sechziger Jahren kaum
etwas über ihre Zeit in China veröffentlichten.
Johannes König war der einzige der früheren Emigranten, der noch einmal für
längere Zeit nach China zurückkehrte. Er arbeitete von 1950 bis 1955 als
Leiter der DDR-Mission und als Botschafter in der VR China. Später ging er
als Botschafter in die Sowjetunion und Tschechoslowakei und stieg zum
stellvertretenden Außenminister auf. Er starb am 22. Januar 1966 in Prag.
Walter Czollek, der 1947 nach Berlin zurückkehrte, leitete von 1954 bis zu
seinem Tod den Verlag Volk und Welt. Alfred Dreifuss arbeitete an mehreren
Bühnen als Chefdramaturg und als Schriftsteller. Der Architekt Paulick traf
1950 in der DDR ein und war am Bau der Berliner Stalinallee und am
Wiederaufbau anderer Städte beteiligt.
Wilhelm Zaisser wurde 1950 zum Minister für Staatssicherheit ernannt, nach
dem 17. Juni 1953 jedoch abgesetzt und aus der SED ausgeschlossen. Bis zu
seinem Tod - am 3. März 1958 - gehörte er dem Institut für Marxismus-
Leninismus in Berlin an. Else Zaisser mußte 1953 als Ministerin für
Volksbildung zurücktreten und arbeitete später als freischaffende
Übersetzerin. Sie starb am 15. Dezember 1987.
Gerhart Eisler veröffentlichte Anfang der fünfziger Jahre eine Selbstkritik
wegen "Abweichungen von der KPD-Linie in den zwanziger Jahren" und hatte
zunächst keine wichtigen Ämter. 1956 stieg er dann zum stellvertretenden
Vorsitzenden und 1962 zum Vorsitzenden des Staatlichen Rundfunkkomitees
auf. Er wurde 1967 ZK-Mitglied, starb jedoch am 21. März 1968 während eines
Aufenthalts in der Sowjetunion. Eisler hatte noch 1965 für den
Militärverlag der DDR das Vorwort zu dem Band "Dr. Sorge funkt aus Tokyo"
verfaßt. Dieses Buch war vor allem ein Beitrag zum Sorge-Kult in der DDR
und Sowjetunion, erhielt jedoch auch einige ausgewählte Informationen über
deutsche Kommunisten in China.
Erst nach der Absetzung Ulbrichts und der Eskalation des sino-sowjetischen
Konflikts erschienen die Erinnerungen von Otto Braun, Alfred Dreifuß und
Ruth Werner. Braun arbeitete in der DDR hauptsächlich als Übersetzer und
Herausgeber. 1973 erschienen seine "Chinesischen Aufzeichnungen" im Dietz
Verlag, er starb am 15. August 1974. (Vgl. dnC 1/1993.) Ruth Werner, die
1977 "Sonjas Rapport" veröffentlichte, erlebte schließlich noch die
langsame Verbesserung der Beziehungen zwischen der DDR und der
Volksrepublik China. Im Alter von 81 Jahren konnte sie 1988 noch einmal das
Land besuchen und Bekannte aus den dreißiger Jahren wiedersehen. Kurz
darauf erschien "Sonjas Rapport" auf Chinesisch.
In China war das Interesse an den KPD-Beratern und Emigranten bis in die
achtziger Jahre gering. Während zahlreiche Bücher von und über Maos
"Freund" Edgar Snow veröffentlicht wurden, galten Braun und Grzyb als
dessen Gegner. In den letzten Jahren sind aber auch ihre Werke auf
Chinesisch erschienen. Braun wird jedoch weiterhin kritisiert. Bei Grzyb
werden die Konflikte mit der KP-Führung ignoriert und sein Kampf "für die
Befreiung des chinesischen Volkes" hervorgehoben. Im Oktober 1989 fand in
Anwesenheit seiner Witwe Trudi Rosenberg im Süden Shandongs eine
Gedenkfeier für den "Internationalisten" statt. Die Initiative zur
Veröffentlichung seiner Werke ging allerdings von Historikern in der
Provinz Shandong aus, nicht von der Parteizentrale.
Thomas Kampen

LITERATUR: Asiaticus: "Von Kanton bis Schanghai 1926-1927", Berlin, 1928;
Theodor Bergmann: "Deutsche Internationalisten in China", dnC 3/1984; Lutz
Bieg: "Xibo - oder wer war Asiaticus?", dnC 1/1989; Otto Braun:
"Chinesische Aufzeichnungen (1932-1939)", Berlin, 1973; Margarete Buber-
Neumann: "Von Potsdam nach Moskau - Stationen eines Irrwegs", Frankfurt,
1990; Jochen Cerný: "Wer war wer - DDR", Berlin, 1992; Alfred Dreifuß:
Schanghai - Eine Emigration am Rande, in: Eike Midell: "Exil in den USA",
Leipzig, 1983; Thomas Kampen: "Otto Braun auf dem langen Marsch", dnC
1/1993; Francoise Kreissler: "Getto in Shanghai", dnC 4/1988; Petra Löber:
"Jüdische Flüchtlinge in Shanghai", dnC 3/1994; Julius Mader, Gerhard
Stuchlik, Horst Pehnert: "Dr.Sorge funkt aus Tokyo", Berlin, 1976; Janice
R. MacKinnon: "Agnes Smedley, the life and times of an American radical",
Berkeley, 1988; Hede Massing: "Die große Täuschung", Freiburg, 1967; Ruth
von Mayenburg: "Hotel Lux", München, 1991; Fernando Morais: Olga, Berlin,
1990; Qiu Chengzhong: "Ein deutscher Achte-Route-Armist", China heute,
Januar 1990; Joachim Sagasser: "Auskünfte über Ruth Werner", Berlin, 1982;
Ruth Werner: "Sonjas Rapport", Berlin, 1977; "Zhandou zai Zhonghua dadi -
Hansi Xibo zai Zhongguo", Jinan, 1990.


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