Das Versprechen der Rationalität. Visionen und Revisionen der Aufklärung (2012)

August 24, 2017 | Author: Ulf Bohmann | Category: Enlightenment, Intellectual History of Enlightenment, Rationality, Geschichte, Aufklärung, Romantik, Moderne, Sozialphilosophie, 18. Jahrhundert, Romantik, Moderne, Sozialphilosophie, 18. Jahrhundert
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Bohmann · Bunk · Koehn · Wegner · Wojcik (Hrsg.) Das Versprechen der Rationalität

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Laboratorium Aufklärung

Herausgegeben von Olaf Breidbach, Daniel Fulda, Hartmut Rosa

Wissenschaftlicher Beirat Heiner Alwart (Jena), Harald Bluhm (Halle), Ralf Koerrenz (Jena), Klaus Manger (Jena), Stefan Matuschek (Jena), Georg Schmidt (Jena), Hellmut Seemann (Weimar), Udo Sträter (Halle), Heinz Thoma (Halle)

Band 11

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Ulf Bohmann · Benjamin Bunk Elisabeth Johanna Koehn · Sascha Wegner Paula Wojcik (Hrsg.)

Das Versprechen der Rationalität Visionen und Revisionen der Aufklärung

Wilhelm Fink

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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Friedrich-Schiller-Universität Jena Eine Veröffentlichung des Forschungszentrums Laboratorium Aufklärung www.fzla.uni-jena.de

Umschlagabbildung: Étienne-Louis Boullée (1728–1799), Vue de la nouvelle salle projetée pour l’agrandissement de la bibliothèque du roi (bibliothèque national), ca. 1780, 40 x 65 cm (in: Mémoire Sur Les Moyens de procurer à la Bibliothèque du Roi les avantages que ce Monument exige, Paris 1785)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten. Dies ies betrifft auch die Vervielfältigung und Übertragung einzelner Textabschnitte, Zeichnungen oder Bilder durch alle Verfahren wie Speicherung und Übertragung auf Papier, Transparente, Filme, Bänder, Platten und andere Medien, soweit es nicht §§ 53 und 54 UrhG ausdrücklich gestatten. © 2012 Wilhelm Fink Verlag, München (Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags-KG, Jühenplatz 1, D-33098 Paderborn) Internet: www.fink.de Einbandgestaltung: Evelyn Ziegler, München Printed in Germany Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH & Co. KG, Paderborn ISBN 978-3-7705-5321-1

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INHALT RALF KOERRENZ Rationalität und Interdisziplinarität – Ein Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . . .

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ULF BOHMANN, BENJAMIN BUNK, ELISABETH JOHANNA KOEHN, SASCHA WEGNER, PAULA WOJCIK Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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VISIONEN ANDRÉ KNOTE Rationale Introspektion als eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Psychotherapie. Ein Vergleich zwischen christlich erbaulicher und praktisch rationaler Selbstaufmerksamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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ALEXANDER KRÜNES Vernunft als Mittel zur „wahren Glückseligkeit“. Die Volksaufklärung und ihr Verständnis von Rationalität . . . . . . . . . . . . .

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FLEUR PEUKERT Die Bestimmung der Frau. Erziehungskonzepte in der Pädagogik der Aufklärung und der normative Entwurf bürgerlicher Weiblichkeit bei Peter Villaume. . . . . . . . . . . . . . . . .

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MARIAM MTCHEDLIDZE Märchen im Kontext von Aufklärung und Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . .

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IVA FIDANCHEVA Die (Nicht-)Rationalität des höflichen Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 PAULA WOJCIK Christlich-jüdische Liebe in der Literatur – Eine Leerstelle im Toleranzdiskurs? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 DANIELA SCHMIDT „So sehr die menschliche Sprache es erlaubt“. Fichtes Überlegungen zur Darstellung und Vermittlung transzendentaler Einsichten. . . . . . . . . . . 139 ANJA NÖCKEL Muss das Strafrecht sein Versprechen der Rationalität brechen? . . . . . . . . . 151

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INHALT

REVISIONEN JOHANNES-GEORG SCHÜLEIN Die kommende Aufklärung. Über die Zukunft der Vernunft nach Jacques Derrida . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 JOHANNES WEISSß Aphoristische Rationalitätskritik bei La Rochefoucauld, Chamfort und den Frühromantikern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 SASCHA WEGNER „Ha! man muß die Gözen einmal beim Kopfe nehmen, sie beim Rumpfe schütteln und hohnlachen!“ Musik und Aufklärung am Beispiel von Joseph Martin Kraus . . . . . . . . . . 217 ELISABETH JOHANNA KOEHN Literarischer Mesmerismus im Gegenwartsroman. Der animalische Magnetismus als Autonomieversprechen bei Peter Sloterdijk und Alissa Walser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 ULF BOHMANN Der ambivalente Aufklärungs- und Rationalitätsbegriff von Taylor und Foucault . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263 BENJAMIN BUNK Bildung wider die Aufklärung. Pädagogische Implikationen aus Foucaults Rationalitätskritik . . . . . . . . . . 295 STEPHAN GEIß Der Verlust des Verstehens. Pädagogische Konsequenzen aus der Spannung zwischen geistiger Autonomie und Autorität der Naturwissenschaft. . . . . . 321

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Für André

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Rationalität und Interdisziplinarität – Ein Geleitwort Interdisziplinarität bedarf in der Praxis verschiedener Anstrengungen. Eine bestimmte Haltung des Zuhörens ist die elementarste aller Voraussetzungen. In diese Haltung fließt neben der geradezu banalen Unterstellung, der jeweilige Gesprächspartner habe (auch) etwas Sinnvolles zu sagen, eine doppelte hermeneutische Grundannahme ein: dass der Beitrag des Gegenübers einer prinzipiell nachvollziehbaren Logik folgt und dass man selbst (möglichst erfolgreich) versuchen möchte, das Präsentierte mit den je eigenen logischen Möglichkeiten nachzuvollziehen und einzuordnen. Ein bestimmtes Maß an (wechselseitig unterstellter) Rationalität scheint die unhintergehbare Voraussetzung jeglicher Interdisziplinarität zu sein. Der vorliegende Band repräsentiert die interdisziplinäre Forschungsarbeit des ersten Jahrgangs der Doktorandenschule LABORATORIUM AUFKLÄRUNG (DSLA) am gleichnamigen Forschungszentrum der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Das inhaltliche Spektrum der Beiträge reicht von der Rechtswissenschaft, Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Pädagogik, Soziologie bis hin zur Wissenschaftsgeschichte und Physik. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ausprägungen des Rationalitätsmotivs bildet die Grundlage der interdisziplinären Diskussion. Diese Auseinandersetzung hat nicht nur literarisch, sondern auch ganz praktisch akademisch stattgefunden. Die Mitglieder des ersten Jahrgangs hatten im März 2010 eine Klausurtagung in AltSchwerin organisiert, auf der die hier vorgelegten Beiträge in der Ausgangsfassung vorgestellt und diskutiert wurden. Die nunmehr publizierten Texte stellen das Ergebnis eines zum Teil intensiven Diskussionsprozesses dar. Fokussiert werden die Beiträge in dem Versuch, den Geltungsanspruch von Rationalität im Spannungsverhältnis von Formulierung im 18. und Überprüfung im 21. Jahrhundert auszuloten. Besonderes Augenmerk wird auf das Versprechen der Rationalität und seine vielfältigen Ausformungen gelegt. Mit der Ausrichtung auf den Aspekt des Versprechens kämen vor allem „die fundamentale Wirkmächtigkeit Wirkmächtigkeit, die unbegrenzte Durchdringung und de[r] massiv[e] Forderungscharakter des Rationalitätsideals“ in den Blick. Es zeigt sich, dass sowohl um 1800 als auch in der Gegenwart ein Mit-, Neben- und Gegeneinander unterschiedlicher Positionierungen zu Rationalität als normativem Anspruch rekonstruiert werden kann. Wie weit reicht der mit dem Rationalitätsmotiv verbundene Anspruch in den jeweiligen Disziplinen? – Dieser Frage wird anhand von exemplarischen Einzelstudien nachgegangen. Ich danke als Leiter der Doktorandenschule LABORATORIUM AUFKLÄRUNG und als Leiter des ersten Jahrgangs allen Autorinnen und Autoren und insbesondere

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den Herausgeberinnen und Herausgebern sehr, dass sie mit diesem Band die Diskussionen innerhalb der Doktorandenschule und innerhalb des Forschungszentrums nach außen sichtbar machen. Zum Gelingen der Arbeit in der Doktorandenschule trägt ein ganzes Team an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei. Hierzu zählen vor allem Herr Dr. Andreas Klinger als Koordinator des Gesamtunternehmens, Frau Dr. Katharina Held als Koordinatorin des Praktikums im Promotionsprogramm und Leiterin der Koordination von DSLA und Klassik-Stiftung Weimar sowie Frau Katja Schütze im Sekretariat. Ihnen allen sei an dieser Stelle ebenfalls herzlich gedankt.

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ULF BOHMANN, BENJAMIN BUNK, ELISABETH JOHANNA KOEHN, SASCHA WEGNER, PAULA WOJCIK

Einleitung I. Das Versprechen der Rationalität Diskurse über Aufklärung bestimmen selbige häufig über das Ideal der Rationalität oder setzen beide Begriffe nahezu gleich.1 Mindestens zwei Konsequenzen entstehen daraus: Zum einen verschieben sich dadurch Klärungsversuche hin zu Begriffsdebatten über Rationalität.2 Zum anderen kommt es zu entsprechenden Gegenbewegungen, die die Geltung, den inhaltlichen Wert oder die Wünschbarkeit von Rationalität bezweifeln, auf deren reduktionistische, einhegende, exkludierende, disziplinierende oder unterdrückende Merkmale verweisen und dagegen das „Andere“ der Vernunft in Stellung bringen.3 Signifikanterweise darf die Reflexion des 1 Ein entsprechend enges Verhältnis findet sich etwa bei Kondylis. Dort wird das Besondere der Aufklärung gar als innerrationalistischer Wandel von einer intellektualistischen zu einer sensualistischen Auffassung konzipiert. Panajotis Kondylis, Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, Stuttgart 1981. 2 Instruktiv bei gegenwärtigen Begriffsbestimmungen sind die Arbeiten von Stefan Gosepath: Aufgeklärtes Eigeninteresse. Eine Theorie theoretischer und praktischer Rationalität Rationalität, Frankfurt a. M. 1992, und Praktische Rationalität. Eine Problemübersicht, Problemübersicht in: ders. (Hg.), Motive, Gründe, Zwecke. Theorien praktischer Rationalität, Frankfurt a. M. 1999, S. 7–56; zu einer ausdrücklich „einheitlichen Konzeption“ siehe insbesondere Stefan Gosepath, Eine einheitliche Konzeption von Rationalität Rationalität, in: Protosociology 6 (1994), S. 104–119. Als grundlegendste Gemeinsamkeit wird ein Zusammenspiel der Begriffseigenschaften „Begründung“ und „Geltung“ identifiziert. Je nach Fachdiskurs und Debattenstand kann bisweilen aber auch beobachtet werden, dass es zu einem Abrücken von einem mehr oder weniger einheitlichen Begriff von Rationalität kommt. Dies zeigt sich exemplarisch etwa dann, wenn von „Aspekten“ der Rationalität (Alfred Mele/Piers Rawling (Hgg.), The Oxford Handbook of Rationality, Oxford 2004), von „bounded rationality“ (Herbert Simon, Models of Bounded Rationality, Cambridge (Mass.) 1982), „multipler Rationalität“ (Olaf Breidbach, Multiple Rationalität Rationalität, in: ders./Hartmut Rosa (Hgg.), Laboratorium Aufklärung, München 2010, S. 113–132) oder allgemeiner von Rationalitäten gesprochen wird. Mitunter wird der Begriff gar zu Grabe zu tragen – bezeichnenderweise wird letzteres beispielsweise aus dem Lager der Anhänger einer sozialwissenschaftlich einflussreich gewordenen Rational Choice Theory selbst initiiert, vgl. Henning Laux, In Memoriam: Rationalität (†), in: Joachim Behnke/Thomas Bräuninger/Susumu Shikano (Hgg.), Neuere Entwicklungen des Konzepts der Rationalität und ihre Anwendungen (= Jahrbuch für Handlungs- und Entscheidungstheorie 6), Wiesbaden 2010, S. 13–46. 3 Vgl. zur Darstellung dieser Debatte: Karen Gloy (Hg.), Rationalitätstypen, Freiburg/München 1999, sowie dies., Vernunft und das Andere der Vernunft, Freiburg/München 2001, wo drei Richtungen, aus denen externe Rationalitätskritik erfolgen kann, unterschieden werden: das Subrationale, das Suprarationale und das Transrationale. Zur „Kehrseite der Vernunft“ siehe Iris Denneler, Die Kehrseite der Vernunft. Zur Widersetzlichkeit der Literatur in Spätaufklärung und Romantik, Paderborn 1996; explizit zum „Anderen der Vernunft“, allerdings am Beispiel Kants, siehe Gernot Böhme/Hartmut Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants, Frankfurt a. M. 2007; mit Fokus auf den Umgang mit

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Verhältnisses von Rationalität und ihrem Anderen jedoch als Kind des Zeitalters der Aufklärung selbst gelten.4 Darin, so wird in einigen Arbeiten zur Aufklärung argumentiert, besteht ihre Aktualität.5 Der vorliegende Band nähert sich dem Verhältnis von Aufklärung und Rationalität, ohne eine festgelegte Begriffsverwendung von Rationalität zugrunde zu legen. Vielmehr erfolgt der Zugriff auf dreierlei Weise: erstens durch Konzentration darauf, welche Funktionen das Ideal der Rationalität für die Aufklärung einnimmt. Die These ist, dass ein wichtiges Spezifikum der Aufklärung der massive Forderungs- oder Versprechenscharakter von Rationalität ist.6 Durch diese Perspektive wird versucht, die Verwurzelung des Versprechens im Zeitalter der Aufklärung zu begutachten, um einen Blick darauf freizulegen, was für die Gegenwart in welchem Maße eingelöst werden konnte, aber auch ob und wo von einem gebrochenen Versprechen der Aufklärung gesprochen werden muss.7 Zweitens soll der unumgängliche Bezug zum Begriff der Rationalität induktiv erfolgen. Das dadurch skizzierte Bild setzt sich aus den spezifischen Verständnissen in spezifischen Feldern und Diskursen zusammen. Drittens folgt daraus: Um Interdisziplinarität erst zu ermöglichen, wird keine fachspezifisch vereinheitlichende Begrenzung vorausgesetzt. Der Band ist charakterisiert durch seinen zeitlich-historischen Fokus. Das ›lange 18. Jahrhundert‹ wird mit der Gegenwart ins Verhältnis gesetzt, wobei sich beide gegenseitig beleuchten und erhellen sollen. In systematischer Hinsicht wird dabei nach den aufklärerischen Visionen gefragt, die in ihrer Vielfalt das Versprechen der Rationalität ausmachen. In einem mehrfachen Sinne des Wortes wird dabei Revision betrieben: In einem Wiederbegutachtungsprozess werden ebenjene Visionen und ihre zeitgenössischen Manifestationen neu gesichtet, geprüft oder überarbeitet, aber gegebenenfalls auch kritisiert oder zurückgewiesen.8

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dem Anderen in Literatur und Philosophie um 1800 siehe Elisabeth Johanna Koehn/Daniela Schmidt/Johannes-Georg Schülein/Johannes Weiß/Paula Wojcik (Hgg.), Andersheit um 1800. Figuren – Theorien – Darstellungsformen, München 2011. Beispielsweise Iwan-Michelangelo D‘Aprile und Winfried Siebers, Das 18. Jahrhundert. Zeitalter der Aufklärung Aufklärung, Berlin 2008, S. 212, formulieren stellvertretend die weithin geteilte Auffassung, „dass eine skeptische Selbstkritik der Aufklärung im Namen des ‚Anderen der Vernunft‘ selbst schon Teil des literarischen Diskurses zumindest in der Spätaufklärung war“. Vgl. etwa Roland Galle/Helmut Pfeiffer (Hgg.), Aufklärung Aufklärung, München 2007, S. 8: „Die Aufklärung entfaltet ihre nachhaltigste Wirkung gerade dort, wo sie zu sich selbst bereits in ein kritisches oder reflexives Verhältnis getreten ist“. Die Figur des Versprechens, in paralleler Weise auf das „normative Projekt“ der Moderne gemünzt, ist insbesondere bei Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt a. M. 1985, und Die Moderne – ein unvollendetes Projekt Projekt, Leipzig 1990, zu finden. Einer solchen Perspektive wird nachgegangen in Hartmut Rosa, Autonomieerwartung und Authentizitätsanspruch. Das Versprechen der Aufklärung und die Orientierungskrise der Gegenwart, Gegenwart in: Breidbach/ders. (Hgg.), Laboratorium Aufklärung, S. 199–215. Der Revisionsbegriff weist eine entsprechend weite Bedeutung in Medizin, Wirtschaft, Recht, Biologie oder Technik auf, eignet sich aber zugleich auch für das Betreiben von Rationalitätsbzw. Rationalismuskritik im engeren Sinne. In einer polemischeren Variante wird diese häufig dem Konservatismus zugerechnet und etwa dem politischen Philosophen Michael Oakeshott

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Ziel ist somit, zu einer Einschätzung des Aufklärungsprozesses und dem damit aufs Engste verbundenen Versprechen der Rationalität bis in die Gegenwart interdisziplinär beizutragen. 1. Induktiver Zugriff auf Rationalität Die Beiträge in diesem Band spüren den Verwendungsweisen verschiedener Begriffe von Rationalität und deren Konsequenzen nach. Sie verstehen sich daher nicht als Wesensbestimmung von Rationalität oder Beiträge zu einer Theorie der Rationalität. Denn gleichwohl wie plausibel und überzeugend gegenwärtige Ordnungsversuche sein mögen: Sie verstellen unserem Anliegen mehr den Blick als dass sie eine gute Aussicht bieten. Die Beiträge können vielmehr als Kontextualisierungen oder Problematisierungen der mit dem Begriff verbundenen Inhalte in und seit der Aufklärung verstanden werden, und leisten einen Beitrag zu einem Verständnis derselben. Dies bedeutet auch, dass über das Konzept der Rationalität eine Brücke zur Gegenwart geboten wird, die den Zugang zu aktuellen Perspektiven und Debatten gewährt, um einen interdisziplinären Rationalitätsdiskurs zu stärken und die notwendige Offenheit zu wahren. Auf induktive Weise kann somit erkundet werden, in welchen konkreten Zugriffen welche Arten von und Perspektiven auf Rationalität unterstellt, verwendet oder kritisiert werden. Dies soll helfen, das Mosaik der Begriffsverwendung zu bereichern und jeweils das Beziehungsdreieck Aufklärung – Rationalität – Gegenwart zu konkretisieren. Obwohl der vorliegende Band nicht die Absicht verfolgt, den Rationalitätsbegriff gegenüber einem Vernunftbegriff zu schärfen oder seinen Geltungsbereich neu zu definieren, weisen die einzelnen Beiträge eine implizite Auseinandersetzung mit dieser Frage auf. In heutigen Debatten wird in der Regel davon ausgegangen, dass beide entweder synonym verwendet werden können oder sollen, oder dass ein Rationalitätsbegriff einen Vernunftbegriff zunehmend verdrängt und gar ersetzt; auch dies kann nicht allgemeingültig, sondern nur in den jeweiligen Feldern geklärt werden.9 Bemerkenswerterweise haben die begrifflichen Abweichungen zwischen beiden Varianten im Hinblick auf ihre konkrete Anwendbarkeit kaum Signifikanz. Durch eine weiter gefasste Begriffsverwendung soll nicht zuletzt eine zu eingeschränkt fachgebundene oder historische Ausrichtung verhindert werden. In den Beiträgen entscheidet sich die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren, ihren Gegenstand berücksichtigend, für den Rationalitätsbegriff, während andere ausdrücklich einen Begriffswandel mitverfolgen.

zugeschrieben, vgl. ders., Rationalism in Politics and Other Essays, Indianapolis 1991. Dieser Band soll hingegen ein möglichst breites Spektrum umfassen. 9 Herbert Schnädelbach, Rationalität Rationalität, Frankfurt a. M. 1984; Thomas Hoffmann/Lothar Rolke/ Stefan Gosepath, Rationalität, Rationalisierung, Rationalisierung in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hg. v. Joachim Ritter und Karlfried Gründer, Basel 1992, Bd. 8, Sp. 52–66.

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2. Versprechen Der programmatische Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem Versprechen der Rationalität und dessen vielfältigen Ausformungen. Das Zeitalter der Aufklärung scheint uns nicht nur dadurch gekennzeichnet, dass Rationalität zu einem in höchstem Maße interessierenden Ideal wurde, sondern dass hier ein kaum je dagewesener Anspruch auf Erfüllung, der sich durch alle lebensweltlichen Bereiche zieht, erhoben wurde.10 Es geht um die fundamentale Wirkmächtigkeit, die unbegrenzte Durchdringung und den massiven Forderungscharakter des Rationalitätsideals.11 Genau diese Eigenschaften sind hoffnungsvolle Kandidaten, um die Unverzichtbarkeit von Rationalität als Motiv der Aufklärung bzw. deren tiefgreifende Verbundenheit zu beschreiben. Die Auseinandersetzung mit dem Versprechen bildet den Hintergrund für spezifische Rationalitätsverständnisse der einzelnen Beiträge in diesem Band, ohne auf einen übergeordneten Begriffsdiskurs selbst rekurrieren zu müssen. Insofern kann durch die Fokussierung auf den Versprechenscharakter aus dem Besonderen, das Gegenstand der vorliegenden Einzelstudien ist, gleichzeitig das Allgemeine, das Ideal der Rationalität, in den Blick genommen werden. Das Versprechen als solches lässt sich zuvorderst als Idee begreifen, dass Rationalität überhaupt möglich und erreichbar ist, und dass sich daran wiederum die optimistische Hoffnung knüpfen lässt, unter ihrer Anwendung die Dinge ‚zum Besseren zu wenden‘. Das impliziert die Vorstellung eines vorrationalen oder defizitär rationalen Zustandes, den es zu überwinden gilt. Insbesondere der gesellschaftsbezogene Kern dieses normativen Versprechens der Rationalität korrespondiert und überschneidet sich mit verwandten Versprechen der Aufklärung, nämlich den Ideen von individueller Autonomie und kollektivem Fortschritt. Die Beiträge befassen sich mit spezifischen Diagnosen und Problemen im Kontext rationaler Konzepte aus unterschiedlichen Wissens-, Praxis- und Interessenssphären. Dabei offenbart sich jene Durchdringung aller denkbaren sozialen wie individuellen Gefüge durch das Versprechen, aus der sich dessen auf Geltung drängender Absolutheitsanspruch ergibt. Die Forderungen und Ansprüche, auf die sich die einzelnen Aufsätze dabei beziehen, treten in ihrer Vielfalt also immer wieder als Varianten des Versprechens in Erscheinung. Das zu verhandelnde Versprechen der Rationalität ist dabei immer auch an eine normen- und wertbezogene lebensweltliche Erfahrung gebunden, welche ihre 10 Barbara Stollberg-Rilinger, Europa im Jahrhundert der Aufklärung, Aufklärung Stuttgart 2000, S. 12, etwa definiert Aufklärung über den Anspruch, alle Lebensbereiche auf Basis von als rational geltenden Methoden und Praktiken planmäßig zu vervollkommnen (die schon im 17. Jahrhundert entwickelt worden wären, z. B. das Prinzip des methodischen Zweifels, der systematischen Kritik oder der Emanzipation der Wissenschaften von der Theologie). 11 Die Fokussierung auf die Wirkmächtigkeit von Ideen wird hauptsächlich in bestimmten Varianten von Ideengeschichte angewandt. Besonders deutlich auf (moralische) Ideale und deren Prägekraft für Institutionen, Praktiken, Denkweisen zielt etwa die von Charles Taylor betriebene Mentalitätsgeschichte ab; vgl. bspw. Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009.

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Deutung und Legitimation im jeweiligen philosophischen, kulturellen oder politischen Kontext erhält. Es behauptet die prinzipielle Gestaltbarkeit jener Lebenswelt und zielt damit auch auf ihre Beherrschung Beherrschung. Die in dieser Darstellungsform zu verzeichnenden Schlagworte: Gestaltbarkeit, Beherrschung, Absolutheitsanspruch, Fortschritt oder Autonomie, können zugleich als aus den Einzelstudien gewonnene und rückprojizierte Elemente des Versprechens der Rationalität verstanden werden. Es erweist sich somit als geeigneter Anknüpfungspunkt fächerübergreifender Zusammenarbeit. 3. Interdisziplinarität Eine wesentliche konzeptionelle Besonderheit dieses Bandes liegt in seiner vielfältigen Interdisziplinarität begründet. Diese korrespondiert wiederum mit dem Gegenstand: Das ‚lange 18. Jahrhundert‘ zeichnet sich neben einer rapide zunehmenden Informationsdichte durch einen gesteigerten Austausch von Wissen über Entfernungen und Fachgrenzen hinweg aus. Anderseits beginnt gleichzeitig ein bis heute fortwirkender Prozess steter Ausdifferenzierung und Spezialisierung gesellschaftlicher Teilsysteme, Wissenschaften und Fachdisziplinen.12 Ein gewinnbringendes Gespräch – vorausgesetzt, es ist überhaupt noch möglich – wird dadurch immer unwahrscheinlicher und aufwendiger. Als wissenschaftsbezogene Gegenwartsdiagnose ist zu vermuten, dass die immer spezifischeren und elaborierteren Begründungszusammenhänge auf Kosten allgemeiner Geltungsbereiche und Ansprüche erfolgen. Eine Folge davon ist eine immer schwieriger werdende fachübergreifende Reflexion. Paradoxerweise kann gerade der explizite akademische Rekurs auf Rationalität zu einer Beschränkung von Begründungs- und Geltungsansprüchen auf einzelne Disziplinen führen. Die unterschiedlichen Konzepte, die sich in dem Begriff Rationalität widerspiegeln, lassen sich jedoch stets auf ein gemeinsames abstraktes Ideal zurückführen. Das daraus resultierende Versprechen bildet eine sinnvolle Grundlage für den hier verfolgten interdisziplinären Zugriff auf Aufklärung. Dadurch wird es den jeweiligen – teilweise auch in sich schon interdisziplinären – Beiträgen überlassen, gerade die spezifische Form der Rationalität darzulegen und ein gemeinsames Gespräch zu ermöglichen.

II. Aufbau des Bandes: Visionen und Revisionen Wie kann arbeitsteilig zur Klärung der Frage beigetragen werden, wann das Versprechen etwa als unerfüllbar, gescheitert, versandet, blockiert oder doch als korrigierbar, ungebrochen gültig oder bereits weitestgehend verwirklicht eingeordnet werden kann? Alle Beiträge beschäftigen sich in gewissem Umfang mit den ineinandergreifenden Herausforderungen, das Versprechen zu rekonstruieren, eine Kritik daran 12 Vgl. Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1992.

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nachzuvollziehen oder zu üben, sowie die Einlösung oder Einlösbarkeit des Versprechens zu überprüfen. Die Anordnung des Bandes verläuft über eine Schwerpunktsetzung der Vorgehensweise und Perspektive, und zwar dergestalt, ob stärker die Visionen oder Revisionen erarbeitet, in den Vordergrund gerückt oder vertreten werden. 1. Visionen André Knote zeigt in seinem Beitrag, wie Christian Thomasius in seiner Vernunftlehre (1696) die pietistische Idee der religiösen Selbstaufmerksamkeit zu einer Methode zur Gewinnung von Erkenntnissen wendet. Was im Pietismus Seelenheil und gottgefälliges Leben zum Ziel hatte, verspricht bei Thomasius Erkenntnis der Wahrheit und Gestaltbarkeit des eigenen Handelns und Lebens. Der prüfende Blick auf sich selbst führt zu den inneren Wahrheitskriterien, die den von Autoritäten und Traditionen gelösten Zugang zur Welt und damit die Unterscheidung zwischen wahr und falsch ermöglichen. Wenn auch Thomasius selbst schließlich an der Einlösbarkeit seines Rationalitätsversprechens zweifelte, legte er doch, so die These, den Grundstein zu einer ‚weltlichen Seelsorge‘ und damit zu einer Vorform der modernen Psychotherapie. Die ab Mitte des 18. Jahrhunderts aktiven Volksaufklärer knüpfen an die thomasianische Vernunftlehre an, legen den Fokus aber auf sehr konkrete, praktischrationale Ziele: Durch die Verbreitung rationaler Denkweisen in der Landbevölkerung soll eine höhere Produktivität, mehr Wohlstand und die Glückseligkeit des Einzelnen erreicht werden. Alexander Krünes zeichnet das Bemühen der Volksaufklärer nach, das Versprechen einzulösen, das sie an die Durchsetzung rationaler Erklärungsmuster im Sinne von Ursache-Wirkungs-Begründungen und den aus ihnen abgeleiteten Handlungsanweisungen knüpfen. Gezeigt wird ein Prozess, in dem sich sowohl das Versprechen selbst als auch die Vermittlungsstrategien an konkreten Menschen und Verhältnissen bewähren müssen. Anhand der Mädchenbildung innerhalb der Aufklärung zeichnet Fleur Peukert den Wandel eines einseitigen Verständnisses der Bestimmung des Menschen im Geschlechterdiskurs nach. Die traditionelle Vorstellung, dass der Mann primär rational, die Frau dagegen ausschließlich emotional determiniert seien, wird im Bildungskonzept Peter Villaumes einer Aktualisierung systematischer Erziehung von Mädchen dahingehend unterzogen, als dass rationale Handlungsmuster zur Erlangung von ehelichen, haushälterischen und erzieherischen Kompetenzen Eingang darin finden, ohne jedoch das System zu sprengen. Wie sich das Märchen im Verlauf des 18. Jahrhunderts bis ins frühe 19. Jahrhundert im Kontext aufklärerischer und romantischer Strömungen gewandelt hat, untersucht Mariam Mtchedlidze. Anhand der Märchensammlungen von Johann Karl August Musäus, Christoph Martin Wieland und schließlich den Brüdern Grimm wird gezeigt, wie die Märchen trotz ihrer wunderbaren und phantastischen Elemente einem Versprechen der Rationalität nicht entgegenstehen, sondern vielmehr – etwa in ihrem didaktischen Anspruch – ein solches Versprechen selbst be-

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inhalten. Die Wandlungen, die sich im Lichte der ideengeschichtlichen Entwicklung in Form und Inhalt der Märchen vollziehen, lassen sich demnach als Wandlungen des Versprechens in den Blick nehmen. Iva Fidancheva arbeitet die Kollision rationaler und nichtrationaler Elemente im Phänomen der Höflichkeit heraus. Rationalität ist hier sowohl als effizienzorientiertes Nutzenkalkül als auch im normativ-moralischen Sinne präsent. Fidancheva identifiziert sozialgeschichtlich drei Phasen des vorherrschenden Niveaus an Höflichkeit, die in einer voraufklärerischen Formalität, einer aufgeklärten und später bürgerlichen Subjektivierung sowie einer spätmodernen Reformalisierung bestehen. Höflichkeit wird dabei durch das Aufzeigen ihrer verletzenden Macht problematisiert und demgegenüber eine Vorstellung von Takt als ‚rationalere‘ Höflichkeit in Stellung gebracht. Paula Wojcik verfolgt die wertrationalen Versprechen von Toleranz und Religionsgleichheit in literarischen Darstellungen jüdisch-christlicher Liebesbeziehungen. In der Analyse von Beispielen aus der deutschen und polnischen Gegenwartsbelletristik zeigt sich, dass diese Versprechen im Bereich der Liebe bis heute literarisch nicht eingelöst werden. Diese „Leerstelle im Toleranzdiskurs“ lässt sich zurückführen bis zu Gotthold Ephraim Lessings Drama Die Juden. Eine erfüllte jüdisch-christliche Beziehung bleibt hier wie dort unmöglich. Der Liebesdiskurs verschließt sich rationalen Argumentationen und lässt somit gerade Vorurteile und Stereotypen, die sexuelle und körperliche Differenz behaupten, bestehen. Daniela Schmidt lotet intensiv die Fugen des Fichte‘schen Denksystems aus. Ausgehend von dessen Unterscheidung von absolutem Ich und Individuum zeigt sie die bisher wenig beachteten aufklärerischen Züge bei Fichte und konzentriert sich dabei auf die Konsequenzen für praktische Freiheit. Die Rationalitätsvorstellung ist dabei vordinglich in den Systemcharakter seiner Philosophie eingelassen. Schmidt prüft damit auf immanentem Wege die Einlösung des eigenen philosophischen Anspruchs Fichtes und argumentiert, dass er diesen nicht aufrechterhalten kann. Anja Nöckel überprüft das Versprechen der Rationalität am Beispiel des Strafrechts. Rationalität gilt hier einerseits formal als Prinzipiengetragenheit; andererseits wird dargestellt, dass das diesbezügliche Aufklärungsversprechen inhaltlich hauptsächlich auf Humanisierung zielt. Im Nachvollzug der historischen Entwicklung auf dem Gebiet des Rechts, die sich insbesondere als kontinuierliche Ausbaubzw. Steigerungsbewegung darstellt, zeigt sich, dass es auf dem Weg in die Gegenwart paradoxerweise zu einer Reduzierung von Freiheit kommt. Entsprechend läuft es auf die Frage hinaus, ob das Strafrecht aufgrund seiner eigentlich aufklärerischen Intentionen das Versprechen der Rationalität brechen muss. 2. Revisionen Johannes-Georg Schülein geht von Derridas Diagnose aus, die Vernunft habe sich gegen sich selbst gewendet und befinde sich in einer Krise, um anschließend mit ihm zu fragen: Kann es eine Zukunft der Vernunft, eine „kommende Aufklärung“

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geben? Welche Versprechen können ihr abverlangt werden, wenn das klassische Versprechen der Souveränität unmöglich geworden ist? Derrida wird schließlich als dekonstruktivistischer Aufklärer gezeigt, der die Möglichkeiten auslotet, weiterhin von Vernunft sprechen zu können. Johannes Weiß widmet sich der Auseinandersetzung um Vernunft und Vernunftkritik in der Form des Aphorismus. Er verfolgt die Entwicklung von La Rochefoucauld über Chamfort bis hin zu den Frühromantikern und ihren Fragmenten. Dabei zeigt er, dass die Frage nach Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren von Rationalität durchgehend ein zentrales Thema darstellt. Bei allen Vertretern werden bestimmte Versprechen der Rationalität als uneinlösbar entlarvt, gleichzeitig jedoch werden andere Vernunftkonzepte entworfen und mit neuen Erwartungen verknüpft. Dabei ist auch zu fragen, in wie weit sich bei den jeweiligen Autoren die Form des Aphorismus selbst als Ausdruck eines bestimmten Vernunftkonzeptes begreifen lässt. Die Grundlagen für ein modernes Verständnis von Musik wurden im 18. Jahrhundert gelegt. Die verschiedenen, auf einander aufbauenden (sich aber nicht durchgehend deckenden) Systementwürfe wurden durch den musikalischen Paradigmenwechsel der Jahrhundertmitte irritiert: Neben dem theoretischen Verständnis von Musik, der höheren mathematischen Ordnung der Musik, trat ein ästhetisches hervor. Die Vermittlung von beidem gestaltete sich als schwierig und wurde Gegenstand der Kritik, die im Blickfeld des Beitrags von Sascha Wegner liegt. In den Schriften Joseph Martin Kraus‘ – Eleve der Mannheimer Schule, Vertreter des Sturm und Drang und Zeitgenosse von Haydn und Mozart – artikuliert sich eine radikal-polemische Kritik an den zwar repräsentativen, jedoch aus seiner Sicht allzu rational konzipierten Systematisierungsversuchen der Musik, denen er jedoch lediglich die nicht systematisierbaren Kategorien Gefühl und Ausdruck entgegenhält. Dadurch wird Kraus zu einem interessanten Zeugen für die Standortbestimmung der Musiktheorie, aber auch der Musikästhetik und -kritik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Elisabeth Johanna Koehn richtet den Blick auf die Debatte um aufklärerische Rationalität im Spiegel zweier deutscher Gegenwartsromane. Sowohl Peter Sloterdijks Zauberbaum (1985) als auch Alissa Walsers Am Anfang war die Nacht Musik (2010) inszenieren die Bewegung des Mesmerismus im späten 18. Jahrhundert als Gegenpol zu einer einseitigen Rationalität mit Absolutheitsanspruch. Das aufklärerische Versprechen der Autonomie umzusetzen, wird nur einer Rationalität zugetraut, die auch die irrationalen Kräfte – etwa Leiblichkeit und Unbewusstes – im Menschen anerkennt. In jeweils unterschiedlicher Weise sprechen beide Romane dem Mesmerismus das Potential zu, diesen Anspruch umzusetzen. Der Beitrag von Ulf Bohmann widmet sich dem Aufklärungs- und Rationalitätsbegriff von Charles Taylor und Michel Foucault. Deren Gegenüberstellung ergibt sich aus der Beobachtung, dass in ihren rekonstruktiven Zugriffen auf das ‚lange 18. Jahrhundert‘ mit Fluchtpunkt Gegenwart ein hohes Maß an methodologischen Gemeinsamkeiten gegeben ist, jedoch unter konträren inhaltlichen Vorzeichen und Intentionen. Konvergenzen ergeben sich bei einer relativierenden Kritik des Absolutheitsanspruches von Aufklärung und Rationalität trotz aller Unterschied-

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EINLEITUNG

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lichkeit der Verständnisse. Es wird argumentiert, dass ihre Aufklärungs- und Rationalitätskritik gerade deshalb effektiv sein kann, weil sie über das Aufzeigen fundamentaler Ambivalenz funktioniert und nicht auf einer einfachen Ablehnung oder Gegenüberstellung beruht. Benjamin Bunk konzentriert sich auf das Spätwerk von Michel Foucault, insbesondere seine Hermeneutik des Subjekts, und bringt es mit einer Modellierung der zwei konkurrierenden Begriffe von Bildung und Erziehung in Verbindung. Beide werden in das komplexe Netz von Foucaults Aufklärungsverständnis und seiner Rationalitätskritik eingebettet. Von dieser Basis ausgehend soll den sich daraus ergebenden pädagogischen Implikationen nachgegangen werden. Dabei wird ein starker Bezug von Rationalität zu Autonomie und Fortschritt, jeweils verstanden als bestimmte Formen der Überwindung von Autoritäten, hergestellt. Als entscheidender Kritikpunkt wird hingegen der Zwangscharakter von Rationalität rekonstruiert, auf der Suche nach Formen der Überwindung. Aus einer didaktischen Perspektive und unter wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten beschäftigt sich Stephan Geiß mit einer aktuellen Kritik an rationalen Verfahrensweisen, durch welche den sogenannten Naturwissenschaften seit dem 18. Jahrhundert ein hervorgehobener und autoritärer Status zuerkannt wurde. Jene sind jedoch unzureichend im Hinblick auf ein tatsächliches Verstehensvermögen und somit die propagierte geistige Autonomie. Es zeigt sich, dass die Kritik an einer einseitigen rationalen Erkenntnis innerhalb und anhand naturwissenschaftlicher Methodik bereits auf dem Höhepunkt neuzeitlicher Naturwissenschaft im 18. Jahrhundert aufkam, jedoch auch durch Aktualisierungen im 20. Jahrhundert (etwa Wagenschein) keine durchschlagenden Reflexionen zeitigen konnte. Unser Kollege André Knote verstarb vor der endgültigen Fertigstellung dieses Bandes. Ihm ist dieses Buch von Herzen gewidmet.

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