Der Wert des Marktes. Ein philosophisch-ökonomischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwar

July 7, 2017 | Author: Lisa Herzog | Category: Ethics, Markets, Hegel, Adam Smith, Karl Marx, Morality
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Die Frage nach dem moralischen Wert des Marktes stellt sich nach den Finanzkrisen der jüngsten Zeit mit besonderem Nachdruck. Sie ist aber nicht neu. Der Band beleuchtet das spannungsreiche Verhältnis zwischen Markt und Moral in Texten des politischen, ökonomischen und soziologischen Denkens von 1700 bis in die Gegenwart. Das Spektrum der Autoren reicht von Mandeville und Smith über Marx und Durkheim bis hin zu Cohen und Sen; kurze Essays skizzieren jeweils den historischen und systematischen Kontext. Ein Buch voller Argumente, die helfen, die Marktwirtschaft besser zu verstehen. Lisa Herzog ist Postdoc am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main sowie am Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« der Goethe-Universität eben dort. Promoviert wurde sie 2011 an der University of Oxford mit der Arbeit Inventing the Market. Smith, Hegel, and Political Theory. Axel Honneth ist Professor für Sozialphilosophie an der Columbia University in New York und an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main sowie Direktor des dortigen Instituts für Sozial forschung. Zuletzt erschienen: Das Recht der Freiheit. Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit (2011 und stw 2048).

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Der Wert des Marktes

Ein ökonomisch-philosophischer Diskurs vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Herausgegeben von Lisa Herzog und Axel Honneth

Suhrkamp

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-518-29665-3

suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2065 Erste Auflage 2014 © Suhrkamp Verlag Berlin 2014 © Lisa Herzog, Axel Honneth 2014 Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlag nach Entwürfen von Willy Fleckhaus und Rolf Staudt Druck: Druckhaus Nomos, Sinzheim Printed in Germany

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Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Erklärung der Wirtschaft durch Mathematik David Ricardo. Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Tugend und Eigeninteresse in der Marktgesellschaft Adam Smith. Die Theorie der ethischen Gefühle (Auszüge) Adam Smith. Der Wohlstand der Nationen (Auszüge) . . . .

Die Unvereinbarkeit von Markt und Tugend Bernard de Mandeville. Die Bienenfabel, oder: Private Laster, öffentliche Vorteile (Auszug) . . . . . . . . . .

Lisa Herzog. Einleitung: Die Verteidigung des Marktes vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart . . . . . . . . . . . . . .

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Die minimalen Aufgaben des Staates Friedrich August von Hayek. Der Weg zur Knechtschaft (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Teil I: Rechtfertigung

Der ökonomische Blick auf den Menschen Gary S. Becker. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens (Auszüge) . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die Popularisierung des Marktabsolutismus Rose und Milton Friedman. Chancen, die ich meine. Ein persönliches Bekenntnis (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . .

Teil II: Kritik

Axel Honneth. Einleitung: Die Kritik des Marktes vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die Rolle der Berufsvereinigungen für die Moralisierung des Marktes Émile Durkheim. Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften (Auszüge) . . . . . . . 420

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Lassen sich Produktion und Umverteilung trennen? John Stuart Mill. Grundsätze der politischen Ökonomie, nebst einigen Anwendungen derselben auf die Gesellschaftswissenschaften (Auszug) . . . . . . . . .

Die moralischen Grenzen des »homo oeconomicus« Amartya K. Sen. Rationalclowns: Eine Kritik der behavioristischen Grundlagen der Wirtschaftstheorie

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Die Ausbeutung des Proletariats und die Hoffnung auf vermenschlichte Arbeit Karl Marx. Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844 (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Karl Marx. Das Kapital (Auszüge) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206

Welche Güter sollen in Märkten gehandelt werden? Samuel Bowles. Was Märkte können – und was nicht . . . . .

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Die Folgen des Wettbewerbs für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft Louis Blanc. Organisation der Arbeit (Auszug) . . . . . . . . . .

Die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Weltfrieden Rosa Luxemburg. Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus (Auszug) 234

Kategorien für die Gefährlichkeit von Märkten Steven Lukes. Invasionen des Marktes . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Warum der Markt abgeschafft gehört Michael Albert. Parecon: Leben nach dem Kapitalismus (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Freiheit versus Privateigentum Gerald A. Cohen. Kapitalismus, Freiheit und das Proletariat

Die Entbettung des Marktes Karl Polanyi. Aristoteles entdeckt die Volkswirtschaft . . . . .

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Die Unmenschlichkeit kommodifizierter Arbeit John Ruskin. Diesem Letzten. Vier Abhandlungen über die ersten Grundsätze der Volkswirtschaft (Auszug) . . . . . . . . . . . . 250

Unterstützt oder untergräbt der Markt die Moral? Albert O. Hirschman. Der Streit um die Bewertung der Marktgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Märkte als Koordinations- oder Anreizsysteme John E. Roemer. Ideologie, soziales Ethos und die Finanzkrise (Auszug) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 609

Freiwillige und unfreiwillige Flexibilität in den Spielarten des Kapitalismus Albena Azmanova. Soziale Gerechtigkeit und die verschiedenen Varianten des Kapitalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 577

Marktermöglichende, marktbegleitende und marktbeschränkende Moral Jens Beckert.Die sittliche Einbettung der Wirtschaft. Von der Effizienz- und Differenzierungstheorie zu einer Theorie wirtschaftlicher Felder . . . . . . . . . . . . . . Teil III: Vermittlung

Lisa Herzog und Axel Honneth. Einleitung: Versuche einer moralischen Einhegung des Marktes vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Notwendigkeit der Vermittlung in der bürgerlichen Gesellschaft Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Grundlinien der Philosophie des Rechts (Auszüge) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 382

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Textnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Alternative Wirtschaftsformen innerhalb marktwirtschaftlicher Gesellschaften Eric Olin Wright. Die Überwindung des Kapitalismus . . . . 668

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Vorwort

Spätestens seit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise ist die Frage nach der sozialen Rolle und dem moralischen Wert des Marktes wieder ins öffentliche Bewusstsein getreten. Zwar mag die große Systemalternative von Plan- oder Marktwirtschaft weggefallen sein, damit aber ist die Herausforderung vielleicht sogar noch gewachsen, Märkte auf ihre Verträglichkeit mit den Prinzipien demokratischer Gesellschaften hin zu befragen. Die Geschichte des politischen, ökonomischen und soziologischen Denkens enthält einen reicheren Fundus an Überlegungen zu dieser Frage, als heute häufig bekannt ist; hier finden sich von Beginn an eine Reihe von Erwägungen darüber, ob und unter welchen Umständen Märkte aus einer normativen Perspektive gerechtfertigt werden können und wo ihnen gegebenenfalls Grenzen gesetzt werden müssen. Für unsere heutigen Diskussionen sind diese in der Vergangenheit entwickelten Argumente von größter Aktualität, denn entweder formulieren sie weiterhin relevante Gesichtspunkte, oder sie beherrschen unbewusst die öffentlichen Vorstellungen vom Markt. Das Ziel unseres Bandes ist es daher, das kulturelle Erbe dieses transdisziplinären Diskurses über den Markt wieder stärker ins Bewusstsein zu heben und für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Um dem damit umrissenen Ziel gerecht zu werden, haben wir uns um eine möglichst repräsentative Zusammenstellung von Texten bemüht, in denen der moralische Wert des Marktes vom 18. Jahrhundert bis in die jüngere Gegenwart hinein diskutiert wurde. Dabei sind wir insofern der Hegelschen Verfahrensweise gefolgt, als wir die Texte entlang den drei Stufen der Rechtfertigung (I), der Kritik (II) und schließlich der Vermittlung und Differenzierung (III) gegliedert haben. In den Einleitungen zu den drei Teilen unternehmen wir den Versuch, einen knappen Überblick über den jeweiligen Strang des politischen und ökonomischen Denkens zu geben und die abgedruckten Texte darin zu verorten; auf diese Weise hoffen wir einen Sinn für größere Denkhorizonte zu schaffen und das Bewusstsein für wirkungsgeschichtliche Zusammenhänge zu erhöhen. Ein schwieriges Problem bei der Auswahl der Texte bestand allerdings darin, deren Relevanz für die Gegenwart rich-

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tig einzuschätzen und die Bedeutung der Autorinnen und Autoren in ihrem jeweiligen Kontext angemessen zu beurteilen. So wurden gerade in der ökonomischen Theorie manche bahnbrechenden Argumente nur in der Gestalt hoch formalisierter oder technischer Texte bekannt, so dass sie ohne mathematische Vorbildung kaum zugänglich sind; wieder andere Theorien werfen das Problem auf, dass sie nicht in kürzeren Essays oder in sinnvoll abgrenzbaren Textausschnitten formuliert sind und deshalb hier kaum repräsentiert werden können. Das alles verleiht den Entscheidungen für die im vorliegenden Band versammelten Texte ein Element der subjektiven Willkür; gleichwohl hoffen wir, mit unserer Auswahl wesentliche Stränge der Diskussion erfasst zu haben. Insgesamt soll der Band dazu beitragen, die inzwischen wieder breit geführte Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen des Marktes mit der erforderlichen Ausgewogenheit auszustatten und ihr möglicherweise zu neuen Denkimpulsen zu verhelfen.

Lisa Herzog und Axel Honneth, im August 2013

Bei der Vorbereitung und Fertigstellung des vorliegenden Bandes haben uns eine Reihe von Personen geholfen, denen wir an dieser Stelle herzlich danken wollen. Von Seiten des Verlages haben uns Eva Gilmer, Jan-Erik Strasser und Janika Rüter tatkräftig unterstützt; an der Goethe-Universität Frankfurt hat uns Hannah Bayer bei der technischen Anpassung der Texte unter die Arme gegriffen, ferner erhielten wir von dem dort angesiedelten Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« eine großzügige finanzielle Unterstützung, mit der wir die Kosten für die zahlreichen Übersetzungen abdecken konnten. Schließlich sind uns Jens Beckert, Albena Azmanova und Eric Olin Wright dadurch entgegengekommen, dass sie ihre bereits publizierten Texte teilweise umgearbeitet oder erweitert und damit das Vorhaben unseres Bandes unterstützt haben. Ihnen allen sind wir für die geleistete Hilfe und Zuarbeit zu großem Dank verpflichtet.

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Teil I: Rechtfertigung

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Lisa Herzog Einleitung: Die Verteidigung des Marktes vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Dass das Wirtschaftsleben einer Nation ausschließlich oder in erster Linie durch freie Märkte – Orte des Tauschs von Gütern und Dienstleistungen, an denen sich durch den Gebrauch von Geld im Spiel von Angebot und Nachfrage Preise bilden – organisiert werden könnte, wäre einem Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit vermutlich höchst abwegig vorgekommen. Zwar spielten Märkte in Form von Wochenmärkten, Jahrmärkten und Messen eine gewisse Rolle, doch der Tausch war nur eine Koordinationsform neben anderen – Polanyi nennt schematisierend die von einer Zentralgewalt ausgehende Umverteilung sowie die autarke Produktion für den eigenen Gebrauch als die beiden großen Alternativen zum auf Reziprozität beruhenden Tausch.1 Das Wirtschaftsleben insgesamt war stark eingebettet in die durch Hierarchien geprägte soziale Ordnung, die dem Individuum oft nur wenig Raum ließ, seine Energien für das eigene wirtschaftliche Vorankommen zu nutzen; der traditionelle Sündenkatalog des christlichen Mittelalters mit seiner Verdammung von Habgier und »Luxuria« tat ein Übriges. Dies ist, in holzschnittartigen Zügen, die Folie, vor der in der frühen Neuzeit der Markt als eine Form sozialer Ordnung entdeckt wurde.

Die Entdeckung der »unsichtbaren Hand«

Die Entdeckung des Marktes baute auf den Freiheiten des Individuums und dem Schutz seiner Eigentumsrechte auf, wie sie insbesondere die Vertragsdenker der frühen Neuzeit, Thomas Hobbes (1588-1679) und John Locke (1632-1704), auf je ihre Weise begründet hatten. Darüber hinaus war jedoch von entscheidender Bedeutung, dass die indirekten positiven Effekte, die der freie Austausch

1 Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt/M. 1973, Kap. 4.

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von Gütern und Dienstleistungen haben kann, entdeckt und systematisch analysiert wurden. Die Entwicklung von Argumenten zur Rechtfertigung des Marktes ist denn auch eng verknüpft mit der Entstehung der Wirtschaftswissenschaft als einer eigenen Disziplin. Einen wichtigen Beitrag zur Frage nach dem Wert des Marktes – und gleichzeitig einen ersten Höhepunkt polemischer Zuspitzung – bildet jedoch schon Jahrzehnte vor der Geburt der Ökonomie als Wissenschaft ein literarischer Text: die »Bienenfabel«, ein Spottgedicht des Niederländers Bernard de Mandeville.2 Geboren 1670 in Rotterdam, studierte Mandeville Philosophie und Medizin in Leiden und siedelte 1693 nach London über, der Hauptstadt des englischen Kolonialreiches. Er arbeitete dort als Arzt und Schriftsteller und schrieb sowohl zu medizinischen als auch zu sozialkritischen Themen. Die »Bienenfabel« erschien 1705 anonym als Sixpenny-Broschüre. In den folgenden Jahren veröffentlichte Mandeville verschiedene Ausgaben, ergänzt um Kommentare, Dialoge und Essays. Die »Fabel« löste einen Skandal, inklusive juristischer Zensurversuche, aus; besonders von kirchlicher Seite wurde ihr Autor heftig attackiert. Mit der Parabel vom blühenden lasterhaften Bienenstock, dessen Wirtschaftsleben zusammenbricht, als die Bienen von Jupiter Tugend erbitten, hält Mandeville seinen Zeitgenossen einen wenig schmeichelhaften Spiegel vor. Ausgehend von einem extrem strengen Tugendbegriff, der nicht nur Geiz, Luxusstreben und Völlerei, sondern jegliches Eigeninteresse verurteilt, gelangt er zu der Schlussfolgerung, dass Tugend und Reichtum unvereinbar seien – so dass nicht einmal klar ist, ob hier eine eindeutige Befürwortung des Marktes vorliegt. Mandeville stellt seine Leser vor die Wahl: entweder Laster und wirtschaftliche – und damit auch militärische und kulturelle – Blüte oder aber Anstand und ein auf das Allernötigste reduziertes, einfaches Leben. Hierbei ist Mandevilles Menschenbild, wohl von jansenitischer Theologie beeinflusst, durchgehend negativ: Nicht nur im Markt, sondern in allen Lebensbereichen verfolgen die Individuen skrupellos ihr Eigeninteresse; scheinbare Moral wird als Bigotterie und Heuchelei 2 Zu Mandeville vgl. z. B. E. J. Hundert, The Enlightenment’s Fable: Bernard Mandeville and the Discovery of Society, Cambridge 1994; Thomas Rommel, Das Selbstinteresse von Mandeville bis Smith. Ökonomisches Denken in ausgewählten Schriften des 18. Jahrhunderts, Heidelberg 2006, Kap. 3.1.

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entlarvt. Doch die Welt ist so eingerichtet, dass aus dem Handeln der sündhaften Menschen gute Folgen erwachsen; dieses Motiv wird Adam Smith einige Jahrzehnte später, schon unter anderen moralischen Vorzeichen, unter dem Stichwort »unsichtbare Hand« berühmt machen. Zwei Charakteristika ökonomischen Denkens scheinen bei Mandeville auf: zum einen der Hinweis auf indirekte Folgen und damit auf mögliche Paradoxien in der normativen Bewertung ökonomischer Phänomene, weil nicht nur der unmittelbare Charakter der Handlung, sondern auch ihre weiter gehenden Wirkungen berücksichtigt werden müssen – und beide möglicherweise in einem konträren Verhältnis stehen; zum anderen das Bestreben, die menschliche Natur nicht zu idealisieren: Sie soll genommen werden, wie sie ist.3 Ob damit nicht gelegentlich der umgekehrte Fehler gemacht wurde, den Menschen selbstsüchtiger und unsozialer darzustellen, als er ist, ist eine Frage, die das Nachdenken über die Ökonomie seit Mandeville begleitet. Während Mandeville und andere frühe Denker des Marktes heute nur noch einem Fachpublikum bekannt sind,4 ist Adam Smith als Begründer der Ökonomie in die Geschichte eingegangen. Dabei war Smith ein Denker der Aufklärung mit einem viel breiteren Interessenspektrum. 1723 in Kirkaldy geboren, verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in Schottland, im Kreis derjenigen Denker, die unter dem Stichwort »schottische Aufklärung« zusammengefasst werden. 1759 veröffentlichte er sein erstes Werk, die damals vielbeachtete Theorie der ethischen Gefühle, und reiste anschließend als Tutor eines jungen Adeligen durch Frankreich, wo er viele der dortigen Aufklärer persönlich kennenlernte. Die folgenden Jahre lebte er als Privatgelehrter in Kirkaldy und verfasste in über zehnjähriger Arbeit den Wohlstand der Nationen, der 1776 erschien. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Smith als Zollaufseher und als Mitglied zahlreicher gebildeter Clubs in Edinburgh.

3 Vgl. dazu auch Albert O. Hirschman, Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg, Frankfurt/M. 1980, Kap. 1. 4 Zu denken ist etwa auch an die französische Schule der Physiokraten (ein Überblick z. B. bei Timothy Hochstrasser, »Physiocracy and the Politics of Laissezfaire«, in: Mark Goldie und Robert Wokler (Hg.), The Cambridge History of Eighteenth Century Political Thought, Cambridge 2006, S. 419-442) oder an James Steuart, dessen Inquiry into the Principles of Political Economy 1767 erschien. Zur Geschichte ökonomischen Denkens vor Smith vgl. auch Joseph A. Schumpeters Klassiker Geschichte der ökonomischen Analyse, Stuttgart 1965.

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Auch wenn Smith’ Werk heute oft unzulässig verkürzt dargestellt wird, kann sein Denken insgesamt als prototypisch für die klassisch-liberale Verteidigung des Markts gelten: Der Markt wird als soziale Institution betrachtet, die zu mehr Wohlstand, Freiheit und Gerechtigkeit führt. Er setzt das Eigeninteresse der Individuen frei und erlaubt ihnen, in Austauschverhältnisse mit einer Vielzahl von Handelspartnern zu treten, so dass eine vertiefte Arbeitsteilung und damit enorme Produktivitätssteigerungen möglich werden. Die Kernideen von Individualismus, Eigentumsrechten und spontaner Ordnung fanden durch Smith Eingang in die Ökonomie. Es wäre jedoch falsch, Smith’ Denken mit dem seiner liberalen und neoliberalen Nachfolger gleichzusetzen. Smith verdammte nicht jede Staatstätigkeit; er analysierte vielmehr, welche gesellschaftlichen Aufgaben in einer freien Gesellschaft gut durch den Markt erledigt werden können und wo der Staat einspringen muss – z. B. bei der öffentlichen Bildung für die Arbeiter, die durch die Monotonie der arbeitsteiligen Beschäftigung in ihrer geistigen Entwicklung bedroht sind. Wie die hier gewählten Ausschnitte aus der Theorie der ethischen Gefühle zeigen, ist Smith’ Verständnis von Märkten und den in ihnen aktiven Menschen vielschichtiger, als das in späteren, mathematisch gefassten Modellen des Marktes der Fall ist. Gerade deshalb ist Smith noch heute interessant und wurde als reichhaltiger Moral- und Sozialphilosoph in den letzten Jahrzehnten wiederentdeckt.5 Besonders drei Aspekte sind für die Frage nach der Rechtfertigung des Marktes von Bedeutung. Zum Ersten hat die Frage nach Smith’ metaphysischer Position immer wieder zu heftigen Kontroversen geführt.6 Eine vollständig säkulare Lesart ist angesichts der zahlreichen deistisch oder auch theistisch klingenden Passagen in seinem Werk nicht überzeugend; genauso wenig plausibel ist es aber, die »unsichtbare Hand« des Marktes direkt mit der Hand 5 Vgl. z. B. Charles L. Griswold, Adam Smith and the Virtues of Enlightenment, Cambridge 1999; Samuel Fleischacker, On Adam Smith’s Wealth of Nations: A Philosophical Companion, Princeton 2004; Knud Haakonssen (Hg.), The Cambridge Companion to Adam Smith, Cambridge 2006; Lisa Herzog, Inventing the Market. Smith, Hegel, and Political Theory, Oxford 2013. 6 Diese sind zusammengefasst in Brendan Long, »Adam Smith’s Theism«, in: Elgar Companion to Adam Smith, hg. von Jeffrey T. Young, Cheltenham, Northampton, MA 2009, S. 73-99, der selbst für eine theistische Lesart plädiert.

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Gottes zu identifizieren. Am wahrscheinlichsten ist, dass Smith den Kosmos insgesamt als Schöpfung einer wohlwollenden Gottheit sah und den Markt als einen natürlichen Mechanismus, der es kognitiv und motivational beschränkten Individuen ermöglicht, ihr Verhalten zu koordinieren, ohne dass eine übergeordnete Planung nötig wäre.7 Zum Zweiten ist Smith ebenso sehr Moralphilosoph wie Ökonom. Bis zum Schluss seines Lebens betrachtete Smith seine beiden Werke als Teil eines kohärenten Systems, dessen Mittelteil – eine Theorie der Gerechtigkeit sowie weitere kulturhistorische Studien – er nie vollendete. Das sogenannte »Adam-Smith-Problem«, das eine Spannung zwischen seinen beiden Werken postuliert, ist ein ahistorisches Konstrukt.8 Für Smith bleiben Menschen auch als Marktteilnehmer in Sozialbeziehungen eingebettet, die vom Mitfühlen mit den Gefühlen anderer (»sympathy«) geprägt sind. Sie entwickeln dabei die Perspektive des »unparteiischen Beobachters«, der den Maßstab für Moral darstellt. Smith lehnte Mandevilles Reduktion allen menschlichen Handelns auf Eigenliebe übrigens entschieden ab; stattdessen unterschied er zwischen legitimen und illegitimen Formen der Eigenliebe. Er lobt die Klugheit, die sich streng an die Regeln der Gerechtigkeit hält und langsam, aber stetig das eigene Wohlergehen fördert – die höchste Tugend freilich ist die, die sich »größere[n] und edlere[n] Zwecken« widmet und auf das Gemeinwohl statt auf das eigene Interesse gerichtet ist.9 Zum Dritten ist zu beachten, dass Smith in einer Zeit schrieb, in der sich der Übergang vom Feudalismus zur Frühindustrialisierung vollzog. Sein Lob des freien Marktes ist vor dem Hintergrund zahlreicher feudaler Institutionen zu sehen, die die Individuen, besonders der unteren Klassen, stark einschränkten. Andererseits hat er die Massenverelendung der Hochphasen der Industrialisierung nicht erlebt und war vielleicht deshalb so optimistisch bezüglich der Fähigkeit des Marktes, Wohlstand auch für die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft zu schaffen. Er schrieb in einer Phase, in der ein starker Schub der Arbeitsteilung und Mechanisierung ungeahnte Produktivitätsfortschritte versprach – wie Smith in dem

7 Vgl. Herzog, Inventing the Market (wie Anm. 5), Kap. 2. 8 Vgl. insb. Keith Tribe, »›Das Adam-Smith-Problem‹ and the Origins of Modern Smith Scholarship«, in: History of European Ideas 24 (2008), S. 514-525. 9 Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle, Hamburg 1977, S. 367.

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berühmten Beispiel der Stecknadelfabrik, das freilich auch schon in der Encyclopédie auftauchte, schilderte.

Die Mathematisierung der Ökonomie Nach Smith entwickelte sich die Ökonomie schnell zu einer eigenen Disziplin, die von nun an mit der Rechtfertigung des Marktes in einem engen Verhältnis stand. Neben Robert Malthus (1766-1834) war einer ihrer wichtigsten Vertreter David Ricardo (1772-1823), der vor allem für seine 1817 erschienenen Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung bekannt ist. Ricardos Name steht heute vor allem für die Theorie komparativer Vorteile, die ein starkes Argument für den Freihandel liefert. Ricardo demonstrierte sie am Beispiel portugiesischen Weins und englischen Tuchs: Jedes Land solle sich auf das konzentrieren, was es am günstigsten produzieren kann; dabei komme es nicht nur auf absolute, sondern auch auf relative Vorteile an – so könne es für ein Land sinnvoller sein, ein Gut zu importieren, selbst wenn es dieses günstiger selbst herstellen könnte, sofern es stattdessen die Güter herstelle, die es selbst am besten auf dem internationalen Markt verkaufen kann. Ricardos Rolle in der Geschichte der Ökonomie geht jedoch weit über die Entdeckung dieses Phänomens hinaus. Zu einer Zeit, in der die industrielle Revolution in Großbritannien in ihrer Hochphase war, in der Mechanisierung, der Einsatz von Dampfmaschinen und der aufgrund der großen Nachfrage intensivierte Kohleund Erzabbau das Wirtschaftsleben beherrschten, begann Ricardo das Projekt der Mathematisierung der Ökonomie. Auch Malthus wandte mathematische Formeln auf sozialwissenschaftliche Fragen an und kam durch den Vergleich von linearem materiellem Wachstum und exponenziellem Bevölkerungswachstum zu seinen düsteren Prophezeiungen über die Unmöglichkeit einer langfristigen Befreiung aus Armut. Es war jedoch Ricardo, der in noch viel höherem Maße mathematische Formulierungen und Beispielrechnungen verwendete, um zahlreiche »Gesetzmäßigkeiten« zu beschreiben. Wie Mark Blaug formuliert: »[…] Ricardo hat die Technik der Ökonomie buchstäblich erfunden. Wir mögen seine unbeholfenen numerischen Beweise mit eleganteren geometrischen Demonstrationen ersetzt haben, aber meistens verwenden wir immer 18

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noch eine Art des Denkens, mit der uns Ricardo vertraut gemacht hat.«10 Auch die menschliche Arbeit wird von Ricardo vom lebensweltlichen Kontext abstrahiert: Sie ist für ihn eine Größe, die durch die Mechanismen von Angebot und Nachfrage mit anderen abstrakten Größen verbunden ist, wobei als ihr »Preis« letztlich die Kosten der langfristigen »Erhaltung« der Arbeiter angegeben werden. Diese Mechanismen werden in Analogie zu den Gesetzen der Physik als »natürlich« beschrieben; der Wert des Marktes besteht darin, Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Ob das Ergebnis auch normativ wünschenswert ist, wird nicht explizit diskutiert; die vorherrschende Annahme der Ökonomen dieser Zeit war jedoch, dass es gerade der einfachen Bevölkerung weit besser gehe, als dies in früheren Epochen ohne freien Markt der Fall war. Eingriffe in das freie Spiel der Marktkräfte, wie sie etwa Armengesetze darstellen, wurden als sinnlos angeprangert, da sie letztlich Arme und Reiche ärmer machen würden – stattdessen, so wurde impliziert, muss ein weiser Gesetzgeber die Gesetze des Marktes kennen und bei der Wahl politischer Maßnahmen deren Eigendynamik berücksichtigen. Ein weiterer wichtiger Denker für die Geschichte der Ökonomie im 19. Jahrhundert war John Stuart Mill (1806-1873); wie Smith war auch Mill mindestens so sehr Moralphilosoph – berühmt vor allem für seine Diskussionen des Freiheitsbegriffs sowie des Utilitarismus – wie Ökonom; außerdem setzte er sich intensiv mit Wissenschaftstheorie auseinander. Seine Essays on Some Unsettled Questions of Political Economy (1844) sowie die Principles of Political Economy (1848) spielten eine wichtige Rolle in der Geschichte der Ökonomie; allerdings ist Mills Sicht des Marktes um einiges differenzierter, als es auf den ersten Blick scheinen mag.11 Auch wenn die Methoden verfeinert wurden, blieb der Kanon ökonomischer Theorie im englischsprachigen Raum in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehend durch Smith, Malthus, Ricardo und Mill geprägt. Schon bald haftete der politischen Ökonomie der Vorwurf an, den Interessen der herrschenden Klassen zu

10 Mark Blaug, Economic Theory in Retrospect, 5. Aufl., Cambridge 1996, S. 132. Zu Ricardo allgemein vgl. ebd., Kap. 4. 11 Zu Mill vgl. auch die Einleitung zu Teil III in diesem Band sowie den in diesem Teil vertretenen Ausschnitt aus den Principles.

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dienen und die bestehenden Zustände zu verteidigen. Die professionellen Ökonomen hingehen sahen die ökonomischen Gesetze als unabänderlich an und waren deshalb skeptisch, ob abweichende Politikvorschläge wirklich zu der versprochenen Verbesserung der Lage der arbeitenden Klasse führen konnten. Dennoch wurde die soziale Lage so prekär, dass Reformen schließlich auch von Seiten des bürgerlichen Lagers als notwendig angesehen wurden. In Deutschland waren es bekanntermaßen vor allem die Sozialreformen der Ära Bismarck, die gewisse Verbesserungen brachten, etwa das Individuum gegen Risiken wie Arbeitsunfähigkeit und Altersarmut absicherten. Ein methodischer Durchbruch erfolgte in den 1870er Jahren mit der sogenannten »marginalen Revolution«, einer neuen Form der Mathematisierung, die, nach wichtigen Vorarbeiten durch Hermann Heinrich Gossen (1810-1858), parallel von Carl Menger (1840-1921), Léon Walras (1834-1910) und William Stanley Jevons (1835-1882) entwickelt wurde.12 Die grundlegende Idee war, das Verhalten von Individuen als Nutzenfunktion zu formalisieren, wobei der »Grenznutzen« bei verschiedenen Optionen gleich groß sein musste, da ansonsten Verbesserungen durch alternative Allokationen möglich wären. Darauf basiert auch die von Walras aufgebrachte und 1954 von Kenneth Arrow (*1921) und Gérard Debreu (1921-2004) axiomatisierte Theorie des allgemeinen Gleichgewichts, die den Ausgleich von allgemeiner Nachfrage und allgemeinem Angebot durch den Preismechanismus mathematisch fasst – allerdings unter Annahmen, deren Anwendbarkeit auf die Wirklichkeit, wenn überhaupt, stets nur approximativ möglich ist. Trotzdem dürfte dieses Modell, auch aufgrund seiner mathematischen Eleganz, für die Verteidigung des Marktes eine wesentliche 12 Dies führte auch zum sogenannten »Methodenstreit« zwischen österreichischer Schule (maßgeblich Carl Menger, 1840-1921) und deutscher historischer Schule (maßgeblich Gustav von Schmoller, 1838-1917). Menger interpretierte Schmoller dahingehend, dass er die Existenz unveränderlicher Gesetze in den Sozialwissenschaften überhaupt leugne; daher müsste die Untersuchung der Ökonomie historisch spezifisch und induktiv erfolgen – letztlich als Teil der Geschichtsschreibung. Ob diese zugespitzte Sicht Schmollers zutrifft, ist allerdings strittig. Man kann Schmollers Position auch als Kritik am »Ricardian Vice« verstehen. Auch politisch unterschied sich die stärker für Staatseingriffe plädierende deutsche historische Schule von der österreichischen.

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Rolle gespielt haben, sei es in der Sache, sei es durch die Rhetorik von Gleichgewicht und Unabänderlichkeit.

Die österreichische Schule

Maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Ökonomie, und damit auch auf die Argumente, die zur Rechtfertigung des Marktes herangezogen wurden, hatte die sogenannte österreichische Schule. Die Denker dieser Schule betonten die selbstorganisierenden Kräfte des Marktes und plädierten deshalb für ein weitgehendes Laissez-faire; sie beschäftigten sich mit Ungleichgewichten und Konjunkturzyklen und sprachen sich für einen strikten methodologischen Individualismus aus. Neben Menger zählte zu ihr zum Beispiel Eugen von Böhm-Bawerk (1851-1914), der schon früh die marxistische Arbeitswertlehre und die damit verbundene Theorie der Ausbeutung kritisierte und sich mit der Rolle von Kapital und Zinsen beschäftigte. Eine weitere zentrale Figur ist Ludwig von Mises (1881-1973), dessen 1922 erschienenes Werk Die Gemeinwirtschaft das notwendige Scheitern von Planwirtschaft aufgrund der Abwesenheit von Preisen prognostizierte. Damit beeinflusste er u. a. seinen Schüler Friedrich August von Hayek, der während des Zweiten Weltkriegs und während des Kalten Krieges wesentlichen Einfluss auf die Verbreitung marktwirtschaftlichen Denkens ausübte. Von Hayek, 1899 in Wien geboren, 1992 in Freiburg gestorben, studierte nach dem Ersten Weltkrieg in Wien Jura, Psychologie und Ökonomie. Ab 1931 lehrte er an der London School of Economics. 1945 verfasste er den berühmt gewordenen Aufsatz »The Use of Knowledge in Society«, der in dieselbe Kerbe schlägt wie von Mises’ frühere Arbeiten: Preise können dezentral Informationen weitergeben und so eine Koordination lokalen Wissens – und damit letztlich weitgehender Arbeitsteilung – ermöglichen, wie sie ein zentraler Planer nie zustande bringen würde. Dies ist eines der Kernargumente für den Markt, das von seinen Verteidigern immer wieder vorgebracht wurde.13 Von 1950 bis 1962 lehrte von Hayek in Chicago, anschließend in Freiburg und Salzburg. In The Constitution of Liberty (1960) und Law, Legislation and Liberty (1973) arbei-

13 Vgl. auch die Darstellung dieses Arguments durch Friedman in diesem Band.

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tete er seine Gedanken zur Gesellschaft als einer spontanen, nicht »gemachten« Ordnung weiter aus, was auch eine Zurückweisung des Begriffs »soziale Gerechtigkeit« implizierte, da Märkte als freie Systeme zu sehen seien, bei denen nur die Regeln, nicht aber die Ergebnisse nach Gerechtigkeitskriterien bewertet werden könnten. Von Hayeks Einfluss ging jedoch über akademische Kreise weit hinaus. So schrieb er 1944 The Road to Serfdom (dt. Der Weg zur Knechtschaft), worin er vor den Gefahren für die menschliche Freiheit, die von der Planwirtschaft ausgingen, warnte. Er war Mitbegründer der Mont Pelerin Society, die seit 1947 Ökonomen und Sozialtheoretiker wirtschaftsliberaler Ausrichtung versammelte, darunter u. a. Karl Popper, Ludwig Erhard und Luigi Einaudi sowie zahlreiche spätere Träger des Wirtschaftsnobelpreises.14 Die Wirtschaftspolitik der USA und Großbritanniens in den 1980ern, »Thatcherism« und »Reaganomics«, war stark durch das Denken von Hayeks sowie anderer Vertreter der »Chicago School« beeinflusst.15 Berüchtigt ist auch die zeitweise Zusammenarbeit mit dem chilenischen Diktator Pinochet, den er mehrmals besuchte und dessen Wirtschaftsberater stark durch von Hayek beeinflusst waren. Von Hayek sah sich selbst nicht als einen (Neo-)Konservativen, sondern als klassischen Liberalen; in den USA, wo der Begriff »liberal« für linksliberale Positionen verwendet wird, hat sich für wirtschaftsliberale Positionen stattdessen der Ausdruck »libertarian« eingebürgert. Allerdings ist Hayeks Position weniger radikal, als dies in der Rezeption erscheinen mag; insofern ist seine Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1974 gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal (1898-1987), einem sozialdemokratischen Ökonomen und Politiker, weniger ironisch, als es oft gesehen wurde – auch wenn die Unterschiede natürlich bestehen bleiben. Wie der hier ausgewählte Textabschnitt deutlich macht, ist er dem Gedanken einer sozialen Absicherung des Einzelnen – in Form eines Existenzminimums, der Absicherung in Notfällen und der Bekämpfung von Konjunkturschwankungen – nicht abgeneigt. Wogegen er sich wehrt, ist 14 Genauer: des von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel gestifteten Preises für Wirtschaftswissenschaften. 15 Über die Chicago School als Ganzes vgl. z. B. (in kritischer Perspektive) Daniel Stedman Jones, Masters of the Universe: Hayek, Friedman, and the Birth of Neoliberal Politics, Princeton 2012.

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die Forderung völliger Sicherheit in Bezug auf Einkommensansprüche und Status bestimmter Berufsgruppen. Diese sei mit freier Berufswahl und der Freiheit, Innovationen einzuführen, nicht vereinbar, da nur ein freier (Arbeits-)Markt Rückmeldung über die Nützlichkeit von Arbeit bieten und die Gefahr bannen könne, dass die gesamte Gesellschaft nach dem Modell militärischer Befehlsstrukturen organisiert werde. Mit seiner Warnung vor dem Ruf nach zu viel Sicherheit greift von Hayek ein altes Argument liberaler Marktbefürworter auf: die wirtschaftliche Freiheit stütze andere Formen von Freiheit, während Planwirtschaft letztlich in den Totalitarismus führe. Auch eine Art Gerechtigkeitsargument ist in seiner Diskussion enthalten: Keine soziale Gruppe habe das Recht, sich von der Volatilität des freien Marktes abzuschotten, da sie damit andere Gruppen umso größeren Schwankungen aussetze. Zwar hat von Hayek sich dagegen gewehrt, zu glauben, dass der freie Markt »Verdienst« in einem irgendwie gearteten moralischen Sinne belohnen könne,16 dennoch verurteilt er die Privilegierung bestimmter Gruppen und deren Bestreben, sich dem Wettbewerb zu entziehen, und tritt damit für eine Form der Gleichheit vor dem Gesetz und vor den Kräften des Marktes ein. Von Hayeks Argumente sind in hohem Maße durch die zeitgeschichtlichen Umstände und die Systemkonkurrenz von Marktwirtschaft und Planwirtschaft geprägt. Spätestens seit 1989 jedoch dürfte die wichtigste Linie in konkreten tagespolitischen Kämpfen diejenige zwischen einem angloamerikanisch »libertär« geprägten und einem skandinavisch-kontinentaleuropäischen »sozialdemokratischen« System sein.17 Trotzdem werden gerade von Libertären in den USA von Hayeks Argumente weiterhin zitiert – oft in einem Atemzug mit denjenigen der radikalen Libertären Ayn Rand (19051982), die in ihren Romanen Atlas Shrugged und The Fountainhead die Vision einer Gesellschaft freier Übermenschen zeichnete, die sich gegen die Ausbeutung durch einen als unterdrückerisch emp-

16 Friedrich August von Hayek, Recht, Gesetz und Freiheit. Eine Neufassung der liberalen Grundsätze und der politischen Ökonomie, Tübingen 2003, Bd. II, Kap. IX. 17 Vgl. dazu auch die »Varieties-of-Capitalism-Forschung« zu verschiedenen Spielarten politisch-ökonomischer Systeme; siehe insb. Peter A. Hall und David Soskice, »An Introduction to Varieties of Capitalism«, in: dies. (Hg.), Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001, S. 1-68.

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fundenen Staat wehren. Die Verteidigung des Marktes speist sich in diesem Denken ex negativo aus der Ablehnung jeglicher politischer Eingriffe ins Wirtschaftsgeschehen, vor allem in Form von umverteilender Besteuerung.

ab, in denen er auf den Abstraktionsgrad der Betrachtung verweist. In Beckers Ansatz erfährt der Markt keine explizite Verteidigung mehr. Stattdessen wird gewissermaßen das gesamte Leben zu einem Markt, insofern als das Verhalten der Menschen sich an individueller Nutzenmaximierung orientiert und verschiedene Wertsphären, wenn überhaupt, nur noch durch die Inhalte der Nutzenfunktion unterschieden werden können. Während dieses Vorgehen methodisch noch rechtfertigbar sein mag, gibt es Anlass zur Frage, ob hier nicht eine self-fulfilling prophecy vorliegt, sofern die Individuen kapitalistischer Gesellschaften tatsächlich durchgängig eine derartige Marktmentalität aufweisen. Milton Friedman (1912-2006) war in noch stärkerem Maße als Becker ein Intellektueller, der mit mehreren Bestsellern das öffentliche Bild der Chicago School prägte. Das gemeinsam mit seiner Frau Rose 1980 veröffentlichte Werk Free to Choose gehört dazu: Durch seine Aufbereitung als Fernsehsendung erlangte es erhebliche Breitenwirkung. Friedman, der sich unter anderem durch seine Arbeiten zur Geldtheorie und zur Methode der »positiven Ökonomie« – nur Prognosefähigkeit zählt, die Realitätsnähe der Annahmen ist unwesentlich19 – einen Namen gemacht hatte, vertrat eine durchgehend libertäre Position, die sich nicht nur auf Fragen des Marktes, sondern zum Beispiel auch auf die Ablehnung der Wehrpflicht bezog. Wie schon bei von Hayek ist auch bei Friedman das gedankliche Koordinatensystem das der Alternative zwischen »Kommando-Methode« und freiem Tausch im Markt, wobei für die Komplexität moderner Gesellschaften letzterer Koordinierungsmechanismus eindeutige Vorteile aufweise. Friedman illustriert dies, auf einen Text von Leonard Read zurückgreifend, am Beispiel der Produktion eines Bleistifts, an der unzählige Individuen mitwirken – die Prozesse, die Smith anhand der Stecknadelfabrik verdeutlichte, werden sozusagen aus der Perspektive des Verbrauchers aufgegriffen. Über das Preissystem, so Friedman, werden Informationen dezentral verteilt, Anreize für sozial nützliches Verhalten gesetzt und die Verteilung der Einkommen am Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlergehen orientiert. Monopole und Kartelle, insbesondere aber staatliche Eingriffe, hemmen diese Informationsverarbeitung und müssen daher letztlich hierarchische

Die »Chicago School« Neben den »Austrian Economists«, und sich teilweise mit ihnen überlappend, war die vermutlich einflussreichste Schmiede marktliberalen Denkens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die »Chicago School«, die sich um eine Gruppe von Ökonomen an der University of Chicago formte. Zwei ihrer Charakteristika zeigen die hier ausgewählten Texte: zum einen den methodischen »Imperialismus« der Ökonomie, zum anderen die fast schon missionarisch zu nennende Teilnahme am öffentlichen Diskurs mit dem Ziel, die Politik des Laissez-faire bei breiten Bevölkerungsschichten populär zu machen. Gary Beckers (*1930) Name steht für den methodischen Schritt, für den er 1992 den Ökonomienobelpreis verliehen bekam: »für die Ausweitung der Domäne mikroökonomischer Analysen auf weite Bereiche menschlichen Verhaltens und menschlicher Interaktion, einschließlich Verhaltens außerhalb von Märkten«.18 Zu diesen Gebieten gehören unter anderen Kriminalität, Humankapital, Rassismus, Wahlverhalten und Familienleben. Stets wird danach gefragt, wie unter der Annahme knapper Güter Individuen mit stabilen Präferenzen wählen werden, um ihren Nutzen zu maximieren. Begriffe wie »Präferenzen«, »Güter« oder »Preise« werden dabei in möglichst allgemeinem Sinn verstanden – die Individuen maximieren das, was sie subjektiv als ihren Nutzen empfinden. Mit dieser methodischen Vereinheitlichung befindet sich Becker in guter Gesellschaft mit Mandeville; aber während bei Mandeville tatsächlich das Bild eines gefallenen, von Natur aus sündhaften Menschen vorherrscht, der in allen Lebensbereichen egoistisch und heuchlerisch ist, beharrt Becker darauf, eine rein methodische Annahme zu machen. Besonders bei der Rede von Kindern als »langlebigen Konsum- und Produktionsgütern« nötigt ihm dies wiederholt Rechtfertigungen

19 Milton Friedman, »The Methodology of Positive Economics«, in: ders., Essays in Positive Economics, Chicago 1953.

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18 So die offizielle Begründung des Komitees.

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Entscheidungsstrukturen an die Stelle des freien Marktes setzen. Damit werden auch keynesianisch inspirierte Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft abgelehnt – für Friedman ist die Geldmenge der wesentliche Faktor zur Regulierung der Wirtschaft. Die Koordinierungsleistung des Marktes und die Betonung individueller wirtschaftlicher Freiheit, die gemeinsam zu einer Steigerung des allgemeinen Wohlstands führen – dies sind bis heute die wohl stärksten Argumente der Befürworter des Marktes. Ein einfacher Vergleich des Wohlstandsniveaus eines durchschnittlichen Bürgers Englands um 1700 mit dem heutigen führt eindrucksvoll vor Augen, wie sehr sich das alltägliche Leben geändert hat. Auch wenn die freie Marktwirtschaft sicherlich nicht der einzige hierfür entscheidende Faktor ist, lässt sich kaum leugnen, dass sie eine wichtige Rolle gespielt hat. Allerdings ist damit noch keine Aussage getroffen über die Frage, wie genau der Markt zu sehen und zu gestalten sei – als gesellschaftliches Instrument, das zur Erreichung politisch festgelegter Ziele eingesetzt werden kann, oder als urwüchsige, spontane Ordnung, die sich staatlicher Regulierung entzieht. Die Frage nach der Möglichkeit und Wünschbarkeit der politischen Gestaltung von Märkten stellt sich in mindestens zwei Dimensionen: derjenigen der Begrenzung aller Lebensbereiche, die von den Mechanismen des Markts freigehalten werden sollen,20 und derjenigen der Gestaltbarkeit solcher Märkte, die gesellschaftlich erwünscht sind, nach Kriterien, die z. B. die Besonderheit der »Ware« menschliche Arbeitskraft berücksichtigen. Um diese Fragen zu stellen, reichen die Argumente der Befürworter des Marktes nicht aus; auch Kritiker und vermittelnde Stimmen müssen Gehör finden. Problematisch ist jedoch, dass bis heute derartige Auseinandersetzungen innerhalb der akademischen Ökonomie nur in begrenztem Rahmen stattfinden – stattdessen wird die Rechtfertigung des Marktes durch die implizite Rhetorik mathematischer Modelle und den Habitus des Fachs weitergegeben. Dabei böte es sich an, mit einer kritischen Diskussion dort anzusetzen, wo die Realitätsnähe mathematischer Modelle des Marktes, z. B. in Gestalt von Annahmen wie der Homogenität der Güter und vollständiger Information, in Frage steht; zahlreiche »heterodoxe« Strömungen

21 Ich danke Hans G. Nutzinger für wertvolle Hinweise beim Verfassen dieses Texts.

in der Ökonomie tun in der Tat genau dies. Die Verengung des Faches, die seit dem Wohlstand der Nationen stattgefunden hat, könnte so zurückgenommen werden und Raum für eine vielschichtigere und vor allem explizite normative Auseinandersetzung schaffen.21

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20 Vgl. z. B. Michael Walzer, Sphären der Gerechtigkeit. Ein Plädoyer für Pluralität und Gleichheit, Frankfurt/M. 1998.

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Die Unvereinbarkeit von Markt und Tugend Bernard de Mandeville Die Bienenfabel, oder: Private Laster, öffentliche Vorteile (Auszug) Ein Bienenstock, dem keiner sich An Macht und Reichtum sonst verglich, Des fleißige, wohlgenährte Scharen Geehrt in Krieg und Frieden waren, War als das rechte Heimatland Von Kunst und Wissenschaft bekannt. Wenn die Parteien auch Streit geführt, Ward doch das Ganze gut regiert; Nie hat der Pöbel wild geknechtet Das Volk, nie ein Tyrann entrechtet, Durch Könige, deren Macht beschränkt, Ward es mit milder Hand gelenkt. Das Leben dieser Bienen glich Genau dem unsern, denn was sich Bei Menschen findet, das war auch En miniature bei ihnen Brauch, Obwohl dies freilich nicht zu merken Bei ihren kunstvoll kleinen Werken. Jedoch bei uns ist nichts bekannt In Haus und Hof, in Stadt und Land, In Handel, Kunst und Wissenschaft, Wofür nicht dort Ersatz geschafft. Gab’s also Könige und hielten Sich diese Wachen, die aber spielten Nicht Würfel, so liegt trotzdem nah: Irgendein Spiel war sicher da; Denn nirgends gibt’s ein Regiment Soldaten, das kein solches kennt.

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Des Bienenstockes emsige Menge Gedieh durch seines Volks Gedränge. Millionen widmen Kraft und Zeit Der Andern Lust und Eitelkeit, Millionen wieder sind berufen, Um zu zerstören, was jene schufen. Trotz des Exports in alle Welt Es noch an Arbeitskräften fehlt. Manch Reicher, der sich wenig mühte, Bracht’ sein Geschäft zu hoher Blüte, Indes mit Sense und mit Schaufel Gar mancher fleißige arme Teufel Bei seiner Arbeit schwitzend stand, Damit er was zu knappern fand. Auch gab es manchen Dunkelmann, Des Kunst man nirgends lernen kann, Der sich ganz dreist und ungeniert Mit leerem Beutel etabliert: Wie Kuppler, Spieler, Parasiten, Quacksalber, Diebe und Banditen, Falschmünzer und andre Arbeitsscheue, Die es verstehn, mit großer Schläue Aus ihres simplen Nächsten Mühen Gehörigen Profit zu ziehen. Nur solchen zwar man »Schurken« schalt, Doch war’s auch, wer als ehrlich galt; Es gab kein Fach und Amt im Land, Wo Lug und Trug ganz unbekannt.

Die Advokaten waren groß Im Recht-Verdrehen und suchten bloß, Statt zu versöhnen die Parteien, Sie immer mehr noch zu entzweien, Bis sie nicht ein noch aus mehr wußten Und vor den Richter treten mußten. Sie zogen die Prozesse hin, Um hohe Sporteln einzuziehn; Galt’s schlechte Fälle zu vertreten, Sie eifrig das Gesetz durchspähten,

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