Mediatisierung und Visualisierung von Ort und Raum: Zur Erforschung partizipativer digitaler Praktiken in Geomedien im Rahmen sozialer Proteste

September 3, 2017 | Author: Cornelia Brantner | Category: Social Movements, Social protests, Locative Media, Digital mapping
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Description

Cor n elia B rantn er / Joan Ramon Rodr ígu ez-Amat

Mediatisierung und Visualisierung von Ort und Raum: Zur Erforschung partizipativer digitaler Praktiken in Geomedien im Rahmen sozialer Proteste

1.

Einführung

Am 25. September 2012 demonstrierten in Madrid tausende ›empörte‹ BürgerInnen gegen die Sparpolitik der spanischen Regierung. Ort der Proteste war der Neptunplatz neben dem spanischen Parlament. Dieser physische urbane Raum erfuhr seine Erweiterung im virtuellen und digitalen Raum des Internets. Unter den Hashtags #Voces25s (Stimmen) und #25s wurden Informationen über Demonstration, Polizeipräsenz und Absperrungen getwittert. Hatten die Twitterer die Standortinformationen ihrer Mobilgeräte aktiviert, wurden ihre Beiträge online auf einer interaktiven Karte markiert. Auf diese Weise wurden auf der digitalen Karte Madrids getwitterte Texte, Fotos und Videos integriert und TeilnehmerInnen und Orte visualisiert und lokalisiert (vgl. Voces25s 2012). Die digitale interaktive Landkarte der Protestierenden der Voces25sBewegung (siehe Abb. 1) ist nur eines von zahlreichen Beispielen der Verwendung solcher Online-Karten durch soziale Bewegungen und Proteste. Nach den kenianischen Wahlen Ende 2007 berichtete die politische Bloggerin und Journalistin Ory Okolloh über ausgebrochene Konflikte. Ihre LeserInnen begannen, sie zu kontaktieren und über weitere Konfliktorte zu informieren. Okolloh (2008) war ob der Masse der auf sie einströmenden Informationen überwältigt und schrieb auf ihrem Blog, sie sei nicht 257

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im Stande, all diese Informationen alleine zu verarbeiten. Kurze Zeit später hatten zwei Programmierer eine Software, genannt ›Ushahidi‹, bereitgestellt, mit deren Hilfe UserInnen über Konfliktorte, die automatisch auf einer Karte angezeigt wurden, berichten konnten.1 Das Suaheliwort ›Ushahidi‹ bedeutet ›Bezeugung‹ oder ›Beweis‹ und verdeutlicht, dass hier eine Karte als Zeuge und als Repräsentation von Orten und einer kollektiven kommunikativ-sozialen Praktik wächst. Auch die soziale Bewegung Occupy Wall Street nutzte 2011 eine Ushahidi-basierte Karte, um den besetzten öffentlichen Raum zu visualisieren.2 Diese kollektiv erstellten Landkarten, auch ›Crowdmaps‹ genannt, sind Teil der Protestaktionen und dienen ebenso als Identitätsstifter für soziale Bewegungen.3 Wiederholt wurden diese gemeinschaftlichen Kartografierungspraktiken nicht nur von Voces 25s, sondern etwa auch vom Europäischen Gewerkschaftsbund, der am 14. November 2012 zu einem europaweiten Generalstreik aufrief oder 2013 in Istanbul, wo Demonstrierende die Landkarten nutzten, um die Bewegungen der Polizei nachzuzeichnen (Alvy 2013). Die Ushahidi- und CrowdmapPlattformen werden z. B. auch für Mapping-Projekte im Rahmen von Krisen und Naturkatastrophen genutzt, wie dem Erdbeben in Haiti 20104, aber auch zum kollektiven Mapping von Korruptionsvorfällen.5 Im Fall von Demonstrationen repräsentieren die Karten die Proteste, zeigen die besetzten öffentlichen Räume, Plätze, Parks und Straßen; sie verbinden Menschen, Texte und Bilder mit Orten »constructing hypergeographies of action and potential« (Massey/Snyder 2012). Massey und Snyder (2012) führen am Beispiel der von Occupy Wall Street verwendeten Karten aus, dass diese Ereignisse und Daten über Zeit- und Raumgrenzen hinweg zusammenbringen. Dadurch werde die Schaffung einer durch die Nutzung von Online Medien integrierten (Gegen-)Öffentlichkeit gefördert, welche die Kontrolle urbaner Orte durch Staaten und Konzerne herausfordert. Elwood und Leszczynski (2013) sind der Ansicht, dass durch die Verwendung dieser Geovisualisierung nutzenden ›new spatial media‹ seitens der AktivistInnen und sozialen Bewegungen neue Wissenspoliti-

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Siehe Homepage von Ushahidi (2014a), für Ushahidi-basierte Crowdmaps siehe auch Crowdmaps (2014). 2 Siehe NYCGA Tech Ops (2014). 3 Siehe zum Beispiel Iconoclasistas (2014). 4 Für Beispiele für den Einsatz von Ushahidi-basierten Karten im Rahmen von Krisen und Naturkatastrophen siehe Ushahidi (2014b). 5 Für Beispiele von Antikorruptions- und Transparenz-Mapping siehe Leson (2013).

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ken entstehen, da die gemeinsam durch die ›Crowd‹ erstellten kartografischen Repräsentationen von herkömmlichen Kartografierungspraktiken entkoppelt seien. Die Glaubwürdigkeit dieser neuen Praktiken wird durch Zeugenschaft  –  darauf verweist auch das Wort ›Ushahidi‹  –, gegenseitige Bestätigung und Transparenz hergestellt, wobei die genutzten geovisuellen Artefakte die visuelle Erfahrung der NutzerInnen strukturieren. Durch die Konvergenz von Smartphone, GPS, Internet, digitalen Kartografierungstechnologien (und sozialen Netzwerken) entstand ein neues Forschungsfeld, auf welches in der sehr heterogenen Literatur zumeist mit den Begriffen ›Locative Media‹, ›Geomedia‹ oder ›New Spatial Media‹ verwiesen wird. Für Locative Media, lokalisierungsfähige mobile Endgeräte, lassen sich in der Literatur drei Ursprünge identifizieren: Russells Headmap Manifesto – »dealing with the social and cultural implications of location-aware devices« (Russell 1999: 1)  –  wird als Vorbote der Locative Media betrachtet (vgl. Tuters/Varnelis 2006, 2012). Den Begriff ›Locative Media‹ hat Kalnins 2003 im Rahmen des Art+Communication Festivals im lettischen Riga eingeführt (vgl. Thielmann 2010; Wilken 2012; Zeffiro 2012). Als dritte Quelle wird auf Psychogeografie und Situationistische Internationale sowie kritische Kartografie verwiesen (siehe z. B. Tuters 2012; Jethani/ Leorke 2013; Zeffiro 2012). Lokative Medien und die partizipativen Kartografierungspraktiken blieben natürlich nicht auf die Kunstszene, politische Theorie, künstlerische Praktiken oder soziale Bewegungen beschränkt, sondern finden auch kommerzielle und institutionelle Verwendung, wie Cornell und Varnelis (2011: 13) bedauern: »Locative media remained the stuff of demos and art-technology festivals until 2008 when Apple released the GPS-enabled iPhone 3G. Paradoxically, the mass realization of locative media seems to have taken the wind out of its sails as an art form.« Nunmehr ermöglichen geolokalisierbare Geräte die Nutzerbeteiligung auf den verschiedensten Online-Plattformen. Die mehrheitlich dem deutschen Axel-Springer-Verlag gehörende App-basierte Plattform Runtastic6, von Zeitungsunternehmen zur Verfügung gestellte Plattformen wie jene der New York Times für Rad-

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Siehe Runtastic (2014).

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fahrerInnen7 oder Stadtgeflüster8 des österreichischen Standard, auf denen NutzerInnen Insidertipps über ›ihre‹ Stadt geben können, sind nur einige Beispiele dafür. Auch (semi-)öffentliche Institutionen bieten solche Möglichkeiten, beispielsweise wird die Plattform Citysoucrced.com – auf der BürgerInnen Texte und Fotos über falsch geparkte Autos, verschmutzte Straßenstücke, Graffities, etc. via App hochladen können –  von zahlreichen amerikanischen Städten genutzt. Die Erforschung von Crowdmapping, d. h. von digitalen, partizipativen Kartografierungspraktiken, in deren Rahmen digitale, interaktive Karten, geo-lokalisierte Medien und partizipativ erstellte Informationen kombiniert werden, stellt uns vor neue theoretische und methodische Herausforderungen. Insbesondere erfordern die theoretische Auseinandersetzung und empirische Erforschung dieser Phänomene eine holistische Herangehensweise, die durch die interdisziplinärere Integration verschiedener Ansätze erreicht werden kann. Dieser Beitrag veranschaulicht ein vorgeschlagenes analytisches Konzept für die Erfassung partizipativer Mapping-Praktiken sowie der kommunikativen Räume, die durch die Integration von Locative Media, öffentlichen Räumen, sozialen Praktiken und Netzwerken entstehen. Die Konvergenz von Ortsmedien (Locative Media) und Medienorten (Mediated Localities) und die Ausbildung von digitalen Geomedien führt zu einer Neubewertung des Ortes (vgl. Buschauer/Willis 2013: 10). Nach Günzel (2013) oder Sutko und de Souza e Silva (2011) vollzieht sich eine ›Dopplung‹ des physischen Raumes und des virtuellen Raums. Sowohl der Raum des technischen Mediums (technisches Gerät und umgebender Raum) als auch der Raum der Medialität (Raum der Bilderscheinung und im Bild dargestellter Ort) werden hierbei in ihrer »Doppelheit« (Günzel 2013: 115) betrachtet. In den letzten Jahren hat sich die Auseinandersetzung mit lokativen Medien und Geomedien stark intensiviert und ist auch im deutschsprachigen Raum zum Thema verschiedener Disziplinen und interdisziplinärer Forschung geworden (vgl. z. B. Döring/Thielmann 2009a, 2009b; Buschauer/Willis 2013). In diesem Zusammenhang verweisen Döring und Thielmann (2009a) darauf, dass mit dem Begriff ›Locative Media‹ lediglich die mit Lokalisierungstechniken ausgestattete Hardware

7 Siehe New York Times (2014). 8 Für das Projekt Stadtgeflüster siehe Der Standard (2013).

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erfasst wird. Demgegenüber schließt der weiter gefasste Begriff ›Geomedien‹ neben den Geräten auch das Geoweb mit seiner laienkartografischen Software ein (vgl. Döring/Thielmann 2009a; Lapenta 2011; Thielmann 2014). Lapenta (2011: 2) definiert Geomedien als »platforms that merge existing electronic media+the Internet+location-based technologies (or locative media)+AR (Augmented Reality) technologies«. Oder, wie Thielmann (2010: 5) es ausdrückt: »Locative media + mediated localities = Geomedia«. Technisch sind die Geomedien ortsunabhängig, ihre Inhalte sind jedoch ortsgebunden (vgl. Thielmann 2014). Wir haben bereits an anderer Stelle ausführlicher darauf verwiesen, dass folgende Apriorismen überwunden werden müssen, um die kommunikativen (autonomen) Räume, die durch partizipative Mapping-Praktiken gebildet werden, adäquat analysieren zu können (vgl. Brantner/Rodríguez-Amat 2014): Erstens, die Dichotomisierung von physischem Raum und virtuellem Raum, zweitens, das Verständnis einer rein physischen, körperlichen Geografie, die Karten als Repräsentationen versteht, und drittens, eine rein technologische Verfasstheit von digitalen Kartografierungspraktiken, die auf die Geräte und Interfaces (Schnittstellen) fokussiert. Im Folgenden stellen wir diesen integrativen Ansatz vor, der über die genannten Apriorismen hinausgeht. Die sozialen Aushandlungen im Rahmen von Crowdmapping und Protesten können aus der Perspektive der Mediatisierung (in der sozialkonstruktivistischen Tradition; vgl. etwa Couldry/Hepp 2013) betrachtet werden. Visuelle Kommunikation wird als fundamentaler Aspekt bzw. »Subprozess« (Krotz 2012: 36) des Mediatisierungsprozesses gesehen (siehe auch Lobinger 2012: 21ff.). Dabei wird für die Anwendung eines von Adams und Jansson (2012) entwickelten Modells plädiert. Dieses wurde von den Autoren zwar nicht als empirisches und analytisches Instrument entwickelt, adaptiert erscheint es aber als Werkzeug für die Untersuchung von partizipativen Praktiken der Kartierung besonders geeignet. Der Fall der von Voces 25s genutzten interaktiven Karte und die auf dieser Karte getaggten Tweets, Videos und Bilder dienen zur Veranschaulichung des vorgeschlagenen Verfahrens. Die Analyse wird auf vier Ebenen durchgeführt, auf jener (1) der Repräsentation und (2) der Texturen der Orte, (3) der Strukturen sowie (4) der Verbindungen der Räume. Das Potenzial liegt damit nicht nur darin, die Phänomene beschreibbar zu machen, sondern auch in der Elastizität des Ansatzes: Er erlaubt, materielle Kontexte und soziale (und kommunikative) Praktiken gleichzeitig zu diskutieren. Der Schaltkreis aus Geräten 261

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und Informationen vermittelt soziale Praktiken, welche damit auch mit einem kritischen Ansatz, der Macht, Governance und deren Implikationen und Herausforderungen beinhaltet, konfrontiert werden können. Bevor wir auf die Veranschaulichung des Verfahrens eingehen, soll im Folgenden verdeutlicht werden, dass wir Crowdmapping als Feld der kulturellen Bedeutungsproduktion verstehen, in welches soziale Praktiken zusammen mit geolokalisierten Geräten, Online-Netzwerken und physikalischem Raum eingeschrieben sind.

2.

Rahmung des Modells: Kulturelles Feld und Macht

Lokative Medien verbinden Orte mit entfernten Datenbanken und erlauben Bewegung durch Orte und zwischen Orten, während gleichzeitig räumliche und nicht-räumliche Informationen angeboten werden (vgl. Adams/Jansson 2012), da der physische Raum zum Interface für Informationen wird und umgekehrt (vgl. Sutko/De Souza e Silva 2011). Durch die Konvergenz von Geosphäre (materieller, physischer Welt) und Infosphäre (symbolischer Repräsentation der physischen Welt) wird ein vermittelter Raum (›mediated space‹) geschaffen und geformt (vgl. Lapenta 2011). Die lokativen Medien verbinden Menschen, aber sie verbinden auch Menschen mit Orten (vgl. Sutko/de Souza e Silva 2011). Farman (2012: 64) führt diesbezüglich aus, mobile Endgeräte »serve as part of the interface that is constituted as the larger set of social relations.« Elwood und Leszczynski (2013: 545) verweisen auf durch lokative Medien entstehende neue Wissenspolitiken und damit darauf, wie Individuen und Institutionen in der Aushandlung von sozialen, politischen und ökonomischen Prozessen digitale Daten und Lokalisierungstechnologien wirksam einsetzen. Aber Karten, auch jene, die für kollektives Crowdmapping verwendet werden, sind nicht neutral. Sie setzen Rahmen und Bedingungen für Inhalte und geben Lesarten vor. Was auch immer vor dem Hintergrund der Bedingungen und der Hierarchien, die Karten vorgeben, auf diesen sichtbar gemacht wird, limitiert die Möglichkeiten der Aushandlung. Dies geschieht ganz einfach dadurch, dass andere Inhalte nicht inkludiert oder gar negiert werden: Niemand sieht, was die Karte nicht zeigt. In diesem Sinne sind interaktive lokative Karten auch Räume der Macht und der Machtdiskurse, die Möglichkeiten und Bedingungen auf mehreren Ebenen regeln und definieren: auf der Ebene 262

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der Kontrolle und Überwachung (u. a. ermöglicht, wenn die verwendete Hardware mit Lokalisierungstechnologien ausgestattet ist9); auf der Ebene der Inhaltskontrolle; und auf der strukturellen Ebene (auf der besonders auf Media Governance und insbesondere Governance der Technologien zu verweisen ist, die den Informationsfluss kanalisieren); auf der sozialpsychologischen Ebene des kognitiven Verstehens oder auf der Ebene der sozialen Bedeutungen von öffentlichen Räumen. Das heißt, auch die Praktiken des kollektiven Mappings reproduzieren eine spezifische dominante Gesellschaftsordnung sowie Praktiken, die als selbstverständlich und vernünftig angesehen werden (vgl. Bourdieu 1989). In der Analyse von Protesten und Crowdmapping dürfen diese Machtmechanismen nicht übersehen werden. In diesem Zusammenhang versteht Zeffiro (2012: 249)  –  unter Rückgriff auf Bourdieu (vgl. z. B. 1989, 1990)  –  lokative Medien als Feld der kulturellen Produktion: Lokative Medien sind »constituted as a field of forces, regulated by both power relations and symbolic struggles, which in turn sustain or subvert the reproduction of a specific social order«. Der von Morley (2009) geforderte konzeptionelle Wandel der Medienforschung ermöglicht ein Verständnis von lokativen Medien als eine Form kultureller Praxis: Er plädiert für eine materialist, non-media-centric Medienforschung. Die de-zentrierte Forschung sei notwendig, da sich der Begriff der Kommunikation erweitert hat und auch materielle Bedingungen wie Transport, Mobilität und Gebiet einschließt. Die Bedeutung lokativer Medien resultiert nicht aus ihrer Form sondern aus dem sozialen Feld, »into which it is incorporated, the practices with which it articulates and is made to resonate« (Hall 1981: 235, zit. nach Zeffiro 2012: 259). Gleichzeitig zu diesem material turn wird ein spatial turn (Adams/Jansson 2012; Döring/ Thielmann 2009b; Falkheimer/Jansson 2006; Thielmann 2010) und seine Erweiterung in Form eines mobility turn (Urry 2007; Thielmann 2014) konstatiert. Und so, wie einerseits die Sozialwissenschaften diesen spatial turn, die Re-Materialisierung des Ortes, eingeräumt haben, sprechen andererseits die Geografen von einem cultural, humanistic und media turn (vgl. Thielmann 2010: 5). Döring und Thielmann (2009a; vgl. auch Thielmann 2010) argumentieren für eine interdisziplinäre Mediengeografie, ähnlich

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In diesem Kontext wollen wir auf eine virulente Thematik verweisen, auf die wir hier aber nicht näher eingehen können: Die gewollte oder ungewollte Übertragung standortbezogener Daten kann zur Verletzung der Privatsphäre oder Datenschutzproblemen führen und birgt hohes Missbrauchspotenzial.

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wie Adams und Jansson (2012) für ein Brücke zwischen den Disziplinen und eine Kommunikationsgeografie plädieren. Der cultural turn in der Kommunikations- und Mediengeografie betont den sozialen Kampf und die Aushandlung von Macht und kann aus der sozialkonstruktivistischen Perspektive der Mediatisierung erfasst werden. Dieser sozialkonstruktivistische Ansatz ist nützlich für das holistische Verständnis der sozialen Phänomene der Proteste, der kulturellen Prozesse und der geolokalisierten Aktivitäten, die auf den Karten visualisiert werden. So werden die Medien nicht länger als außerhalb der Gesellschaft stehend betrachtet, da Kommunikationstechnologien adaptiert und in alltägliche Handlungen einbezogen werden (vgl. Hepp/Hjarvard/Lundby 2010: 223). In diesem Rahmen kann digitales Mapping als Teil des Mediatisierungsprozesses gegenwärtiger Medienkulturen begriffen werden, wobei Visualisierungsprozesse als Subprozess der Mediatisierung betrachtet werden (vgl. Krotz 2012; zu Mediatisierung und Visualisierung siehe v. a. Lobinger 2012: 21ff.). Hier bezieht sich Mediatisierung auf die mediale Durchdringung der alltäglichen Lebenswelt, auf einen Metaprozess, der »nicht als Wandel des Mediensystems oder als Bedeutungszunahme der Medien alleine beschreibbar [ist], sondern […] begrifflich als Wandel von Kommunikation bzw. kommunikativem Handeln im Kontext des Wandelns der Medien verstanden und theoretisch gefasst werden [muss]« (Krotz 2012: 45). Im Fall des kollektiven Mappings und der Interaktion und Kommunikation via lokativer Medien und Computer, in Orten und Räumen und über Orte und Räume (hinweg), bietet der sozialkonstruktivistische Mediatisierungsansatz eine theoretische Basis für das Verständnis sozialer Praktiken. Er erlaubt sowohl die Analyse der genannten Machtkonflikte als auch die Integration orts- und raumübergreifender kommunikativer Praktiken, welche auf symbolisch vermittelter Kommunikation und Interaktion basieren (vgl. Krotz 2007).10 Durch lokative Medien kann Mobilität nicht mehr einfach mit ›Eintreten‹ und ›Verlassen‹ in Verbindung gebracht werden, da die Grenzen zwischen öffentlich und privat verschwimmen. Mediatisierung multipliziert auf beispielslose Weise Kommunikation und Ort: »textural links are increasingly

10 Zu den Konzepten von Mediatisierung – von der sozialkonstruktivistischen wird die institutionalistische Tradition unterschieden – und ihre v. a. durch den digitalen Wandel bedingte zunehmende gegenseitige Annäherung siehe Couldry und Hepp (2013) sowie die Sonderhefte zu Mediatisierung von Communication Theory (2013) sowie Communications (2010).

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fluid and their evolution via mediatization has numerous repercussions involving privacy, mobility, personal power, and security« (Adams/Jansson 2012: 310). Mediatisierung fungiert als Rahmen für digitales Mapping, lokative Medien und Geovisualisierung, in den mediatisierte Mobilität integriert werden kann. Die Texturen der Orte und Strukturen der Räume überschneiden sich (siehe dazu später), da GPS- und WLAN-verlinkte Daten mit geografischen Datenbanken verbunden sind. Verschiedene Medien und Sprachen konvergieren und formen eine hybride räumliche Struktur  –  teils Mobiltelefon, teils GPS Satellit, teils Internet, teils entfernte Datenbank –, die auf Oberflächen wie sozialen Netzwerkseiten oder Crowdmaps sichtbar wird (vgl. Adams/Jansson 2012: 311). Dieser integrierte Kreislauf von Geräten und Datenflüssen ist in die soziale Praxis eingeschrieben und erwirbt eine symbolische Bedeutung, während er aber gleichzeitig aus dem Blickfeld gerät, da die BenutzerInnen die immer kleiner und gleichzeitig schneller werdenden Geräte in ihr Alltagsleben integrieren ohne bewusst Notiz von ihnen zu nehmen. Dourish und Bell (2011) sprechen in diesem Zusammenhang vom ›divining‹ des ›ubiquitous computing‹.

3.

Veranschaulichung des Modells: Mediatisierte und visualisierte Repräsentationen, Texturen, Strukturen und Verbindungen

Adams und Jansson (2012) haben ein Vier-Felder-Modell entwickelt, um aufzuzeigen, wie eine Brücke zwischen Geografie und Medien- und Kommunikationswissenschaft gebaut werden kann. Das vorgeschlagene Forschungsprogramm der interdisziplinären Kommunikationsgeografie befasst sich dann mit verschiedenen Aspekten in den vier Modi 1) Repräsentationen, 2) Texturen, 3) Strukturen und 4) Verbindungen. Obwohl, wie erwähnt, die Intention der beiden Autoren nicht direkt einer empirisch-analytischen Perspektive entspringt, können die vier Bereiche in ein analytisches Instrument für die Erforschung von Mapping und lokative Medien transformiert werden. Damit können die genannten Apriorismen überwunden werden: jene der physischen Geografie, die Karten als unhinterfragte Repräsentationen situiert sowie jene technologiezentrierten Perspektiven, die in der Analyse auf die Geräte und Interfaces fokussieren. Das Potenzial der vier Modi liegt nicht nur in ihrer deskriptiven Kapazität, sondern auch in ihrer Belastbarkeit: Einerseits erlauben sie die Diskussion der materiellen 265

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Kontexte sowie der konstruierten sozialen Praktiken des Feldes, andererseits liefern sie auch die theoretischen Grundlagen für das Verstehen eines komplexen Phänomens das mobile Endgeräte, soziale Bewegungen und Geografie (bzw. Orte und Räume) integriert. De Certeau (2012 [1980]: 345) folgend, kann ›Ort‹ als Ordnung der Aufteilung von Elementen in Koexistenzbeziehungen, in der die Elemente, die Dinge, singulär und stabil sind, definiert werden. Mehrere Dinge können sich nicht zur gleichen Zeit an der selben Stelle befinden, was einen Ort zur »momentane[n] Konstellation von festen Punkten« macht. Raum ist dann »ein Geflecht von beweglichen Dingen« und somit »ein Ort, mit dem man etwas macht« (ebd.). Greifen wir hier kurz auf die Madrider Proteste vor: Man muss hier gar nicht auf die Ebene der lokativen Medien und Karten rekurrieren, denn schon die sich im Rahmen der Proteste auf den Madrider Straßen und Plätzen bewegenden AktivistInnen verwandeln die Straßen und Plätze in Raum. Die lokativen Medien und Geomedien verstärken aber diese Transformation von Orten in Räume (vgl. Schilling/Vietze 2013: 229). Hier offenbart sich die Fruchtbarkeit der vier Modi für das Verständnis von Crowdmapping-Praktiken. Vorausgeschickt werden soll, dass die vier Bereiche in einem holistischen Verständnis betrachtet werden, da sie nicht unabhängig voneinander sind und sich gegenseitig bedingen. Während Repräsentationen und Texturen eng mit Orten verknüpft sind, besetzen und formen Strukturen und Verbindungen Räume (vgl. Adams/Jansson 2012: 306). Wenden wir uns nun den vier Modi am Beispiel der Madrider Proteste und der verwendeten interaktiven Karte zu. Die folgenden Abbildungen veranschaulichen die im Rahmen der Proteste verwendete Crowdmap und die darauf gekennzeichneten getaggten Tweets, die teilweise von Fotos und Videos begleitet wurden.

3.1

Repräsentationen

Der Modus der Repräsentation der Orte rekurriert auf die Inhalte der komplexen Realitäten, die durch verbale und visuelle Kommunikation konstruiert werden, also die medial vermittelten Ortsbilder, welche beeinflussen, wie Orte und Räume wahrgenommen werden. Adams und Jansson (2012: 307) weisen darauf hin, dass Orte gleichzeitig materiell und symbolisch sind, und in Analysen die symbolische Dimension von Raum nicht vor dem Hintergrund simplifizierender Referenzen auf Stereotypisierungen durch Medien erfasst 266

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werden kann: »Each particular place representation is contingent and unique: complexly situated with regard to power (…), no less than places themselves.« Die von Voces25s verwendete Karte von Madrid, die zeigt, von wo die Demonstranten ihre Tweets absetzten, trägt selbst zur Repräsentation des Ortes bei (siehe Abb. 1). Abbildung 1

Ausschnitte der Voces25s-Crowdmap

Die Punkte auf der Karte zeigen in verschiedenen Farben die Positionen, von denen die geogetaggten Tweets abgesetzt wurden. Die (im Original rot gefärbten) Punkte für geolokalisierte Tweets mit dem Hashtag #cargas zeigen die Orte, an denen die Polizei gegen Demonstranten vorging; #tranquilo (grün) bedeutete, hier ist alles friedlich. Rechts sieht man die Veranschaulichung eines (mit einem gelben Punkt markierten) Tweets mit dem Hashtag #fotos, mit dem von einem Ort hochgeladene Bilder gekennzeichnet wurden. Quelle: voces25s.wordpress.com [01.10.2013]

Die aus verschiedenen Perspektiven geschossenen und getwitterten Fotos (siehe Abb. 2) zeigen Repräsentationen des Neptunplatzes, der mit Menschen gefüllt ist, welche offenbar eine gemeinsame Idee teilen. Die getwitterten verbalen Texte tragen gleichwohl zur Repräsentation der Orte bei und liefern Interpretationsrahmen für die Decodierung der Bilder; gleichzeitig schränken sie deren Deutungsmöglichkeiten ein. Abbildung 2 veranschaulicht rechts unten die Repräsentation von (gewaltvollen) Polizeihandlungen. Das Foto, das auch in El Pais abgedruckt wurde, zeigt viele Polizisten, die gegen einen Mann vorgehen. Hier geht es nicht darum, ob das getwitterte Foto die Situation so einfängt, wie sie tatsächlich passiert ist; als visuelle Repräsentation ist es aber ein sehr machtvolles Bild dessen, was der Fotograf als Repräsentation der Situation zeigen wollte. 267

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Abbildung 2

Beispiele für im Zuge der Proteste getwitterte und auf der Karte getaggte Fotos

Links oben: ©David Iglesias @ditman; rechts oben: ©Rebelde Imberbe @RebeldeImberbe; links unten: ©Óscar @oscartaxibcn; Quelle für das Foto rechts unten: ©Sergio Pérez (Reuters), vielfach getwittert und abgedruckt in El Pais. http://politica.elpais.com/ politica/2012/09/25/album/1348574023_950325.html#1348574023_950325_1348599770 [25.04.2014]

3.2

Texturen der Orte

Bezüglich der Texturen der Orte weisen Adams und Jansson (2012) darauf hin, Medien nicht nur als Technologien zu verstehen, sondern auch Orte als Medien aufzufassen. Orte werden nicht nur durch Medien (Repräsentationen), sondern Medien werden auch durch Orte transportiert (vgl. dazu auch oben; Buschauer/Willis 2013; Thielmann 2010). Dem ›spatial turn‹ und ›material turn‹ folgend orientieren die Texturen der Orte die Analyse »towards a view of communication as intrinsically grounded, embodied and situated« (Adams/Jansson 2012: 309). Die Analyse der Texturen wendet sich 268

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damit auch der Frage zu, wie Kommunikationsmuster und bedingungen in Orten ausgehandelt und in Kraft gesetzt werden (vgl. Jansson 2013) und wie sie formen, was Farman (2012: 19) den »sensory-inscribed body« nennt. Die Besetzung von öffentlichen Plätzen im Rahmen von Protesten dient deshalb auch als Mittel, die Sichtbarkeit zu erhöhen und die Legitimität des öffentlichen Raums zu stärken. Dies wird auch an den Tweets der DemonstrantInnen verdeutlicht. Die Besetzung der Straßen und Plätze sowie die Schaffung einer digitalen Karte, auf der die Aktivitäten lokalisiert werden, stellen in diesem Sinne Praktiken dar, die gleichzeitig medial vermittelt und real, integriert und virtuell, örtlich und global sind. Im Fall von Voces25s werden die Texturen durch die besetzten Straßen und Plätze und sich dort treffenden Menschen geformt. Die Karte und die Bilder zeigen, wie der Raum organisiert ist: Rund um das Parlament versammeln sich Menschen. Das Zusammenkommen dieses Kollektivs passiert nicht an irgendeinem Ort, sondern an einem symbolischen Ort, dem Parlament, der Staat, Demokratie und Volk repräsentiert. Zu sehen ist auch, dass die Polizei den Zugang zum öffentlichen Raum durch Absperrungen begrenzte (siehe z. B. Abb. 2). Straßen, Plätze, Verkehr und Menschen bilden einen dynamischen Interaktions- und Kommunikationsraum für die Protestgemeinschaft. Somit kommunizieren die Menschen, aber auch die Orte kommunizieren, indem u. a. die gewählten Orte der Proteste den symbolischen Wert der Veranstaltung ausdrücken.

3.3

Strukturen

Im Modus der Strukturen der Räume werden die geografischen und technologischen Bedingungen und Zwänge, unter denen die Kommunikation stattfindet, analysiert: »These spatial patterns viewed cartographically as links and nodes, densities of penetration, and boundaries limiting access, all help situate a relational interaction space within an absolute map space« (Adams/Jansson 2012: 310). Die Strukturen setzen ebenso einen Rahmen für die Handlungen. Auf der Crowdmap können die Kommunikationsflüsse und ihre Beschränkungen nachvollzogen werden. Die Karte (siehe Abb. 1) veranschaulicht, wo Zentrum und Peripherie sind, wo man sich frei bewegen kann oder die Polizei Barrieren aufgebaut hat. Man sieht auch, von wo die meisten Tweets gesendet wurden. Dort, wo die größte Dichte an Punkten ist, befindet sich der Neptunplatz, der an die polizeilichen Absperrungen rund um das Par269

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lament anschließt. Die Straßen und Gebäude begrenzen ebenso den Raum für Polizei, Medien, FotografInnen, Twitterer, Bloggende und Demonstrierende. Eine Form der Kanalisierung der Aktivitäten geschieht durch den Aufbau von physischen Barrieren (siehe auch Abb. 2). Die Karte und die Bilder zeigen die Zentren der Handlungen und wie diese mit dem durch Straßen und Gebäuden vorgegebenen Handlungsraum übereinstimmen, aber auch wie dieser durch polizeiliche Barrieren und das vor Ort befindliche Polizeiaufgebot eingeschränkt wird. Auch die von Demonstrierenden getwitterten Videos, auf denen gezeigt wird, wie Polizisten im Cordon versuchen, die Bewegungen der ProtestteilnehmerInnen zu kanalisieren und zu lenken, veranschaulichen, wie beweglich die Strukturen sein können, und auch damit werden Bedingungen für die Kommunikation vorgegeben. Eine weitere strukturelle Einschränkung ist durch die Störsender (siehe Abb. 3, links) gegeben, die den Kommunikationsfluss begrenzen, indem sie die Handysignale stören. Abbildung 2

Beispiele für getwitterte Bilder

Links: »Störsender in Cibeles und viele, viele Menschen.« ©Power Ranger Lalailo @110010010011010; rechts: »Dieses Foto von ©Reuters muss um die Welt gehen.« ©ConvocaCC @convocacc

3.4

Verbindungen

Der vierte Modus umfasst die Verbindungen, die Konnektivitäten, die sich auf den kommunikativen Raum beziehen, der durch den ›Fluss‹ zwischen ›virtueller‹ und physischer Arena entsteht. Diese Räume werden durch, für 270

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und in den Verbindungen der vermittelten Kommunikation geschaffen (vgl. Adams/Jansson 2012). Gordon und de Souza e Silva (2011: 79) führen hierzu aus, dass das örtlich situierte ›Wo‹ (›location‹) in vernetzte Verbindungen eingebettet wird und soziale Interaktionen, die durch diese Verbindungen entstehen, Teil der Location sind. Räume, so Adams und Jansson (2012: 312), können als Möglichkeits- und Erwartungsstrukturen gesehen werden, als strukturierte Systeme der Konnektivität: »New media support a layering of new, topological spaces over or alongside geographical spaces«. Wenden wir uns wieder dem Beispiel der Proteste in Madrid zu: Von den AktivistInnen auf der Straße, der Berichterstattung der Print- und Online-Medien, der Live-Berichterstattung im Fernsehen sowie auf Streaming-Plattformen und den virtuellen sozialen Netzwerken wurde ein vielschichtiges System des sozialen Drucks ausgeübt. In Kombination mit der digitalen Karte und Portalen, die diese Aktionen auch global abgebildet haben, wird eine Vielzahl von Verbindungen, die den (imaginären) Raum bilden, hergestellt. Digitale partizipative Plattformen wie Twitter definieren eine lokalglobale Geografie des Raums: Von den Plätzen hinaus in die Welt. Durch die Verbindungen entsteht ein komplexer Raum, der durch soziale Netzwerke, Straßen und Plätze, BürgerInnen, Presse, Fernsehen und Online-Medien geformt wird. Die verschiedensten Akteure konstituieren diese Öffentlichkeit: Sie besteht aus BürgerInnen als aktiven Akteuren und/oder EmpfängerInnen, aus durch die Proteste infrage gestellten politischen Autoritäten und Institutionen, JournalistInnen als Akteuren und der ›virtuellen Welt‹ der Online-Medien, die die Kommunikation in die Welt hinaus tragen und in denen kommuniziert wird. So entsteht ein kontinuierlicher Strom, der ›von der zusehenden Welt‹ (siehe Abb. 3, rechts) zu den Menschen auf der Straße und den Plätzen und zurück fließt. Die globalen EmpfängerInnen sind eingeladen teilzunehmen und aufgerufen als ZeugInnen zu fungieren: ›Es muss um die Welt gehen‹.

4.

Schlussfolgerungen und Ausblick

Anhand der Beispiele haben wir gezeigt, dass eine Analyse entlang der vier Modi einerseits zur theoretischen Diskussion bezüglich der Informationen, die aus jedem Modus erwachsen, beiträgt, andererseits aber auch ein breites Verständnis der vier integrierten Bereiche erlaubt. Die Repräsen271

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tationen zeigen die dominante Erzählung von Ort. Die immer wiederkehrende Erzählung einer friedlich demonstrierenden Masse unterstreicht die Gewalt einer in der Anzahl unterlegenen voll ausgerüsteten Polizei, die gegen die friedliche Masse vorgeht. Das dominante Narrativ überdeckt die alternativen Erzählungen über das Geschehene. Diese Haupterzählung kann über die visuellen und verbalen Repräsentationen verfolgt werden. Die Analyse der Texturen der Orte rückt weitere Elemente ins Blickfeld: Die Bedeutung von Gebäuden und Plätzen. Ihre symbolische Bedeutung transformiert das Ereignis in Madrid sozusagen in eine nationale Demonstration für Demokratie. Aus der hier aufgeworfenen Perspektive ist dies nicht einfach eine ›öffentliche Ansammlung von Menschen für eine gemeinsame Sache‹, sondern eine Versammlung in der Nähe des Gebäudes, dem Parlament, das die BürgerInnen repräsentiert und das durch die Sicherheitskräfte und Barrieren abgeschirmt wurde. Über die Repräsentationen und Texturen der Orte hinaus, bringen die Strukturen der Räume einen Prozess der Kanalisierung der Kommunikationsflüsse in Gang: Die Strukturen definieren Ungleichheiten und die Machtverhältnisse zwischen jenen, die sich frei bewegen können und jenen, denen dies nicht möglich ist (vgl. Adams/Jansson 2012). Urry (2007: 198) spricht in diesem Zusammenhang von ›Netzwerkkapital‹ als Voraussetzung für soziale Integration und Partizipation: »Such capital is a product of relationality of individuals with others and with the affordances of the ›environment‹. Together these constitute a relational ›assemblage‹, an emergent network moving through time-space and concretized in moments of co-present meetingness with specific places for particular moments«.

Die durch die Konnektivität, die durch die neuen Medien gefördert wird, geschaffene Vernetzung der Räume führt zu neuen topologischen Räumen, die neben den geografischen Räumen existieren oder diese gar überlagern (vgl. Adams/Jansson 2012). Mit den Worten McLuhans (1994) formen diese Topologien das globale Dorf, das einen Raum der möglichen Netzwerkverbindungen und eroberte Räume dezentralisierter politischer Macht umfasst und die Machtkonzentration auf wenige internationale Investoren herausfordert (vgl. Sassen 2006). Die mittels Crowdmap visualisierten und vermittelten Proteste in Madrid dienten zur Illustration des Potenzials des vorgeschlagenen Modells, welches Interfaces und ›Embodiments‹, technische Geräte und vermittelte Räume zusammenbringt. Das Modell stellt aber kein vereinheitlichendes 272

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Konzept dar, sondern strukturiert die Analyse entlang vier verschiedener Modi. Diese kritische Forschungsagenda soll sich Analysen von Demonstrationen und anderen politischen Handlungsräumen, die die bestehenden institutionellen politischen Systeme herausfordern, widmen. Diese Debatten wurden bereits von der Media-Governance-Forschung angestoßen (vgl. Barreneche 2012; Conti/Rodríguez-Amat 2011; Sarikakis 2012) und sollten weiter verfolgt werden, um ein ganzheitliches Verständnis dieser vielschichtigen politischen Diskurse voranzubringen. Wir haben mit der vorliegenden explorativen Analyse zu zeigen versucht, dass Crowdmapping und lokative Medienpraktiken als Feld der kulturellen Bedeutungsproduktion, das durch Machtverhältnisse geprägt ist, gefasst werden kann. Der sozialkonstruktivistische Mediatisierungsansatz diente dabei als Rahmen für die analytische Anwendung der vier von Adams und Jansson (2012) vorgeschlagenen Bereiche. Diese vier Modi bieten einen Ausgangspunkt für die Theorieentwicklung und für die empirische Analyse. Auf Theorieebene können verschiedene Perspektiven diverser Disziplinen integriert werden. Der Kommunikationsbegriff wird dabei an allen Fronten herausgefordert, über die Medien hinaus gedacht und unter dem Aspekt der Materialität der kommunikativen Räume untersucht. Das lenkt die Aufmerksamkeit um auf Kommunikations- und Mediatisierungspraktiken ohne die Zentren und Strukturen der Macht, die Informationsflüsse und den symbolischen Wert kulturell definierter Räume zu vernachlässigen. Die Berücksichtigung von Macht bringt auch Forschung zu Öffentlichkeit und Governance ins Spiel. Auf der empirischen Ebene fokussiert das vorgeschlagene Modell auf soziale Praktiken, berücksichtigt dabei aber auch die Rolle der Technologie. Der Beitrag den wir hier leisten konnten, liegt erstens im Plädoyer für einen breiteren nicht-medienzentrierten Kommunikationsbegriff, um soziale Praktiken besser verstehen zu können, und zweitens, in der Formulierung einer integrierenden Forschungsagenda, die auf digitales Crowdmapping, mobile Endgeräte und Governance von Kommunikationsräumen abzielt.

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