Schenke im Schlick - Die Ausgrabungen an der Krughörne bei Blumenthal, Lkr. Stade

June 13, 2017 | Author: Donat Wehner | Category: Archaeology, Gastronomy, Medieval Archaeology, History of Drinking, History of Gastronomy, Post-Medieval Archaeology, Frühe Neuzeit, Archäologie des Mittelalters, Neuzeitarchäologie, Historische Archäologie von Wirtshäusern, Post-Medieval Archaeology, Frühe Neuzeit, Archäologie des Mittelalters, Neuzeitarchäologie, Historische Archäologie von Wirtshäusern
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Schenke im Schlick Die Ausgrabungen an der Krughörne bei Blumenthal, Lkr. Stade, Niedersachsen von Donat Wehner

Auf einem Blatt der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1768 ist bei Blumenthal in einer Schleife des Flusses Oste ein Anwesen verzeichnet, das sich mit einem in den Schriftquellen bezeugten Krug in Verbindung bringen lässt. Den exakten Standort auf einer Geländeerhebung am Binnendeich lassen Streuungen von Oberflächenfunden und jüngeres Kartenmaterial erkennen. Im Sommer und Herbst des Jahres 2015 wurde der Platz im Rahmen der praktischen Ausbildung von Studierenden des Instituts für Urund Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel näher untersucht. Dabei fanden systematische Oberflächenprospektionen unter Einbeziehung eines Metalldetektors statt. Auch kam ein Quadrokopter zum Einsatz, um Luftbilder und digitale Geländemodelle mittels Structure from Motion zu erstellen. Die Arbeitsgruppe für maritime und limnische Archäologie (AMLA) unternahm Tauchgänge mit Fokus auf eine zugehörige Fähranlegestelle. Am einstigen Gebäudestandort wurden schließlich Ausgrabungen durchgeführt. Ziel der Untersuchungen war es nähere Kenntnisse zur baulichen Strukturen, Ausstattung, Funktionen, Betrieb und Benutzung des Kruges im Wandel der Zeit zu erlangen. Die Maßnahmen waren umso wichtiger, als das Bodendenkmal aufgrund der Lage an einem aufgelassenen Deich akut durch Wellenschlag gefährdet ist.

Neben einigen Gruben konnten Schichten und Schichtpakte einer Wurt festgestellt werden, darunter Fußboden-, Schwemm- und Brandhorizonte vom 15./16. bis 19. Jahrhundert. Die Funde sind breit gefächert. Bei den meisten handelt es sich um Gefäßkeramik. Die Formen reichen von Gefäßen zur Speisezubereitung (Töpfe, Pfannen), Tischkeramik (Schüsseln/Schalen, Teller), Schankgefäßen (Krüge, Flaschen) und Trinkgefäßen (Tassen, Koppchen für Tee und Kaffee) bis hin zu Salbtöpfchen. Daneben konnten Hohlglasfragmente geborgen werden (Becher, Flaschen, Kelchgläser für Wein). Für viele Stücke ist eine regionale Produktion anzunehmen. Nachgewiesen sind Irdenwaren aus dem unweit gelegenen Wildeshausen und Ochtruper Ware aus dem nordwestlichen Münsterland sowie Steinzeug aus Duingen im südlichen Niedersachsen. Erfasst werden konnten aber auch Fayencen aus den Niederlanden, Porzellan aus Waldenburg und Glas aus England. Vielfach vertreten sind Tonpfeifenfragmente, u. a. aus Uslar und Gouda. Weitere Objekte wie Glättgläser, Spinnwirtel, Ofenkacheln und Schreibgriffel ergänzen das Bild. Bleikugeln von Handbüchsen könnten auf Auseinandersetzungen zwischen Gästen des Kruges deuten. Die Münzfunde konzentrieren sich im Bereich des Gebäudes und entlang des Weges zur nördlich gelegenen Ziegelei. Die Vermutung liegt nahe, dass sie den betrunkenen Arbeitern nach ihrem Besuch im Gasthaus aus der Tasche gefallen sind. Im Ganzen zeigt sich der Krug als komplexer Raum mit vielfältigen Verknüpfungen und Verflechtungen zwischen materieller Kultur, Konsumverhalten und sozialen Strukturen. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts neue Brücken, Chausseen und Eisenbahntrassen gebaut wurden, verlor der Schiffsverkehr auf der Oste an Bedeutung. Die Kundschaft blieb aus und die Schenke wurde unter dem Schlick von Sturmfluten begraben.

M2:1

Pfeifenkopf aus Porzellan M1:1

Pfeifenstiel M1:1 Münze M2:1

Messergriffschale aus Holz M3:2

Literatur Donat Wehner/Anke Wesse (Hrsg.), Rasthäuser – Gasthäuser – Geschäftshäuser. Zur Historischen Archäologie von Wirtshäusern. Univforsch. Prähist. Arch. 271 (Bonn 2015). Angelika Franz, Rätsel um den Nordsee-Gasthof. URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/archaeologie-raetsel-um-den-nordsee-gasthofa-1070326.htmlSpiegel-Online [abgerufen am 04.01.2016]. Daniel Nösler/Donat Wehner, Ein Dandy-Knopf aus Deinste – Funde von einem historischen Krugstandort im Landkreis Stade. Arch. Niedersachsen 19, 2016. Luftbildfoto: Thomas Schult Grabungsfoto: Donat Wehner Alle Zeichnungen: Karin Winter

Die archäologischen Untersuchungen wurden gefördert durch das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen [PerLe] und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (Förderkennzeichen 01PL12068).

Glättglas M2:3

Kontakt: Dr. Donat Wehner, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Christian-Albrechts-Universität, D-24098 Kiel, [email protected]



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