Die Stadt Rom im Spiegel spätantiker und frühmittelalterlicher Beschreibungen

June 7, 2017 | Author: Franz Alto Bauer | Category: Late Antique and Byzantine Studies, Byzantine Studies, Late Antiquity
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Die Stadt Rom im Spiegel spätantiker und frühmittelalterlicher Beschreibungen Fr a n z A lto Bauer

Aus Anlass des 2000. Jahrestages der Geburt des Augustus veranstaltete man 1937 in Rom eine so genannte „Mostra Augustea della Romanità“, in der die zivilisatorischen Leistungen des Imperium Romanum an einer Vielzahl von Exponaten, darunter vor allem Gipsrekonstruktionen, zur Schau gestellt wurden.1 Im Zentrum der Ausstellung stand ein Modell der Stadt Rom, das der Architekt Italo Gismondi auf der Grundlage von Rodolfo Lancianis archäologischem Stadtplan und des severischen Marmorplans im Maßstab 1:250 anfertigte (Taf. 18b).2 Das berühmte Modell, das heute im Museo della Civiltà Romana im Stadtviertel Esposizione Universale di Roma (EUR), also dem geplanten Weltausstellungsgelände des Jahres 1942, gezeigt wird, gibt Rom zur Zeit Konstantins des Großen (306–337) wieder. Angeblich habe die Stadt zu dieser Zeit die größte Ausdehnung gehabt.3 Zugleich bildete die Regierungszeit des ersten christlichen Herrschers eine geeignete Obergrenze für die römische Antike, zu deren Glorifizierung die „Mostra Augustea della Romanità“ ja gedacht war. Der zeitlichen Eingrenzung der Stadtplastik entsprechend finden wir auch die wichtigsten innerstädtischen Bauprojekte Konstantins nachmodelliert, den 315 vollendeten Konstantinsbogen beim Kolosseum oder die auf dem Quirinal gelegenen Konstantinsthermen. Selbst bedeutende Bildwerke im öffentlichen Raum wurden nachgeformt, etwa der am Zuweg zum Severusbogen errichtete equus Constantii, also das Reiterstandbild Konstantius’ II., des Sohns Konstantins. Sucht man nun als weiteres innerstädtisches Bauprojekt die unmittelbar nach 312 begonnene Lateransbasilika im Südosten der Stadt, so wird man enttäuscht: Dort, wo der christliche Kultbau zu finden sein sollte, sieht man die castra equitum singu-

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Die folgenden Ausführungen gehen teilweise auf meine Habilitationsschrift „Das Bild der Stadt Rom im Frühmittelalter. Papststiftungen im Spiegel des Liber Pontificalis von Gregor III. bis zu Leo III.“ (Wiesbaden 2004) zurück, auf die in den Anmerkungen nicht mehr eigens hingewiesen wird. Hierzu ausführlich F. Scriba, Augustus im Schwarzhemd? Die Mostra Augustea della Romanità in Rom 1937/38 (Frankfurt am Main 1995). G. Q. Giglioli (Hrsg.), Mostra Augustea della Romanità. Catalogo 2(Rom 1938) 596–598 Nr. 60; Scriba (Anm. 1) 453f.; siehe hier auch die Beiträge Cain, Kockel, Altekamp und WulfRheidt. Mostra Augustea (Anm. 2) 596.

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larium, also die Kaserne der berittenen Gardetruppe des Maxentius, obwohl sie unmittelbar nach dem Einzug Konstantins abgerissen wurde – eben um der monumentalen Bischofskirche Roms Platz zu machen. Auch die um 320 begonnene Peterskirche am Abhang des nordwestlich der Stadt gelegenen Vatikans wurde nicht reproduziert. Statt dessen ist hier eine Rekonstruktion des neronischen Circus, des auf der Spina befindlichen Rundbaus und jener Nekropole zu sehen, in der sich das mutmaßliche Petrusgrab befand. Offenbar hatte man darauf verzichtet, Kirchen des frühen 4. Jahrhunderts in das Stadtmodell aufzunehmen, hatte man bewusst christliche Kultbauten aus diesem Panoptikum römischer Zivilisationsleistung ausgeblendet. Eine antikirchliche Haltung war dafür nicht verantwortlich, da dem frühen Christentum innerhalb der Ausstellung ein eigener Raum zugestanden wurde.4 Und dennoch: Hätte man auch die frühen Kirchenbauten im Stadtmodell reproduziert, so wären die Grenzen zwischen Antike und Mittelalter verschwommen, dann wäre eben jene Religion in dem Stadtmodell manifest geworden, die man unterschwellig für den Niedergang der antiken Kultur verantwortlich machte. Und so wurde ein Bild der Stadt Rom entworfen, das es zu keinem Zeitpunkt so gab, eine Stadt, die frei war von den Kirchenbauten Konstantins, die aber die Profanbauten dieses Kaisers sehr wohl besaß, da man Ehrenbogen und Thermen als notwendigen Bestandteil der antiken Stadt empfand. Ein ganz andersartiges Bild der Stadt Rom zeigte man im Jahre 1888 in München. Es handelte sich dabei um ein „Panorama von Rom mit dem Einzug Constantins im Jahre CCCXII“ – so der Titel –, für das eigens ein Bau mit einem überkuppelten, kreisrunden Innenraum von 35 m Durchmesser errichtet wurde. An der 15 m hohen umlaufenden Innenwand wurde eine Bildfolge befestigt, die, vom Zentrum des Raums betrachtet, dem Betrachter das Gefühl gab, angeblich vom Kapitol auf die Stadt zu blicken (Faltblatt 1).5 Rom war in diesem Panorama kein Exponat, das man von allen Seiten betrachten konnte; vielmehr umfing die Stadt nun den Besucher des Panoramas, umgab ihn mit der Illusion, sich in einer antiken Metropole zu befinden. Der Besucher des Panoramas tauchte für die Dauer seines Aufenthalts in die Vergangenheit ein, wurde zum Zeitzeugen eines bestimmten historischen Ereignisses. Ähnlich verfuhr Yadegar Asisi bei der Realisierung seines Rom-Panoramas im Panometer von Leipzig im Jahr 2005:6 Im Innern des einst als Gasometer genutzten Rundbaus wurde ein Gerüst mit einer zusammenhängenden Folge von Bildern überzogen, die eine Rundumansicht des alten Rom ergaben. Im Zentrum des Raums er-

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Mostra Augustea (Anm. 2) 328–361; Scriba (Anm. 1) 116–122. 427. J. Bühlmann, Rom mit dem Triumphzuge Constantins im Jahre 312. Abgekürzte Beschreibung des Rundgemäldes von Prof. Josef Bühlmann und Prof. Alexander von Wagner (München 1890); W. Schäche, Josef Bühlmann und Alexander von Wagner – die Schöpfer des Rom-Panoramas von 1888, in: Y. Asisi (Hrsg.), Rom CCCXII (Leipzig 2006) 15–26; siehe auch die Beiträge Cain und Kockel. Verschiedene Beiträge in: Asisi (Anm. 5).

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hob sich eine Plattform, die den Betrachter in die Lage versetzte, auf die Stadt Rom am 27. Oktober 312 zu blicken. Rom sollte nicht als steriles, menschenloses Bautenmeer gezeigt werden, sondern als Kulisse für einen pompösen Aufzug, der dem RomPanorama etwas Momenthaftes verlieh. Die Truppen Konstantins ziehen in das eroberte Rom ein, das Volk ist auf den Straßen. Großstadtlärm erfüllt den Raum, durch das langsame Absenken und Steigern der Beleuchtung wird der Ablauf eines Tages simuliert. Der Betrachter befindet sich in Rom. In diesen verschiedenen Arten von Rombildern unterstellte man der Stadt jeweils etwas, was man in ihr sehen wollte: das eine Mal einen bestimmten Tag in der Geschichte der Stadt Rom, in den man als Zuschauer eines kaiserlichen Einzugs eintaucht, das andere Mal einen konsultierbaren Beleg für die Größe römischer Kultur am Ausgang der Antike, in sich zeitlos, ohne dass sich der christliche Fortgang der Geschichte und damit der Niedergang Roms ankündigte. Entsprangen die illusionistischen Panoramen dem Wunsch nach einer momentanen Auskoppelung aus dem ‚Jetzt‘, nach einer Zeitreise in die Vergangenheit, so präsentiert sich das Stadtmodell Roms als analytisch erfassbares Exponat, als dauerhafte Maßgabe für die Erneuerung Italiens unter dem Faschismus. Je nach politischen Rahmenumständen, nach aktuellen Konzepten der Vergegenwärtigung, nach der Erwartungshaltung des Betrachters ändert sich das Bild der Stadt Rom. Und entsprechend muss man sich fragen, welche Bedürfnisse des vergangenen Betrachters sich in seinem Bild der Stadt Rom spiegelten. Welches Bild der Stadt legte sich also der Römer der Spätantike und des frühen Mittelalters zurecht?

Stadtpläne und -beschreibungen: von der Dokumentation zum Lob auf Rom Zur Zeit Konstantins des Großen kompilierte man zwei Stadtbeschreibungen, die „Notitia Urbis Romae“ und das „Curiosum Urbis Romae“.7 Beide Texte listen Region für Region die wichtigsten Baulichkeiten und Lokalitäten auf, gefolgt von einem Überblick über die Anzahl bestimmter öffentlicher Bautypen, aber auch Ämter. Es wird für jede Region die Anzahl der vici, der aediculae, der insulae und domus genannt, aber auch die Zahl der horrea, balnea, lacus und pistrina. Die Listen enden jeweils mit einer Angabe des Umfangs der einzelnen Regionen. Merkwürdigerweise nennen auch „Notitia“ bzw. „Curiosum“ zwar mehrere Profanbauten Konstantins, nicht aber die innerstädtische Lateransbasilika. Dies hat zur Vermutung geführt, man 7

A. Nordh, Libellus de regionibus urbis Romae (Lund 1949) 73–106; R. Valentini – G. Zucchetti, Codice topografico della città di Roma I (Rom 1940) 89–190; zuletzt R. Behrwald, Die Stadt als Museum? Die Wahrnehmung der Monumente Roms in der Spätantike. Klio Beih. 12 (Berlin 2009) 185–211 (mit von der bisherigen Forschung abweichender Datierung).

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habe in konstantinischer Zeit eine bestehende, ältere Liste um Bauten des regierenden Kaisers erweitert, die Kirchen aber weggelassen, weil die Kompilatoren heidnisch waren und jeden Hinweis auf den neuen Glauben tilgen wollten.8 Damit ist bereits die Frage nach dem Sinn und Zweck dieses Schriftstücks gestellt: Zunächst sah man in „Notitia“ und „Curiosum“ administrative Dokumente, die in einem Katasteramt Verwendung fanden.9 Andere sprachen den Listen auch einen propagandistischen und ideologischen Wert zu.10 Javier Arce hat vor wenigen Jahren gar die Ansicht vertreten, die Texte seien rein panegyrischer Natur.11 Er spricht den Zahlen jeden Realitätsgehalt ab, sieht sie als fiktiv an; ihre Funktion bestünde darin, auf pseudoobjektive Art und Weise den Bautenreichtum Roms zu rühmen. Damit trifft Arce die Intention dieser Texte sehr genau, doch müssen die Zahlen deswegen noch lange nicht fiktiv sein: Die Fußangaben am Ende der Auflistung oder die Angaben zum Umfang der Regionen, zur Anzahl der domus und insulae besitzen eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, sind also keinesfalls aus der Luft gegriffen. Vermutlich hatte man also ein älteres Dokument mit zunächst administrativem Zweck nachträglich in die uns vorliegende Liste umgewandelt, um Angaben zu einzelnen Monumenten ergänzt und so eine ‚Beschreibung‘ verfasst, die geeignet war, den potentiellen Leser zu beeindrucken. Es sollte der Bauten- und Statuenreichtum der Stadt verdeutlicht werden, sollte auf die Bevölkerungsdichte verwiesen werden, kurzum, es sollte allein durch die Fülle an Namen, Bauten, Bautypen und Ziffern ein staunenswertes Bild der Großstadt Rom entworfen werden. In seiner Intention nicht unähnlich ist der severische Marmorplan der Stadt Rom.12 Der ursprünglich ca. 13,00 × 18,10 m große Marmorplan scheint auf den ersten Blick einen getreuen Abriss des kaiserzeitlichen Rom darzustellen, präzise die Großstadtbebauung widerzuspiegeln (Abb. 1a-b). Und doch wurde der Plan nie in dieser Detailliertheit konsultiert. Der Plan war an der Rückwand eines Seitensaals des Frie8

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Vgl. etwa A. Piganiol, La propagande paienne à Rome sous le Bas-Empire, JSav 1945, 19–28. bes. 27. H. Jordan, Topographie der Stadt Rom im Alterthum II (Berlin 1871) 75–138 (mit Diskussion der älteren Literatur); R. Lanciani, Ricerche sulle XIV Regioni urbane, BCom 18, 1890, 115–137. bes. 125–127; Valentini – Zucchetti (Anm. 7) 67–69; C. Nicolet, L’inventaire du monde (Paris 1988) 212–213; ders., La Table d’Héraclée et les origines du cadastre romain, in: L’Urbs. Espace urbain et histoire. Actes du Colloque international, Rome, 8–12 mai 1985 (Rom 1987) 1–25. bes. 25; A. Chastagnol, Les régionnaires de Rome, Entretiens sur l’antiquité classique 42, 1996, 179–192. bes. 184–185. G. Hermansen, The Population of Imperial Rome: The Regionaries, Historia 27, 1978, 129–168, hier 134–137. J. Arce, El inventario de Roma: Curiosum y Notitia, in: W. V. Harris (Hrsg.), The Transformations of Urbs Roma in Late Antiquity, JRA Suppl. 33 (Portsmouth 1999) 15–22. Grundlegend: G. Carettoni – A. M. Colini – L. Cozza – G. Gatti (Hrsg.), La pianta marmorea di Roma (Rom 1960); E. Rodriguez-Almeida, Forma Urbis Marmorea. Aggiornamento generale 1980 (Rom 1981).

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densforums angebracht, wie aus dem Fundort der Fragmente sowie den noch heute erhaltenen Befestigungslöchern an eben dieser Wand hervorgeht. Der Betrachter mochte zwar auf den unteren Partien des Plans Einzelheiten erkannt haben, die oberen Partien aber verschwammen zu einem verwirrenden Gesamtbild von Grundrissen und Straßenzügen, die nur oberflächlich rezipiert werden konnten (Abb. 2). Es waren nicht die Detailinformationen, es war die Fülle an Details, welche die Wirkung dieses Plans ausmachte. So geizt der Plan mit weitergehenden Informationen: Die Inschriften nennen nur bedeutende Baulichkeiten; Hinweise auf Besitzverhältnisse fehlen völlig, ebenso auch Angaben der Regionengrenzen. Daher konnte die Forma Urbis Severiana kaum als Katasterplan oder Register für die kaiserliche Verwaltung dienen.13 Was aber kann dann der Zweck dieses monumentalen Marmorplans gewesen sein? Vergleicht man nun den severischen Marmorplan mit älteren Marmorplänen der Stadt Rom, so lässt sich eine ähnliche Entwicklung von der praktischen Anwendung zur panegyrischen Huldigung an Rom fassen. So folgt das Fragment eines im selben Maßstab ausgeführten Marmorplans, das 1983 in der Via Anicia in Trastevere gefunden wurde und Teil eines älteren Marmorplans ist, ganz anderen Darstellungskonventionen (Abb. 3a-b).14 Es zeigt im unteren Bereich eine gebrochene Linie und darüber, rechts, eine Umfriedung, bei der offenbar eine Art Pilaster- oder Halbsäulengliederung angegeben ist.15 Vielleicht handelt es sich um eine Tempelanlage.16 Weiter oben durchzieht eine weitere Linie die Tafel. Diese weist an ihrer Oberseite eine regelmäßige Folge von rechteckigen Eintragungen auf; an den Unterbrechungen der Linie können diese Eintragungen L-Form besitzen. Wenn die zungenförmigen Eintragungen in der Umfriedung rechts unten vorgelagerte Halbsäulen meinen, 13

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So etwa O. A. W. Dilke, Roman Large-scale Mapping in the Early Empire, in: J. B. Harley – D. Woodward (Hrsg.), The History of Cartography I: Cartography in Prehistoric, Ancient and Medieval Europe and the Mediterranean (Chicago 1987) 212–233. bes. 227; G. Gatti, Data, scopo e precedenti della pianta, in: Carettoni – Colini – Cozza – Gatti (Anm. 12) 211–218. bes. 214–216. M. Conticello de’ Spagnolis, Il tempio dei Dioscuri nel Circo Flaminio. Lavori e Studi di Archeologia 4 (Rom 1984); F. Castagnoli, Un nuovo documento per la topografia di Roma antica, StRom 33, 1985, 205–211; E. Rodríguez-Almeida, Un frammento di una pianta marmorea di Roma, JRA 1, 1988, 120–131; F. Coarelli, Le plan de Via Anicia: un nouveau fragment de la Forma Marmorea de Rome, in: F. Hinard – M. Rovo (Hrsg.), Rome. L’espace urbain & ses représentations (Rom 1991) 65–81; E. Rodríguez-Almeida, Formae Urbis Antiquae. Le mappe marmoree di Roma tra la repubblica e Settimio Severo, CEFR 305 (Rom 2002) bes. 43–49; T. Najbjerg – J. Trimble, Ancient Maps and Mapping in and Around Rome, JRA 17, 2004, 577–583, hier 579–580; R. Meneghini – R. Santangeli Valenzani (Hrsg.), Formae Urbis Romae. Nuovi frammenti di piante marmoree dallo scavo die Fori Imperiali, BCom Suppl. 15 (Rom 2006) 26–27. Genaue Beschreibung bei Rodríguez-Almeida, Formae Urbis (Anm. 14) 44–47. Der Bau wurde von Rodríguez-Almeida, Formae Urbis (Anm. 14) 49 als statio alvei Tiberis identifiziert, von P. L. Tucci hingegen als ‚Museum‘, in dem das Schiff des Aeneas gezeigt wurde (P. L. Tucci, Dov’erano il tempio di Nettuno e la nave di Enea, BCom 98, 1997, 15–42).

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a: Marcellustheater und Porticus Octaviae Abb. 1a und b Rom, Kapitolinische Museen: Fragmente des severischen Marmorplans.

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b: nicht identifizierte Wohnbauten

dann liegt es nahe, in den rechteckigen Eintragungen Pfeiler und Eckpfeiler zu sehen. Das Ganze könnte dann eine Portikus sein, die sich nach Süden öffnet, also den rückwärtigen Tabernae vorgelagert ist. Die Knicklinie wäre also keine architektonische Begrenzung, sondern eine Art Grundstücksbegrenzung. Dafür sprechen auch die Zahlenangaben unter der Linie: Wir lesen 99, 6, 54 und 51. Das entspricht genau den Sektoren der Portikus: Bis zu dem Tordurchgang sehen wir den rechten Teil eines insgesamt 99 Fuß langen Abschnitts, der Durchgang selbst ist offenbar 6 Fuß breit. Von dort bis zum nächsten Knick sind es 54 Fuß, und von diesem Knick bis zum nächsten Durchgang 51 Fuß. Dann kommt ein längerer Abschnitt, dessen Längenangabe vermutlich außerhalb des Fragments gelegen war. Vergleichbare Längenangaben finden wir auch auf einem weiteren Planfragment, wo offenbar die Breite von tabernae angegeben war.17 Es könnte sich also bei den Angaben auf dem Planfrag17

So genannter Plan der Via della Polveriera: Rodríguez-Almeida, Formae Urbis (Anm. 14) 41–43; Meneghini – Santangeli Valenzani (Anm. 14) 27–28.

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Abb. 2 Anbringung des Severischen Marmorplans (Rekonstruktion nach H. v. Hesberg)

ment der Via Anicia um Besitzangaben handeln, die mit den rückwärtigen tabernae zu tun haben. Die Inschrift in den tabernae wiederum lässt uns wissen, dass die Besitzerin eine Gesellschaft unter der Leitung einer Cornelia war. Hinter den tabernae und verteilt auf Grundstücke, die durch schmale Gassen begrenzt werden, ist ein offenbar teilweise überdachtes Areal zu erkennen, dessen fragmentarische Beischrift keine Identifikation mehr erlaubt. Oben folgen weitere tabernae mit Portikus, deren Grundstück wieder exakt durch eine Linie zur Straße abgegrenzt ist. Rechts folgt ein querrechteckiger Bau mit Vorhalle und Freitreppe, der als Tempel des Castor und Pollux bezeichnet ist: Die Kultbildbasis ist eingetragen, ebenso die einzelnen Säulen, Treppenstufen und der vorgelagerte Altar. Die gebündelten Linien, die den Bau umziehen, markieren nicht nur das Grundstück, sondern, wie es scheint, auch das erhöhte Podium. Glücklicherweise haben sich, wie F. Castagnoli als Erster erkannte, Teile desselben Ausschnitts auch auf dem severischen Marmorplan erhalten, allerdings nur die taber-

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Abb. 3a und b Rom, Museo Nazionale Romano (Lapidarium): Fragment eines Marmorplans des 2. Jahrhunderts („Pianta di Via Anicia“) mit Grundriss des Dioskurentempels am Circus des Flaminius und benachbarter Bauten (Umzeichnung nach E. Rodríguez-Almeida)

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Abb. 4 Rom, Kapitolinische Museen: Fragmente 32 g, h und i des severischen Marmorplans mit Grundriss von tabernae und vorgelagerter Portikus

nae mit der vorgelagerten Portikus und ein kleiner Abschnitt des tempelartigen Baus in einer Umfriedung (Abb. 4).18 Vergleicht man beide Pläne, dann fällt auf, dass der severische Plan trotz gleichen Maßstabs viel ungenauer ist: Während der ältere Plan durchaus Auskunft über Größen- und bestehende Besitzverhältnisse geben konnte,19 sind auf der Forma Urbis Severiana die Umfriedungen nur summarisch eingezeichnet, wird auf architektonische Details und Längenangaben weitgehend verzichtet, bleiben die Besitzverhältnisse unklar.20 Eine Konsultation des severischen Plans im Detail machte keinen rechten Sinn; seine Wirkung und Aussage entfalteten sich in der Gesamtschau, in der optischen Erfassung der Summe stadtrömischer Bebau18

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Forma Urbis Severiana, Fragmente 32 g, h und i; Castagnoli (Anm. 14) 205–211, hier 209–211; Rodríguez-Almeida (Anm. 14) 120–131, hier 122–126; E. Rodríguez-Almeida, Forma Urbis Marmorea. Aggiornamento generale 1980 (Rom 1981) 116 mit Taf. 23–24; Rodríguez-Almeida, Formae Urbis (Anm. 14) 47. Es ist hier nicht der Ort, die komplexe Diskussion um die frühen Marmorpläne aufzugreifen. E. Rodríguez-Almeida zufolge gehen diese auf einen augusteischen Stadtplan zurück, der im Zuge der Regioneneinteilung und der administrativen Reform der Stadt entstand. Eine ausführliche und m.E. berechtigte Kritik an dieser Position bieten Najbjerg – Trimble (Anm. 14) 577–583. Vgl. Coarelli (Anm. 14) 65–81, hier 69; vgl. hierzu zuletzt T. Najbjerg – J. Trimble, The Severan Marble Plan since 1960, in: Meneghini – Santangeli Valenzani (Anm. 14) 75–101, hier 95–96.

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ung.21 Wie die spätantiken Stadtbeschreibungen ältere Schriftstücke rezipieren, so geht auch der severische Marmorplan auf ältere Stadtpläne zurück, vereinfacht sie aber, reduziert Detailinformationen zugunsten eines Panoramas der Bautenfülle. Dahinter verbirgt sich ein Lob auf die Stadt, deren zivilisatorische Höhe und Bedeutung beide Medien vor allem durch gebündelte Auflistung vermitteln wollen. Parallel zu dieser Panegyrisierung des Bilds der Stadt Rom findet ein allgemeiner Prozess der Abstrahierung statt, eine Definition der Bedeutung der Stadt Rom nach bestimmten Bauten- und Monumentenkategorien, die nicht mehr topografisch-geografisch organisiert, sondern listenförmig erfasst werden. Eine solche Liste ist der „Laterculus“ des Polemius Silvius aus der Mitte des 5. Jahrhunderts, der eine knappe Auflistung von Hügeln, Örtlichkeiten, Bauten, Wohnanlagen und Aquaedukten bietet und auf der Grundlage eines den Regionenverzeichnissen verwandten Dokuments entstanden sein dürfte.22 Abermals geht es um eine Darlegung der Bedeutung Roms am Beispiel der wichtigsten Toponyme, Bautenkategorien und Großbauten, wobei in enzyklopädischer Weise die für das Stadtbild Roms typischen Elemente systematisiert werden. Die Zahlen suggerieren in diesem nichttopografischen Zusammenhang nur mehr Pseudogenauigkeit. Und so werden sie gelegentlich auch durch „tot“ ersetzt, also: „so viele“. Eine weitere, wenn auch umfangreichere Liste muss im späten 6. Jahrhundert einem uns unbekannten Verfasser einer „Beschreibung Roms“ vorgelegen haben. Dieser Text wurde früher dem Bischof von Mytilene, Zacharias, zugeschrieben, hat sich aber als anonymes Werk des späten 6. Jahrhunderts erwiesen.23 Absicht des Verfassers war die Vergegenwärtigung der Schönheit, des Wohlstands und der Annehmlichkeiten, die Rom zu bieten hatte:24 „Die Erzählung über die Zierde der Stadt lautet wie

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Vgl. L. Taub, The Historical Function of the Forma Urbis, Imago Mundi 45, 1993, 9–19; F. Kolb, Rom. Die Geschichte der Stadt in der Antike (München 1995) 23–24; K. Brodersen, Terra Cognita. Studien zur römischen Raumerfassung (Hildesheim 1995) 236; Chr. Hänger, Die Welt im Kopf. Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich (Göttingen 2001) 40–41; H. v. Hesberg, Römische Grundrißpläne auf Marmor, in: Bauplanung und Bautheorie in der Antike. Kolloquium vom 16.11. bis 18. 11. 1983 in Berlin, Diskussionen zur archäologischen Bauforschung 4 (Berlin 1984) 120–133; D. W. Reynolds, Forma urbis Romae: the Severan marble plan and the urban form of ancient Rome (Ann Arbor 1996) 115–134; vgl. hierzu zuletzt T. Najbjerg – J. Trimble, The Severan Marble Plan since 1960, in: Meneghini – Santangeli Valenzani (Anm. 14) 75–101, hier 97–98. Ediert bei Th. Mommsen, Chronica Minora I, MGH AA IX (Hannover 1892) 545–546; Valentini – Zucchetti (Anm. 7) 305–310. Ediert bei Zacharias Rhetor, Hist. Eccl. (= CSCO Script. Syri 42), ed. E. W. Brooks (Löwen 1953) 131–134; Valentini – Zucchetti (Anm. 7) 320–334. I. Guidi, Il testo siriaco della descrizione di Roma nella storia attribuita a Zaccaria Retore, BCom 12, 1884, 218–238. Zacharias Rhetor, Hist. Eccl. 13126-1325 ed. Brooks (= Valentini – Zucchetti [Anm. 7] 330): Narratio autem ornamentorum urbis sermone succinto data ita se habet, de opulentia eorum et de felicitate eorum multa ac praestante, ex luxibus eorum et voluptatibus magnis et splendidis, ut

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folgt: nämlich der Reichtum der Römer, ihr großes und außerordentliches Glück, ihr Luxus und großes und vortreffliches Vergnügen, wie es einer großen und wundersamen Stadt eignet. Die Einzigartigkeit der Zierde der Stadt ist nämlich wie folgt, ohne daß die Schönheit im Inneren der Häuser und die Pracht der Säulen in ihren Atrien und Peristylen, ihrer Treppen und außerordentlichen Höhe eingerechnet sind, wie es sich gehört für eine Stadt von wundersamer Größe.“ Es ging also auch Pseudo-Zacharias nicht um eine Erfassung der Stadt unter administrativen Gesichtspunkten, sondern um eine Darlegung der Pracht und Annehmlichkeiten, die sich in der Fülle der Bauten und Monumente, vor allem aber Statuen äußern. Zugleich spielt nun auch die Stadtbefestigung eine Rolle: Auf die Nennung der 37 Stadttore Roms folgen eine fiktive Angabe des Durchmessers (12 Meilen) und des Umfangs der Stadt, der mit 217036 Fuß, angeblich 40 Meilen, viel zu hoch gegriffen ist. In der Vorstellung des Kompilators wurde Rom zum klar abgegrenzten Ganzen. In den Stadtbeschreibungen lag die Betonung zunächst auf den antiken Prachtbauten, heidnischen wie profanen Ursprungs, artikulierte sich gerade in diesen der urbane Charakter Roms. Erst nach und nach gewannen auch die Kirchen und christlichen Kultstätten an Bedeutung als Merkmale einer Metropolis und flossen in bestehende Listen ein. Die Liste des Pseudo-Zacharias nennt unmittelbar nach dem Vorwort „ecclesiae apostolorum beatorum ecclesiae catholicae XXIV“, also 24 katholische Kirchen der heiligen Apostel – eine Zahl, die nicht so recht zu erklären ist, am ehesten noch als Doppelung der Zwölfzahl der Apostel. Der Bautenpreis Roms wird also nicht mehr eingeleitet von den Monumenten der Vergangenheit, sondern von einem Verweis auf Kirchen, die in den älteren Kompendien geradezu unterdrückt zu sein scheinen. Welch tief greifender Wandel in der Wahrnehmung der Stadt mit der Einführung christlicher Verehrungsstätten in Rombeschreibungen einhergeht, beleuchtet die bereits erwähnte Liste des Polemius Silvius aus der Mitte des 5. Jahrhunderts. Hier wird gegen Ende der Liste jeweils die Anzahl der insulae, der öffentlichen Getreidespeicher und der Häuser der Aristokratie genannt. Dann folgt der Verweis auf die „fanorum aedis atque pestrina sive religiosa aedificia cum innumeris cellolis martyrum consecratis“ – also „die Göttertempel, Bäckereien und religiösen Bauten mit unzähligen den Märtyrern geweihten Räumen“. Hier geht es also nicht um die Kirchenbauten an sich, sondern bereits um die Bedeutung, die diese aus der Präsenz eines Märtyrers gewinnen. Damit verlagert sich die Bedeutung der Stadt Rom auf den Bereich vor den Mauern, da bis ins Frühmittelalter die Verehrungsstätten der Märtyrer an den Ausfallstraßen lagen, an den Orten ihrer Bestattung. Hier empfingen sie nicht nur die Verehrung der lokalen Bevölkerung, sondern auch einer wachsenden Zahl von Rompilgern, die für die Etablierung eines abstrakten, eher symbolhaften Bilds der Stadt Rom im Frühmittelalter entscheidend waren. in urbe magna mirae amplitudinis. Est vero praestantia ornatus eius ita, praeter pulcritudinem quae intra domos est, ei aedificationem amplam columnarum atriorum eorum ei villarum eorum, et scalarum eorum ei altitudinem eorum sublimem’ ut in urbe illa mirae amplitudinis.

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Desinteresse am Stadtinneren? Frühmittelalterliche Itinerare Das gewachsene Interesse an den vorstädtischen Märtyrerheiligtümern im Frühmittelalter ist Ursache für die Entstehung einer Gattung von Quellen, die oft als Itinerare, ja gar als Pilgerführer bezeichnet wurde und wird. Tatsächlich haben diese ‚Itinerare‘ nur selten einen praktischen Zweck; in der Regel handelt es sich um Verzeichnisse, die kaum topografische Informationen für auswärtige Besucher bieten. In den Jahren um 600 n. Chr. reiste im Auftrag der langobardischen Königin Theodelinde (589–626) ein Mönch namens Johannes nach Rom. Sein Auftrag war es, Reliquien der römischen Märtyrer nach Monza, der Hauptstadt des Langobardenreichs, zu bringen. An eine Translation von Primärreliquien war nicht zu denken, da man gerade in Rom die Intaktheit der Heiligenleiber besonders hoch veranschlagte. Also begnügte sich Johannes damit, den Lampen, die vor den Heiligengräbern brannten, Öl zu entnehmen und es als flüssige Kontaktreliquie in Glasflakons zu füllen.25 Authentiken bezeugten die Herkunft der Öle, zugleich fertigte Johannes eine Liste an, die sich bis heute erhalten hat, ein Verzeichnis mit dem Titel „Notula de olea sanctorum martyrum qui Romae in corpore requiescunt“, das nach Ausfallstraßen geordnet Heiligennamen aufführt (Abb. 5).26 Wenn so auch eine itinerarähnliche Auflistung entstand, so ist doch der Zweck dieses Dokuments zunächst ein anderer, nämlich der schriftliche Nachweis der Echtheit der mitgebrachten Öl-Reliquien. Und doch konnte auch dieser Text eine Vorstellung von ‚Rom‘ evozieren, indem er auf die Vielzahl der Heiligengräber und damit auf die Präsenz zahlreicher Heiliger vor den Mauern Roms verwies. Nicht nur waren Reliquien somit konstitutiv für die Vorstellung von der Stadt Rom im Frühmittelalter, auch konnten Verzeichnisse von Reliquien zu topografischen Listen werden, zu Rombeschreibungen. Eine solche topografische Liste war auch ein im 7. Jahrhundert entstandenes Verzeichnis mit dem Titel „de locis sanctis martyrum quae sunt foris civitatis Romae“.27 Das Itinerar nennt gegen den Uhrzeigersinn Ausfallstraße für Ausfallstraße die dort gelegenen Heiligtümer, beginnend mit der an der Via Cornelia gelegenen Peterskirche. Nur selten werden geografische

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A. Sepulcri, I Papiri della Basilica di Monza e le reliquie inviate da Roma, Archivio storico lombardo 30, 1903, 241–262; B. Kötting, Peregrinatio Religiosa (Münster 1950) 239–240; A. Lipinsky, Der Theodelindeschatz im Dom zu Monza, Das Münster 13, 1960, 146–173, hier 166–167; F. A. Bauer, in: G. Alteri (Hrsg.), Carlo Magno a Roma. Ausstellungskatalog Rom (Rom 2001) 130–131 Nr. 13. Ediert bei: R. Valentini – G. Zucchetti, Codice topografico della città di Roma II (Rom 1942) 36–47; Itineraria et alia geographica (= Corpus Christianorum 175), ed. F. Glorie (Turnhout 1965) 283–295. Ediert bei: Valentini – Zucchetti (Anm. 26) 101–131; Itineraria et alia geographica (Anm. 26) 313–322; H. Geertman, More veterum. Il Liber Pontificalis e gli edifici ecclesiastici di Roma nella tarda antichità e nell’alto medioevo. Archaeologica Traiectina 10 (Groningen 1975) 200–202.

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Abb. 5 Monza, Domschatz: Papyrus mit Verzeichnis von römischen Ölreliquien (um 600)

Angaben gemacht, die das Auffinden erleichterten, etwa die Angabe der Entfernung in Meilen von Rom. Außerdem bezieht dieses Itinerar weiter entfernte Pilgerziele mit ein, so etwa die am 13. Meilenstein der Via Cornelia gelegenen Gräber der hll. Maria, Marius, Abacuc und Audifax, die sieben Meilen entfernte Generosa-Katakombe an der Via Portuense oder die bei Albano gelegene Grabstätte des hl. Senator. Somit handelte es sich nicht um eine Orientierungshilfe vor Ort, sondern um den Versuch, möglichst viele Heilige nach einem topografischen Ordnungssystem anzuführen. Wie eine solche ausführliche Wegbeschreibung aussehen kann, zeigt uns die so genannte „Notitia Ecclesiarum Urbis Romae“, ein wohl gegen Ende des Pontifikats Honorius’ I. (625–638) abgefasstes Schriftstück.28 Der Name ist missverständlich, da mit Ausnahme der Kirche Ss. Giovanni e Paolo nur extraurbane Heiligtümer aufge28

Bauer (Anm. 25) 134–135 Nr. 15. Ediert bei Valentini – Zucchetti (Anm. 26) 72–94; Itineraria et alia geographica (Anm. 26) 303–311. Zur Datierung vgl. Valentini – Zucchetti (Anm. 26) 69–70 und Geertman (Anm. 27) 198–200 (Geertman vermutet eine Datierung des Texts nach dem Pontifikat Theodors I. [642–649], was m.E. wenig plausibel ist).

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listet sind. Offensichtlich ging es hauptsächlich darum, Grabstätten der Märtyrer zu benennen und sie mit Hilfe von Wegbeschreibungen topografisch zu verankern. Richtungsangaben helfen dem Pilger bei der Orientierung. Zudem werden die an den Ausfallstraßen gelegenen Martyria nicht nur schematisch aufgelistet, sondern auch Querverbindungen zwischen den Straßen genannt, die es dem Pilger ermöglichen, auf dem Hin- und Rückweg jeweils verschiedene Ziele anzusteuern.29 Wer die Notitia las, der erfuhr nichts über die Pracht antiker Bauten. Rom wird in dieser Beschreibung als Hort verehrter Märtyrer wahrgenommen, als Heil versprechendes Pilgerziel, das seine Bedeutung nicht mehr aus einer Fülle geschichtsträchtiger Großbauten bezieht, sondern aus der Gegenwart zahlloser Heiliger. Es ist, als würde das märtyrerlose Stadtinnere überhaupt nicht existieren, als spielte es in der Wahrnehmung des frühmittelalterlichen Rombesuchers, aber auch in dem Bild, das man sich fern von Rom von der Stadt machte, überhaupt keine Rolle mehr.

Rom über die Alpen tragen: Der Anonymus Einsidlensis Überlieferungsgeschichtliche Untersuchungen zeigen, dass diese Rombeschreibungen und Itinerare im Bereich nördlich der Alpen kursiert haben müssen, da zahlreiche Abschriften gerade in den karolingischen Skriptorien Mitteleuropas entstanden sind. Dies trifft auch für das bedeutendste Schriftstück dieser Art zu, den nach seinem heutigen Aufbewahrungsort so genannten Anonymus Einsidlensis (Abb. 6).30 Diese Handschrift entstand wohl kurz vor oder um 800 im Klosterskriptorium in Fulda;31 sie besteht aus drei Teilen: einer Inschriftensammlung, einem Itinerar und einer Beschreibung der Stadtmauern Roms. Besondere Aufmerksamkeit hat stets das Itinerar, eine Sammlung von zehn ‚Wegbeschreibungen‘ hervorgerufen. Ausgangs- und Zielpunkt des jeweiligen Wegs sind in roter Majuskelschrift über die gesamte Breite der Doppelseite geschrieben. Auf der 29

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Rekonstruktion der Wege auf der Grundlage der Notitia Ecclesiarum bei F. A. Bauer, Das Bild der Stadt Rom in karolingischer Zeit: Der Anonymus Einsidlensis, RömQSchr 92, 1997, 190–228, hier 217–218; V. Fiocchi Nicolai, Sacra Martyrum loca circuire: percorsi di visita di pellegrini nei santuari martiriali del suburbio Romano, in: L. Pani Ermini (Hrsg.), Christiana Loca. Lo spazio cristiano nella Roma del primo millennio (Rom 2000) 221–230, hier 224–229. C. Hülsen, La pianta di Roma dell’Anonimo Einsidlense, Dissertazioni della Pontificia Accademia Romana di Archeologia, ser. 2, 9 (Rom 1907) 379–424; G. Walser, Die Einsiedler Inschriftensammlung und der Pilgerführer durch Rom (Stuttgart 1987); Bauer (Anm. 29) passim; ders. (Anm. 25) 136–137 Nr. 16; R. Santangeli Valenzani, Le più antiche guide romane e l’Itinerario di Einsiedeln, in: M. d’Onofrio (Hrsg.), Romei e Giubilei. Il pellegrinaggio medievale a San Pietro, 350–1350 (Rom 1999) 195–198; ders., L’Itinerario di Einsiedeln, in: M. S. Arena (Hrsg.), Roma. Dall’antichità al medioevo – archeologia e storia (Mailand 2001) 154–157. Itinerar ediert bei: Valentini – Zucchetti (Anm. 26) 169–201; Itineraria et alia geographica (Anm. 26) 329–343. Zu Entstehungszeit und -ort siehe Walser (Anm. 30) 9.

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Abb. 6 Einsiedeln, Bibliothek der Benediktinerabtei: Cod. Einsidlensis 326, fol. 79 v – 80 r: Itinerar (um 800)

linken Seite folgen nun diejenigen Monumente, die sich links des Weges befanden, auf der rechten Seite diejenigen, die man rechts des Weges sah. Die Namen der Monumente, durch die der Weg hindurchführte, etwa Bögen oder das Forum Romanum, wurden über beide Spalten geschrieben. Gerade das Itinerar wurde immer wieder als Pilgerführer angesprochen, also als Wegbeschreibung für auswärtige Besucher, die vor Ort der Orientierung bedurften.32 Dem widerspricht allerdings, dass die ‚Wegbeschreibungen‘ mit einer Ausnahme nur innerstädtische Wege wiedergeben, obwohl die für die Pilger interessanten Ziele außerhalb der Stadtmauern gelegen waren – selbst die Peterskirche fehlt in diesem Itinerar. Als Pilgerführer konnte das Itinerar – jedenfalls in der uns vorliegenden Form – kaum gedient haben. Für einen Ortsunkundigen war es wertlos, da es die Kenntnis der Monumente voraussetzt. Und wer die Monumente kannte, dem bot das Itinerar keine weiteren Informationen. Doch sind die Wegbeschreibungen wahrscheinlich auf der Grundlage ausführlicherer Itinerare erstellt und erst in einem zweiten Redaktionsvorgang auf den innerstädtischen Raum beschränkt worden.33 Dafür spricht, dass die zugehörige In32

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So etwa zuletzt Walser (Anm. 30) 159: „Die Absicht ist, den fremden Pilgern die wichtigsten christlichen Kirchen und antiken Monumente vorzustellen und die Wege, die zu ihnen führen.“ So bereits Th. Mommsen, Epigraphische Analekten 13–17, Berichte der sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Phil.-hist. Kl. 2, 1850, 287–320, hier 288 (= ders., Gesammelte Schriften 8 [Berlin 1913] 64–107, hier 65); Bauer (Anm. 29) 204–205.

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schriftensammlung Epigramme aus dem Bereich innerhalb und außerhalb der Stadt wiedergibt. Diese Inschriften gehen mehrheitlich auf Bauinschriften paganer, profaner und christlicher Bauten zurück, doch wurden auch Inschriftenbasen und Grabsteine kopiert. Fund- und Anbringungsorte der Inschriften zeigen die Aufenthaltsorte des Kopisten: er besuchte die wichtigsten Attraktionen des frühmittelalterlichen Roms, zu denen neben den Martyria auch die antiken Bauten zählen. Das Interesse des karolingischen Rombesuchers richtete sich gleichermaßen auf die Heiligen wie auf die antiken Monumente. Gerade in der Kombination von Inschriftensammlung, in der die antike und christliche Geschichte Roms besonders anschaulich wurde, und Itinerar, das, in verkürzter und schematisierter Fassung, jeweils von den Stadttoren ausgehend diese Monumente in ein pseudotopografisches Raster zwang, wurde die Fülle antiker und christlicher Bauten evoziert. Das Schriftstück entwarf ein Bild der Stadt Rom, das gerade dem Romunkundigen eine Vorstellung von der Größe der Stadt, ihrer Monumentenfülle, den dortigen antiken Bauten und christlichen Heiligtümern vermittelte. Altertum und frühes Mittelalter wurden in diesem geschriebenen Bild der Stadt Rom zu einer Einheit verwoben, das päpstliche Rom, das sich in unzähligen Kirchenbauten manifestierte, mit dem antiken Rom der alten Prachtbauten verschmolzen. Hintergrund für das Kompilat des Anonymus Einsidlensis war eine erneute geistige Ausrichtung auf Rom, dessen Schutzpatronat die Karolingerkönige übernommen hatten: Seitdem blühte das Pilgerwesen erneut auf, seitdem lässt sich aber auch ein verstärktes Interesse an Ausdrucksformen der Antike und der Spätantike beobachten, sowohl im Bereich der Architektur als auch im Bereich der Kleinkunst.

Rom als Symbol Dieses auswärtige Interesse an Rom unter den Karolingern spiegelt sich in einer frühmittelalterlichen Darstellung der Roma: Es handelt sich um die sitzende Personifikation Roms mit Speer und Schild, die – ikonografisch einzigartig – eine Art Feder oder Strahlenkrone trägt, vermutlich ein missverstandener Helm mit Federbusch (Abb. 7). Die Darstellung findet sich in einer Gruppe von Kopien der „Notitia Urbis Romae“, die auf einen heute verlorenen Speyrer Kodex karolingischer Zeit zurückgeht.34 Die Bildüberschrift lautet: „Urbs quae aliquando desolata nunc clariosior piissimo imperio restaurata“ – „Die einst verfallene Stadt ist nun prachtvoller wiederhergestellt durch die fromme Herrschaft des Kaisers.“ Gemeint sein kann nur ein Karolingerkaiser, da sonst der Hinweis auf den Verfall keinen rechten Sinn machen würde. Was aber folgt als Nachweis dieser einleitenden ‚Behauptung‘ einer karolingischen Renovatio Roms? Eine spätantike Bauten- und Monumentenliste, die zum Zeitpunkt der 34

Th. Mommsen, MGH Chronica Minora I, MGH AA IX (Hannover 1892) 529; Hermansen (Anm. 10) hier 133–134.

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Abb. 7 Paris, Bibliothèque Nationale: Cod. Paris. Lat. 9661, fol. 1r (Titelbild der Descriptio Urbis Romae)

Abschrift fast ein halbes Jahrtausend alt war! Die „Notitia Urbis Romae“ war zum ‚Beleg‘ für die Erneuerung Roms in karolingischer Zeit geworden. Ein Beleg in unserem neuzeitlichen Sinne ist das freilich nicht. Und doch schien diese Liste in den Augen des karolingischen Kopisten geeignet, eine offenbar allgemein verbreitete Vorstellung von der Erneuerung Roms zu bestätigen. Im Denken des Frühmittelalters bestand kein Widerspruch zwischen der Behauptung einer karolingischen Erneuerung und einem spätantiken Beleg: denn das Regionenverzeichnis war ebensowenig wie die karolingischen Itinerare dazu gedacht, auf topografische Informationen hin analysiert zu werden. Die Abstrahierung und Symbolisierung Roms war damit abgeschlossen: Mit der geografischen Distanz der karolingischen Schreiber zur Stadt Rom wurde es in zunehmendem Maß irrelevant, wann eine Stadtbeschreibung Roms verfasst wurde – solange sie nur Rom preist.

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Abbildungsnachweis Abb. 1a: G. Carettoni – A. M. Colini – L. Cozza – G. Gatti, La pianta marmorea di Roma antica (Rom 1955) Taf. 29 Abb. 1b: G. Carettoni – A. M. Colini – L. Cozza – G. Gatti, La pianta marmorea di Roma antica (Rom 1955) Taf. 39 Abb. 2: H. v. Hesberg, in: Diskussionen zur archäologischen Bauforschung 4, 1984, 129 Abb. 6 Abb. 3a: E. Rodríguez-Almeida, Formae Urbis Antiquae. Le mappe marmoree di Roma tra la repubblica e Settimio Severo, CEFR 305 (Rom 2002) Taf. V Abb. 3b: E. Rodríguez-Almeida, Formae Urbis Antiquae. Le mappe marmoree di Roma tra la repubblica e Settimio Severo, CEFR 305 (Rom 2002) 45 Abb. 15 Abb. 4: (21. 06. 2010) Abb. 5: P. Styger, Römische Märtyrergrüfte (Berlin 1935) Taf. 64 Abb. 6: Verf. Abb. 7: Valentini – Zucchetti (Anm. 7) Taf. 4

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