Quentin Meillassoux: Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz

November 13, 2017 | Author: Peter Gaitsch | Category: Phenomenology, Speculative Realism, Quentin Meillassoux
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Description

ISSN 1027-5657

Gabe und Anerkennung

Sonderdruck

31/2009

Der vorliegende, von Pascal Delhom und Alfred Hirsch herausgegebene und eingeleitete Band schließt eine Lücke in der Edition relevanter Arbeiten von Levinas. Er umkreist jedoch das Problem der Vereinbarkeit philosophischer und theologischer Texte lediglich, ohne die Gretchenfrage zu stellen: Ist Ethik ohne Transzendenz mög2 lich? Martin W. Schnell, Gelsenkirchen [email protected]

Anmerkungen 1 2

Vgl. Martin W. Schnell: Zugänge zur Gerechtigkeit, Fink: München 2001, Kap. 6. 10, 11. Vgl. Martin W. Schnell: »Ist Ethik ohne Transzendenz möglich?«, in: Journal Phänomenologie 22 (2004), S. 74–78.

4 Quentin Meillassoux: Nach der Endlichkeit. Versuch über die Notwendigkeit der Kontingenz. Übers. v. Roland Frommel. Zürich, Berlin: diaphanes 2008. 176 S., 978-3-03734-024-0, EUR 20,–.

Um den eigentümlichen Superlativ, auf den diese Rezension zusteuert, gleich vorwegzunehmen: Meillassoux hat mit Nach der Endlichkeit das »philosophierendste« zeitgenössische Buch, das dem Rezensenten bekannt ist, verfasst. Der Autor erkauft sich die Potenz seines Philosophierens nicht durch professionelle Zerstückelung und Minimalisierung der philosophischen Probleme, wie es uns in der analytischen Philosophie oftmals begegnet; sein Selberdenken bleibt auf bemerkenswerte Weise in einen großen philosophiehistorischen Bogen gespannt, ohne dass sich hier ein Zwerg auf den Schultern von Riesen platziert, um bloß den Anschein eines großen Denkens

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zu geben – worin vielleicht die »kontinentalphilosophische« Verführung besteht. Die Ausrichtung des Buches ist dezidiert antiphänomenologisch, da es zum einen eine Kritik des »Korrelationismus« – philosophiehistorisch apostrophiert als die »kantianische Katastrophe« (S. 165) – als dem Paradigma, das in die Phänomenologie wie in jede kritische und postkritische Philosophie seit Kant (inklusive dem Denken Wittgensteins, Heideggers und der »Postmodernen«) eingeschrieben sein soll, entfaltet, und da es zum anderen versucht, wie Alain Badiou in einem kurzen Vorwort notiert, »einen neuen Weg« (S. 10) zu eröffnen, um das im Rahmen der korrelationellen Philosophie Unerkennbare und Undenkbare philosophisch zu bewältigen. Gerade die angestrebte scholastische, mit Einwand und Gegeneinwand operierende, Destruktion der Fundamente der Phänomenologie macht dieses Buch zu einer Pflichtlektüre des selbstkritischen Phänomenologen, denn es inspiriert eine bewusste Auseinandersetzung mit der Grenze des phänomenologischen Diskurses, die üblicherweise nicht phänomenologisch bewältigt wird und daher faktisch oft symptomatische postphänomenologische Ausflüchte veranlasst. Worin besteht aber nun genau das korrelationale Paradigma der Phänomenologie, und woran soll es scheitern? Der phänomenologische Leser wird anfänglich von der Vulgarität des Verständnisses der Korrelation abgestoßen sein: Der unhintergehbare Korrelationismus modernen und postmodernen Denkens besteht laut Meillassoux darin, dass das Sein immer nur in seinem Gegebensein für das Denken gedacht wird, weshalb das korrelationelle Denken den Aussagen über ein denkunabhängiges Sein bzw. ein dem Denken zeitlich vorgängiges

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Sein nur einen abgeleiteten Sinn zugestehen kann, der auf einen ursprünglichen korrelationalen Sinn zurückgeführt werden muss. Genau darin liegt für Meillassoux der Stein des Anstoßes: »Wird der Sinn aufgespalten, wird ein tieferer Sinn gemäß der Korrelation hinzu erfunden, im Wider-Sinn zum realistischen, dann zerstört man den Sinn und ist weit davon entfernt, ihn zu vertiefen« (S. 33). Das thaumaston Meillassouxs, von dem sein Gedankengang den Ausgang nimmt, ist demgemäß der basale Sinn der »anzestralen« Aussagen, deren die mathematisierte Naturwissenschaft mächtig ist: das sind Aussagen über »jede Wirklichkeit, die dem Aufkommen der menschlichen Gattung vorausgeht« (S. 24), etwa kosmologische Aussagen über die Entstehung des Universums. Meillassoux möchte zeigen, dass beide korrelationistischen Strategien im Umgang mit solchen anzestralen Aussagen unbefriedigend sind: sowohl die »Verewigung des Korrelats« (S. 163; darunter fällt u. a. die husserlsche »Verewigung des transzendentalen Ego«), die den strikten Korrelationismus durch die postulatorische Einführung eines »anzestralen Zeugen« (S. 25) metaphysischspekulativ überschreitet, als auch die »Retrojektion einer Vergangenheit durch das gegenwärtige Denken« (S. 163), wodurch die die Anzestralität auszeichnende »Lücke der Gebung selbst« (S. 37), d. h. das »Nicht-Sein der Gegebenheit«, zu einer »Gegebenheit des Nicht-Seins« (S. 39) verfälscht wird. Gegenüber den korrelationistischen (kritischen oder skeptizistischen) Philosophien, die im Übrigen durch ihre Entmächtigung des Denkens über das Sein auch einen essentiellen fideistischen Horizont mit sich führen sollen (»Der Fideismus ist der andere Name des starken Korrelationismus«, S. 72), möchte Meillassoux

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die Absolutheit der naturwissenschaftlichen Aussagen verteidigen, ohne jedoch in einen vorkritischen metaphysischen Dogmatismus zurückzufallen – so lautet das Programm einer nichtmetaphysischen Spekulation: das Denken eines Absoluten (einer Notwendigkeit), das nicht in den Bahnen einer Metaphysik des absolut notwendig Seienden als letztem Grund verläuft. Form und Ziel der dieses Programm verwirklichenden Argumentation sind bewusst cartesianisch konzipiert: Der Form nach besteht Meillassouxs Argumentationsstrategie darin, analog zu Descartes’ Meditationen ein erstes Absolutes zu erweisen, von dem aus weitere Absolutheiten abgeleitet werden können – der gewichtige Unterschied liegt darin, dass Meillassoux dabei nicht-metaphysisch, d. h. ohne Inanspruchnahme des ontologischen Arguments sowie des Satzes vom Grund, operieren möchte; das Ziel dieses Argumentationsganges ist es, von der vermeintlichen Undenkbarkeit des An-sich (starker Korrelationismus) über das »kantianische Ansich« (Unerkennbarkeit, aber Denkbarkeit des An-sich: schwacher Korrelationismus) zum »cartesianischen An-sich«, d. h. zur Erkennbarkeit der mathematischen Verfasstheit der Wirklichkeit, die die Basis für die anzestralen Aussagen der Naturwissenschaften bildet, zu gelangen; dieses Ziel impliziert im Übrigen auch eine Rehabilitierung der – durch den Korrelationismus nivellierten – Unterscheidung zwischen primären und sekundären Qualitäten (vgl. S. 13). Dieses Ziel einer spekulativen Rechtfertigung des cartesianischen An-sich (respektive der Absolutheit alles Mathematisierbaren) wird Meillassouxs Essay am Ende nicht erreichen – und gerade dies gehört auch zu den Stärken dieses Buches: dass es nicht übereilt mit einer spekulativen (Pseu-

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do-)Lösung endet, sondern stattdessen den erreichten Problemstand reflektiert und den noch zu gehenden Weg skizziert. Das Erreichte wird aber an dem Punkt, an dem der Essay abbricht, beträchtlich sein: Was den Inhalt betrifft, setzt Meillassoux bei der vom starken Korrelationismus (etwa dem Denken der »radikalen Endlichkeit«, S. 65) ins Spiel gebrachten »Faktizität der Korrelation« (S. 59) an, um zu einem neuen ersten Absoluten zu gelangen: der »Notwendigkeit der Kontingenz«, wie es im Untertitel des Buches schon heißt. Der Übergang von der Faktizität, die sich ja gerade jeglicher ontologischen Entscheidung enthalten will, zur massiv ontologischen absoluten Notwendigkeit der Kontingenz beruht auf der »in der Faktizität liegenden Verabsolutierung (der Dekorrelation) des Anders-Sein-Könnens« (S. 83) – diese singuläre »Nicht-Faktizität der Faktizität« (S. 109) bildet den Kerninhalt dessen, was Meillassoux das »Prinzip der Faktualität« nennt. Wer von Faktizität spricht, muss eine Reihe von ontologischen Verpflichtungen auf sich nehmen, und genau diese möchte Meillassoux herausstellen. In der weiteren Argumentation geht es Meillassoux deshalb um die ontologischen Bedingungen dafür, dass die Kontingenz, die von der Rede von »Faktizität« in Anspruch genommen werden muss, Kontingenz bleiben kann (es handelt sich also um »Ableitungen« aus dem Prinzip der Faktualität). Der einfache Grundgedanke ist der, dass das »chaotische« Absolute der Kontingenz gewissen Bedingungen gehorchen muss, um Chaos zu bleiben (vgl. S. 93f.). Der erste Beweisgang führt auf dieser Basis von der Notwendigkeit der Kontingenz zur logischen Widerspruchslosigkeit (Konsistenz) als einer absoluten ontologischen Wahrheit, denn am widersprüchlich Seienden

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würde die Allmacht der Kontingenz zerschellen (vgl. S. 97). Den zweiten Beweisgang, der über das Absolute des Logischen hinausgehend zum Absoluten des Mathematischen vordringen sollte, geht Meillassoux nur indirekt an, indem er sich Humes Problem der Kontingenz der Naturgesetze aneignet, da die unzweifelhafte Stabilität der Naturgesetze der behaupteten Notwendigkeit der Kontingenz zuwider zu laufen scheint. Hier zeigt Meillassoux überzeugend, dass »Kontingenz« nicht mit »Zufall« identisch ist, weshalb »die Kontingenz der Naturgesetze der aleatorischen Argumentation unzugänglich ist« (S. 135). Den mathematisch adäquaten Ausdruck dieser numerischen Unzugänglichkeit findet Meillassoux im mengentheoretischen Konzept des »Transfiniten«. Damit ist das Problem der Anzestralität zwar nur hypothetisch gelöst (eine absolute Tragweite von mathematischen Aussagen ist möglich), aber das Problem hat sich konkretisiert: Eine spekulative Lösung müsste die Ableitung eines besonderen mathematischen Theorems – des Transfiniten – aus der Notwendigkeit der Kontingenz beinhalten (vgl. S. 170). Von diesem ins Offene verweisenden »Ergebnis« einmal abgesehen, ist es die Grundthese des Buches, die einer Konfrontation würdig bleibt: Wer auf das Spekulative, auf das Denken des Absoluten verzichtet, verzichtet zugleich darauf, den »nicht-korrelationellen Modus des Wissens der Wissenschaft« (S. 161) zu verstehen; wer aber diese spekulative Tragweite der Wissenschaft denken will, muss das Mathematische verabsolutieren (vgl. S. 169). Für Meillassoux ist daher die kopernikanische Revolution Kants in Wahrheit eine »ptolemäische Konterrevolution« (S. 158), da sie das Verstehen des nichtkorrelationellen wissenschaftlichen Wissens aushebelt. Es

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wäre schön, einmal eine phänomenologische Replik lesen zu dürfen, die Meillassoux auf der Höhe des eröffneten Diskurses zu antworten imstande wäre. Jedoch, eine derartige Apologie des »Korrelationismus« existiert nicht. – Übersetzer und Verlag sind für die ungewöhnlich rasche deutsche Publikation dieses Buches – das französische Original erschien 2006 – sehr zu danken. Peter Oberhofer, Wien [email protected]

Ethisch werden?

4 Kathrin Thiele: The Thought of Becoming. Gilles Deleuze’s Poetics of Life. Zürich/Berlin: diaphanes 2008. 200 S., ISBN 978-3-03734-036-3, EUR 20,–.

In jüngster Zeit hat sich die Deleuze-Rezeption einerseits verstärkt den politischen Implikationen seines (und Guattaris) Denken zugewandt. Eine zweite Tendenz fällt mit der gegenwärtigen Konjunktur ethischer Themen zusammen. Sie betrifft die Frage, ob und wie sich Deleuzes Ethos der Immanenz für eine Neubestimmung der Ethik fruchtbar machen lässt. Als immanent bezeichnet Deleuze ein Denken, das die Bedingungen seiner Genese nicht an metaphysische, apriorische oder natürliche Voraussetzungen knüpft, sondern sich solchen Differenzerfahrungen öffnet, die der repräsentativen, vergegenständlichenden Erkenntnis entgehen. Die Bejahung der Immanenz verbindet sich für Deleuze vor allem mit zwei Philosophen: Spinoza und Nietzsche. Michael Hardt hat in seiner 1993 veröffentlichten Apprenticeship in Philosophy deren Bedeutung für die Entwicklung des deleuzeschen Denkens ausgeleuchtet. Auch Kathrin

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Thieles, aus Promotionsstudien u. a. an der University of Buffalo hervorgegangenes Buch The Thought of Becoming wendet sich Deleuzes Interpretationen von Spinoza, Bergson und Nietzsche zu. Dabei geht es der Autorin um die Entwicklung einer ethischen Konzeption, die sich sowohl von normativ-präskriptiven als auch anwendungsbezogenen Ethiken grundlegend unterscheidet. Thiele profiliert die Immanenz als ethische Haltung zu einer Welt im Werden, deren philosophisches Verständnis nicht von einer praktisch-konstruktiven Neugestaltung zu trennen ist. Die traditionellen Dichotomien von Ontologie und Ethik, Theorie und Praxis werden eingeebnet, sofern sich das Sein (Welt oder Leben) als kreativer Prozess von Differenzierung und Neuschöpfung erweist. Deleuzes spärliche Ausführungen zur Ethik erklären sich ihrer Ansicht nach daraus, dass seine Ontologie durch und durch ethisch imprägniert sei, sodass die Autorin auf die Gleichung »ontology = ethics« verfällt. Sie soll besagen, dass im deleuzeschen Differenzverständnis die Welt in ihren unerschöpflichen Werdens-Möglichkeiten bejaht wird und sich die Entfaltung dieser Möglichkeiten zugleich als lebenspraktische Aufgabe erweist. In ihrer eng an Deleuze angelehnten Darstellung von Spinozas Ethik konzentriert sich Thiele auf die Kommentierung des ersten Buches, in dem Spinoza sein ontologisches Konzept des Absoluten entfaltet. Ausgespart werden die folgenden Bücher der Ethik, denen Deleuze deshalb große Bedeutung beimaß, weil Spinoza dort ein Erfahrungsmodell der praktischen aktiven Entfaltung des Existenz- und Denkvermögens entwirft. Worauf es der Autorin indessen ankommt, ist die Darstellung der von Deleuze herausgearbeiteten Expressivi-

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