Untergang auf Raten? Überlegungen zu Oswald Spenglers Aktualität im 21. Jh., in: Collateral. Online Journal 2, June 2016 (http://www.collateral-journal.com/).

June 2, 2017 | Author: David Engels | Category: European History, Modern History, Cultural History, Roman History, Philosophy of History, European culture, Arnold Toynbee, Oswald Spengler, Pessimism, Simplicissimus, Historical Thought, European culture, Arnold Toynbee, Oswald Spengler, Pessimism, Simplicissimus, Historical Thought
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Untergang auf Raten? Überlegungen zur Aktualität Oswald Spenglers im 21. Jahrhundert David Engels Veröffentlicht am 7.6.2016 in : http://www.collateral-journal.com/index.php?cluster=2

Über Oswald Spengler zu schreiben ist gleichzeitig immer auch ein Aufruf zur eigenen Stellungnahme, will man sich nicht gänzlich auf Fragen rein akademischen Interesses beschränken, und so stehen denn die meisten Meinungsäußerungen zu Werk und Weltanschauung Spenglers eher für die persönliche Sichtweise des jeweiligen Verfassers als für eine gänzlich Karl Arnold, “Oswald Spenglers ‘Jahre der Entscheidung’”. In: Simplicissimus 38.28 (1933), unvoreingenommene Analyse eines der p. 333 © Klassik Stiftung Weimar – Cfr. einflussreichsten Geschichtsphilosophen des www.simplicissimus.info 20. Jahrhunderts. Auch die vorliegende Reihe von Überlegungen stellt keine Ausnahme dar, wobei gleich zu Beginn erwähnt werden soll, dass der Verfasser dieser Zeilen zum einen die gegenwärtig offensichtlich unzeitgemäße Position vertritt, dass das Studium der Geschichtsphilosophie keineswegs eine rein antiquarische Tätigkeit darstellt und die zentrale Frage bei der Lektüre Vicos, Hegels, Spenglers oder Toynbees immer noch diejenige nach der historischen Verifizierbarkeit der getroffenen Aussagen sein muss, zum anderen zu dem Schluss gekommen ist, dass das von Spengler vorgestellte System trotz mannigfaltiger Irrtümer immer noch dasjenige darstellt, das die historische Wirklichkeit am besten abbildet und sich im Gegensatz zu allen anderen auch in seinen kühnsten Vorhersagen durchaus bewährt hat. Stellt man sich nun, wie von den HerausgeberInnen explizit gewünscht, nicht nur der Frage nach der zeitgebundenen Bedeutung der Karikatur, sondern vielmehr auch der nach ihrer Aussagekräftigkeit heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, so ergeben sich wohl zwangsläufig einige recht grundsätzliche Überlegungen, die freilich, dem vorgegebenen Rahmen entsprechend, eher assoziativer und skizzenhafter als systematischer Art sind. * So ist zunächst offensichtlich, dass die Kombination von Bild und Text beim Betrachter eine Reihe unterschwelliger Emotionen und Eindrücke hervorrufen soll, die in enger Verbindung sowohl zu Person und Denken Spenglers als auch zum zeitgenössischen Kontext des Oktobers 1933 stehen, interessanterweise aber auch heute noch von größter Aktualität sind. So dürfte eine erste Suggestion darin liegen, die angebliche Kluft aufzuzeigen, welche zwischen dem scheinbar „katastrophalen“ Untergangsszenario Spenglers auf der einen und der letztlich doch recht komfortablen Existenz des ganz

seinen intellektuellen Neigungen ergebenen Geschichtsphilosophen auf der anderen liegt. Werk und Biographie werden also gewissermaßen gegeneinander ausgespielt, und zwar mit der suggestiven Konsequenz, dass es mit dem „Untergang“ nun doch nicht ganz so ernst gemeint sei, bzw. es zumindest am Ende nicht ganz so schlimm kommen könne, würde sich Spengler doch ansonsten nicht dem Luxus seiner optisch ebenso voluminösen wie deutlich ironisch als „grundlegend“ bezeichneten schriftstellerischen Tätigkeit hingeben können. Spengler wird in dieser Lesart also gewissermaßen zum ganz in sein eigenes Modell verliebten Historiker degradiert, der den Untergang nur herbeischreibt und die Geschichte seinen persönlichen biographischen Vorlieben beliebig anpasst. Hier ist freilich nicht der Ort, über die komplexen psychologischen Beziehungen zu reflektieren, welche Spenglers persönlichen Werdegang mit der Entwicklung seines Werks verbinden, und die sich aus dem Studium der persönlichen Aufzeichnungen Eis Heauton zumindest ansatzweise erahnen lassen, zumal es ein reduktionistischer Fehlschluss wäre, aus der individuellen psychologischen Bedingtheit intellektueller Überzeugungen und Erfahrungen auf deren rein relativen Wahrheitsanspruch zu schließen. Allerdings muss zum einen gesagt werden, dass das gegenseitige Ausspielen von allgemeiner „Untergangserwartung“ und persönlicher schriftstellerischer Ambition auf einem weitverbreiteten Fehlverständnis der Spengler’schen Grundthese beruht, auf die bereits der Geschichtsphilosoph selber aufmerksam gemacht hatte, als er davor warnte, den sich über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte hinstreckenden Prozess des Untergangs einer Kultur mit dem Sinken eines Ozeandampfers zu vergleichen, und vielmehr betonte, anstatt „Untergang“ auch „Vollendung“ als Titel seines Buches gewählt haben zu können („Pessimismus“, 1921). Zum anderen darf vermutet werden, dass die unterschwellige Verspottung von Spenglers Untergangsprophezeiung zweifellos auch im intellektuellen Umfeld der 1930er Jahre verortet werden muss, wo sie sowohl beim Weimarer demokratiefreundlichen Establishment als auch bei den Vertretern der „Nationalen Wiedergeburt“ nur auf Ablehnung stoßen konnte und somit zu einer untypischen gemeinsamen Frontstellung gegen Spengler führen musste; eine Ambivalenz, welche übrigens keineswegs untypisch für die redaktionelle Grundhaltung des Simplicissimus im allgemeinen und des Karikaturisten, Karl Arnold, im besonderen ist, welche beide in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur eine erfolgreiche Gratwanderung zwischen ideologischer Gleichschaltung und ironischer Grundhaltung betrieben. Dabei hat die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts Spenglers Vorhersage der weiteren Entwicklung der abendländischen Kultur in großem Maße recht gegeben, ohne jedoch dabei im allgemeinen Bewusstsein zu einer größeren Öffnung gegenüber Fragen und Methoden der vergleichenden Kulturmorphologie geführt zu haben. Wie ich an anderer Stelle in kritischer Weiterentwicklung des Spengler’schen Modells zu zeigen versucht habe (Auf dem Weg ins Imperium, Berlin/München 2014), kann das Europa des späten 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in fast allen essentiellen Bereichen seiner inneren und äußeren Entwicklung in Analogie zur späten römischen Republik verstanden werden. Globalisierung, Arbeitslosigkeit, Migration, supranationale Staatsgebilde, gewandeltes Familienbild, demographischer Niedergang, Schwinden traditioneller Religionen, asymmetrische Kriege, Fundamentalismus, Demokratiedefizit, apolitische Haltung,

Populismus – alle diese Entwicklungen, die von Spengler apriorisch für die weitere Zukunft erwartet wurden, sind mittlerweile tatsächlich eingetroffen, so dass die Grundaussagen des Untergangs in vielerlei Hinsicht als verifiziert gelten können – eine (traurige) Feststellung, die freilich aufgrund des zunehmend beschränkten historischen Horizonts der kurzlebigen zeitgenössischen Gegenwart zugunsten der an die vorliegende Karikatur gemahnenden, in gewisser Hinsicht sinnlosen, da tautologischen Feststellung „Die Geschichte geht trotzdem irgendwie weiter“ nur begrenzte Beachtung gefunden hat. * Eine zweite, ganz offensichtliche Botschaft der Karikatur ist die der tatsächlichen Realität der Bedrohung der abendländischen Zivilisation durch auswärtige Völker. Denn wenn auch argumentiert werden könnte, dass die Zeichnung weniger das Weltbild des Malers als vielmehr dasjenige Spenglers wiederzugeben trachte, ist doch zumindest offensichtlich, dass die dargestellten Personifizierungen einzelner Völker – es handelt sich wohl, von links nach rechts, um einen subsaharischen Afrikaner, einen Japaner, einen Südostasiaten, einen Chinesen und einen Beduinen – deutlich dem visuellen Kanon rassistischer oder doch zumindest stark negativ konnotierter Stereotypie außereuropäischer Kulturen verpflichtet ist und kaum die kulturelle Vielfalt und Reichhaltigkeit menschlicher Geschichte in den Vordergrund zu setzen trachtet, sondern vielmehr den Gegensatz zwischen abendländischer „zivilisierter“ Gelehrsamkeit einerseits und ihrer Bedrohung durch die „Barbaren“ von außen andererseits evozieren soll. Auch hier zielt die Karikatur gewissermaßen am wesentlichen Gehalt der Spengler’schen Geschichtsphilosophie vorbei, denn zum einen erwartet Spengler eine gewaltsame Bedrohung des Abendlands, analog zum Niedergang des römischen Reiches, erst in einigen Jahrhunderten, und auch das nur als Konsequenz der Errichtung eines gesamteuropäischen Imperiums; zum anderen ist diese Bedrohung weniger im Rahmen einer eurozentrischen Abwehrhandlung gegen die „Fremden“ aller Art zu sehen, denn vielmehr in einem inneren Zerfallsprozess, der notgedrungen ein machtpolitisches ebenso wie spirituelles Vakuum schafft, welches dann nicht nur durch den Aufstand von außen, sondern auch den von innen gefüllt wird, und zwar in Form eines zunehmenden Widerstands der breiten Volksmassen, der sich vom generellen Desinteresse bis zum bewaffnetem Aufstand äußern kann. In dieser Hinsicht zielt auch die in der Karikatur ersichtliche stereotypisierte Bedrohlichkeit der außereuropäischen Völker am eigentlichen Gehalt des Spengler’schen Denkens vorbei, stellt dieser doch – einmal mehr in klarem Gegensatz zum Eurozentrismus sowohl der liberaldemokratischen Menschlichkeitsideologie der Zwischenkriegszeit als auch zum rassistischen Manichäismus der völkischen Bewegungen – ganz klar die grundsätzliche historische Gleichwertigkeit und morphologische Vergleichbarkeit aller menschlichen Hochkulturen in den Vordergrund seines Werks und zeigt dabei wie kaum ein anderer Geschichtsphilosoph die kulturelle Relativität, Bedingtheit und notgedrungen auch Beschränktheit des abendländischen Denkens auf.

Auch hier ist es gewissermaßen als Ironie der Geschichte zu sehen, dass sich der von Spengler vorhergesagte unaufhaltsame Aufstieg ehemals unter europäischem Einfluss stehender Weltteile wie China, Indien oder der islamischen Welt ebenso wie die zunehmende Hinwendung breiter Wählerkreise zu populistischen Parteien in der Zwischenzeit in schier unerhörter Stärke vollzogen und die abendländischen Staaten sowohl wirtschaftlich als auch politisch und selbst, was die Bestimmung ihrer eigenen „Identität“ betrifft, zunehmend in die Defensive gedrängt hat. Geradezu tragisch ist dabei die völlige Fehleinschätzung der Situation durch große Teile der westlichen Eliten, welche weiterhin einem wesentlich eurozentrischen Weltbild verhaftet bleiben und im gegenwärtigen Modell des Liberalismus, Parlamentarismus, Multikulturalismus und Universalismus amerikanischer und europäischer Prägung die teleologische Schlussstufe der allgemeinmenschlichen Geschichte zu sehen glauben. Die geradezu manische Besessenheit, dieses System sowohl aus herrschaftspolitischen als auch aus humanitären Gründen zu exportieren und dabei die reiche Vielfalt außereuropäischer Gesellschaftssysteme implizit zu quasi-primitiven „Vorstufen“ der Übernahme des westlichen Kulturmodells zu degradieren (und das auch noch ironischerweise unter Berufung auf die allgemeinen Menschenrechte), ist wohl eine der traurigsten Zeichen für die Unfähigkeit, die nötigen Konsequenzen aus dem Studium der Geschichte zu ziehen und Multikulturalität nicht nur zu predigen, sondern auch ehrlich zu leben. * Eine dritte und wohl keineswegs nachrangige Botschaft der Karikatur scheint zu sein, durch den Gegensatz zwischen Spenglers angeblich rein schöngeistiger Tätigkeit einerseits und der durch ein wahres Arsenal an Waffen symbolisierten Bedrohung des Abendlands durch die außereuropäischen Völker gleichzeitig auch den alten Gegensatz zwischen „feigem“ Literatentum und „mutigem“ politischem Handeln zu beschwören. Der nicht von ungefähr geradezu zwerghaft scheinende Spengler erscheint hier als Exponent einer selbstverliebten Intellektuellenschicht, welche sich ganz in die Beschreibung und Analyse verschiedenster mehr oder weniger akademischer Fragen verliert und hierdurch erst das Tor für den tatsächlichen Niedergang öffnet, wobei es wohl kaum überzogen ist, diese Gegenüberstellung implizit auch als ein Lob der seit 1933 beginnenden „nationalen Revolution“ zu deuten, welche den geistigen „Verfall“ Weimars durch die Rückkehr zur angeblich zupackenden, bewusst als „ungeistig“ stilisierten „preußischen“ Energie des Dritten Reichs zu ersetzen trachtet. Die letztlich auf den uralten Widerstreit von vita activa und vita contemplativa zurückgehende Intellektuellenkritik bedient also neben allgemeinen Stereotypen auch die stark gegen jede Form von Kulturmorphologie eingenommene nationalsozialistische Spenglerkritik, die ja schließlich in der offenen Disqualifizierung des Autors münden sollte, der in zahlreichen Streitschriften als ideologischer Feind des Regimes angeprangert wurde. Die Reduktion Spenglers auf bloßes Intellektuellentum ist dabei umso irreführender, als gerade ein Studium der Spengler’schen Publizistik in den Jahren nach der Veröffentlichung des Hauptwerks sein starkes politisches Engagement zeigt, welches in dem deutlich regimekritischen Essay Jahre der Entscheidung kulminieren sollte; einer Schrift, welche

ebenso wie Preußentum und Sozialismus oder Neubau des Deutschen Reiches die aus dem Untergang folgenden politischen Konsequenzen ziehen und gleichzeitig konkrete politische Handlungsanweisung liefern sollte und somit gerade nicht in die hier offensichtlich angeprangerte Kategorie „grundlegender Schriften“ fällt. Gerade mit diesem (un)willentlichen Fehlverständnis geschichtsphilosophischen Engagements begegnen wir einmal mehr einer auch im 21. Jahrhundert drängenden Zeitfrage, nämlich der Notwendigkeit, Geschichte und Politik wieder miteinander zu versöhnen und durch eine Renaissance der bislang nur noch ein kümmerliches Schattendasein fristenden Geschichtsphilosophie auch wieder übergeordnete Handlungsanregungen für eine ebenso effiziente wie auch realistische Reaktion auf die Krise der Gegenwart zu finden (vgl. hierzu auch mein Buch Von Platon bis Fukuyama, Brüssel 2015). Und gerade in dieser Hinsicht besteht, wie von Spengler ganz im Gegensatz zur Meinung seiner Kritiker oft genug unterstrichen worden ist, kein grundlegender Widerspruch zwischen politischer Tat und deterministischer Geschichtssicht. Ebenso, wie eine Kenntnis der Naturgesetze ja keineswegs dabei helfen kann, diese durch den bloßen Akt des Verständnisses zu überwinden, sondern nur, sie im Rahmen des Möglichen nutzbringend einzusetzen, kann auch das Studium der Geschichte nicht ermöglichen, im naiven Sinne ihrer „Ausschaltung“ aus ihr zu „lernen“, sondern nur, die Kategorien des Möglichen, des Notwendigen und des Unausweichlichen zu erfassen und somit innerhalb des gegebenen Rahmens eine möglichst effiziente Entscheidung zu treffen. Gerade heute, wo der europäische Erdteil mit ebenso langfristig angelegten wie bedrohlichen gesellschaftlichen Tendenzen wie Desindustrialisierung, Arbeitslosigkeit, Überalterung, Bevölkerungsschwund, steigenden Sozialbudgets, immer höheren Staatsschulden, Entpolitisierung und Masseneinwanderung konfrontiert ist, wäre es geradezu blind, für die kurz- bis mittelfristige Zukunft von rosigen Perspektiven auszugehen, anstatt vielmehr die gegebene Realität, welche, wie bei Spengler systematisch ausgeführt, zahlreiche Symptome aufweist, die allen menschlichen Gesellschaften eines gewissen Entwicklungsstadiums gemeinsam sind, als gegeben anzuerkennen und aus ihrer grundlegenden Dynamik die notwendigen Schlüsse zu ziehen.



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