IFB Rezension Wolfgang Riehle Englische Mystik des Mittelalters

May 27, 2017 | Author: Till Kinzel | Category: Medieval English Literature, Mysticism, English Mysticism, medieval and early modern, Mystik
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RELIGION UND RELIGIÖS GEPRÄGTE KULTUREN

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Christentum; Theologie Mystik England Mittelalter

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Englische Mystik des Mittelalters / Wolfgang Riehle. - München : Beck, 2011. - 623 S. : Ill. ; 23 cm. - ISBN 978-3-40660652-6 : EUR 49.95 [#2437]

Die Mystik, vor allem auch die des Mittelalters, erfährt auch heute noch starke Aufmerksamkeit, wie zahlreiche Publikationen zum Thema zeigen. Im Kröner-Verlag liegt etwa ein speziell der Wörterbuch der Mystik1 vor, dessen Herausgeber Peter Dinzelbacher auch mehrere andere Publikationen zur Mystik vorgelegt hat.2 Zur englischen Mystik ist die Forschung inzwischen stark angewachsen; ein Indiz für die intensivere Beschäftigung mit dem Thema ist die Publikation eines einschlägigen Cambridge companion to medieval English mysticism im selben Jahr wie das hier anzuzeigenden Buch.3 Englische Mystik des Mittelalters war ursprünglich als Abschlußband der ebenfalls im Beck-Verlag erscheinenden Geschichte der abendländi-

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Wörterbuch der Mystik / unter Mitarb. zahlr. Fachwiss. hrsg. von Peter Dinzelbacher. - 2., erg. Aufl. - Stuttgart : Kröner, 1998. - 537 S. ; 18 cm. - (Kröners Taschenausgabe ; 456). - ISBN 3-520-45602-8. 2 Christliche Mystik im Abendland : ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters / Peter Dinzelbacher. - Paderborn [u.a.] : Schöningh, 1994. 463 S. : Ill. ; 24 cm. - ISBN 3-506-72016-3. - Zuletzt: Deutsche und niederländische Mystik des Mittelalters : ein Studienbuch / Peter Dinzelbacher. - Berlin [u.a.] : De Gruyter, 2012. - XI, 424 S. : Ill. ; 23 cm. - (De-Gruyter-Studium). - ISBN 978-3-11-022137-4 : EUR 29.95. 3 The Cambridge companion to medieval English mysticism / ed. by Samuel Fanous ... - 1. publ. - Cambridge [u.a.] : Cambridge University Press, 2011. XXVIII, 309 S. ; 23 cm. - ISBN 978-0-521-85343-9 (hbk.) : £55.00. - ISBN 978-0521-61864-9 (pbk.) : £18.99.

schen Mystik von Kurt Ruh4 konzipiert (S. 13), zu der die Darstellung Die Mystik im Abendland von Bernard McGinn5 in Konkurrenz steht. Wolfgang Riehle, emeritierter Anglist aus Graz, stellt in seiner hervorragenden Monographie die englische Mystik im Mittelalter in ihrer Gesamtheit vor, wie das bisher nicht geschehen war, da ältere Darstellungen oft weitaus weniger umfangreich und tiefgründig waren.6 Riehle, der auch Bücher z.B. zu Chaucer und Defoe in der Reihe der Rororo-Bildmonographien und eine gute Studie zu Shakespeares Henry VI vorgelegt hat, ist auch für das Thema der Mystik bestens ausgewiesen, war dieses doch bereits Gegenstand seiner Habilitationsschrift.7 Außerdem stammt von Riehle eine in zahlreichen Auflagen erschienene Übersetzung eines der wichtigsten mystischen Texte der englischen Tradition, The cloud of unknowing,8 deren Autor unbekannt ist, aber über eine beeindruckende sprachliche Sensibilität verfügte, mittels derer er die für mystische Texte typischen Paradoxien und Oxymora geschaffen hat (vgl. S. 248). Riehle schildert die von ihm als spezifisch angesehene Entwicklung des Eremitentums auf den Britischen Inseln sowie die Zisterzienserspiritualität in den ersten beiden Kapiteln des Buches.9 Dann geht er in das Hochmittelalter über, in dem viele Schriften nach wie vor keinem konkreten Autor zugeordnet werden können. So wissen wir auch über manche Verfasser mystischer Schriften nicht viel. Besondere Aufmerksamkeit widmet Riehle auch dem Problem geschlechterbezogener Spiritualität; hier wie auch andernorts zeichnet sich sein Buch auch durch philologische Bedächtigkeit aus, da er zwar seine eigene Deutung vorsichtig vorträgt, aber auch die Unsicherheit definitiver Lösungen mancher Fragen nicht verschweigt. Zu den namentlich bekannten Mystikern, die Riehle ausführlich diskutiert, gehören Richard Rolle of Hampole, der unter den frühen Mystikern Englands die bedeutendste greifbare Figur ist. Dazu kommen Marguerite Porete, der Autor der Cloud of unknowing, Walter Hilton und vor allem zwei weitere Frauen, die bis heute Leser finden: Juliana von Norwich und Margery Kempe. Vor allem Juliana 4

Geschichte der abendländischen Mystik / Kurt Ruh. - München : Beck. - 23 cm. - Bd. 1 (1990) - 4 (1999). 5 Die Mystik im Abendland / Bernard McGinn. - Freiburg, Br. [u.a.] : Herder. - 23 cm. - Einheitssacht.: The presence of God . - Bd. 1 (1994) - 4 (2008). - Sonderausg. 2010. 6 Siehe etwa The English mystical tradition / David Knowles. - New York : Harper & Brothers, 1961. 7 Studien zur englischen Mystik des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung ihrer Metaphorik / Wolfgang Riehle. - Heidelberg : Winter, 1977. 271 S. ; 24 cm. - (Anglistische Forschungen ; 120). - Zugl.: München, Univ., Philos. Fak. II, Habil.-Schr. - ISBN 3-533-02555-1 (kart.) - ISBN 3-533-02556-X (Lw.). - Eine englische Übersetzung u.d.T. The middle English mystics erschien 1981. 8 Das Buch von der mystischen Kontemplation genannt Die Wolke des Nichtwissens, worin die Seele sich mit Gott vereint / übertr. und eingeleitet von Wolfgang Riehle. - 9. Aufl. - Freiburg [Breisgau] : Johannes-Verlag Einsiedeln. 2011. - 157 S. ; 19 cm. - (Christliche Meister ; 8). - Einheitssacht.: The cloud of unknowing . - ISBN 978-3-89411-292-9 : EUR 9.50. 9 Inhaltsverzeichnis: http://d-nb.info/1000878120/04

ist als bedeutendste englische Mystikerin anzusehen, Riehle nennt sie die „liebenswerteste und originellste Erscheinung innerhalb der englischen Mystik des Mittelalters“ (S. 287). Von anderer Seite hat man ihr Werk auch als „die bedeutendste theologische Leistung des englischen Spätmittelalters“ bezeichnet, und der früheren Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, habe die Vermutung ausgesprochen, „daß wir in ihrem Werk möglicherweise überhaupt die bedeutendste Reflexion in englischer Sprache über den christlichen Glauben vor uns haben“ - Grund genug also, sich näher mit ihr zu beschäftigen (ebd.). Riehle hält es da auch nicht für übertrieben, von einer regelrechten Juliana-Industrie zu sprechen, da man ihre rekonstruierte Klause zu einer Touristenattraktion gemacht hat (vgl. auch S. 334). Auch bedeutende Romanciers wie Iris Murdoch haben sich mit Juliana auseinandergesetzt (Nuns and soldiers, 1980). Neben der Behandlung der Schriften wirft Riehle zum Abschluß dieses Kapitel noch einmal ungeklärte Fragen der Biographie Julianas auf und spekuliert darüber, welche früheren mystischen Schriften Juliana gekannt haben könnte. Juliana ist nicht zuletzt deswegen so bedeutsam, weil es ihr gelingt, was nicht bei jedem Mystiker der Fall ist, Gottesliebe und Nächstenliebe zu vereinen. Riehle setzt sich kritisch mit Auffassungen von Bernard McGinn auseinander, etwa die Ancrene Wisse sein ein Beispiel für eine „neue“ Mystik bzw. Frauenmystik. Doch sei das nicht überzeugend, weil man diese Mystik ganz aus dem Geist der zisterziensischen Spiritualität verstehen müsse (S. 430). Die Bedeutung der Zisterzienser in England wird von Riehle besonders unterstrichen. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht betont er schließlich, „daß die volkssprachliche englische Mystik mit Meisterwerken einer intellektuellen, z.T. geradezu 'wissenschaftlichen' Prosa aufwarten kann“ (S. 436). Nach dem Mittelalter ließe sich die Geschichte der englischen Mystik weiterschreiben, doch liegt das außerhalb des Fokus der vorliegenden Arbeit. Immerhin zeigt die bloße Nennung von Namen wie George Herbert, Thomas Traherne, Henry Vaughan, William Blake, Gerard Manly Hopkins, Francis Thompson und auch John Henry Newman, daß eine solche Geschichte ebenfalls reichen Ertrag bieten würde (vgl. S. 437). Das ungemein breite Wissen des Autors über die englische Mystik empfiehlt das Buch als grundlegende Lektüre für jeden, der sich überhaupt für Mystik oder das englische Mittelalter interessiert. Die umfangreichen Anmerkungen (S. 441 - 574) sowie die gegliederte Auswahlbibliographie (S. 578 - 612) machen das Buch zu einem nützlichen Hilfsmittel. Dazu kommt ein Namensregister. Das durchgängig gut lesbare Buch versteht es, ein Thema, das sowohl zur Religions-, als auch zur Literaturgeschichte gehört, so darzustellen, daß jeder, der sich vertieft damit befassen will, an dem Werk nicht vorbeikommt. Sowohl für die Bibliotheken der anglistischen wie der theologischen bzw. religionsgeschichtlichen Seminare ist die Anschaffung des Buches unverzichtbar, auch wenn man leider konstatieren muß, daß die Rolle der mittelalterlichen Literatur im Anglistik-Studium heute oft nur noch ein Schattendasein fristet. Was einem dabei entgeht, zeigt u.a. auch Riehles Buch auf vorzügliche Weise.

Till Kinzel QUELLE Informationsmittel (IFB) : digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft http://ifb.bsz-bw.de/ http://ifb.bsz-bw.de/bsz343629305rez-1.pdf



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