Bachelorthesis - Philosophische Aspekte der Schönheitsoperation

July 3, 2017 | Author: Christin Zuehlke | Category: Philosophy, Philosophy of Medicine, Aesthetics and Ethics, Practical Ethics
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Description

Philosophische Fakultät | Institut für Philosophie

Schönheitsoperationen. Philosophische Aspekte

Bachelorarbeit

eingereicht am 15.07.2010 von Christin Zühlke | Stettiner Straße 36 | 48147 Münster Matrikel-Nr.: 7259479 | Philosophie, Germanistik B.A. | 8. Semester

Gutachter:

Zweitgutachter:

Prof. Dr. Heiner Hastedt

Dr. Andris Breitling

Inhaltsverzeichnis

1 Hinführung - `Kunst, die unter die Haut geht`

2

2 Plastische Chirurgie allgemein

4

2.1 Ethnisch motivierte `Schönheitsoperationen`

5

2.2 rekonstruktive Chirurgie

9

3 Zur Problematik der Begriffe um die `Schönheitsoperation`

11

3.1 Tattoos und Piercings

12

3.2 Begriffsvorschlag

14

4 Zu Gesellschaft und Individuum: Schönheitsideal - Schnitt-Stelle(n) der Macht

16

5 Zur Gesellschaft: Ethische Aspekte

31

5.1 Der Arzt

32

5.2 Natur versus Technologie – Das Ver-Rücken der Wirklichkeit

38

6 Zum Individuum

44

6.1 Identität

45

6.2 Subjekt und Objekt – Sein und Design

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7 Fazit

52

8 Abbildungen

56

9 Quellen

58

9.1 Abbildungsverzeichnis

58

9.2 Literaturverzeichnis

59

9.3 Internetquellen

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10 Erklärung

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1 Hinführung - `Kunst, die unter die Haut geht` `Schönheitsoperationen` scheinen relativ oberflächlich zu sein. Es könnte jedoch sein, dass sie viel tiefer unter die Haut gehen, als man für gemeinhin annimmt. Nehmen wir zu Anfang ein Beispiel dafür unter die Lupe: Auf dem Deckblatt dieser Arbeit befinden sich zwei Photographien, die nicht einem medizinischen Lehrbuch entnommen wurden, sondern Teil eines Kunstwerkes sind. Dieses wird der Künstlerin Orlan zugeordnet. 1980 begann Orlan mit der „Art Charnel“1, indem sie im Laufe der Zeit neun Schönheitsoperationen an sich durchführen ließ. Dabei wurde ihre Haut zum Arbeitsmaterial, der Operationssaal zur Bühne: Lesungen aus Büchern, Chirurgen in Haute Couture etc.2 Der chirurgischen Veränderung des Körpers der Künstlerin ging eine Computersimulation voraus, in der u.a. Körperteile von Botticellis „Venus“, Moreaus „Europa“ sowie Leonardos „Mona Lisa“ mit dem damaligen Körper Orlans kombiniert wurden.3 Dies diente als Vorlage für die darauf folgenden Operationen zur Verwirklichung ihres eigenen Schönheitsideals. Die Performance an sich selbst steht im Mittelpunkt der Arbeit Orlans, nicht die `Schönheitsoperation`.4 So schwingt sich ORLAN als Künstlerin auf die Ebene der aktuellen öffentlichen Debatte über Jugend- und Schönheitskult, Schönheitschirurgie und andere Körpermanipulationen.5

1

Kann übersetzt werden mit „Fleischliche Kunst“. Vgl. Portal Kunstgeschichte: Retrospektive http://www.portalkunstgeschichte.de/kunstgeschehen/?print=yes&id=2116&p=0&PHPSESSID=f wflcaru&PHPSESSID=fwflcaru 08.05.2010 „Art Charnel“ ist der Performancekunst zugehörig, in der, u.a. durch Selbstverletzung und Körpermodifikation, der Körper des Agierenden zum eigentlichen Bild wird. Durch diese Art der Kunst ist eine neue Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit Diskursen, Problemen und Themen möglich geworden. Vgl. Brunner, Markus: „Körper im Schmerz“ – Zur Körperpolitik der Performancekunst von Stelarc und Valie Export. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 21-40. 2 Das überschüssige Fett nach der Fettabsaugung verwendet Orlan in ihrer Kunst weiter, indem sie es als sogenanntes „Relikt“ in ein Glasgefäß füllt und mit einem Ausschnitt ihrer Philosophie auf einer Tafel versieht. Vgl. Meyer, Helge: Schmerz als Bild. Leiden und Selbstverletzung in der Performance Art. Bielefeld: transcript 2008. S. 238. 3 Dabei gehe es Orlan um die ironische Darstellung der Klischees von Schönheit und Hässlichkeit. Vgl. Blume, Anna: Chirurgische Ästhetik – Zur ››Carnel-Art‹‹ der französischen Performarin ORLAN. In : Zur Phänomenologie der ästhetischen Erfahrung. Hrsg. v. Anna Blume. Freiburg: Karl Alber 2005. S. 164f. 4 Laut Helge Meyer soll die Kunst Orlans nicht als Kritik an der Schönheitsoperation verstanden werden, sondern als „feministische Umdeutung des Schöpfermythos“. Vgl. Meyer, Helge: Schmerz als Bild. S. 238. Das Wort `Schönheitsoperation` soll im Themenfeld 2 fokussiert werden, daher wird das Wort, nur zur Kenntlichmachung, dass dieser Begriff problematisch ist, in Anführungszeichen gesetzt. 5 Blume, Anna: Chirurgische Ästhetik – Zur ››Carnel-Art‹‹ der französischen Performarin ORLAN. S. 161.

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Es stellt sich bei der Betrachtung dieser Kunstrichtung die Frage, warum sie die Schönheitsoperation als Arbeitsmittel wählt. Eine Intention von Orlan sei es, die Grenzen der Medizin in den Focus der Diskussion zu rücken.6 Der Fall ORLAN erscheint mir nun auch philosophisch relevant, weil sich hier ein vielschichtiges Dilemma – das Dilemma unabsehbarer Selbstmanipulation des Menschen, die Problematik von Selbst- und Fremdbestimmung, der alte Dualismus von Determination und Freiheit womöglich und der Subjekt-ObjektAntagonismus - in dieser ›Selbst‹-Bearbeitung exemplarisch zeigt.7 Orlan soll hier als Metapher und Ausgangspunkt für die folgende Arbeit dienen, denn anhand ihrer künstlerischen Arbeit lassen sich verschiedene Themen aufgreifen, die zur Untersuchung der `Schönheitsoperation` leitend sein können. Dazu zählen Fragen wie: Wo sind oder sollten die Grenzen der Medizin sein? Welche Funktionen kann die `Schönheitsoperation`

haben?

Welcher

Zusammenhang 8

kosmetischen Chirurgie und dem Schönheitsideal?

besteht

zwischen

der

Bei Betrachtung der Kunst Orlans

scheint nicht nur ihr die Kunst im wahrsten Sinne des Wortes `unter die Haut zu gehen`, sondern auch dem Betrachtenden, dem stillen Zuschauer, der eine Art Voyeur des chirurgische-künstlerischen Spektakels wird.9 Grundlegend kann diese Arbeit in zwei thematische Ebenen aufgeteilt werden: dem vorangehenden begriffsanalytischen und den anschließenden philosophischen Aspekt. Zuerst wird die plastische Chirurgie im Allgemeinen (2) kurz thematisch umrissen. Danach folgt die Beschäftigung mit der ethnisch motivierten `Schönheitsoperation` als besonderem Fall der plastischen Chirurgie (2.1). Darauf wird ein Abriss zur rekonstruktiven Chirurgie folgen, vor allem auch in Bezug auf die `Schönheitsoperation` (2.2.). Im dritten Punkt dieser Arbeit findet einer Beschäftigung mit Begriffen bezüglich `Schönheitsoperationen` statt, für die Körpermodifikationen wie Piercings und Täto-

6

Weiterhin ist beabsichtigt, die Frage nach den Grenzen der Kunst aufzuwerfen. Zudem stellt sie sich innerhalb des medizinischen Aktes der Operation zur öffentlichen Schau und lässt die Zuschauer, quasi als `Voyeur` des eigentlich privaten Operationsvorganges und der „sadomasochistischen Beziehung“, wie Helge Meyer es nennt, z.B. an dem postoperativen Schmerz teilhaben. Vgl. Meyer, Helge: Schmerz als Bild. S. 237-243. 7 Blume, Anna: Chirurgische Ästhetik – Zur ››Carnel-Art‹‹ der französischen Performarin ORLAN. S. 160. 8 Hier ist bewusst nur der Singular verwendet worden, um auf ein ganz bestimmtes, das westliche Ideal zu referieren, das im Punkt 4 näher erläutert und auch analysiert wird. 9 Indirekte Quellen zur Hinführung: Vgl. Basis Wien: "Habe meinen Körper der Kunst geschenkt" http://www.basiswien.at/avdt/htm/178/00060594.htm 08.05.2010 Vgl. Buschhaus, Markus: Der Körper ist eine Baustelle: Anatomisches Theater und Art Charnel http://www.gradnet.de/papers/pomo2.papers/buschhaus00.htm 19.05.2010 Vgl. Portal Kunstgeschichte: Retrospektive http://www.portalkunstgeschichte.de/kunstgeschehen/?print=yes&id=2116&p=0&PHPSESSID=f wflcaru&PHPSESSID=fwflcaru

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wierungen herangezogen werden (3.1). Mittels dieser Körpermodifikationen soll im Teil 3.2 ein neuer Begriff für die `Schönheitsoperation` abgeleitet und entwickelt werden. Mit dem vierten Punkt beginnt der eigentliche philosophische Part dieser Arbeit. Die Theorie von Michel Foucault wird dazu dienen, die Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum bezüglich der `Schönheitsoperation` zu überprüfen. Gesellschaftliche, ethische Aspekte werden im Punkt 5 aufgegriffen und beziehen sich vor allem auf den Arzt (5.1) und `Schönheitsoperation` als Technologie (5.2). Zur letzten philosophischen Betrachtung wird der Philosoph Hans Jonas mit seinem Ansatz zur Ethik herangezogen. Den Schluss der philosophischen Darstellung bildet die Fokussierung auf das Individuum im Punkt 6 mit den Unterpunkten zur Identität (6.1) und zum Verhältnis von Subjekt und Objekt (6.2). Für 6.2 wird ein Ausschnitt der Philosophie Jean Paul Sartres als theoretisches Fundament gewählt. Daran anschließen wird sich das Fazit mit der Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse sowie einem kurzen Ausblick. Für die Beschäftigung mit dem Thema `Schönheitsoperation` sollen drei Leitthesen die Arbeit anregen: Die erste These lautet: `Schönheitsoperationen` sind Ausdruck von Macht und dem Wunsch nach Anerkennung. Als zweite These wird gewählt: Die `Schönheitsoperation` wirft ethische Probleme auf. Und zuletzt: Mittels der `Schönheitsoperation` kann das Subjekt sich selbst objektivieren. Als Themen können aufgrund der Kürze folgende Bereiche nicht behandelt werden: Die Untersuchung nach `sex` bzw. `gender` hinsichtlich ihrer Wirkung auf die `Schönheitsoperation, der Vergleich von verschiedenen Schönheitsidealen sowie Enhancement als Diskurs. Auch die Medien mit ihrem Einfluss auf Gesellschaft und Individuum können in dieser Arbeit lediglich im Fazit erwähnt werden, da eine Problematisierung in dieser Arbeit aufgrund der thematischen Einschränkung nicht möglich sein wird. Dieser Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass sich das Phänomen `Schönheitsoperationen`, philosophisch betrachtet, sowohl auf die Gesellschaft als auch auf das Individuum beziehen. Daher habe ich den zweiten Teil dieser Arbeit die Betrachtung der Beziehung von Gesellschaft und Individuum, in die spezifische Thematisierung der Gesellschaft und in die Fokussierung des Individuums differenziert. Um nun in das Thema ein-zusteigen, folgt der Punkt zur plastischen Chirurgie, dem Fachbereich, dem `Schönheitsoperationen` zugeordnet werden.

2 Plastische Chirurgie allgemein Die plastische Chirurgie „ist die Perfektion chirurgischer Feinarbeit, die Kreativität und das künstlerische Vermögen, Vorhandenes zu formen, Fehlendes zu ersetzen und 4|Seite

Überschüssiges zu entfernen.“10 Ein plastischer Chirurg verändert demnach den Körper durch Einsatz, Formung und Entfernung von Teilen des Körpers. Die wichtigsten Disziplinen der plastischen Chirurgie sind Verbrennungschirurgie, kraniofaziale Chirurgie,11 rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie und `Ästhetische Chirurgie`, d.h. unter der plastischen Chirurgie finden sich verschiedene Arten der Chirurgie. Die plastische Chirurgie stellt nicht nur Körperfunktionen wieder her, sondern hilft auch das Körperbild eines Patienten zu korrigieren und damit dessen Selbstempfinden zu verbessern.12 In diesem Zitat wird sowohl die wiederherstellende als auch die ästhetische Funktion der plastischen Chirurgie angesprochen. Für diese Arbeit ist vor allem die `Ästhetische Chirurgie` relevant, sowie die als Äquivalent wirkende rekonstruktive Chirurgie.13 Nachdem nun, relativ kurz, die plastische Chirurgie als Teilbereich der medizinischen Tätigkeit definiert wurde, sollen nun im Folgenden zwei Disziplinen näher betrachtet werden: die ethnisch motivierte `Schönheitsoperation` als Bestandteil der `Ästhetischen Chirurgie` sowie die rekonstruktive Chirurgie. Beginnen wir mit dem Fall der ethnisch motivierten `Schönheitsoperation`.

2.1 Ethnisch motivierte `Schönheitsoperationen` „Um das Gefühl zu haben, `dazuzugehören`, bedarf es also immer der anderen, die nicht dazugehören.“14 Im Grunde funktioniert so das Prinzip der Gruppenzugehörigkeit. Durch

10

Antonic, Magda, Hollos, Peter: Schönheitsoperationen. Methoden – Erfolge – Risiken – Kosten – Adressen. Berlin: Urania 1998. S. 9. 11 Unter kraniofazialer Chirurgie wird die operative Korrektur komplexer, angeborener oder erworbener Schädel- und Gesichtsdeformierungen durch umformendes Durchtrennen des Knochens durch Meißel oder Säge verstanden. Vgl. O.A.: Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. 261., neu bearbeitete und erweiterte Aufl. Berlin: de Gruyter 2007. Vgl. Universitätskliniken LKH Innsbruck: Kraniofaziale Chirurgie. http://plastik.uklibk.ac.at/index.cfm?i_id=803 16.06.2010 12 Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. In: Die Medizin und der Körper des Menschen. Hrsg. v. Franz J. Illard. Bern: Hans Huber 2001. S. 60. 13 Indirekte Quelle für Punkt 2: Vgl. Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. In: Die Medizin und der Körper des Menschen. Hrsg. v. Franz J. Illard. Bern: Hans Huber 2001. S. 59-71. 14 Lenk, Christian: Therapie und Enhancement. Ziele und Grenzen der modernen Medizin. Münster: LIT 2001. S. 86.

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die Bildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls15 und dadurch, dass jemand aufgrund von äußeren Merkmalen als außerhalb der Gruppe dargestellt wird, auch `Out-Gruppe`16 genannt, bildet sich Gruppenzugehörigkeit. Wer sind solche Menschen der Out-Gruppe? Menschen, die ausgeschlossen wurden und deshalb an sich ethnisch motivierte Operationen vornehmen ließen. Als Beispiel für solch eine Out-Gruppe können irische Migranten genannt werden, die im 19. Jahrhundert in die USA einwanderten. Diesen Menschen wurde nachgesagt, die körperlichen Merkmale der `Stupsnasen` und `Fledermausohren` zu besitzen. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist die vor allem im Nationalsozialismus gängige Stereotypisierung von Juden und Jüdinnen. Ihnen wurde nachgesagt, ebenso wie den Iren, eine klar erkennbare allen Gruppenmitgliedern gemeinsame Nasen- und Schädelform aufzuweisen. Diese wurden darüber hinausgehend als anatomische Referenz für die Hinterlistigkeit des Juden bzw. der Jüdin und weitere negative Charaktereigenschaften gewertet. Einige Schwarze ließen bzw. lassen sich die Haut bleichen, Nasen verschmälern, Lippen verdünnen, um weniger schwarz auszusehen. Seit den 70er Jahren sind Lidkorrekturen bei Asiat_innen bis hin zur Kombination mit Nasenverlängerungen und Kinnimplantaten in der Beliebtheit gestiegen. Ab Ende des letzten Jahrhunderts hat sich auch ein Trend zur Veränderung der Nasen bei z.B. Iranerinnen entwickelt, bei der eine ausgeprägtere Form wie die Hakennase europäisiert wird, weil die Frauen nicht auf „den ersten Blick

mit dem Fundamentalismus in Verbindung gebracht werden

möchten.“17 Die als typisch empfundene Nasenform wird mit der Zugehörigkeit zu einem Land und der extremistischen Ausprägung des Islams verbunden. An diesen Beispielen lässt sich Folgendes erkennen und zusammenfassen: Ethnisch kosmetische Chirurgie zielt oft auf die am stärksten identifizierbaren und häufig karikierten Gesichtszüge – bei jüdischen Personen die Nasen, bei asiatischen Augen und Nase und bei Afroamerikaner/innen Nasen und Lippen.18 Kathy Davis bemerkte in Gesprächen, dass eine unterschiedliche Beurteilung bei `Schönheitsoperationen` an verschiedenen `race`19, bezüglich `weißen`, europäisch

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Dies kann zur `In-Gruppen-Verzerrung` führen, bei der die „Beurteilung der eigenen Gruppe gegenüber anderer Gruppen als besser“ stattfindet. Zimbardo, Philip G., Gerrig, Richard J.: Psychologie. 16., aktualisierte Aufl. München: Pearson Studium 2004. S. 816. 16 Zur Klarheit soll die folgende Definition zugrunde gelegt werden: „Die Gruppen, mit welchen sich Menschen nicht identifizieren.“ Ebd. S. 816. 17 Gillman, Sander L.: Ethnische Fragen in der Schönheitschirurgie. In: Schönheitschirurgie. Hrsg. v. Angelika Taschen. Köln: Taschen 2005. S. 135. 18 Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 46. Laut Kathy Davis verwenden Mediziner/innen für eine Art der `Schönheitsoperation` die Bezeichnung `ethnisch kosmetische Chirurgie`. Ebd. S. 46.

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aussehenden Menschen und z.B. Schwarzen,20 vorzuliegen scheint. Warum könnte dies so sein? Äußere Merkmale, die ganzen Gruppen zugeschrieben werden, rekurrieren meist auf Vorurteile21 sowie Stereotypen22 und damit auf Zuordnungen von Charaktermerkmalen. Ein Beispiel ist die erwähnte Ableitung negativer Charaktermerkmale aus der propagierten phänotypischen Gemeinsamkeit von Juden und Jüdinnen. Durch die `kosmetische Chirurgie` wurde und ist es möglich, sich von marginalisierenden23 anatomischen Merkmalen im wahrsten Sinne des Wortes zu befreien. Der vorher als `anders`, als `anormal`, als `fremd` aufgrund seiner `race` angesehene Mensch konnte ethnisch24 `anonymisiert` werden. Diese ethnische `Anonymisierung` wird auch als `Passing` bezeichnet. Das bedeutet, dass jemand eine neue Identität annimmt, um die Unterordnung und Unterdrückung, die die bisherige Identität begleitet, zu entkommen und den Status und die Privilegien der neuen Identität zu erlangen.25 Ethnisch motivierte `Schönheitsoperationen` werden demnach durchgeführt, damit Personen die Benachteiligung und das damit verbundene Leiden überwinden können. Die von Diskriminierung durch Zuordnung zu einer marginalisierten Gruppe soll gelöst werden, indem die Person bestimmte anatomischer Merkmale aufgibt. Wenn ein Asiat sein Augenlid dem weißen, nicht-kaukasischen Phänotyp angleicht, sich die Nase verlängern und eventuell sein Profil modifizieren lässt, so verändert sich nicht nur die

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In diesem Kontext möchte ich, ähnlich wie Kathy Davis, das Wort `race` statt `Rasse` verwenden. Während für mich `Rasse` eindeutig negativ konnotiert ist, durch Rassenideologien des Nationalsozialismus` und der heutigen Neonazist_innen-Szene, gibt Davis an, dass dem Wort `race` diese negative Konnotation fehle. Daher werde ich diesen Begriff übernehmen. Was der Nachfrage an der `ethnisch kosmetischen Chirurgie` zugrundeliegt, soll in diesem Abschnitt umrissen werden, dafür ist es notwendig eine neutrale Begriffsebene mit dem Wort `race` herzustellen. 20 Zu der Bezeichnung `Schwarz`: Sie wird als Selbstbezeichnung von Menschen, die politisch unkorrekt als `farbig` betitelt werden. `Schwarz` ist zwar in dem Sinne als Begriff problematisch, weil es einen starken Kontrast zu `weiß` herstellt. Da es aber eine selbst gewählte Bezeichnung dieser Menschen ist, möchte ich ihn gern übernehmen. Vgl. Der braune Mob: Informationen für Journalisten zu diskriminierungsfreier Sprache. Es gibt keine „Farbigen“. http://www.derbraunemob.de/shared/download/warum_keine_farbigen.pdf 13.06.2010 21 Als Vorurteil wird eine „gelernte Einstellung gegenüber einem Zielobjekt [bezeichnet], die negative Gefühle (Abneigung oder Furcht), negative Überzeugungen (Stereotypen), welche die Einstellungen legitimieren, und eine Verhaltensabsicht umfasst, Objekte der Zielgruppe zu vermeiden, zu kontrollieren, zu dominieren oder auszulöschen.“ Zimbardo, Philip G., Gerrig, Richard J.: Psychologie. S.815. 22 Unter dem Begriff `Stereotypen` werden „Generalisierungen über eine Gruppe von Personen [verstanden], wobei allen Mitgliedern dieser Gruppe die gleichen Merkmale zugewiesen werden.“ Ebd. S. 818. 23 „Marginalisieren“ soll als „an den Rand, in das (politische) Abseits drängen“ definiert werden. 24 Dieser Begriff soll als Adjektiv zu `race` verstanden werden, um `rassischen` aufgrund seiner negativen Konnotation nicht verwenden zu müssen. 25 Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. S. 48.

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zuvor augenscheinliche Zugehörigkeit zu seinem Herkunftskontext, sondern auch sein komplettes Gesicht. Dieser Mensch sieht nach einer so umfassenden chirurgischen Veränderung seines Gesichtes nicht mehr wie vor der Operation aus, sondern wie ein anderer Mensch. Höchstwahrscheinlich wird es Freund_innen oder Bekannten nach dem operativen Eingriff schwer fallen, ihn wiederzuerkennen. Es ist, als habe er seine auf den ersten Blick optisch wahrnehmbare Identifizierbarkeit verloren.26 Ein Vorher-NachherPhoto einer solchen ethnisch motivierten `Schönheitsoperation` ist im Anhang zu finden (Abbildung 1). Sich von ethnisch anatomischen Merkmalen zu trennen, kann zu Problemen mit Mitgliedern der eigenen Ethnie führen. Diese können der operierten Person vorwerfen, das eigene ethnische Erbe zu abzulehnen und Mitglieder der eigentlichen Herkunft abzuwerten. Zudem löst die äußerliche Veränderung eines Einzelnen nicht das Problem der Zuschreibung von angeblichen Charaktereigenschaften aufgrund anatomischer Merkmale, sondern verstärkt diese sogar eventuell. Zurück zu der Frage warum bei `Weißen`, von Diskriminierung aufgrund von `race` weniger

betroffenen

Menschen,

chirurgische

Veränderungen

des

Äußeren

unproblematischer erscheinen, `Schönheitsoperationen` bei marginalisierten Gruppen jedoch eher abgelehnt werden. Die Ausgangsfrage dazu lautet: Wo liegt der Unterschied zwischen ethnisch motivierten Operationen und anderweitig motivierten kosmetischen Operationen? Die Ausgrenzung und das Leid, das Menschen erfahren, weil sie z.B. als Schwarze eine große, nichtweiße Nase und volle Lippen besitzen, diese negativen Erfahrungen können Menschen auch mit weißer `race` machen, wenn sie aus anderen Gründen nicht dem Schönheitsideal entsprechen, z.B. zu dick sind. Die Folge der jeweiligen Andersartigkeit ist also vergleichbar. Kathy Davis weist jedoch auf einen Unterschied hin: Sie [die ethnisch motivierte `Schönheitsoperation`] verweist auf die unbequeme Tatsache, dass in vordergründig demokratischen Gesellschaften Menschen noch immer als `anders` definiert werden und daher gezwungen sind, Wege zu finden, ihre `Andersartigkeit` zu verstecken und unsichtbar zu werden, um ihre Lebenschancen zu verbessern.27 Der Bezugspunkt der ethnisch motivierten `Schönheitsoperation` ist ein anderer als bei Weißen. Es ist die Zugehörigkeit zu einer Ethnie. Nach dem Antisemitismus des Nationalsozialismus, der Bewegung in den USA gegen Rassismus in den 1960er Jahren und ähnlichen Ereignissen, sollten (eigentlich) Vorurteile und Minderbewertung aufgrund

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Die Frage der Identität soll hier lediglich gestellt, unter dem Punkt 6.1 aufgenommen und bearbeitet werden. 27 Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. S. 61f.

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von `race` keine Rolle mehr im Denken und Handeln der Menschen spielen – dies ist jedoch nicht so. Würden sich Menschen nicht aufgrund ihrer `race` benachteiligt fühlen, müssten sie nicht ethnisch motivierte Schönheitsoperationen durchführen lassen. Der Unterschied zwischen ethnisch und anderweitig motivierten Operationen liegt also im Bezugspunkt und dem Unbehagen, dass Menschen verspüren, weil sie wissen, dass es dieses rassenorientierte Denken nicht mehr geben dürfte.

28

Die Motivation, an sich

`Schönheitsoperationen` durchführen zu lassen, scheint angestrebte soziale Akzeptanz zu sein. Das Anteil-haben-Wollen an dem Schönheitsideal der Weißen wirft demnach verschiedene Fragen auf und verweist auf soziale Ungleichheiten.29 Dieses Thema der Partizipation an der sozialen Akzeptanz soll unter dem Punkt 4 weiter verfolgt werden. Die ethnisch motivierte `Schönheitsoperation` stellt einen Bereich der `Ästhetischen Chirurgie` dar. Es stellt sich bei der Betrachtung der Themenfelder `wiederherstellende Chirurgie` und `Ästhetische Chirurgie` die Frage, wie klar diese beiden Arten der plastischen Chirurgie sich wirklich voneinander trennen lassen.

2.2 rekonstruktive Chirurgie Der Begriff `rekonstruktiv`, also wiederherstellend, sagt aus, dass Teile des Körpers in ihren natürlichen Zustand zurückgebildet werden sollen oder in einen vorherigen Zustand. Dieser Teil kann von außen, z.B. durch einen Unfall oder durch Krankheit verändert sein. Ein Beispiel für die rekonstruktive Chirurgie kann die Wiederherstellung der weiblichen Brust nach Brustkrebsbefall sein.

Wenngleich auch ausgefeilte plastisch-chirurgische Operationsverfahren meist nicht sämtliche Spuren der Brustkrebsoperation beseitigen können, so kann jedoch durch die weitgehende Wiederherstellung des verlorengegangenen Körperbildes ein enormer Gewinn an Lebensqualität bei betroffenen Patientinnen erzielt werden.30 Dabei scheint es, dass etwas rein medizinisch indiziert ist, weil rekonstruktiv gearbeitet wird. Dies lässt vermuten, dass … eine ästhetische Komponente in der wieder-

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Der Fall, dass Menschen sich nicht zur `race`-Anonymisierung, sondern aus rein ästhetischen Gründen, wie sie angeben, operieren lassen, soll an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Eine ausführliche Darstellung der Für und Wider ist durch die Begrenzung der Größe der Arbeit nicht möglich. Auch kann das Thema der ethnisch motivierten Operationen in dieser Arbeit insgesamt nur sehr verkürzt wiedergegeben werden. 29 Indirekte Quellen zu 2.1: Vgl. Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. S. 41-65. Vgl. Gillman, Sander L.: Ethnische Fragen in der Schönheitschirurgie. S. 112-136. Vgl. Lenk, Christian: Therapie und Enhancement. 30 Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 62.

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herstellenden chirurgischen Tätigkeit keine Rolle spielt. Es ist jedoch in Fachkreisen strittig, was genau rekonstruktiv und was ästhetisch ist. Rekonstruktive Chirurgie kann nicht in jedem Falle stringent als funktional oder medizinisch notwendig angesehen werden, sondern kann auch ästhetische Komponenten in sich fassen. Jedoch scheint die operative Rekonstruktion eine gewisse Legitimation dadurch zu erhalten, dass es „das Recht eines jeden [ist], wieder so auszusehen, wie er [oder sie] von Natur aus aussehen würde“.31 Ein Beispiel dafür, wie schwer es ist rekonstruktive und ästhetische Elemente getrennt zu behandeln, ist der Fall der Herstellung einer neuen Brust aufgrund der Amputation bei einer Patientin nach Krebsbefall. Im Anhang befindet sich ein Photo, das die rekonstruktive Arbeit auch in ihrer ästhetischen Konnotation zeigt (Abbildung 2). Sicherlich ist für den Laien verständlich, dass eine Neubildung der Brust nach der Krankheit ein wichtiger Aspekt für die Patientin ist: Offensichtlichere Spuren der Krankheit werden versucht zu beseitigen, insofern es möglich ist, da postoperative Narben außer durch eine entsprechende Extrabehandlung nicht zu vermeiden sind. Der Ersatz kann der amputierten Brust dazu führen, dass sich diese Frau wieder als (fast) physisch vollkommener Mensch und auch als Frau wieder wahrnehmen kann. Die ästhetische Komponente stellt auch bei der Wiederherstellung immer einen unverzichtbaren und untrennbaren Anteil der plastisch-chirurgischen Bemühungen dar.32 Das skizzierte Beispiel zeigt also bereits, dass chirurgische Arbeit sowohl wiederherstellend und damit medizinisch indiziert, sowie ästhetisch relevant sein kann. In einer gewissen Grauzone zwischen der wiederherstellenden und der `Ästhetischen Chirurgie` sind Mammareduktionsplastiken33. Was den Eingriff in Form und Funktion des Körpers angeht, so gleicht dieses Beispiel dem ersten, jedoch findet sich bei dieser Form der Operation meist kein krankhaft vergrößerter weiblicher Busen, sondern ein, durch andere Gründe, größerer Busen als sich die Patientin wünscht. Seit wenigen Jahren wird ein solcher Fall als medizinisch und nicht rein ästhetisch indiziert bewertet. Denn bei

31

Für die Legitimität eines chirurgischen Eingriffes ist zudem die Auffälligkeit und Sichtbarkeit der „Deformation“ von Relevanz, sowie der Leidendruck, der individuell wahrgenommen wird, und die Art des Eingriffes scheint von Wichtigkeit zu sein, um Anerkennung im Umfeld zu erreichen. Barbara Meili gibt an, dass Brust- und Lippenvergrößerung mehr gegenüber dem Umfeld gerechtfertigt werden müssen. Vgl. Meili, Barbara: Experten der Grenzziehung – Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 123. 32 Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 60. 33 Verkleinerung der weiblichen Brust.

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größerem Busen kann das Gewicht des Busens an sich zu somatischen Beschwerden, z.B. zu Rückenschmerzen und anderen Beeinträchtigungen führen. Dieser kurze Einblick in die Begrifflichkeit der rein rekonstruktiven Chirurgie, soll lediglich auf die Problematik einer klaren Grenze zwischen wiederherstellender und `Ästhetischer Chirurgie` verdeutlichen.34 Nachdem in die plastische Chirurgie mit ihren Disziplinen und Begriffen eingeführt wurde, soll nun das eigentliche Thema dieser Arbeit seine Würdigung erhalten. Grundlegend dafür wird es sein, auch die synonymen Begriffe für `Ästhetische Chirurgie` genauer unter die Lupe zu nehmen im Hinblick auf ihre Eindeutigkeit und Aussagekraft.

3 Zur Problematik der Begriffe um die `Schönheitsoperation` Die Begriffe `ästhetische Chirurgie`, `Schönheitschirurgie`, `Schönheitsoperation` und `kosmetische Chirurgie` besitzen wenig inhaltliche Unterschiede. Minimalinvasive Eingriffe (Eingriffe ohne Operation), wie z.B. Botox-Injektionen35, gehören aufgrund ihrer Funktionsweise fachlich korrekt gesehen nicht zur `Schönheitsoperation`, werden jedoch umgangssprachlich salopp dazu gezählt.36 Um dem Problem der Titelvielfalt auf dem wirtschaftlichen Markt und der damit einhergehenden Verwirrung der Kund_innen Einhalt zu gebieten, wurde eine Modifizierung der Berufsbezeichnung beschlossen.

Nach dieser weist sich der

`Schönheitschirurg` als nicht staatlich anerkannter Praktizierender aus. Im Jahre 2005 wurde während des Deutschen Ärztetages beschlossen, dass die Facharztbezeichnung `Plastischer Chirurg` mit dem Zusatz `Ästhetischer` versehen wird und dieser Titel an eine einheitliche Ausbildung und damit an eine gewisse Qualifikation geknüpft ist.37 Was sagt ein Wort wie `Schönheitschirurgie` aus bzw. was suggeriert es? Zum einen scheint es sich stark auf Schönheit an sich zu beziehen, eventuell sogar auf ein Ideal.38

34

Indirekte Quellen für den Punkt 2.2: Vgl. Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 59-71. Vgl. Meili, Barbara: Experten der Grenzziehung – Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle. S. 119-142. 35 Bei der Faltenunterspritzung werden mit Hilfe von Kollagen oder auch dem Patienten/ der Patientin entnommenem Fett die Falte „aufgepolstert“. Beide Stoffe, Kollagen und Eigenfett, werden innerhalb einiger Monate vom Körper vollständig abgebaut, dieser Eingriff ist demnach reversibel. Vgl. Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 69. 36 Vgl. Meili, Barbara: Experten der Grenzziehung – Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle. S. 119-142. 37 Powerpointpräsentation der Bundesärztekammer „Koalition gegen den Schönheitswahn“ http://www.bundesaerztekammer.de/search.asp?his=0.307 28.05.2010 38 Das Schönheitsideal wird im Punkt vier näher dargestellt und soll daher weniger relevant sein.

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Zum anderen fällt das Wort `Chirurg` auf. Die Bezeichnung `Chirurg` lässt auf eine medizinische Ausbildung schließen. Im besten Falle verbindet der Patient bzw. die Patientin mit dem Begriff qualitative Arbeit. Mit dem Beruf des Arztes wird meist auch eine

heilende

Tätigkeit

verbunden.39

`Schönheitsoperationen`

wie

z.B.

die

Brustvergrößerungen sind jedoch, in den meisten Fällen, medizinisch nicht indiziert. Sie heilen nicht unseren Körper. Teilweise sollen sie die seelischen Wunden des Patienten/ der Patientin heilen, das ist jedoch nicht die Aufgabe des Arztes, sondern eines entsprechend ausgebildeten Psychotherapeuten. Das Wort `Schönheitschirurgie` oder auch `Schönheitsoperation` suggeriert demnach dem Kunden/ der Kundin40: Der Arzt wird mich durch seine `Schönheitschirurgie` heilen. `Schönheitschirurgie` heilt jedoch, außer bei Grenzfällen,41 keine physischen Wunden, sondern sie fabriziert sie, indem bei Operationen Haut aufgeschnitten wird, die danach wieder zusammenwachsen muss. Begriffe wie `Schönheitschirurgie` oder `ästhetische Chirurgie` sind für den Laien irreführend und daher abzulehnen.42

3.1 Tattoos und Piercings Tätowierungen43 und Piercings44 sind historisch tradiert und nicht nur im westlichen Alltag, sondern auch z.B. bei Naturvölkern in Afrika Arten von Körpermodifikation.45 Gerade in den letzten Jahren wurden in der westlichen Welt neue Methoden der Körpermodifikation entwickelt bzw. weiterentwickelt, dazu gehören z.B. Scarifications

39

Der Arzt wird unter 5.2 gesondert behandelt, daher wird die Problematik an dieser Stelle verkürzt dargestellt. 40 Es soll der Effekt von der Problematik von dem Bezug zum Arzt verstärkt werden, indem in diesem Abschnitt objektiver von Kunden anstatt von Patienten gesprochen werden soll. 41 Diese Grenzfälle wurden bereits im Punkt zwei thematisiert und sollen der Kürze wegen hier vernachlässigt werden. 42 Indirekte Quellen für den Punkt 2: Vgl. Meili, Barbara: Experten der Grenzziehung – Eine empirische Annäherung an Legitimationsstrategien von Schönheitschirurgen zwischen Medizin und Lifestyle. S. 119-142. Vgl. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundesärztekammer http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/taetigkeit2005_11.pdf 28.05.2010 43 „Farbe unter die Haut zu bringen“ wird als Tattoo oder auch Tätowierung benannt. Abendroth, Alana: Bodymodification. Tattoos, Piercings, Scarifications. Diedorf: Ubooks 2009. S. 10. 44 Piercings lassen sich als „Durchstoßen bestimmter Körperpartien zur Anbringung von Schmuck“ beschreiben. Abendroth, Alana: Bodymodification. Tattoos, Piercings, Scarifications. Diedorf: Ubooks 2009. S. 56. 45 Körpermodifikation soll hier als bewusste Veränderung des Körpers verstanden werden. Dabei werden Frisurveränderungen, Make-up etc. weniger relevant sein, da sich die Person leichter in ihren ursprünglichen Zustand zurückverändern kann und die hier angeführten Körpermodifikationen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gänzlich wieder zurückbilden. Sicher kommt es vor, dass das Einstickloch nachdem das Piercing entfernt wurde, wieder zuwächst, aber in fast allen Fällen bleibt eine Narbe oder ähnliches zurück. Tattoos können wieder entfernt werden, jedoch verbleiben auch hier Narben nach dem Eingriff am Körper.

12 | S e i t e

und Halb- sowie Vollimplantate. Zu den Piercings, auch „perkutaner Körperschmuck“46 genannt, gehören u.a. Nasen- und Intimpiercings, aber `Subdermale 3D-Implantate`, welche vollständig unter der Haut liegen.47 Das Tattoo wird, wie beim Piercing im besten Falle, vom geübten Fachmann bzw. der geübten Fachfrau vorgenommen48. Von der Methode ist das Tattoo dem Piercing ähnlich, weil auch hier etwas unter die Haut transportiert wird, nur ist es in diesem Falle kein Schmuck, sondern Farbe. Das Motiv hinter der Körpermodifikation kann Ausdruck der Identitätssuche, dem Wunsch nach äußerlicher Darstellung der Persönlichkeit sowie des Zeigens von Individualität und Einzigartigkeit sein.49 Seit den 70er und 80er Jahren des letzten

Jahrhunderts

konnten

sich

Körpermodifikationen,

durch

Musik-

und

Lebensformen wie Punk und Metal, sowie dank MTV mit der permanenten Bereitstellung von Musikvideos jeglicher couleur, ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft finden. Anfangs trugen nur Menschen einiger Subkulturen wie z.B. der Punkszene diese Körpermodifikationen, aber gerade in den letzten Jahren ist „[e]in Tattoo zu tragen […] Mainstream geworden“,

50

wie z.B. die Tattoos über dem Po bei Frauen vor einigen

Jahren ziemlich beliebt waren. Mit einem Tattoo dagegen ist die Möglichkeit gegeben, ein stärkeres Zeichen zu setzen, und Veränderungsprozesse, die sich innerlich vollziehen, mit einem Bild nach außen zu tragen und so die eigene Lebensgeschichte in Bildern auf der Haut zu tragen. Besonders einschneidende Erlebnisse gehen so im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut.51 Körpermodifikationen sind vor allem in Situationen der Veränderung des Selbst, wie z.B. reversible Frisuränderung nach von Trennung von/m PartnerIn recht häufig ist, gerade Tattoos stehen als Sinnbild für den Umbruch im Inneren und in der Umgebung dieser Person. Dadurch hat sich auch die in den 70ern und 80ern entstandene Motivtradition

46

Abendroth, Alana: Bodymodification. S. 73. Nach der Definition eines `Piercings` können die Implantate, auch wenn sie vollständig unter der Haut liegen, dazu gezählt werden, da die Absicht das Anbringen von Schmuck ist und dazu die Haut durchbrochen werden muss, damit das Implantat eingesetzt werden kann. 48 Im Gegensatz zum Arzt durchläuft das Personal in einem Tattoo- und Piercingstudio keine professionelle, staatlich anerkannte Ausbildung, so darf z.B. der Tätowierer kein Lokalanästhetikum spritzen. Der Tätowierer sollte aber basales Wissen zu Themen wie Anatomie des menschlichen Körpers, Wundversorgung und –heilung, Notfallmaßnahmen bei Ohnmacht etc. haben. Zudem sollte er aber auch Wissen zu Krankheiten, die übertragbar sind oder z.B. beim Tätowieren zu Problemen führen könnten (wie Bluterkrankheit), haben. Zudem wird, im besten Falle, auf Hygiene und Sterilität großen Wert gelegt und dies auch regelmäßig vom Gesundheitsamt überprüft. Vgl. Abendroth, Alana: Bodymodification. 49 Trattner, Agnes: Piercing, Tattoo und Schönheitsoperationen. Jugendliche Protesthaltung oder psychopathologische Auffälligkeit? Frankfurt am Main: Peter Lang 2008 (Erziehung in Wissenschaft und Praxis). 50 Abendroth, Alana: Bodymodification. S. 51. 51 Ebd. S. 52. 47

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verändert. So zierten Elemente oder ganze Motive wie Anker im Grunde nur Seeleute. Dies hat sich gerade seit den letzten Jahrzehnten gewandelt: Und so kann ein Tattoo unendlich viele Bedeutungen haben oder auch völlig bedeutungslos sein, weil es gerade en vogue ist, eine bestimmte Tätowierung zu haben.52 Die tradierte Bedeutung der Tattoos ist nicht zwingend vorhanden, da heute die individuelle Bedeutung für den Träger/ die Trägerin wichtiger ist. Nun stellt sich die Frage, warum Tattoos und Piercings in dieser Arbeit thematisiert werden. Die Antwort darauf lautet: Ich möchte sie als Ausgangsbasis verwenden, um einen neuen Begriff zur `Schönheitschirurgie` zu entwickeln.53

3.2 Begriffsvorschlag Im vorigen Unterpunkt wurden `Subdermale 3D-Implantate` erwähnt. Alana Abendroth sagt

über

diese

Schmuckvariante:

„Das

Einarbeiten

von

Implantaten

als

Körpermodifikation gilt als sanfte Form der Plastischen Chirurgie und es wird immer noch mit zweierlei Maß gemessen.“54 Es scheint demnach eine gewisse Grauzone zwischen Körpermodifikationen wie z.B. dem Piercing und der `Schönheitsoperation` zu geben. Da derartige Körpermodifikationen [Tätowierungen, Piercings und `Schönheitsoperationen`] immer auch eine Körperverletzung und Schmerzzufügung beinhalten, weisen sie eine phänomenologische55 Ähnlichkeit mit selbstverletzenden Verhalten auf.56 Es scheint einen Zusammenhang zwischen den im letzten Teil fokussierten Körpermodifikationen und der `Schönheitsoperation` als eine gewisse Schmerzzufügung durch den/die PiercerIn bzw. den Arzt/ die Ärztin zu geben. Beispielsweise wird beim Durchführen des Piercings (durch das Durchstechen der Haut) Schmerz zugefügt und

52

Abendroth, Alana: Bodymodification. S. 51. Das Thema kann innerhalb dieser Arbeit genauer behandelt werden, da Körpermodifikationen eine lange Geschichte besitzen und die verschiedenen Arten, unterschiedlicher Methoden, die Motive, Gründe usw. eine Abhandlung darüber füllen könnten. Vgl. Abendroth, Alana: Bodymodification. 54 Ebd. S. 112. 55 Das Wort `phänomenologisch´ soll hier mehr als `etwas, das in seiner Erscheinungsform ungewöhnlich ist, auffällig` im umgangssprachlichen Sinne verstanden werden und weniger als philosophisch geprägt. 56 Trattner, Agnes: Piercing, Tattoo und Schönheitsoperationen. S. 13. 53

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spätestens mit den postoperativen Schmerzerscheinungen (durch das Aufschneiden und Verändern der Haut) erfolgt hier die Schmerzzufügung bei `Schönheitsoperationen`.57 In

einem

weiteren

Punkt

scheinen

sich

Tattoos,

Piercings

und

`Schönheitsoperationen` zu gleichen: der Intention. Der Wunsch zur Körpermodifikation ergibt sich aus einer sich verändernden Einstellung zum Körper. Der Körper soll sowohl der Norm entsprechen als auch hochgradig individuell sein.58 Körpermodifikationen referieren in gewisser Weise auf das Schönheitsideal, weil Tattoos Moden aufgreifen und `Schönheitsoperationen` sich oft am Standart z.B. der Stupsnase orientieren. Der Wunsch nach Individualität scheint bei Piercings und Tattoos z.B. durch die persönliche Sinngebung bei Tattoos stärker als bei der chirurgischen Veränderung zu sein. Die extreme Angleichung an ein Schönheitsideal wie z.B. das Ideal der Barbie ist sehr selten,59 sondern es werden oft nur einzelne Teile des Körpers als Makel betrachtet und verändert. In den verschiedenen Arten des Piercings, in der Tätowierung sowie in der `Schönheitsoperation` finden sich Aspekte des Schmerzes, ob als Nebenerscheinung oder als zusätzlicher Reiz und als positive Veränderung des Äußeren. Die Problematik (vor allem) des Begriffes `Schönheitsoperation` wurde bereits dargestellt, nun soll die Frage aufgenommen werden, warum auch Tätowierungen und Piercings thematisiert wurden. Auch wenn die Gewichtungen der einzelnen Elemente, wie z.B. Angleichung an die Norm gegenüber der nach außen gezeigten Individualität, bei den genannten Körpermodifikationen und der chirurgischen Veränderung des Körpers unterschiedlich sind, lassen sich durchaus starke Parallelen finden. Zur Verdeutlichung ziehe ich noch einmal das Beispiel des Subdermalen 3D-Implantates heran. Das Material des Schmuckstückes besteht meist gänzlich aus Silikon, es gibt auch Versuche z.B. mit Teflon, wobei dieses dann aber mit Silikon ummantelt ist. Diese Implantate liegen vollständig in der Haut an einem festen Punkt, d.h. es ist nicht intendiert, dass sie innerhalb des Körpers wandern. Das Material und die Funktionsweise sind dem Implantat bei der Vergrößerung der weiblichen Brust sehr ähnlich, die Brustimplantate sind lediglich wesentlich größer als die des Subdermalen 3D-Implantates. Permanent Make-

57

Den Diskurs darüber, ob Körpermodifikation als selbstverletzendes Verhalten begriffen werden kann, möchte ich nicht eingehen, da komplexe Themen wie Schmerz an sich und damit auch Subjektivität, psychische Störungen und die dazugehörigen Grauzonen u.ä. in dieser Arbeit keinen Platz finden können. 58 Abendroth, Alana: Bodymodification. S. 53. 59 So hat sich z.B. die Transsexuelle Amanda Lepore einer weitreichenden äußerlichen Veränderung unterzogen und ähnelt nun stark der Barbiepuppe.

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up, das umgangssprachlich zu den `Schönheitsoperationen` gezählt wird, funktioniert durch die gleiche Methode wie ein Tattoo: Farbe wird in die Hautschichten gebracht. Um den konnotativen Bezug zum Arzt bei dem Begriff `Schönheitsoperation` zu vermeiden,

schlage

ich

daher

eine

andere

Bezeichnung

vor:

`ästhetische

Körpermodifikation`. Dieser Begriff hat gewisse Schwächen, da er sich stark an den traditionellen Körpermodifikationen wie Tattoo und Piercing orientiert.

Dagegen

scheinen Operationen wie das Facelifting einen starken Kontrast zu z.B. dem Tattoo zu bilden. Es ist jedoch wichtig, sich auf der begrifflichen Ebene von der Suggestion, die mit dem Begriff des Arztes einhergeht und dem damit erwarteten Heilungsprozess zu lösen. `Ästhetische Körpermodifikation` weist diesen Bezug nicht auf und durch den Zusatz `ästhetisch` soll die Intention des Kunden bzw. der Kundin das Äußere zu verändern herausgehoben werden. Zudem fällt der Wortteil `Operation` in dem entwickelten Begriff gänzlich weg. Dadurch lassen sich leichter verschiedene Arten der Modifikation in ihm fassen, die durch `Operation` widersprüchlich wirkten, wie minimalinvasive Eingriffe. Der neue Begriff `ästhetische Körpermodifikation` hat gegenüber den momentan üblichen Bezeichnungen folgende Vorteile: Verschiedene Formen des ästhetischen Eingriffes in den Körper, die fachlich ungenau als `Schönheitsoperation` benannt werden, wie nichtoperative, minimalinvasive Eingriffe sowie Operationen werden unter `ästhetische

Körpermodifikation`

erfasst.

Durch

die

namentliche

Nähe

zu

Körpermodifikationen wie Tätowierungen und Piercings wird die ästhetische Intention betont, vor allem durch den Zusatz `ästhetisch` im Begriff. Zudem fällt die Suggestion des Heilungsprozesses durch den Verzicht auf den Begriff `Arzt` gänzlich weg, da jeglicher Bezug dazu entnommen wurde.60

4 Zu Gesellschaft und Individuum: Schönheitsideal Stelle(n)61 der Macht

- Schnitt-

Nachdem im ersten Teil begriffsanalytisch zur `ästhetischen Körpermodifikation` gearbeitet wurde, werde ich mich nun dem zweiten Teil dieser Arbeit widmen, welcher philosophisch angelegt ist. Dieser Abschnitt der Arbeit lässt sich in drei thematische Aspekte, einteilen, auch wenn die Grenzen fließend sind. Der erste Aspekt des philosophischen Teils wird sich mit dem Schönheitsideal, welches Schnitt-Stelle zwischen Individuum und Gesellschaft ist, beschäftigen. Aufgrund der ausladenden

60

Indirekte Quelle für den Punkt 3.2: Vgl. Abendroth, Alana: Bodymodification. Tattoos S. 107-117. 61 Wort übernommen von Seier, Andrea, Surma, Hanna: Schnitt-Stellen – Mediale Subjektivierungsprozesse in THE SWAN. In: In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 173.

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Größe des Themenkomplexes `Schönheit`62 kann nur eine Metaanalyse geleistet werden, zu deren Erläuterung Ausschnitte aus der Theorie Michel Foucaults herangezogen werden.63 Auch wenn Foucault die `ästhetischen Körpermodifikation` nicht in seine Theorie mit aufnahm, so lassen sich in seiner Arbeit Ansatzpunkte für die Problematisierung finden. Dazu zählen z.B. seine Gedanken zur Bio-Politik. Foucault bezeichnet den Körper als etwas durch Disziplin Bearbeitbares, so dass sich die Ressourcen und Möglichkeiten des Körpers optimaler nutzen lassen. Der Körper wird in Systeme wirtschaftlicher Art eingebunden und lässt sich dadurch besser kontrollieren, im besten Falle auf die gewünschte Nutzung ausrichten. Seine [des Körpers] Dressur, die Steigerung seiner Fähigkeiten, die Ausnutzung seiner Nützlichkeit und seiner Gelehrigkeit, seine Integration in wirksame und ökonomische Kontrollsysteme […].64 In dem Kontrollsystem werden Geburt und Tod, Fortpflanzung und allgemeiner Zustand des Körpers etc. beobachtet und aufgrund dieser Beobachtungen wird regulierend gehandelt. Dies kann man sich an dem Beispiel der Vorsorgeuntersuchungen für Erkrankungen vor Augen führen: Meist werden Beobachtungen über Gründe und Häufigkeiten der Erkrankung nach bestimmten Kriterien (Geschlecht, Alter usw.) getätigt und anhand derer werden Studien vorgenommen, um die Annahmen zu verifizieren oder zu falsifizieren. Anschließend werden je nach den Ergebnissen Maßnahmen eingeführt oder auch nicht. So ist das Glaukom65 eine Krankheit, die die Augen betrifft. Vorsorgeuntersuchungen ab mittlerem Alter sollen der Erkrankung bzw. ihrer Verstärkung vorbeugen. Der grüne Star kann bei frühzeitiger Feststellung durch Augentropfen gut behandelt werden. Vorsorgeuntersuchungen greifen also in den ursprünglich natürlichen Lauf ein, wenn auch in diesem Beispiel zum (wahrscheinlichen) Vorteil des Erkrankten.

62

Körperliche Schönheit, wie die ästhetische Chirurgie sie sieht, ließe sich entsprechend als durch ein jugendliches und natürliches Aussehen sowie durch ausgeglichene Proportionen definieren. Vgl. Ach, Johannes S.: Komplizen der Schönheit? Anmerkungen zur Debatte über die ästhetische Chirurgie. In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S. 193. 63 Diese Ausschnitte sind bereits entsprechend dem Thema der Arbeit ausgewählt worden und können nur einen geringen Teil des gesamten Werkes Michel Foucaults bezüglich Themen, Zeitdimension und daher auch Entwicklungen in der Theorie abbilden. Eine umfassendere Betrachtung kann in dieser Arbeit nicht geleistet werden. 64 Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Band 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983. (Sexualität und Wahrheit). S. 134f. 65 Initiativkreis zur Glaukomfrüherkennung e. V.: Glaukom. Informationen zur Vorsorge. http://www.glaukom.de/ 11.07.2010

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Das von mir gewählte Beispiel soll die positive Seite der Bio-Politik aufzeigen. Foucault kritisiert jedoch einen ganz wesentlichen Aspekt der Bio-Politik: Die Installierung dieser großen doppelgesichtigen – anatomischen und biologischen, individualisierenden und spezifizierenden, auf Körperleistungen und Lebensprozesse bezogenen – Technologie charakterisiert eine Macht, deren höchste Funktion nicht mehr das Töten, sondern die vollständige Durchsetzung des Lebens ist.66 Dadurch, dass das menschliche Leben, durch die Kontrolle des Körpers durch die BioPolitik so massiv beobachtet und durch Maßnahmen in den individuellen Prozess des Körpers einer Person eingegriffen wird, entsteht eine neue Regulierung, die auf den menschlichen Körper ausgerichtet ist, die „Bio-Macht“.67 Jedes einzelne menschliche Leben wird mittels der Kontrolle des individuellen Körpers beeinflusst. Die Technologie spielt für diese Beeinflussung eine große Rolle, da sich durch sie anatomische und biologische Leistungen und Prozesse aufzeichnen lassen und reguliert werden können. Beispielsweise gibt es Medikamente wie neuere Antidepressiva, die in den Hormonhaushalt des Gehirns eingreifen, um Depressionen zu heilen. Jedoch können diese Medikamente lediglich das hormonelle Gleichgewicht im Körper wieder herstellen, können bei psychischen Problemen aber keine Psychotherapie ersetzen.68 Die `vollständige Durchsetzung des Lebens` führt zu einer neuen Form der Macht, die nicht mehr auf das Ausschalten der Gegner, sondern auf deren Regulierung abzielt. Foucault fasst dies wie folgt zusammen: „Zum ersten Mal in der Geschichte reflektiert sich das Biologische im Politischen.“69 Das Thema Macht soll nun genauer bearbeitet werden. Es wurde bereits verdeutlicht, dass der Körper des Menschen in den Fokus der Politik geriet, dies ist jedoch nur ein Teil des Blickes, denn dieser Blick auf das Individuum wird auch vom Individuum selbst geleistet. Die Beherrschung des eigenen Körpers und das Bewußtsein von diesem konnten nur als Effekt der Besetzung des Körpers durch die Macht erworben werden: die Gymnastik, der Muskelaufbau, die Nacktheit und das Schwärmen vom schönen Körper … das alles liegt auf der Linie, die durch eine beharrliche, hartnäckige und gewissenhafte Arbeit, […] zum Begehren des eigenen Körpers führt.70 Das Formen des eigenen Körpers gewinnt an Wert, wird aber durch Macht besetzt. Das Individuum kann durch harte Arbeit seinen Körper selbst nach Wunsch (wenn auch in

66

Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. S. 135. Ebd. S. 135 68 Focus Online: Antidepressiva. Chemische Stimmungsmacher: http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/depression/behandlung/antidepressiva/antidepressiva_aid _16955.html 30.06.2010 69 Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. S. 138. 70 Foucault, Michel: Analytik der Macht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005. S. 75. 67

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gewissem Maße begrenzt) modellieren durch z.B. Sport. Gleichzeitig führt es aber dazu, dass sich ein bestimmtes Bild des Körpers manifestiert, das nun verfolgt wird. Wie lässt sich `Macht` als Begriff Foucault charakterisieren? Anhand von Eigenschaften, die den Begriff macht definieren können, wird sich die Arbeit dem Foucault`schen Begriff `Macht` nähern. Wenn man an Machtausübung denkt, so verbindet man wohl vor allem im ersten Augenblick damit etwas eher Negatives wie Verbote. Foucault versteht Macht in diesem Sinne anders: Gerade Verbote, das Unterdrücken von Unerwünschtem, sind nicht die allein die prägende Kraft der Macht, auch wenn Foucault die Unterdrückung nicht gänzlich ausschließt, so ist treibendes Element auch das Begehren. „Wenn wir aber davon ausgehen, dass Macht nicht in erster Linie die Funktion hat zu verbieten […] Lust zu schaffen, können wir verstehen, warum wir der Macht gehorchen.“71 Macht wirkt, laut dem Philosophen, deshalb so extrem, weil Wünsche im Menschen geweckt werden. Das Wechselspiel zwischen Bearbeitung des eigenen Körpers und der Manifestation von Idealen somit damit von Begehren finden wir hier erwähnt. Aber auch durch die Macht über den Körper können wir auch tiefergehendes Wissen über ihn erlangen, durch Untersuchungen jeglicher Art. Momentan wurde nur von Macht im Singular gesprochen, Foucault stellt fest, dass es nicht `die` Macht an sich gibt, sondern sie sich aus Mächten und verschiedenen Wirkungen hierarchisch zusammensetzt. Eine Gesellschaft ist kein einheitliches Gebilde, in dem nur eine einzige Macht herrschte, sondern ein Nebeneinander, eine Verbindung, eine Koordination und auch eine Hierarchie verschiedener Mächte, die dennoch ihre Besonderheit behalten.72 Macht ist demnach als ein Geflecht zu verstehen. Auch die starke Trennung von Machtausübenden und Machterfahrenden bestätigt Foucault nicht, im Gegenteil schrieb er: „Ich glaube, dass wir Machtbeziehungen nicht schematisch betrachten dürfen, auf der einen Seite jene, die Macht haben, auf der anderen jene, die keine haben.“73 Anscheinend lassen sich hier fließende Übergänge zwischen den Machthabenden und den Machtlosen zeigen, denn „[d]ie Machtbeziehungen sind überall.“74 Im gleichen Buch, `Analytik der Macht`, findet sich eine Aussage von Foucault, die dem Zitat gerade zu widersprechen schein: „Macht wird immer von den ››einen‹‹ über die ››anderen‹‹ ausgeübt.“75 Dieses Zitat sagt im Bezug zu dem anderen entweder aus, dass es Menschen gibt, die Macht

71

Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 238. Ebd. S. 226. 73 Ebd. S. 239. 74 Ebd. S. 239. 75 Ebd. S. 255. 72

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haben, diese aber nicht ausüben, wohingegen die Aussage zuvor sich auf die Ausübung von Macht bezieht. Also kann es sein, dass Foucault zwischen dem Besitz und der tatsächlichen Ausübung von Macht unterscheidet oder er widerspricht sich in `Analytik der Macht` selbst. Dass aber genau die Trennung zwischen Machtausübenden/ Machtbesitzern und Machterfahrenden/Machtlosen schwierig ist, soll später noch einmal thematisiert werden. Foucault bietet also für diese Problematik eine Basis in seinen eigenen scheinbar widersprüchlichen Aussagen. Welche Folge hat diese Form der Macht für den einzelnen Menschen? Durch das `Durchsetzen` des kompletten menschlichen Lebens, was bereits beschrieben wurde, findet die Macht auch ihren Eingang in das alltäglich Leben des Individuums, denn die Macht gibt dem Individuum vor, was angestrebt werden soll, ein Ideal – das `Gesetz der Wahrheit`: Diese Machtform gilt dem unmittelbaren Alltagsleben, das die Individuen in Kategorien einteilt, ihnen ihre Individualität zuweist, sie an ihre Individualität bindet und ihnen das Gesetz einer Wahrheit auferlegt, die sie in sich selbst und die anderen in ihnen zu erkennen haben. Diese Machtform verwandelt die Individuen in Subjekte.76 Paradox scheint hier, dass die Machtform den Individuen sowohl ihre Individualität als auch Kategorien zuweist.77 Das `Gesetz der Wahrheit`, von mir als Idealvorstellung des Körpers interpretiert, wandelt die Individuen in Subjekte,78 die sich dieser Wahrheit des Ideals in sich und im Gegenüber bewusst werden müssen. Dadurch, dass der Einzelne diese Wahrheit für sich selbst erkennen kann, wird er zum Subjekt, das diese Wahrheit annimmt und daher sich an diese Wahrheit und an die Macht, die das Ideal geprägt hat, bindet, sich ihr unterordnet. Ein weiteres Merkmal der Macht ist es, dass sie das Handeln vom Gegenüber beeinflusst, d.h. der Einfluss lässt sich an den Taten des Anderen erkennen. „Die Ausübung von Macht ist keine bloße Beziehung zwischen individuellen oder kollektiven ››Partnern‹‹, sondern eine Form handelnder Einwirkung auf andere.“79 Zudem wird zur Machtausübung die Bildung eines Konsens sowie die Verwendung von Gewalt genutzt, aber

76

Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 245. Eine tiefergehende, komplexe Darstellung dieser anscheinenden Widersprüchlichkeit soll hier nicht vorgenommen werden, um Macht in seinen Eigenschaften kurz zu charakterisieren. Aufgrund der Kürze der Arbeit soll dieser Teil vernachlässigt werden mit dem Verweise auf das Aufgreifen in der Anwendung auf die `ästhetische Körpermodifikation`. 78 Als Subjekt versteht Foucault zwei Formen: Als Subjekt, das Herrschaft eines anderen Menschen untergeordnet ist und daher von ihm in irgendeiner Weise abhängig ist. Und: Als Subjekt, eine individuelle Identität besitzt, weil es sich selbst bewusst ist und zur Selbsterkenntnis fähig. Dies ist Merkmal eines Subjektes, da ein Objekt diese Fähigkeiten nicht besitzt. Vgl. Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 245. 79 Ebd. S. 255. 77

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diese beiden Formen sind nicht unweigerlicher Teil der Machtausübung. „Gewalt und Konsens sind Mittel oder Wirkungen, nicht Prinzip oder Wesen der Machtausübung.“ 80 Da auf Gewalt (meist) eine Reaktion folgt und die Bildung von Konsens auch auf einen Einfluss z.B. durch Diskussion hindeutet,81 lassen sich diese als Mittel der Macht ausdrücken. Auch das Verhältnis vom Machtausübung und Freiheit der Machtlosen hat sich der französische Philosoph gewidmet: „[…]einem Verhältnis, das durch gegenseitiges Antreiben und Kampf geprägt ist und weniger durch einen Gegensatz, in dem beide Seiten einander blockieren, als durch ein permanentes Provozieren.“82 Der Wille zur Freiheit und die Einschränkung durch den Machthabenden sollen sich nicht gegenseitig zur Handlungsunfähigkeit beschränken, sondern sich in einem kämpferischen Spannungsverhältnis befinden. Dies scheint auf relativ gleichwertige Antagonisten hinzuweisen, da keiner von beiden den Kampf für sich entscheiden kann, sondern es ein andauerndes Kräftemessen sein soll. Michel Foucault hat das Thema `Bio-Politik` des Staates auf die Regierung ausgeweitet. Er bezeichnet als „Gouvernement“ die Regierung, die sich durch Machtbeziehung „››gouvernementalisier[…]‹‹“.83 Dies geschieht vor allem dadurch, dass sie Leitungsstellen der staatlichen Institutionen differenziert, rationalisiert und zentralisiert. Die Leitung der Regierung wird also an der Vernunft ausgerichtet und verzweigter, aber zentral gesteuert. „Die eigentliche Verankerung der Machtbeziehung ist außerhalb der Institutionen zu suchen, auch wenn sie in einer Institution Gestalt annehmen.“84 Die Institutionen, die gebildet wurden, wie Polizei, Beamtenapparat etc., tragen laut Foucault die Macht nicht, sondern

„[d]ie

Geflecht.“

85

Machtbeziehungen

wurzeln

im

permanenten

gesellschaftlichen

Dies lässt sich dadurch erklären, dass die Individuen das `Gesetz der

Wahrheit` verinnerlichen und ein bedeutend großer Teil an dieses Ideal glaubt. Dadurch beeinflussen sich die Menschen gegenseitig und geben das Ideal weiter. Die Macht durchzieht die Macht die Gesellschaft.86 Nachdem die Theorie Foucaults im Auszug vorgestellt wurde, soll nun diese auf die `ästhetische Körpermodifikation` angewendet werden. Wir wollen die `ästhetische

80

Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 255. Persönlich finde ich, dass Konsens nicht zwingend auf Beeinflussung von Machthabenden beruht, da Konsens auch durch freien Austausch gleichwertiger Gesprächspartner hergestellt werden kann, so dass man sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigt. Foucaults Aussage lässt jedoch eher darauf schließen, dass Konsensbildung als Beeinflussung gesehen werden kann. 82 Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 257. 83 Ebd. S. 260. 84 Ebd. S. 258. 85 Ebd. S. 260. 86 Indirekte Quelle für den Punkt 4 zur Betrachtung der Theorie von Foucualt: Vgl. Foucault, Michel: Analytik der Macht. 81

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Körpermodifikation`

als

Schnitt-Stelle

zwischen

Individuum

und

Gesellschaft

untersuchen. Die Auseinandersetzung mit Praxen der Verkörperung erfordert eine Beschäftigung mit der Schnittstelle zwischen den Erfahrungen, die eine Person mit ihrem Körper macht einerseits und den kulturellen Bedeutungen, die dem Körper und den spezifischen Körperpraxen zukommen andererseits.87 Wir können also von der Erfahrung des Individuums mit seinem Körper und dem sozialen, kulturell geprägten Verständnis vom Körper ausgehen. Liegt eine Ursache für den Wunsch nach einer `ästhetischen Körpermodifikation` in solch einem sozialen Punkt? „Das Motiv, das hinter Schönheitsoperationen steht, ist häufig der Glaube, dadurch Erfolg, Ansehen oder eine neue Partnerschaft zu gewinnen.“88 Das bedeutet im Grunde, dass mit der `ästhetische Körpermodifikation` die Hoffnung auf ein positiveres Leben verbunden wird, in der sich Wünsche wie Erfolg, Anerkennung oder eine Liebesbeziehung ausdrücken. Schöne89 Menschen erfahren mehr Anerkennung, mehr positives Feedback vom Gegenüber, als Menschen, die als weniger schön angesehen werden. Da Menschen sich vom Schönsein Vorteile versprechen, wie z.B. Anerkennung, arbeiten sie daran für den Anderen schön(er) zu sein durch Make-up, durch für die individuelle Figur passende(re) (betonende oder kaschierende) Kleidung, durch Frisurveränderung oder durch `ästhetische Körpermodifikation` um jünger auszusehen etc. „Schönheitshandeln ist mit anderen Worten ein sozialer Prozess, in dem Menschen versuchen, soziale (Anerkennungs-)Effekte zu erzielen.“90 Diese vielfältige offensichtlich äußerliche Veränderung referiert also auf Wahrnehmung und Erfahrung, was als schön(er) empfunden wird und daraufhin inszeniert sich der Einzelne um dem Gegenüber zu gefallen. „Moderne Körperinszenierungen erscheinen damit als Versuch der Teilhabe um soziale Macht: Nicht eine Rolle lediglich spielen, sondern verkörpern ist die Maxime.“91 Die Rolle `jung, schön, attraktiv` wird nicht nur gespielt, sondern verinnerlicht. Warum, lässt sich an Foucaults `Gesetz der Wahrheit` verdeutlichen. Nach den Ergebnissen sozialpsychologischer Studien haben schöne Menschen (im Sinn der statistisch-mehrheitlichen Auffassung von Schönheit) mehr Erfolg in

87

Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. S. 59. Trattner, Agnes: Piercing, Tattoo und Schönheitsoperationen. S. 75. 89 Auch wenn das Schönheitsideal an sich nicht in seiner komplexen historischen Entwicklung hier angeführt wird, soll das Thema kurz später folgen, in seiner momentanen Ausprägung. In dieser Arbeit wird es aber vor allem eine Metaanalyse sein. 90 Degele, Nina: Normale Exklusivitäten – Schönheitshandeln, Schmerznormalisieren, Körper inszenieren. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 71. 91 Ebd. S. 80. 88

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der Liebe, im Beruf und im Leben überhaupt. […] Schönheit befähigt zu sozialer Macht, dient ihrer Inszenierung und verkörpert Status.92 Das `Gesetz der Wahrheit` sagt in der momentanen, westlichen Gesellschaft aus: Wenn du schön bist, bist du erfolgreicher in allen Bereichen deines Lebens. Die Menschen haben dieses Gesetz dogmatisch angenommen, bis sie selbst zum Subjekt wurden, das dies für sich selbst erkannt hatte und ihm die (scheinbare) Richtigkeit dieses Gesetzes bewusst wurde. Das Ideal des schönen, schlanken Aussehens hat sich manifestiert in den Köpfen, in der Seele der Menschen – in ihnen. Bei dieser Vorstellung referiert die Äußerlichkeit des Menschen auf sein Innerstes: „Der Körper erhielt nun die Funktion, die unsichtbaren Tiefenschichten des `Charakters` auszudrücken.“93 Schönheit wird mit charakterlichen Eigenschaften verbunden. Was jedoch verwundert, ist, dass das gegenteilige Denken auch im Denken der Menschen aktiv ist. Menschen mit besonders guten Aussehen werden negative Merkmale wie unzulänglich, materialistisch, weniger positiv gegenüber Bedürftigen oder sozial Schwächeren, untreu, weniger verantwortungsbewusst, eitel, und neurotisch bezeichnet – einem Potpourri negativer Zuschreibungen. Auch hier gibt es einen engen imaginierten Zusammenhang zwischen Innerem und Äußerem eines Menschen.94 Ähnlich ist es bei der offiziellen Aussage, sich nicht am Schönheitsideal zu orientieren, weil man nicht möchte, dass es scheint, also wolle man sich ausschließlich für andere schön machen. Sich für sich selbst schön zu machen, klingt unabhängiger, selbstbewusster und zeugt von Authentizität und Selbstbewusstsein. Menschen, die dies aussagen, möchten nicht als `gehirnfreie Barbiepuppe` kategorisiert werden, sondern als Mensch mit innerem Wert, als Individuum. Menschen wollen gern als einzeln, als Individuum mit eigenem Wert verstanden werden. Hier finden sich demnach Beispiele für die scheinbar paradoxe Verstrickung von Kategorisierung und Individualität. Im Falle der `ästhetischen Körpermodifikation` finden sich einige der oben beschriebenen Phänomene. So wollten Juden und Jüdinnen sich von antisemitischen, stereotypen negativen Zuschreibungen durch eine Nasenoperation lösen. Das zeigt, dass das Bild des Juden mit einer Hakennase eine feste Verbindung zwischen diesem äußeren Merkmal und schlechten Charakter im Kopf des Menschen herzustellen vermag. Der Wunsch nach

92

Degele, Nina: Schönheit – Erfolg – Macht. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main: Frankfurter SocietätsDruckerei 2007. S. 29. 93 Alkemeyer, Thomas: Aufrecht und biegsam. Eine politische Geschichte des Körperkults. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main: Frankfurter Societäts-Druckerei 2007. S. 7. 94 Höchstwahrscheinlich lässt sich dies durch den Neid des Gegenübers erklären, der die gleiche Anerkennung wie der als schön empfundene Mensch erfahren möchte.

23 | S e i t e

Anerkennung und mehr Erfolg lässt sich bei Asiat_innen finden, die ihr Gesicht an `Merkmale` der weißen `race` angleichen wollen durch Augenlidkorrektur, Nasenverlängerung und Einsatz von Implantaten. Von der äußerlichen Veränderung erhoffen sie sich mehr Erfolg im Beruf oder auch bessere Chancen bei der Partnerwahl.95 Frauen, die bereits weiß sind und daher schon ein Merkmal des westlichen Schönheitsideals erfüllen, möchten sich diesem weiter annähern und lassen sich z.B. die Brust vergrößern. Sie lassen aber, bis auf Ausnahmen, nicht ihren kompletten Körper modifizieren, sondern einzelne Stellen wie eine zu lange Nase oder zu kleine Brüste. Dies zeigt, dass die Kategorie des Schönheitsideals als Vorbild zur Veränderung genutzt wird. Gleichzeitig bleiben

aber

individuelle

Bestandteile

des

Körpers

durch

die

`ästhetische

Körpermodifikation` weniger berührt: Wird beispielsweise die Nase begradigt und verkürzt auf eine Stupsnase, so bleiben Wangen und Mund, obwohl sie dem Ideal nicht entsprechen, weil vielleicht der Mund zu schmal und die Wangenknochen nicht hoch genug sind, in ihrem Zustand. Ein gewisser Grad an Individualität wird demnach geschätzt und geschützt wird. Allerdings werden trotzdem Kategorien gebildet, wie etwas auszusehen hat und wenn es das nicht tut, wie es dann bezeichnen wird und auf was es, z.B. bei Vorurteilen, referiert. Dies kann als Übertragung der Aussage von Foucault gesehen werden, dass Individuen in Kategorien eingeteilt werden, ihnen aber trotzdem Individualität zugeschrieben wird. Nun bin ich im vorigen Satz von der Gesellschaft ausgegangen, die diese Zuschreibungen vornimmt, meine Beispiele haben sich jedoch auch auf den Wunsch des einzelnen Menschen zur Veränderung bezogen. Wie kann hier die Verbindung mit Hilfe Foucault gezogen werden? Michel Foucault spricht von einem `handelnden Einfluss`, der durch Macht ausgeübt wird. Mittel dafür sind Gewalt und Konsens. Wenn Gewalt, im Gegensatz zum Konsens, als physische Aktion verstanden wird, so ist es schwer ein Beispiel innerhalb des Komplexes der `ästhetischen Körpermodifikation` zu finden, das physische Gewalt zur Machtausübung zeigt. Sicherlich kann der Eingriff der `ästhetische Körpermodifikation` als Gewaltanwendung verstanden werden, da ja ein Eingriff in den Körper vorgenommen wird. Es geschieht mit Einwilligung der Patientin bzw. des Patienten, kann also weniger als Gewalt verstanden werden. Als Mittel zur Machtausübung lässt sich Gewalt demnach nicht in der `ästhetische Körpermodifikation` finden.96

95

Dieser Aspekt wurde bereits unter 2.1 thematisiert und soll hier zur Demonstration herangezogen werden. 96 Jedenfalls sind mir keine solchen Fälle bekannt. Gewalt könnte auch als psychische Gewalt verstanden werden, so wie es Psychoterror z.B. gibt. Als assoziativen Begriff würde ich Gewalt bezogen auf das Schönheitsideal und die `ästhetische Körpermodifikation` als zu stark verstehen, sondern eher als extreme Einflussnahme und diese wird diskutiert werden.

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Es gibt für Foucault noch ein weiteres Mittel zur Machtausübung: Konsens. Als `Konsens` soll eine Einstellung zu etwas oder eine Denkweise verstanden werden. Gemeinhin wird sie von einem Großteil der Mensch akzeptiert, findet deren Einwilligung. Kann das Schönheitsideal als `Konsens` bezeichnet werden? Auch wenn das Ideal der Schönheit, wenn überhaupt, nur durch viel Disziplin und harte Arbeit am Körper sowie eventuell durch Eingriffe von `ästhetische Körpermodifikation` erreicht werden kann, richten sich viele Menschen nach diesem Ideal oder orientieren sich daran. Ich denke, die Begründung liegt in dem sozialen Anerkennungseffekt, der bereits beschrieben wurde. Menschen wünschen sich Anerkennung durch andere, die sie aufgrund von gutem Aussehen erhalten. Diese Anerkennung erhalten sie dann, weil der soziale Anerkennungseffekt auf den Konsens des Schönheitsideals Bezug nimmt. Dieses Ideal findet Bestätigung im Konsens und referiert auf ihn. Nun, es scheint hier ein Zirkelschluss vorzuliegen. Er wirkt logisch, da ich den Wunsch nach Anerkennung und den Konsens als starke Triebkräfte für Handeln, die sich gegenseitig bedingen, auffasse. Auch wenn nicht alle Menschen sich an dem Ideal orientieren, so doch eine große Zahl. Dieser `Teufelskreis` von gegenseitigem Bezug auf sozialer Anerkennung und Konsens zeigt ein gewisse eigene Dynamik: Durch die wechselseitige Referenz auf einander verstärken sich beide Ursachen, da sie weiter im Denken der Menschen manifestieren können, das Ideal und seine Gründe `schleifen` sich quasi im Inneren des Menschen ein. Der menschliche Körper ist ein durch und durch soziales Phänomen: Was immer Menschen mit ihrem Körper tun, welche Einstellung sie zu und welches Wissen sie von ihm haben, ist geprägt von der Kultur, Gesellschaft und Epoche, in der diese Körperpraktiken, -vorstellungen und –bewertungen auftreten.97 Das Ideal wird von kulturellen, zeitlichen und gesellschaftliche Faktoren beeinflusst. So verändert sich das Ideal des Körpers in Zeiten finanzieller und existentieller Not. Haben die Menschen wenig Geld und wenig Nahrung, steigt die Tendenz zum Ideal von Menschen mit mehr Leibesfülle.98 Inszenierungen des Körpers sind also auch von Veränderungen im Leben bzw. innerhalb der Gesellschaft beeinflusst. Ob Krieg und damit einhergehend Mangel an Luxusgütern und besonderem Essen besteht oder ob davon im Überfluss da ist, bestimmt die Gesellschaft mit. Dadurch gab es im Laufe der Zeit verschiedene Schönheitsideale wie die Rubensfrauen mit verstärkt weiblichen

97

Gugutzer, Robert: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main: Frankfurter Societäts-Druckerei 2007. S. 4. 98 Zur Vereinfachung soll innerhalb dieser Arbeit kein Unterschied zwischen Leib und Körper angenommen werden.

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Rundungen oder androgyne Frauen wie Twiggy in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Effekt des Schönheitsideals und die Verankerung in der Gesellschaft haben auch durch die neuen Technologien andere Ausmaße angenommen: Die Kultur der Optimierung hat sich mittlerweile auf eine Art und Weise verselbständigt, dass nicht mehr die Veränderung und der Versuch einer Verbesserung der Begründung bedürfte, sondern nun vielmehr begründet werden muss, dass eine Optimierung unterlassen werden kann.99 Dieses Zitat spricht die Macht des Schönheitsideals an, denn es thematisiert, dass es nicht mehr normal angesehen wird, seine Natürlichkeit zu behalten und weniger seinen Körper auf irgendeine Art und Weise verändern zu wollen. Das Zitat sagt aus, dass, wenn diese Modifikation abgelehnt wird, das Verhalten auf Unverständnis stößt. Dies kann man sich am Beispiel des Ohrenanlegens verdeutlichen. Es ist nachvollziehbar, dass einem Kind, das Segelohren hat, diese angelegt werden, so dass sie nicht mehr abstehen. Da Segelohren nicht dem Schönheitsideal entsprechen, liegt es nahe, dass sie in den meisten Fällen korrigiert werden. Wird dies jedoch nicht gemacht, so kann man sich vorstellen, wie Bekannte und Freunden nach dem Grund für diese `Verweigerung` fragen. Die Möglichkeiten der `ästhetische Körpermodifikation` nicht zu nutzen, kann auf Unverständnis stoßen. Ähnlich ist es mit Menschen, die Übergewicht haben. Ihnen wird (höchstwahrscheinlich) regelmäßig von besorgten Mitmenschen nahe gelegt, jetzt doch endlich einmal abzunehmen, denn so, wie sie seien, seien sie nicht schön. Dabei werden Sportarten und Diäten im besten Falle gleich empfohlen. Sich nicht permanent am Schönheitsideal zu orientieren und Schönheitshandeln zu betreiben, kann demnach eine negative Reaktion anderer Menschen nach sich ziehen, was die Einflusskraft auf das Handeln der Menschen und damit die Macht zeigt. Foucault hat seine Untersuchung zur Macht nicht auf die Gesellschaft begrenzt, sondern auch auf den Staat ausgeweitet. So schuf er die Verbindung zwischen Politischem und Biologischem im Begriff `Bio-Politik`. In der Bio-Politik wird der Körper des Menschen kontrolliert, reguliert und durch Eingriffe verändert. Als Beispiel habe ich die Vorsorgepraxis zum Glaukom angeführt. Diese Kontrolle und Modifizierung des Körpers lässt sich auch auf die `ästhetische Körpermodifikation` anwenden. Sabine Maasen beschreibt die `ästhetische Körpermodifikation` in der Bio-Politik folgendermaßen: `Ästhetische Körpermodifikationen` seien Teile „bioästhetisch orientierter Gouver-

99

Lenk, Christian: Verbesserung als Selbstzweck? Psyche und Körper zwischen Abweichung, Norm und Optimum. In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S. 66.

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nementalität“1. Das Individuum verstünde sich als frei, selbstbestimmt und authentisch. Es sähe seine Möglichkeit auf Selbstoptimierung und zur Gemeinschaft beizutragen.1 Das Schönheitshandeln würde als frei gewähltes und weniger durch Andere suggeriert empfunden. Dabei solle das eigene Leben verbessert, individuellen Chancen gesteigert werden unter Verwendung von Technologien und Wissen. Auch die Regierungswirkung schönheitschirurgischer Angebote ergibt sich ja in aller Regel nicht, oder nicht allein, durch Zwangswirken, sondern auch durch den individuellen Eindruck zu seiner Optimierung selbst etwas beitragen zu können – und, wo es technisch möglich ist, es eigentlich auch zu müssen.100 Das

bedeutet,

dass

Schönheitshandeln

und

damit

auch

die

`ästhetische

Körpermodifikation` aus der individuellen Entscheidung heraus verwendet werden, um das Leben zu verbessern, in dem Gedanken, dass mit steigernder Annäherung an das Schönheitsideal die soziale Anerkennung und damit das Glück steigt. Sich der Verwendung von `ästhetischen Körpermodifikationen`

zu verweigern, bedeutet die

Technologie nicht zu nutzen und damit nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft zu haben und daraus folgend selbst schuld am eigenen Unglück zu sein. Aus gouvernementalitätstheoretischer Perspektive verweben sich Optimierungsmotiv (Selbstführung) und Gemeinwohlgebot (Fremdführung) zum zentralen Movens für die Akzeptabilität schönheitschirurgischer Aktivitäten.101 Der Staat hat also Anteil daran, dass sich Motive von Individuum und Gesellschaft vermischen. Dies kann man sich dadurch erklären, dass er den Konsens als Basis nimmt und z.B. Angebote unterstützt wie Präventionsprogramme gegen Krankheiten, die durch Übergewicht hervorgerufen oder verstärkt werden, Diätmaßnahmen oder Mitfinanzierung von Forschung in bestimmten medizinischen Bereichen, wie Foucault beschrieb. Selbstund Fremdführung des

Individuums

führen

dazu, dass

`ästhetische Körper-

modifikationen` akzeptiert und als positiv bewertet werden. Sie helfen dem Einzelnen, schöner und erfolgreicher zu werden, sich damit in den Konsens einzufügen. Macht wird in diesem Falle aber vorwiegend von der Gesellschaft auf den Einzelnen ausgeübt durch Konsens und durch Suggestion, während der einzelne Mensch sich mehr beeinflussen lässt als er selbst jemanden beeinflusst. Trotzdem muss man den Einzelnen als Teil des Ganzen sehen und damit, dass er bzw. sie selbst zu der Machtausübung der Gesellschaft als Zahnrad im Getriebe beiträgt.

100

Maasen, Sabine: Bio-ästhetische Gouvernementalität – Schönheitschirurgie als Biopolitik. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 102. 101 Ebd. S. 103.

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Auch die Freiheit des Individuums wurde kurz als Thema angeführt. Die politische Macht bezieht sich vor allem auf das Wohl und damit die Interessen der Gemeinschaft und weniger auf den einzelnen Menschen, da dessen Interesse sehr individuell, unabhängig und konträr zum Gemeinwohl sein kann. Die Freiheit des Einzelnen wird im Interesse der Gesellschaft eingeschränkt. Wie weit wird die Freiheit höchstwahrscheinlich begrenzt? Johannes Ach bekräftigt die These, dass dem Individuum das `Gesetz der Wahrheit` als eigene Chance suggeriert und der Mensch damit beeinflusst werde. Ach geht weiter, indem er behauptet, dass die `ästhetische Körpermodifikation` Indikator eines glücklicheren Lebens sei und diese Aussicht dadurch zu einem Zwang werde, der eine Wahl nur noch in der Theorie zulasse. […] dass es einen massiven, stetig zunehmenden Druck auf Frauen gebe, sich solchen Maßnahmen zu unterziehen. Die Schönheitschirurgie verspreche praktisch allen Frauen die Möglichkeit, sich einen schönen, jung aussehenden Körper kreieren zu lassen. Dieser ››technologische Schönheitsimperativ‹‹ aber mache die Freiheit der Wahl letztlich zu einer Illusion […]102 Der ` technologische Schönheitsimperativ` lässt sich inhaltlich mit dem Schönheits-ideal, dem Foucault´schen `Gesetz der Wahrheit` gleichsetzten. Die Freiheit sei, laut Ach, reine Illusion. Johannes Ach formuliert einen drastischeren Fall als bisher skizziert: Wenn man davon ausgeht, dass `ästhetische Körpermodifikationen`, vor allem bei Frauen,103 massiv beeinflusst genauer als fremdbestimmt angesehen werden sollen, […] können Entscheidungen einer Person überhaupt nur dann als autonom und selbstbestimmt gelten, wenn sie nicht durch heterogene Motive ››kontaminiert‹‹ sind. Eine solche Vorstellung von Autonomie ist aber unrealistisch und jedenfalls über Gebühr anspruchsvoll.104 Wie können wir Entscheidungen verstehen, die nicht durch heterogene Motive `kontaminiert` sind? Ich denke, dass dies im Sinne des Aspektes der Beeinflussung aufzufassen ist, als Denkstrukturen, die durch andere Menschen an das Individuum herangetragen werden und dazu führen können, dass sich die Einstellung des Individuums zu einem Thema, einer Sache verändern kann, so wie es von Foucault als Einfluss der Macht auf das Handeln von Menschen formuliert wurde. Das Prinzip des sozialen

102

Ach, Johannes S.: Komplizen der Schönheit? S. 198. Ach begrenzt es hier vor allem auf Frauen, da sie stärker dem Ideal ausgesetzt bzw. von ihm tangiert werden. Der Aspekt über geschlechtsspezifisches Schönheitsideal und damit verbunden die geschlechtsspezifische `ästhetische Körpermodifikation` kann in dieser Arbeit nicht weiter behandelt werden. Es gibt jedoch gerade in Fachkreisen der feministischen Theorie bereits eine längere Debatte über diese Themen. 104 Ach, Johannes S.: Komplizen der Schönheit? S. 202. 103

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Anerkennungseffektes und der Konsens in ihrer verstrickten Beziehung lassen sich hier als Beispiel anführen. Der Wunsch nach Anerkennung durch Andere, durch die Gesellschaft, sowie die Übernahme von Einstellungen des Konsens können dazu führen, dass sich ein Individuum im Sinne des `Gesetzes der Wahrheit` der Gesellschaft verändert, `ästhetische Körpermodifikationen` an sich durchführen lässt, um als schön(er) zu gelten. Das Individuum wird also von Motiven von außen beeinflusst oder `kontaminiert`. Wenn man sich aber vor Augen führt, dass der Einzelne in einer Gesellschaft lebt, in einem sozialen Geflecht und nicht einsam auf einer Insel als Kind dort auftaucht und ohne Kennenlernen eines anderen Menschen stirbt, bewegen sich Menschen immer in einem gesellschaftlichen Raum. Dieser wird unweigerlich durch Erfahrungen mit den Mitmenschen oder auch nur durch sinnliche Phänomene geprägt. Ein vollständig von der menschlichen Umgebung unberührter Mensch ist schon aufgrund der Einflüsse von Erziehung, Familie, Kindergarten und Schule kaum denkbar. Johannes Ach gibt selbst an, dass eine 100 %ige Autonomie des Menschen eher abwegig ist, was ich gerade versucht habe zu demonstrieren. Nehmen wir eine gegenteilige Meinung: Die Ansicht Thomas Schrammes dazu verhält sich zu beiden Aussagen von Johannes Ach konträr: Nun kann man aber in der Modifikation des eigenen Körpers, in der Überschreitung seiner biologischen Gegebenheit, die höchste Form der Ausübung menschlicher Freiheit sehen. […] was einige Menschen als Verstümmelung ansehen, gilt anderen als Perfektionierung ihrer physischen Erscheinung.105 Schramme versteht die Modifizierung des eigenen Körpers als Ausdruck von Freiheit, weil der Mensch seinen Körper nach eigenem Belieben und Vorstellung verändern kann. Die eigenen Wünsche, das eigene Ideal drückt sich somit in dem Aussehen des Menschen aus. Aber auch hier besteht das Problem, dass das Ideal der Gesellschaft sich bei den meisten Menschen verinnerlicht findet. Ist diese Beeinflussung nicht bereits Einschränkung der Freiheit und die Modifizierung des Äußeren damit nicht manifestierte Referenz auf explizit dieses Ideal und damit Verweis auf die Macht der Gesellschaft über den Einzelnen? Problematisch an den beiden von Johannes Ach angeführten Zitaten ist die Aussage der Einschränkung der Freiheit bis zur Fremdbestimmung des Individuums durch Andere. Ich habe versucht zu zeigen, dass das Schönheitsideal mittels der Gesellschaft eine gewisse Macht auf das Individuum ausübt und dass es schwer für das Individuum sein kann, sich

105

Schramme, Thomas: Freiwillige Verstümmelung. Warum eigentlich nicht? In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S. 173.

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dieser Macht zu widersetzen. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass Macht bezüglich dessen, was als Schönheit zu verstehen ist, auf die Menschen ausgeübt wird, müssen wir uns fragen, wie weit dann ästhetische Entscheidungen auch der `ästhetischen Körpermodifikation` als frei gewählt verstanden werden können. Johannes Ach und Thomas Schramme bieten die zwei Eckpunkte einer Skala von ästhetischer Freiheit des Individuums. An dem eigenen Körper Veränderungen vorzunehmen bedarf (fast) immer der Initiative des Individuums106 und auch dessen Einwilligung, vor allem im Falle der `ästhetische Körpermodifikationen`. Bei dieser kann von einer offiziellen, mündlichen und schriftlichen Einwilligung in die körperliche Veränderung gegenüber einer anderen Person, wie dem Arzt, ausgegangen werden. In diesem Moment vor dem Eingriff, in dem Moment, in dem eingewilligt wird, kann das Individuum sich quasi noch umentscheiden. Doch wir müssen davon ausgehen, dass viele Entscheidungen vor allem ästhetische beeinflusst sind vom sozialen Geflecht und dem damit verbundenen Konsens. Soziale Anerkennung ist ein starkes Motiv, denn kein Mensch möchte permanent nur abgelehnt werden, vor allem nicht von den Menschen, die ihm wichtig sind und die er oder sie liebt. Ich denke, diese Machtstruktur, der die Menschen durch das soziale Geflecht Gesellschaft - ausgesetzt sind, muss den Menschen stärker aufgedeckt und als solche Machtstruktur und mit seinen Folgen vermittelt werden. Durch diese Art von Aufklärung können Menschen die Einflüsse, die sie betreffen, besser reflektieren und hinterfragen. Dies würde zu freieren Entscheidungen führen, weil das Individuum durch Aufklärung mehr Möglichkeiten hat, sich zu distanzieren vom Machtgefüge. Bei dieser Distanzierung können wir folgendes als Leitgedanke zu Rate ziehen: Wir müssen uns vorstellen und konstruieren, was wir sein könnten, wenn wir uns dem doppelten politischen Zwang entziehen wollen, der in der gleichzeitigen Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen liegt.107 Jeder

kann

sich

anhand

dieser

Aussage

überlegen,

was

die

`ästhetische

Körpermodifikation` an dem Menschen selbst verändert und wie wir wirklich sein wollen.108

106

Veränderungen am Aussehen eines Kindes z.B. das Flechten von Zöpfen des kindlichen Haares und ähnliche Fälle sollen ausgeklammert werden. Diese Betrachtung bezieht sich auf Menschen ab der Pubertät, da ab da zunehmend eigene, bewusste Entscheidungen getroffen werden. Auch Menschen mit geistiger Behinderung oder Alzheimer und ähnliche Gedächtnis- und bewusstseinsbeeinflussenden körperlichen Zuständen sollen an dieser Stelle vernachlässigt werden. 107 Foucault, Michel: Analytik der Macht. S. 250. 108 Indirekte Quellen zum Punkt 4: Vgl. Degele, Nina: Schönheit – Erfolg – Macht. S. 27-32. Vgl. Maasen, Sabine: Bio-ästhetische Gouvernementalität – Schönheitschirurgie als Biopolitik. S. 99-118.

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Am Ende der Betrachtung vom Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum kann festgehalten werden, dass das Schönheitsideal als Form der Machtstruktur verstanden werden kann. Das Partizipieren an der Macht drückt sich in dem Wunsch nach sozialer Anerkennung aus. Nun soll die Gesellschaft im Zusammenhang mit möglichen ethischen Problematiken und der `ästhetischen Körpermodifikation` näher beleuchtet werden.

5 Zur Gesellschaft: Ethische Aspekte Die `ästhetische Körpermodifikation` wirft mit ihrer Existenz und Verbreitung verschiedene ethische Problematiken auf. Dazu zählt z.B. die eigene Verantwortung für die Integrität109 des menschlichen Körpers, denn [a]us der modernen Erwartung, seinen Körper zu gestalten, ergeben sich neue Möglichkeiten des Körperumgangs und der Körperinszenierung, aber auch die Eigenverantwortung für den Körper und den Druck sich Schönheitsnormen eigenaktiv anzunähern.110 So wächst durch die Inszenierung und Veränderung vom eigenen Körper auch die Anzahl der Variationen und diese stehen dem Einzelnen zur Verfügung. Aber jeder Mensch hat auch nur seinen eigenen Körper, nur ein einziges Mal111 und daher muss er seinen Körper so weit pflegen, dass dieser zum Leben funktionsfähig ist. Körpermodifikationen, egal welcher Art, verletzen die Integrität des Körpers z.B. durch das Erzeugen von Wunden bei Operationen oder bei Piercings. Auch Schönheitsnormen können die Integrität des menschlichen Körpers einschränken, was Korsetts aus dem 19. Jahrhundert beweisen: Durch das massive Zusammenschnüren wurden Rippen verbogen und Organe in eine andere Form gedrängt, dies führte zu Beschwerden bei der Trägerin des Korsetts. In diesem Themenfeld kann eine Frage lauten: Wie weit darf die Integrität des eigenen Körpers eingeschränkt werden? Durch das jeweilig geltende Schönheitsideal können Versprechungen

im Einzelnen

geschürt werden, wie „Wenn ich diesem Ideal entspreche, werde ich glücklicher.“ Ideale können den Menschen Hinweise geben, welchen Weg sie gehen sollten, wie die Ideale der Tugenden. Ideale können aber auch weit entfernte vollkommende Vorbilder sein, die sich vornehmlich auf Äußerlichkeiten beziehen und meist nicht zu erreichen sind. „So

Vgl. Menninghaus, Winfried: Der Preis der Schönheit: Nutzen und Lasten ihrer Verehrung. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main: Frankfurter Societäts-Druckerei 2007. S. 33-38. 109 Definition im Punkt 5.2 110 Trattner, Agnes: Piercing, Tattoo und Schönheitsoperationen. S. 13. 111 Ersatzvarianten von Organen und Körperteilen durch Transplantation sollen hier nicht weiter betrachtet werden, da sie weniger relevant sind in dieser Betrachtung bezüglich der `ästhetische Körpermodifikation`.

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wie der Mensch ist, wie wir ihn als Teil der Natur vorfinden, bleibt er stets hinter den Idealen und Wünschen zurück.“112 Hier muss der Einzelne für sich das Maß, zwischen Akzeptanz des Individuellen und Arbeiten zum Ideal hin, finden. Jedoch scheint dies für Menschen leichter zu sein, die vermögend sind, um durch die Dienstleistung anderer ihrem Ideal näher zu kommen oder bereits zu großem Teil diesem Ideal entsprechen. „Mit der bisherigen Verteilung natürlicher körperlicher und geistiger Gaben sind vielleicht auch nur diejenigen zufrieden, die dabei günstig weggekommen sind.“113 Dies

sind

nur

zwei

ethische

Themen,

die

den

Komplex

der

`ästhetische

Körpermodifikation` berühren. Da eine tiefergehende Betrachtung der ethischen Problematiken zur `ästhetische Körpermodifikation`, aufgrund der Kürze,

in dieser

Arbeit nicht geleistet werden kann, möchte ich mich auf zwei ausgewählte Bereiche beschränken. Leitfragen sind hierfür: Welche Rolle nimmt der Arzt in der `ästhetische Körpermodifikation` ein? Und: Wie kann die `ästhetische Körpermodifikation` als Technologie innerhalb der hier leitenden Ethik Hans Jonas` eingeordnet werden? Ich gebe der ersten Frage im Folgenden den chronologischen Vorrang.

5.1 Der Arzt Die Frage: Welche Rolle nimmt der Arzt in der `ästhetische Körpermodifikation` ein? soll zur besseren Übersichtlichkeit in zwei Themen gegliedert werden: Zuerst wird der Arzt als Heilender fokussiert, danach als Dienstleister. Wir erhoffen uns vom Arzt (Hilfe auf) Heilung. Der Arzt repariert verletzte Körperteile und leitet sie, unterstützend durch Salben etc. an, sich selbst zu heilen oder therapiert sie. Auch um Krankheiten vorzubeugen gehen Menschen zum Arzt. Die Menschen erhoffen sich demnach vor allem Heilung oder Abwehr von Krankheit durch den Arzt. Wie jedoch heilt der Arzt einen Menschen, wenn er oder sie an sich eine `ästhetische Körpermodifikation` vornehmen lässt? Peter Baumgartner fasst es wie folgt zusammen: In dieser Wechselbeziehung [zwischen fehlendem lebenserhaltenden Motiv und meist günstigem Einfluss auf die Psyche des Patienten/ der Patientin] ist das

112

Bayertz, Kurt, Schmidt, Kur W.: ››Es ist ziemlich teuer, authentisch zu sein…!‹‹ Von der ästhetischen Umgestaltung des menschlichen Körpers und der Integrität der menschlichen Natur. In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S. 43-62. 113 Siep, Ludwig: Die biotechnische Neuerfindung des Menschen. In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S. 38.

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heilende Moment zu sehen, das die kosmetische Chirurgie vor allem aus gesellschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten der heutigen Zeit rechtfertigt.114 Was also heilt der Arzt mittels der

`ästhetischen Körpermodifikation` Seele115 oder

Körper?116 Baumgartner spricht wesentliche Aspekte im Hinblick auf den Arzt und auf die `ästhetische Körpermodifikation` an: Bei `ästhetischen Körpermodifikation` bestehen keine existentiell gefährdende Gründe um die Modifikationen durchzuführen. Die Veränderung des Körpers mit Hilfe des Arztes habe einen Einfluss auf die Psyche des Patienten bzw. der Patientin. Baumgartner sagt sogar aus, dass dieser Einfluss meist positiv sei.117 Zudem gibt Baumgartner an, dass die Heilung durch den Arzt aus dem Einfluss auf die Seele und nicht aus der existentiellen Notwendigkeit heraus bestehe. Sehen wir uns diese nicht existentiell notwendige Körpermodifikation kurz etwas genauer an. Die größte Zahl der Eingriffe sind Operationen der Wahl das heißt die geplanten Operationen werden nicht zur direkten Abwehr einer Lebensgefahr […] vorgenommen, sondern zur Änderung eines Zustandes, der an und für sich keine Bedrohung für das Leben bedeutet.118 Eigentlich ist der Arzt vor allem dazu da, den kranken Körper zu therapieren.119 Bei der `ästhetischen Körpermodifikation` liegt jedoch keine körperliche Krankheit vor.120 Es werden zu aller erst keine Wunden versorgt, sondern in vielen Fällen wie Fettabsaugungen oder Lidoperationen Wunden dem Körper hinzugefügt. Zudem wird ein Risiko vor allem durch Operationen für den Patienten/ die Patientin erst geschaffen, wie z.B. an Folgen und Komplikationen (schweren körperlichen) Schaden zu erleiden oder

114

Baumgartner, Peter: Schönheit und Verjüngung durch kosmetische Chirurgie? Ein medizinischer Ratgeber über Möglichkeiten, Grenzen, aber auch die Berechtigung kosmetischer Eingriffe. Stuttgart: Georg Thieme 1972. S. 4. 115 Seele soll hier in einem nicht-theologischen Kontext als Begriff für den Charakter, aber auch Gefühle verwendet werden. Es stellt in dieser Arbeit das Äquivalent zum Körper dar. 116 Den folgenden Überlegungen liegt die Annahme zugrunde, dass es sowohl den Körper als auch die Seele gibt und diese zwei getrennte Bereiche sind, Überschneidungen dieser beiden Bereiche werden dabei nicht ausgeschlossen. 117 Gründe und eine Problematisierung werden im Punkt 4 thematisiert. Hier soll lediglich eine Nennung, keine Vertiefung folgen. 118 Baumgartner, Peter: Schönheit und Verjüngung durch kosmetische Chirurgie? S. 2. 119 Als Therapie wird die „Gesamtheit der Maßnahmen zur Behandlung einer Krankheit mit dem Ziel der Wiederherstellung der Gesundheit, der Linderung der Krankheitsbeschwerden und der Verhinderung von Rückfällen“ verstanden. Brockhaus. Enzyklopädie Online: Therapie. http://www.brockhausenzyklopaedie.de/be21_article.php?document_id=0x0dfa75da@be 27.06.2010. 120 Teilweise kann von einer seelischen Erkrankung als Grund für eine `ästhetische Körpermodifikation` ausgegangen werden, dieses Thema soll jedoch nicht explizit genauer untersucht werden.

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sogar daran zu sterben.121 Man kann demnach schließen, dass der Patient bzw. die Patientin durch `ästhetische Körpermodifikationen` einem Risiko ausgesetzt wird, dass es ohne diese Veränderung nicht geben würde. Drastisch formuliert „gaukelt die Medizin eine fast unbegrenzte und risikoarme Manipulierbarkeit des Aussehens vor“.122 Der (eventuell positive) Einfluss der `ästhetische Körpermodifikation` auf die Persönlichkeit mag vielleicht damit indirekt Verdienst des Arztes sein, fällt aber strenggenommen nicht in seinen Tätigkeitsbereich, den Körper. Es gibt für die Behandlung oder Heilung der Persönlichkeit ein eigenes, spezielles Berufsfeld: die Psychologie bzw. Psychiatrie. Es sollte bei einer (relativen) Trennung zwischen den Spezialisten für den menschlichen Körper und den der Seele bleiben.123 „Manche [Ärzte] erzählen, sie behandeln die Seele mit dem Skalpell.“124 Damit beanspruchen sie, meiner Meinung nach, Kompetenzen und Bereiche, die ihnen aufgrund ihrer körperorientierten Ausbildung eher weniger zu stehen. Eine weitere Problematik, die sich bei der Fokussierung auf den Arzt auftut, ist dass er oder sie als z.B. Chirurg_in teilhat an der Verletzung des Körpers des Patienten/ der Patientin. Der Patient/ die Patientin willigt ein, dass der eigene Körper in seinem momentanen körperlichen Gesundheitszustand, verändert wird, ihm durch den Arzt Wunden zugefügt werden. „Für die Gestaltung des Körpers waren und sind Menschen bereit, die Integrität ihres Körpers verletzen zu lassen oder selbst zu beschädigen.“125 Dies zeigt, dass der Arzt sich dem Grundsatz Menschen zu heilen wiedersetzt, wenn von einem

121

Allein in dem Zeitraum von 1998 bis 2002 ergaben sich nach Fettabsaugungen 71 Fälle mit schweren Komplikationen, von denen 20 Menschen starben. Todesursachen waren Infektionen, Perforationen der inneren Organe, Bakterieneinschwemmung in der Blutbahn etc. Die Patient_innen, die überlebten waren von irreversiblen Lungenschädigungen, Narben und weiteren Entstellungen betroffen. Steinau, Hans-Ulrich: Komplikationen bei Fettabsaugungen. In: Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) (Hrsg.): "Spieglein, Spieglein an der Wand ..." - Zur Diskussion um den Schönheitswahn http://infomed.mdsev.de/sindbad.nsf/218bca09ea55e01dc12571e800562766/c26316526ac3202ac1256feb00297607/$ FILE/Sch%C3%B6nheit_BMGS-2005.pdf 19.05.2010 122 Degele, Nina: Fragen an Prof. Nina Degele. In: Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) (Hrsg.): "Spieglein, Spieglein an der Wand ..." - Zur Diskussion um den Schönheitswahn http://infomed.mdsev.de/sindbad.nsf/218bca09ea55e01dc12571e800562766/c26316526ac3202ac1256feb00297607/$ FILE/Sch%C3%B6nheit_BMGS-2005.pdf 19.05.2010 123 Sicherlich gibt es Überschneidungen der beiden Felder in Symptomen bestimmter psychischer Krankheiten. So wird jemand, der an einer somatoformen Störung leidet, wahrscheinlich aufgrund seiner körperlichen Beschwerden, wie Bauch-, Rücken- oder Kopfschmerzen zuerst zu einem Allgemeinmediziner gehen. Nachdem geklärt wurde, dass keine organischen Ursachen für die Beschwerden vorliegen, wird er/ sie sich wahrscheinlich an einen Psychologen wenden. Bei solchen Fällen sind jedoch die Ursachen der Beschwerden entscheidend und nach ihnen sollte der/ die Spezialist_in ausgesucht werden. 124 Ensel, Angelica: Nach seinem Bilde. Schönheitschirurgie und Schöpfungsphantasien in der westlichen Welt. Bern: eFeF 1996. S. 12. 125 Ebd. S. 17.

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streng körperlichen Tätigkeitsbereich ausgegangen wird. So entstehen Narben bei Brustvergrößerungen etc., die ohne die `ästhetische Körpermodifikation` nicht gewesen wären. Wenn ich, wie Christian Lenk, von einem zweiteiligen Therapiebegriff ausgehe […] sind also vor allem zwei Möglichkeiten einer Bestimmung des Therapiebegriffes ins Auge zu fassen, nämlich einmal Therapie im engeren Sinn als Heilung (manifester) Krankheiten, zweitens aber auch Therapie in einem weiteren Sinn als Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit, was präventive und prophylaktische Maßnahmen mit einbezieht.126 Daraus lässt sich schließen, dass im Falle der `ästhetischen Körpermodifikation` der Arzt nicht nur nicht heilt, sondern auch der (körperlichen) Gesundheit zuwider handelt. Dem Hippokratischen Eid, hier im Auszug, auf den jeder Arzt und jede Ärztin schwören soll „zum Nutzen der Kranken will ich eintreten“127 widerspricht dieses Handeln. Im `Leitfaden Ästhetische Medizin`, der sich vor allem an Medizinstudent_innen richtet, findet man „Paradigmen der ästhetischen Chirurgie“128 zur „kritische[n] Selbstprüfung des Arztes in jedem Patientengespräch“.129 Zu diesen Punkten zählen der Leitsatz: „Der Schutz der Gesundheit des Pat. steht an erster Stelle.“ und die Frage „Wird die Gesundheit der Pat. durch den geplanten Eingriff gefährdet?“. Diesen beiden Fragen galt der bisherige Untersuchungsteil zum Arzt als Heilenden. Nun wollen wir uns mit dem Arzt als Dienstleister anhand der Frage „Stehen kommerzielle Interessen im Vordergrund […]?“130 beschäftigen. Im `Leitfaden Ästhetische Medizin` finden sich Aussagen der Autoren, die nun herangezogen werden, um das Thema `Arzt als Dienstleister` genauer zu betrachten. Aus den mit dem Abschluss des Arzt-Patienten-Vertrags für den Arzt resultierenden Pflichten sei hier vor allem die Beratungspflicht des Arztes besonders angesprochen und hervorgehoben.131 Das Beratungsgespräch dient vor allem dazu, individuelle Gründe des Patienten/ der Patientin für den Eingriff und über Risiken sowie mögliche Beschwerden aufzuklären. Nach dem Beratungsgespräch muss sich der Patient/ die Patientin über den Eingriff, den Ablauf wie Krankenhausaufenthalt etc. sowie über eventuell Folgendes wie Nach-

126

Lenk, Christian: Therapie und Enhancement. S. 34. Hippokratischer Eid http://www.uni-heidelberg.de/institute/fak5/igm/g47/bauerhip.htm 28.05.2010 128 Dirschka, Thomas u.a.: Leitfaden Ästhetische Medizin. München: Urban & Fischer 2003. S. 50. 129 Ebd. S. 50. 130 Ebd. S. 50. 131 Ebd. S. 35. 127

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operationen, Gefühlslosigkeit durch Durchtrennen der Nerven aber auch Infektionen usw. klar sein, d.h. er/sie muss das Risiko, welches besteht, begreifen können. Meist wird in einem solchen Beratungsgespräch auch über das Finanzielle gesprochen, also welche Kosten auf den Patienten/ die Patientin zukommen können. Auch für diesen Aspekt findet sich im `Leitfaden Ästhetische Medizin` ein Hinweis für (angehende) Mediziner_innen: „Der Preis sollte nie alleine stehen, vielmehr mit Vorteilen und daraus resultierenden

Nutzen

für

den

Patienten

verbunden

werden

[…]“132

Im

Beratungsgespräch müssen Risiken des Eingriffes besprochen werden, jedoch scheint mir dieses Zitat als solle der Arzt/ die Ärztin den Preis mit positiven Gedanken wie Vorteile und Nutzen für den Gegenüber ausstatten. Der Preis wird durch die für den Patienten/ die Patientin absehbare Chance auf die gewünschte äußerliche Veränderung quasi relativiert. Im Grunde kann hier von einer Einflussnahme auf den Patienten/ die Patientin zugunsten des Arztes und durch den Arzt ausgegangen werden. Dies ist natürlich nur ein Beispiel und kann weder für alle medizinischen Bücher bzw. Ratgeber, noch für alle Mediziner_innen stellvertretend stehen. Dieses Beispiel des `Leitfaden Ästhetische Medizin` zeigt jedoch, dass der Mediziner/ die Medizinerin ihr Handwerk, ihre Leistung und damit den Eingriff in gewisser Weise verkauft. Da hier [in der Klinik] eine medizinische Behandlung verkauft wird, hat das Beratungsgespräch doppelten Charakter – den einer ärztlichen Konsultation und den eines Geschäftsabschlusses.133 In der Klinik werden im Zimmer des Arztes/ der Ärztin folglich zwei Komponenten der `ästhetischen Körpermodifikation` zusammengeführt: Beratung und Bezahlung. Auch hier findet sich das kritische Moment wieder, dass der Arzt nicht mehr allein (körperlich) Heilender ist, was bereits verdeutlicht wurde. Die Kliniken und mit ihnen die darin Arbeitenden sind aber nicht die Einzigen, aber der größte Teil, der finanziell von der `ästhetische Körpermodifikation` profitiert. Es gibt viele Berufe und Firmen, die damit ihr Geld verdienen, allein die Branche für Make-up und Kosmetik arbeitet permanent an neuen Cremes, Methoden etc. um den Menschen jünger oder schöner wirken zu lassen. „Schönheit als käufliche Ware ist in unserer Kultur eine wichtige Wirtschaftsbranche mit Milliardenumsatz.“134 Die Kliniken und Mediziner_innen, die `ästhetische Körpermodifikationen` anbieten, reihen sich damit in

132

Dirschka, Thomas u.a.: Leitfaden Ästhetische Medizin. München: Urban & Fischer 2003.. S. 92. 133 Ensel, Angelica: Nach seinem Bilde. S. 58. 134 Ebd. S. 25.

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diesen ökonomischen Teil des menschlichen Lebens ein und haben daran durch Angebot und Nachfrage Anteil. Abschließend für diese Betrachtung lässt sich folgendes (sehr kritisch formuliert) sagen: Schönheitschirurgie ist eine Ware, die als medizinische Behandlung verkauft wird und damit unter dem Deckmantel der Notwendigkeit erscheint. Schönheitschirurgie ist somit als eine Deformation der Medizin zu sehen.135 Der Arzt heilt, bis auf Ausnahmen, keine körperlichen Beschwerden, wenn er `ästhetische Körpermodifikationen` durchführt. Damit entfernt er sich von seinem eigentlichen Ziel, den Kranken zur Gesundung zu verhelfen. Zudem verkauft er bzw. sie die eigene handwerkliche Leistung des körpermodifizierenden Eingriffes. Er nimmt damit eine neue Position, die des Verkäufers, mit in seinen Aufgabenbereich auf. Das, was gemeinhin mit dem Arzt verbunden wird, einen spezifisch auf den Körper ausgebildeten Menschen, der sich der Heilung Kranker widmet, entspricht nicht mehr der Realität. Die gedankliche Bezugnahme wird damit zu einem Trugbild für den Laien, den Patienten bzw. die Patientin. Die Menschen müssen sich von diesem eindimensionalen Bild des Mediziners lösen und sich die neue Rolle des Arztes/ der Ärztin, als Verkäufer und nicht mehr Heilender, verdeutlichen. Dafür wäre es für den Laien hilfreich, eine neue Bezeichnung für diese Ärzte, die momentan als `Ästhetischer plastischer Chirurg` betitelt werden, zu formulieren, die sich von der medizinischen und damit hippokratischen Konnotation absetzten. Eine mögliche Bezeichnung ist `Spezialist für ästhetische Körpermodifikation`. Die sagt aus, dass die Person jemand ist, der eine gewisse Qualifikation besitzt und die Bezeichnung dem Kontext des Medizinischen enthoben und damit nicht medizinisch indiziert, sondern rein ästhetisch. Um Unklarheiten zu vermeiden, sollten medizinisch indizierte Eingriffe und vor allem ästhetische auch durch unterschiedliche Begriffe markiert werden. Für alles medizinisch Indizierte bleibt das tradierte Wort `Arzt` in all seinen

Varianten

wie

`Plastische

Chirurg`

usw.

und

für

`ästhetische

Körpermodifikationen` gibt es dann den gesonderten Begriff `Spezialist für ästhetische Körpermodifikation`.136 Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre

135

Ensel, Angelica: Nach seinem Bilde. S. 69. Für den Punkt 5.1 sind folgende indirekte Quellen verwendet worden: Dirschka, Thomas u.a.: Leitfaden Ästhetische Medizin. Steinau, Hans-Ulrich: Komplikationen bei Fettabsaugungen. In: Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) (Hrsg.): "Spieglein, Spieglein an der Wand ..." - Zur Diskussion um den Schönheitswahn http://infomed.mdsev.de/sindbad.nsf/218bca09ea55e01dc12571e800562766/c26316526ac3202ac1256feb00297607/$ FILE/Sch%C3%B6nheit_BMGS-2005.pdf 19.05.2010 136

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Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. verändern können.137

5.2 Natur versus Technologie – Das Ver-Rücken der Wirklichkeit „Die Kluft zwischen Kraft des Vorherwissens und Macht des Tuns erzeugt ein neues ethisches Problem.“138 Hans Jonas schrieb in Betrachtung auf Technologien139 wie z.B. die Atombombe. Wenn man sich allein die Gewalt(igkeit) der Atombombe, die auf Hiroshima fiel, vergegenwärtigt, ist der Gedanke einer aufgrund der neuen Technologie entwickelte Ethik nicht weit entfernt. Durch die neuen Möglichkeiten der massiven Verletzung bzw. Auslöschung von Menschen in sehr kurzer Zeit, benötigt der Mensch eine Ethik, die sich mit genau diesen Technologien und ihren Folgen auseinandersetzt. Ist die

`ästhetische

Körpermodifikation`

ein

ähnlicher

Fall,

bei

der

es

einer

Weiterentwicklung der Ethik bedarf? Wenn dann also die neuartige Natur unseres Handelns eine neue Ethik weittragender Verantwortlichkeit verlangt, kommensurabel mit der Tragweiter unserer Macht, dann verlangt sie im Namen eben jener Verantwortlichkeit auch eine neue Art von Demut – eine Demut nicht wie frühere wegen der Kleinheit, sondern wegen der exzessiven Größe unserer Macht, die ein Exzeß unserer Macht zu tun über unserer Macht vorzusehen und über unsere Macht zu werten und zu urteilen ist.140 Jonas geht davon aus, dass die Menschheit mit dem permanenten Fortschritt eine neue Art von Macht erlangt, eine exzessive, die normalen Grenzen überschreitende Macht. Das bedeutet, dass die menschliche Macht eine neue, vorher nicht vorhandene Dimension annimmt. So muss sich die Menschheit im Hinblick auf die neuen Möglichkeiten der Macht auch einer daraus erwachsenden neuen ethischen Dimension stellen. Er bezeichnet es als „Demut“.141 Wie kann das Wort `Demut` in einem nichttheologischen Kontext verstanden werden?142 `Demut` kann (und soll in dieser Arbeit) als der bewusste

137

Ottawa Charta http://www.euro.who.int/AboutWHO/Policy/20010827_2?language=German 12.05.2010 138 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main: suhrkamp 2003. S. 28. 139 Als `Technologie` soll hier die „Gesamtheit der technischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten, das technische Wissen hinsichtlich eines Gebietes“ bezeichnet werden. Vgl. Brockhaus. Enzyklopädie Online: Technologie. http://www.brockhausenzyklopaedie.de/be21_article.php?document_id=0x0dd8bf45@be 25.06.2010. 140 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 55. 141 Ebd. S. 55. 142 Da dieses Wort ursprünglich vor allem in einem christlich-religiösen Zusammenhang auftaucht, möchte ich diesen verwenden, um den Begriff kurz herzuleiten. Im Alten Testament bezeichnet `Demut` vor allem die basale Abhängigkeit des Menschen von seinem Schöpfer. Im Neuen Testament, und damit im Christentum, wird die `Demut` als Tugend verstanden, in der der Mensch

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Ausdruck der menschlichen Würde angesehen werden. Im Hinblick auf diese Demut, in Bezug auf die menschliche Würde und damit auch auf das menschliche Leben, hat sich die Verantwortung der Menschen für einander verändert. Diese Verantwortung muss, wie Jonas es sagt, die Größe der menschlichen Macht und damit verbunden auch die (negativen) Ausmaße in Betracht ziehen. Nur wenn dies getan wird, kann die Menschheit über diese Macht urteilen und sie werten. „Die biotechnologischen Revolutionen unserer Zeit sollen die Grenzen des Verfügbaren ausdehnen und das bislang Unverfügbare kassieren.“143 Arnd Pollmann gibt hier eine mögliche Dimension der neuen Technologien, spezifisch der Biotechnologie, an: Das Machbare soll, durch die Technologien, das bis dahin Unmögliche, das Nichtmachbare, möglich machen. Am Beispiel der Humangenetik wirft Hans Jonas ein Problem auf: der Verstand des Menschen. Zum einen bleibt der spätmoderne Mensch mit seinem Verstand um Längen hinter den großen technischen Prozessen zurück, die er in Gang setzt und hält, man denke an das Beispiel der Humangenetik, zugleich jedoch wird die technische Verfügungsgewalt des Menschen längst nicht all jenen Hoffnungen und Träumen gerecht, die seinen Fortschrittsoptimismus einst beflügelten.144 Der Mensch könne, laut Jonas, die neuen Technologien in ihrem Gesamtmaß an Wirkungen und Folgen nicht vollends überblicken, da neue Technologien ein Novum seien und daher nicht alle Konsequenzen in ihrer Bandbreite überblickt werden können z.B. die Wechselwirkungen auf andere Technologien und Wissenschaften. Zudem können nicht die vielfältigen Hoffnungen und Wünsche, die in den Fortschritt gesteckt werden, gänzlich erfüllt werden. Je nachdem welches Defizit der Einzelne sehe, richten sich seine Hoffnungen und Wünsche auf den technologischen Fortschritt. Technologien überfordern den menschlichen Verstand zuweilen und können dem Optimismus, der in sie gesteckt

seine eigenen Grenzen akzeptiert und sich den Geboten Gottes, vor allem der Gottes- und Nächstenliebe, unterordnet. Losgelöst vom religiösen Hintergrund kann `Demut` als „Ausdruck für das Bewusstsein von der Würde des Menschen verstanden“ werden. Denn die christliche Nächstenliebe lässt sich in nichtreligiöse Denkweisen übertragen, indem Menschen einander akzeptieren, respektieren und helfen. Dieser Umgang zwischen Menschen kann jedoch nur wirklich in die Tat umgesetzt werden, wenn Menschen als gleichwertig, wertvoll und mit einer grundlegenden, unantastbaren Würde ausgestattet sind. Um dies als Denk- und Handlungsweise annehmen zu können, müssen auch menschliche Grenzen beachtet werden, wie das Recht auf Selbstbestimmung etc. `Demut` ist damit die Anerkennung menschlicher Würde. Vgl. Brockhaus. Enzyklopädie Online: Demut. http://www.brockhausenzyklopaedie.de/be21_article.php 25.06.2010 143 Pollman, Arnd: Hart an der Grenze. Skizze einer Anamnese spätmodernen Körperkults. In: no body is perfect. Baumaßnahmen am menschlichen Körper – Bioethische und ästhetische Aufrisse. Bielefeld: transcript 2006. S.310. 144 Ebd. S.313.

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wird, nicht vollkommen gerecht werden, so Jonas. Im Grunde „[…]wissen [wir] erst, was auf dem Spiel steht, wenn wir wissen, daß es auf dem Spiel steht.“145 Nicht nur die begrenzte imaginäre Reichweite des menschlichen Verstandes stellt für Jonas ein Problem dar, sondern auch die Dynamik des technologischen Fortschrittes. Diese Dynamik der Technologie ist „irreversibel“146 und „vorantreibend“147. Im Grunde lässt sich dies wieder an der Atombombe verdeutlichen. In dem Moment, indem sie entwickelt und getestet bzw. das erste Mal abgeworfen wurde, war ihre Existenz in der Welt nicht mehr umkehrbar. Sie ist feste Tatsache der menschlichen Welt: es gibt Formeln, Dokumente, Fotos, Erfahrungen – Zeugnisse von ihrem Sein. Dies ist aber nur ein Teil der Dynamik der Technologie, den zweiten stellt die vorantreibende Komponente dar. Nicht nur die bloße Existenz der Atombombe von Hiroshima, sondern auch deren Weiterentwicklung führt zu einer neuen Dynamik, einer Eigendynamik. Nach der Hiroshima- Atombombe folgten weitere, die heute möglichen Atombomben könnten, wenn nur eine einzige abgefeuert wird, zu einem sogenannten `Overkill` führen, d.h. zur theoretisch mehrfachen Auslöschung der Menschheit. Auch die wachsende Anzahl der Atombomben kann als `vorantreibend` erfasst werden, denn mehr und mehr Länder haben atomare Waffen oder das Potential dazu, sie zu bauen. Neue Technologien

können

also

eine

eigene

Dynamik

entwickeln,

sich

damit

verselbstständigen. Damit verändert sich auch die menschliche Macht: „Die Macht ist selbstmächtig geworden, während ihre Verheißung in Drohung umgeschlagen ist, ihre Heilsperspektive in Apokalyptik.“148 Anhand der Atombombe wurden die `irreversiblen` und `vorantreibenden` Aspekte des technologischen Fortschrittes demonstriert, die auch zu einer neuen Macht führen können, Macht über andere Menschen, wie die Bedrohung eines Landes durch ein anderes mittels atomarer Waffen. Das ursprünglich Gute an einer neuen Technologie, kann sich auch in rein Negatives wenden.149 Jonas hat im Hinblick auf diese Problematik der neuen Technologien dafür plädiert, eine neue Ethik zu entwickeln. Eine Grundlage dafür schuf er selbst, indem er einen neuen kategorischen Imperativ formulierte: „››Schließe in deine gegenwärtige Wahl die zukünftige Integrität des Menschen als Mit-Gegenstand deines Wollens ein‹‹.“150 Diese

145

Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 8. Ebd. S. 72. 147 Ebd. S. 72. 148 Ebd. S. 253. 149 Das Beispiel der Atombombe ist hier weniger schlüssig, denn in einem demütigen Sinne kann die Atombombe nicht einen guten Zweck haben, sondern lediglich die Androhung oder Ausführung von atomarer Gewalt. 150 Eine mögliche Formulierung des neuen kategorischen Imperativs. 146

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ausgewählte Variante orientiert sich besonders an der Integrität151 des Menschen. Dieser neue Imperativ soll die Menschen anleiten, bei dem Treffen von Entscheidungen immer die Zukunft zu bedenken. Die Folgen für die Integrität des Menschen sollen in der Entscheidung als Maßgabe angelegt sein. Ich denke, dass Integrität in dieser Formulierung ganz klar auf die Demut und Verantwortlichkeit des Menschen referiert. Nur durch Einhaltung und Schutz der menschlichen Würde, kann die Zukunft des Menschen adäquat gesichert werden. „Aber der neue Imperativ sagt eben, daß wir zwar unser eigenes Leben, aber nicht das der Menschheit wagen dürfen […]“152 Über das eigene Leben darf bestimmt werden, aber nicht über das anderer in einem existentiellen Sinn.153 „Der neue Imperativ ruft eine andere Einstimmigkeit an: nicht die des Aktes mit sich selbst, sondern die seiner schließlichen Wirkungen mit dem Fortbestand menschlicher Aktivität in der Zukunft.“154 Die menschliche Existenz ist grundlegender Maßstab für Entscheidungen im Sinne des neuen Imperativs. Die Wirkung in die Zukunft hinein darf das menschliche Sein nicht gefährden. Nun wurde viel Basales zur Theorie Hans Jonas bezüglich neuen Technologien und der menschlichen Verantwortung dazu dargestellt. Wie lässt sich genau dieser Ethikkomplex auf das Thema der `ästhetischen Körpermodifikation` beziehen? Technologie kann als Gesamtheit der technischen155 Kenntnisse, Fähigkeiten und Möglichkeiten auf einem Gebiet verstanden werden. Die `ästhetische Körpermodifikation` kann daher als Technologie eingeordnet werden, da es zur Durchführung einer Reihe von technischen Kenntnissen und Fähigkeiten wie der Anästhesie, chirurgischen Grundfähigkeiten, anatomischen Kenntnisse etc. bedarf. Die `ästhetischen Körpermodifikation` erfüllt also eine Eigenschaft, die der Zugehörigkeit zur Technologie, um sie einer Überprüfung im Sinne der Ethik Hans Jonas´ zu unterziehen. Was jedoch der `ästhetischen

Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 36. 151 Die Frage, ob die `ästhetische Körpermodifikation` die Würde des Menschen verletzt, kann in diesem Rahmen nicht beantwortet werden, denn dem müsste eine intensive Auseinandersetzung mit dem Begriff der menschlichen Würde vorausgehen. Danach müsste eingehend geprüft werden, in wie weit die `ästhetischen Körpermodifikation` die Würde des Menschen, wenn man ihn als z.B. freies Individuum betrachtet, bedroht. 152 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 36. 153 Die existentielle Dimension ist hier von Relevanz, da die Politik durchaus über das Leben der Menschen bestimmen kann und auch muss, durch Gesetze, Pflichten etc., aber die Politik darf nicht über das Leben richten. 154 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 37. 155 Technik wird als „besondere Art des Vorgehens oder der Ausführung einer Handlung“ definiert. Vgl. Brockhaus. Enzyklopädie Online: Technik. http://www.brockhausenzyklopaedie.de/be21_article.php 25.06.2010.

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Körpermodifikation` fehlt, ist die (offensichtliche) existentielle Dimension. Wie Jonas herausstellt, kann die Menschheit nicht alle Folgen der Technologie fassen und so scheint es mir auch bei dieser Technologie zu sein. Ich sehe derzeit keine grundlegende existentielle Problematik bei der `ästhetischen Körpermodifikation`, abgesehen von dem Risiko, das bei einer jeden Operation z.B. durch Behandlungsfehler und Nebenwirkungen besteht. Es gibt Todesopfer durch `ästhetische Körpermodifikation`, aber die massive existentiell bedrohliche Dimension ähnlich der Atombombe scheint mir nicht gegeben.156 Angenommen die Stufe der Bedrohung menschlicher Existenz erreicht die `ästhetische Körpermodifikation` nicht –

muss sie dann trotzdem an dem neuen

kategorischen Imperativ gemessen werden? Um dies zu beantworten, scheint es mir wichtig zu klären, warum es an Jonas Ethik entschieden werden kann. Obwohl Jonas höchstwahrscheinlich das Thema der `ästhetischen Körpermodifikation` nicht in Betracht gezogen hat, gibt er einen Hinweis auf das Warum: Das Paradoxe unserer Lage besteht darin, daß wir die verlorene Ehrfurcht vom Schaudern, das Positive vom vorgestellten Negativen zurückgewinnen müssen: die Ehrfurcht für das, was der Mensch war und ist, aus dem Zurückschauen vor dem, was er werden könnte und als diese Möglichkeit aus der vorgedachten Zukunft anstarrt.“157 Wenn wir also die `ästhetische Körpermodifikation` in die Zukunft transferieren, sind dann die Menschen durch die `ästhetischen Körpermodifikation` in einem anderen Zustand als in der Vergangenheit? Jonas gibt an dieser Stelle zu bedenken, dass wir eine Ehrfurcht vor dem menschlichen Sein wieder entwickeln müssen. Die Ehrfurcht vor der Natürlichkeit des menschlichen Lebens und damit auch des Körpers wird thematisiert, `was der Mensch war und ist`. Vielleicht hat sich Jonas mit dieser Möglichkeit des `wie` gar nicht so genau beschäftigt, aber indirekt mitgedacht scheint es wohl zu sein. Da die `ästhetischen Körpermodifikation` in die Natürlichkeit des Körpers eingreift, durch Botox-Injektionen, die die Nerven durch Gift lähmen und Operationen wie Liftings, weist Jonas auch dazu an, Ehrfurcht vor dem ursprünglichen Zustand des menschlichen Körpers zu entwickeln. Jonas spricht in dem „Prinzip Verantwortung“ einen weiteren Aspekt an, der für die `ästhetische Körpermodifikation` von Bedeutung ist: „Doch der Mensch ist selbst unter die Objekte der Technik geraten.“158 Die Technologie, die der Mensch schuf, lässt den Menschen zum Gegenstand der Technik selbst werden. Es lässt sich z.B. durch die

156

Vielleicht liegt es auch in der Begrenzung meines menschlichen Verstandes, die Jonas problematisiert, diese Dimension zu sehen. Womit die These von Jonas, dass der menschliche Verstand in seiner Vorstellungskraft beschränkt ist, sich an meinem Beispiel bestätigt hat. 157 Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 393. 158 Ebd. S. 47.

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vorantreibende Dynamik verdeutlichen, die bereits thematisiert wurde. Technologien entwickeln eine eigene Dynamik, die den Fortschritt der Technologien antreibt. Die Technologie ist nicht mehr nur auf die Natur außerhalb des Menschen beschränkt, sondern bezieht ihn in den Fortschritt mit ein. Dies kann sich weiter dynamisch verändern, sodass der Mensch weiter und weiter entsubjektiviert und dadurch objektiviert wird.159 So kommt zu der Feststellung, daß die Beschleunigung technologisch gespeister Entwicklung sich zu Selbstkorrekturen nicht mehr die Zeit läßt, die weitere hinzu, daß in der dennoch gelassenen Zeit die Korrekturen immer schwieriger, die Freiheit dazu immer geringer werden.160 Ein nächster Aspekt der Technologie soll hier, anhand von Jonas, nicht nur aufgeworfen, sondern auch auf das Thema der Arbeit bezogen werden. Jonas spricht von der eigenen Korrektur der Technologie. Diese Korrekturen werden bei auftretenden Defiziten angebracht sein. Für solche Veränderungen ist, laut dem Philosophen, kein zeitlicher Raum durch die technologische Dynamik gegeben. Wenn die Technologie sich permanent innerhalb kurzer Zeit weiterentwickelt, kann sie sich nicht mehr genügend korrigieren. Überprüfungen, Abwägungen, Alternativen finden keinen Platz, weil die Technologie nicht optimiert, sondern erweitert werden soll. Jonas spricht in diesem Zusammenhang noch etwas an: die Freiheit zur Korrektur. Sollte es die Möglichkeit der Optimierung durch Korrektur geben, so ist die Zeitspanne dafür gering, weil es den Fortschritt geben muss. Der Fortschritt nimmt sich die Änderung, das Verweilen in einer Phase zur Überarbeitung, als Möglichkeit, als Freiheit. Was bedeutet das für die `ästhetische Körpermodifikation`? Nach Jonas wird sie immer weiter vorangetrieben, aber korrigiert sich nicht selbstständig. Auf der einen Seite gibt es immer wieder neue Varianten des Lifting wie z.B. nur ein Stirnlifting oder ein komplettes Gesichtslifting. Meiner Meinung nach lässt sich jedoch auf der anderen Seite an der Entwicklung von den Materialien für Brustimplantate einer gewisse Korrektur feststellen. Anfangs wurde das Silikon lediglich in den Brustbereich gespritzt, was zu Beschwerden wie Infektionen führte. Jahre später wurde das Silikonkissen entwickelt, erst mit Kochsalzlösung, dann mit Silikon gefüllt. Später wurde die Oberfläche von glatt auf rau korrigiert, sowie die Position von ursprünglich über den Brustmuskel auf vorwiegend untern den Brustmuskel verlegt. Auch wenn es noch verschiedene Füllungen der Implantate gibt, mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen, so wurde anhand von Beschwerden der Patientinnen Beschaffenheit und Material der Brustimplantate korrigiert. In diesem Punkt muss man

159 160

Ausführlicher soll dies im Punkt 6.2 problematisiert werden. Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 72.

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demnach Jonas widersprechen, wenn er sagt, dass die Technologien sich wenig oder gar nicht korrigieren (lassen). Das Beispiel der Brustimplantate zeigt einen anderen Fall. Was wir jedoch im Sinne Jonas auf die `ästhetische Körpermodifikation` festhalten können, ist dass die Menschen, die heute leben und an sich `ästhetische Körpermodifikation` vornehmen lassen und auch andere, die sie beobachten, für die Menschen in der Zukunft Verantwortung haben. „Verantwortung ist die als Pflicht anerkannte Sorge um ein anderes Sein, die bei Bedrohung seiner Verletzlichkeit zur ››Besorgnis‹‹ wird.“161 Die Verantwortung der Menschen liegt darin, sich zu sorgen. Im Falle der `ästhetischen Körpermodifikation` liegt die Sorge in dem ursprünglich natürlichen Sein des Menschen, da eine existentielle Bedrohung zu diesem Zeitpunkt nicht abgesehen werden kann. Was die Menschen in die Ethik, in ihre eigenen Betrachtungen einbeziehen müssen ist, die „Pflicht zu jener Wachsamkeit über die Anfänge“162, wie Jonas es formulierte. Denn dadurch kann der Eigendynamik der Technologie und fehlenden Demut der Menschen Einhalt geboten werden.163

6 Zum Individuum Es wurde das Schönheitsideal mit seiner praktischen Umsetzung als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Individuum sowie die gesellschaftsorientierte Dimension der `ästhetischen Körpermodifikation` demonstriert. Nun wenden wir uns dem letzten philosophischen Aspekt der Arbeit zu: dem Individuum. Bezogen auf Schönheit, dem Schön-heitshandeln, schrieb Nina Degele: „Sich schön machen ist mitunter harte Arbeit, die bis hin zur Frage `wer bin ich und wer will ich sein?` reicht.“164 Genau dies soll uns als leitenden Gedanken für die folgenden Betrachtungen begleiten: Wer bin ich und wer will ich sein?

161

Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. S. 391. Ebd. S. 72. 163 Indirekte Quellen für den Punkt 5.2: Vgl. Gilman, Sander L.: Die erstaunliche Geschichte der Schönheitschirurgie. In: Schönheitschirurgie. Hrsg. v. Angelika Taschen. Köln: Taschen 2005. S. 62- 108. Vgl. Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung. Vgl. Karcher, Eva: Operative Eingriffe In: Schönheitschirurgie. Hrsg. v. Angelika Taschen. Köln: Taschen 2005. S. 354-363. 164 Degele, Nina: Normale Exklusivitäten – Schönheitshandeln, Schmerznormalisieren, Körper inszenieren. S. 70. 162

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6.1 Identität

Die Schönheitschirurgie eröffnet ihren Klientinnen die Möglichkeit in ein neues Verhältnis zum eigenen Körper einzutreten und im Rahmen dieses Prozesses auch ihre Identität neu zu konstruieren.165 Menschen weisen anderen Menschen eine Identität166 zu, indem sie den Anderen z.B. als etwas bezeichnen oder sie beschreiben. Zu dieser Beschreibung können Aspekte wie Aussehen und Charakter gehören. Wenn jedoch das Äußere nichts Beständiges ist, kann dies zu Schwierigkeiten der Identitätszuweisung führen: Wie ist Identität zu denken, wenn sie nicht mehr durch den Rekurs auf den ››eigenen‹‹ Körper definiert werden kann, weil der Körper nicht mehr der Eigene, sondern ein Gemachter und teilweise ein Fremder ist.167 Dabei referiert Identität nicht nur auf das schnell Sichtbare, sondern kann sich auch auf jegliche Definitionen wie Geschlecht,168 Herkunft, Alter etc. beziehen. Identitäten werden in spezifischen historischen und sozialen Kontexten verhandelt, in denen kulturelle Konstruktion von `race`, Ethnizität, gender Sexualität, Alter und Nationalität individuelle Wahrnehmungen des eigenen Körpers formen und vorgeben, welche Praxen der Veränderung des Körpers wünschenswert, akzeptabel oder angemessen sind.169 In diesen historischen und gesellschaftlichen Bereichen spielt der Körper und damit Praktiken in Bezug auf den Körper wie Schönheitshandeln für die Identität eine Rolle. Dies hat sich bereits im Punkt 4 bei der Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum gezeigt, weil z.B. ein Konsens über ein Schönheitsideal herrscht. Identität als Zuschreibung einer Bezeichnung zu etwas Bezeichneten, kann sich demnach, durch Einflüsse aus der Gesellschaft, verändern.

165

Borkenhagen, Ada: Gemachte Körper. Die Inszenierung des modernen Selbst mit dem Skalpell. Aspekte zur Schönheitschirurgie http://www.ssoar.info/ssoar/files/2008/577/gemachte%20k%C3%B6rper.pdf 19.05.2010 166 Als Definition für `Identität` soll wie folgt gelten: „die völlige Übereinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird.“ BROCKHAUS. ENZYKLOPÄDIE ONLINE: Identität. http://www.brockhausenzyklopaedie.de/be21_article.php 10.07.2010 167 Borkenhagen, Ada: Gemachte Körper. Die Inszenierung des modernen Selbst mit dem Skalpell. Aspekte zur Schönheitschirurgie http://www.ssoar.info/ssoar/files/2008/577/gemachte%20k%C3%B6rper.pdf 19.05.2010 168 Im Sinne von z.B. biologischem aber auch gesellschaftlichem Geschlecht. 169 Davis, Kathy: Surgical passing – Das Unbehagen an Michael Jacksons Nase. S. 58.

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6.2 Subjekt und Objekt – Sein und Design170 Um die Beziehung von Subjekt und Objekt in der `ästhetischen Körpermodifikation` verstehen zu können, werden wir mit Hilfe des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre das Thema untersuchen. Dabei soll die Theorie Sartres angesprochen, jedoch von vornherein auf die für unsere Betrachtung wichtigen Punkte begrenzt werden: der Andere und der Blick. Für die Betrachtung mittels Jean Paul Sartre bezüglich der `ästhetischen Körpermodifikation` wollen wir den Ausgangspunkt in einem Thema suchen, dass bereits bei `Gesellschaft und Individuum` aufgegriffen worden ist: Freiheit. Jean Paul Sartre nimmt als Grundzustand des Menschen ein `Geworfen sein` in die Welt an, der Mensch existiert anfangs lediglich. „Es bedeutet, daß der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert.“171 Erst später füllt bzw. wird der Mensch z.B. von Erfahrungen mit anderen Menschen und daraus resultierenden Zuordnungen zu InGruppen u.ä. gefüllt. Ein Definition, eine Zuordnung besteht für den Menschen nicht mit Beginn seines Lebens, sondern erst nach und nach. Dies liegt vor allem auch daran, weil die Existenz eines Gottes172 nicht angenommen wird. Dadurch gibt es kein sinnstiftendes, transzendentales Wesen, welches Werte und Normen (in Form von Ge- und Verboten) für das (Zusammen-)Leben der Individuen vorgibt. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert – ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert […], der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.173 Das heißt, der Mensch muss sich Sinn und ethische Vorstellungen etc. selber vorgeben. Da kein göttliches Wesen angenommen wird, das dem Menschen einen bestimmten Platz und ein göttliches, einzelnes Schicksal zuweist, muss sich das Individuum selbst den Sinn geben. Es müsse Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen und die Konsequenzen dafür tragen. Jeder Einzelne ist für sein Glück oder Unglück selbst

170

Titel übernommen von Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 59. 171 Sartre, Jean-Paul: Ist der Existentialismus ein Humanismus? 2. Aufl. Zürich: Europa 1947. S. 14. 172 Zu dem Verweis auf Gott gibt Sartre folgendes an: „Der Existentialismus ist mithin nicht ein Atheismus im Sinne, daß er sich erschöpfen würde im Beweis, Gott existiert nicht. […] Nicht, als ob wir glaubten, daß Gott existiert, aber wir denken, daß die Frage nicht die seiner Existenz ist; der Mensch muß sich selber wieder finden und sich überzeugen, daß ihn nichts vor sich selber retten kann, wäre es auch ein gültiger Beweis der Existenz Gottes.“ Die Frage nach der Existenz Gottes ist demnach eher weniger relevant, sondern es ist wichtiger herauszustellen, dass der Mensch sich selbst mit all den Konsequenzen entwerfen kann. Vgl. Sartre, Jean-Paul: Ist der Existentialismus ein Humanismus? S. S. 67. 173 Ebd. S. 15f.

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verantwortlich, mit den Worten Sartres: „Aber wenn wirklich die Existenz der Essenz vorausgeht, so ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist.“174 Kurz und knapp lässt sich zusammenfassen: „Der Mensch ist verurteilt, verurteilt frei zu sein.“175 Verbunden mit der Aufforderung sich selbst zu entwerfen. Sehen wir uns nun den Zusammenhang zwischen Individuen genauer an. Sartre geht davon aus, dass die eigene sinnliche, vor allem visuelle, Wahrnehmung sich immer auf etwas außerhalb unseres Selbst, außerhalb unseres Bewusstseins bezieht: auf ein Objekt. Dies kann ein anderer Mensch sein. Und mit genau diesem Fall, dem Wahrnehmen eines anderen Menschen, eines Gegenübers, beschäftigt sich Sartre sehr genau und dieser Fall soll nun in den Fokus genommen werden. Indem ein Anderer mich ansieht, verliere ich für ihn meine Subjektivität und werde durch seinen Blick zum Objekt. Indem ich ihn ansehe, wird er zu einem Objekt für mich, denn „[…] der Andere ist auch Gegenstand für mich.“176 Das Sehen und das Gesehenwerden ist ein reflexiver Aspekt des Seins in der Welt mit anderen Menschen, in der gilt: „Das ‹‹Vom-Andern-gesehen-werden›› ist die Wahrheit des ‹‹Den-Andern-sehn››.“177 Dies lässt sich dadurch erklären, dass durch Wahrnehmen des Anderen, vor allem durch das Anblicken, und das wechselseitige Gegenstück, man selbst angeblickt wird, d.h. man selbst wird objektiviert. Ohne diesen Anderen ist zwar meine eigene Existenz gegeben, ich bin in der Welt, jedoch kann ein `Ich` nur durch den Anderen mir bewusst werden. Ich kann mich selbst nur als `Ich` begreifen, mir dessen bewusst werden, wenn ich etwas habe, von dem ich mich abgrenzen kann und das auf mich als etwas anderes verweist, was in Sartres Falle der Andere ist. Der Philosoph drückt es wie folgt aus: Ich bin allein auf der Ebene des nicht-theoretischen Bewußtseins (von) mir. Das bedeutet zunächst, daß es kein Ich gibt, das mein Bewußtsein bewohnt. Also nichts, worauf ich meine Handlungen beziehen könnte, um sie zu qualifizieren.178 Sartre spricht hier noch eine weitere Dimension neben der Wahrnehmung an: meine Handlungen. Meine Handlungen können erst durch einen anderen Menschen qualifiziert werden. Dazu bringt Sartre ein Beispiel an: böse sein. Ich kann in Bezug auf mich nicht böse sein, sondern nur als Handlung gegenüber einem anderen Menschen, indem ich mich ihm gegenüber schlecht verhalte. Eine solche Qualität ist, laut Sarte, ohne ein

174

Sartre, Jean-Paul: Ist der Existentialismus ein Humanismus? S. 15f. Ebd.. S. 25. 176 Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. 10. Aufl. Reinbek: 2004 Rowohlt. S. 462. 177 Ebd. S. 464. 178 Ebd. S. 467. 175

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Gegenüber nicht möglich. Mit meinem theoretischen Bewusstsein meines `Ichs` und meiner Handlungen als Qualitäten bin ich „[…] für mich nur als reine Verweisung auf Andere.“179 Denn ich verweise darauf, dass es jemanden gibt, der mich ansieht und der mir Qualitäten zuschreibt. Der Blick des Anderen, der mich (be)trifft, bedeutet für mich absolute Objektivität. Kann ich mich nicht selbst objektivieren? Sartre antwortet darauf folgendermaßen: Und wenn ich naiv setze, daß es möglich ist, daß ich, ohne es zu merken, ein objektives Sein sei, so setze ich gerade dadurch implizit die Existenz des Andren voraus, denn wie wäre ich Objekt, wenn nicht für ein Subjekt?180 Er schließt demnach aus, dass man für sich selbst Objekt ist. Man kann immer nur für ein anderes Subjekt selbst Objekt sein. Wenn ich Objekt bin, muss es jemanden geben, der mich dazu macht, selbst wenn ich ihn nicht sehe, so muss ich ihn als existent annehmen. Folglich, laut Sartre, „[…] kann [ich] für mich selbst nicht Objekt sein […]“181 Nachdem ein Bruchteil der Theorie Jean Paul Sartres zu Grunde gelegt wurde, wollen wir anhand dieser Theorie genauer untersuchen, welche Rolle das Individuum in der `ästhetischen Körpermodifikation` einnimmt. Als ersten Punkt wählen wir die Basis der menschlichen Existenz bei Sartre: die gottlose Welt.182 „Nicht mehr das Schicksal bestimmt uns. Vielmehr sind wir selbst verantwortlich für das, was wir tun und sind.“183 Wir haben unser Schicksal selbst in den Händen. Erinnern wir uns, was im Punkt 4 herausgearbeitet wurde: Schönheitshandeln und `ästhetische Körpermodifikation` referieren auf Machtstrukturen bzw. zeigen den Wunsch soziale Anerkennung zu erfahren. Gibt es keinen von vornherein durch ein göttliches Wesen vorgegebenen Sinn, keine Bestimmung und damit keinen als bereits festgeschriebenen angenommenen Weg des einzelnen Menschen, muss sich der Mensch selbst entwerfen. Er kann sein Aussehen selbst entwerfen, vor allem auch durch die Möglichkeiten der `ästhetischen Körpermodifikation`. So kann der eigene Körper eine ganz andere Bedeutung gewinnen: als sinnstiftendes Objekt.

179

Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. S. 470. Ebd. S. 486. 181 Ebd. S. 486. 182 Ob es einen Gott gibt oder nicht, kann hier nicht diskutiert werden, deshalb wähle ich Sartres Ansatz von einer Welt ohne Gott. 183 Degele, Nina: Fragen an Prof. Nina Degele. In: Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) (Hrsg.): "Spieglein, Spieglein an der Wand ..." - Zur Diskussion um den Schönheitswahn http://infomed.mdsev.de/sindbad.nsf/218bca09ea55e01dc12571e800562766/c26316526ac3202ac1256feb00297607/$ FILE/Sch%C3%B6nheit_BMGS-2005.pdf 19.05.2010 180

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Denn in der Tat wird der menschliche Körper von einer großen Personengruppe als sinnstiftendes Objekt verehrt, das durch diverse Körperrituale geformt und ästhetisiert wird.184 Trotz Säkularisierung der Welt benötigt das Individuum in irgendeiner Art und Weise einen Sinn für sein Leben, ein individuell definiertes Glück wie z.B. soziale Anerkennung. Trotz des Bedeutungsverlustes der Religionen durch Säkularisierung besteht weiterhin das Bedürfnis nach einem Sinn. Auch wird der Körper an sich nicht mehr als feststehender Teil des Selbst verstanden, sondern als formbares Element. „Für immer mehr Menschen ist der eigene Körper nicht mehr ein gott- oder naturgegebenes Schicksal, das man ergeben hinzunehmen habe.“185 So müssen vom Individuum als Makel empfundene Teile des Körpers nicht mehr akzeptiert werden, sondern können verändert werden. Am Körper kann abgesaugt, beliebig vergrößert oder verkleinert werden, Implantate an den verschiedensten Stellen (Po, Waden, Busen, Wangen, Kinn) eingesetzt, Knochen verschoben werden, frei nach dem Satz: Entwirf dich selbst. Bei der Auffassung vom Körper als Projekt wird dieser gerade nicht mehr als authentisches Zentrum erlebt, sondern als ein weitgehend (selbst)gemachter und (selbst)machbarer.186 Der eigenen, körperlichen Veränderungen sind nur gewisse Grenzen gesetzt: So ist es momentan nicht möglich,187 dass ein Körper komplett umgeformt werden kann, so dass sich das gesamte Skelett nach Wunsch verändert. Wie wir aber auf der Abbildung 1 sehen können, hat sich das Gesicht des Mannes nach der `ästhetischen Körpermodifikation` stark verändert und nur nach einem (mindestens) zweiten Blick mit Vergleich des Vorher-Photos erkennen wir ihn vielleicht wieder. D.h. durch die `ästhetische Körpermodifikation` kann sich das Individuum zu einem sehr großen Teil auf Wunsch modifizieren. So radikal faszinierend dieser Gedanke des `Entwirf dich selbst` scheinen mag, wird dabei ein Thema bewusst oder unbewusst ausgespart: Der eigene Körper ist individuell, weil er nicht dem Schönheitsideal zu 100% entspricht und das auch andere Menschen nicht tun, es gibt demnach keinen natürlich-perfekten Standartmenschen èn masse. In unserem Gesicht, an unserem Körper tragen wir Spuren unserer Individualität, wie z.B.

184

Gugutzer, Robert: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. S. 3. Ebd. S. 6. 186 Borkenhagen, Ada: Gemachte Körper. Die Inszenierung des modernen Selbst mit dem Skalpell. Aspekte zur Schönheitschirurgie http://www.ssoar.info/ssoar/files/2008/577/gemachte%20k%C3%B6rper.pdf 19.05.2010 187 Es ist mir jedenfalls nicht bekannt. 185

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die Narbe am Knie durch einen Fahrradsturz als Kind oder die Falten am Hals, die sich mit zunehmendem Alter einstellen. Dabei [bei der Betrachtung des Körpers als beliebig manipulierbare Masse] wird der menschliche Körper als zu optimierende Materie betrachtet, nicht als eigenlogischer lebendiger Leib, der immer auch die Spuren einer individuellen Biographie trägt und damit auch Spuren des Alterns und der Erfahrungen (auch der `negativen` wie Krankheiten oder Auffälligkeiten).188 Die mögliche Radikalität der `ästhetischen Körpermodifikation` auch im Hinblick auf die Zukunft und die Weiterentwicklung der Technik birgt Risiken für die Individualität des Einzelnen. Sartre schreibt, dass sich das Individuum, das Subjekt, nicht selbst zum Objekt machen kann, sondern nur durch den Blick des Anderen . Wir können den Anderen mit seinem Blick also annehmen, seine Existenz annehmen. Wählen wir als Beispiel den Blick in den Spiegel. Unser Spiegelbild ist nicht einfach ein leb- und sinnloses Abbild189 unserer äußeren Erscheinung. Der Blick in den Spiegel ist für viele Menschen ein Blick auf ihr Selbstbewusstsein, auf ihre Akzeptanz im Freundeskreis, auf ihren Erfolg am Arbeitsplatz.190 Beim Blicken in den Spiegel, z.B. beim Haarekämmen und Schminken, sehen wir uns nicht nur selbst, sondern wir sehen auch unsere Makel. Wir sehen, was an uns nicht perfekt ist – laut Konsens. Und genau in diesem Moment kippt die reine, individuelle Wahrnehmung in gesellschaftliche Wahrnehmung. Indem wir unsere äußeren, gesellschaftlichen Makel im Spiegel sehen, sehen wir den Anderen mit. Der Spiegel ist Spiegelung gesellschaftlicher Meinung zu uns zurück. Im extremsten Falle sehen wir, dass, weil, wir so weit vom `als schön sein empfunden` entfernt sind, wir z.B. diese Beförderung nicht bekommen haben, weil schöne Menschen (angeblich) mehr Erfolg haben. Der Spiegel ist Rückkopplung zu unseren Freunden, unserer Familie, zur Gesellschaft. Kathryn Pauly Morgan geht explizit für Frauen davon aus, dass Frauen, wenn sie sich selbst oder andere Frauen betrachten, dies aus der Sicht von Männern tun.

188

Villa, Paula-Irene: Der Körper als kulturelle Inszenierung und Statussymbol. In: APuZ. Aus Politik und Zeitgeschichte. 18/2007. Hrsg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Frankfurt am Main: Frankfurter Societäts-Druckerei 2007. S. 20. 189 Im Sinne dieses Zitates kann man `Abbild` wohl als philosophisch weniger aufgeladene eher visuelle Wiederspieglung von etwas verstehen. 190 Horch, Raymund E.: Sein und Design – Plastische Chirurgie bei der Korrektur des menschlichen Erscheinungsbildes. S. 66.

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Der Trick und die Infamie einer sexistisch organisierten Gesellschaft bestehen für Morgan gerade darin, dass Frauen sich selbst immer schon durch die Augen tatsächlicher oder hypothetischer Männer und deren ästhetisches Normensystem sehen.191 Auch wenn ihre Auffassung von Gesellschaft strittig ist, kann man jedoch davon ausgehen, dass jeder sich selbst auch durch die Augen anderer sieht. Der Blick des Anderen schiebt sich in unser Sich-selbst-ansehen ein. Indem Schönheitshandeln und damit auch `ästhetische Körpermodifikation` auf Machtstrukturen referiert, referiert sie zugleich auf den Blick des Anderen, der auf das Individuum geworfen wird. In diesem Blick finden wir gesellschaftliche Konvention und Konsens.

Daher

kann

man

schlussfolgern,

dass

„[d]ie

Klientinnen

von

Schönheitschirurgie versuchen, aktiv über sich selbst als Bild für den Blick der anderen zu bestimmen und damit über ihre eigene Identität.“192 Dies kann so verstanden werden: Wenn wir uns mit dem Blick des Anderen anblicken, beziehen sich die Veränderungen, die wir uns für unser Aussehen wünschen, zum großen Teil auf die Meinung des Anderen. Wir möchten (meist) Anteil haben an sozialer Anerkennung. Ich habe versucht zu zeigen, dass, wenn wir uns selbst ansehen, wir dies mit dem Blick des

Anderen

tun.

Im

Falle

des

Schönheitshandelns

und

der

`ästhetischen

Körpermodifikation` lässt sich über die Beziehung von Ich und Anderer sagen: „Menschen machen Diät, stylen sich, werden operiert – alles, um sich zu verwandeln in die, die sie sein wollen sollen.“193 Hans Jonas hat im Falle der Technologie die Problematik der Eigendynamik aufgeworfen. Er sagte, dass Technologien ein Moment der Irreversibilität und des Vorantreibenden in sich tragen. `Ästhetische Körpermodifikation` als Technologie betrachtet, kann dieses Moment auch entfalten. In Verbindung zu Jean Paul Sartre liegt es in dem Moment, indem sich das Subjekt von seiner Subjektivität entfernt und sich selbst zum Objekt machen kann. Ich denke, dass es Fälle gibt, in denen das Subjekt jegliche individuelle Emotionen und Gedanken verliert. Diese speist das Subjekt dann aus dem `Gesetz der Wahrheit` dem Schönheitsideal und dem gesellschaftlichen Konsens. Denn in diesem Moment löst sich das Individuum von seiner Individualität und verfällt in einen Zustand starker Abhängigkeit vom Anderen. Der Blick des Anderen wird zum eigenen Blick auf sich selbst. Dies lässt sich vor allem

191

Ach, Johannes S.: Komplizen der Schönheit? Anmerkungen zur Debatte über die ästhetische Chirurgie. S. 197. 192 Borkenhagen, Ada: Gemachte Körper. Die Inszenierung des modernen Selbst mit dem Skalpell. Aspekte zur Schönheitschirurgie http://www.ssoar.info/ssoar/files/2008/577/gemachte%20k%C3%B6rper.pdf 19.05.2010 193 Villa, Paula-Irene: Einleitung – Wider die Rede vom Äußerlichen. In: schön normal. Manipulation am Körper als Technologien des Selbst. Hrsg. v. Paule-Irene Villa. Bielefeld: transcript 2008. S. 7.

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in der Verfügbarkeit und Eigendynamik der Technologie

`ästhetische Körpermodi-

fikation` zeigen. Es kann Fälle geben, in denen die positive Bewertung von Individualität durch Makel entfällt und der Wunsch dem Idealbild zu gleichen, zu einer Reihe von `ästhetischen Körpermodifikationen` führt. Je nachdem welche Makel (angeblich) vorliegen, wird implantiert, abgesaugt, eingesetzt und entfernt sowie in anderer Art verändert. „Der Versuch, das körperliche Erscheinungsbild zu kontrollieren, wird so zur Gestaltung des eigenen Ichs.“194 Im Sinne Sartres gestaltet das Subjekt sein Ich, indem es seinen Körper als Objekt mittels des Blickes des Anderen wahrnimmt. Jean Paul Sartre schreibt, dass man sich selbst keine Qualitäten zuschreiben kann, wie z.B. böse sein. Man könne sich selbst gegenüber nicht böse sein. Auch in diesem Punkt lässt sich ein Argument gegen Sartre aufstellen: Man auf sich selbst verweisen und sich selbst Qualitäten zuschreiben. Nehmen wir als Beispiel das Wort `autoaggressiv`. In diesem Wort drückt sich die auf das Subjekt bezogene Aggressivität aus, der Wortteil `auto-` weist darauf hin. Autoaggressive Menschen fügen sich oft selbst z.B. physischen Schaden zu. Dies ist eine Qualität, wenn auch eine negative, die im Grunde nicht eines Gegenübers, eines anderen Menschen, bedarf. Die Gründe für dieses Verhalten können auf andere Menschen verweisen, aber die Handlung bezieht sich nur auf das Individuum. Ob sich deshalb das `Ich` im Bewusstsein des Subjektes durch solche `auto`-Qualitäten selbst bilden kann, kann hier nicht diskutiert werden.195 Wenn wir uns selbst als individuell verstehen und das `Gesetz der Wahrheit`, das Schönheitsideal, auf einen perfekten Zustand ohne Individualität sondern auf Konformität abzielt, so können wir das Streben nach sozialer Anerkennung als „Kampf um Perfektion […] [als] Spirale des Wettrüstens gegen das eigene Selbst“196 verstehen. Die `ästhetische Körpermodifikation` speist sich aus dem Blick des Anderen auf das Individuum und kann daher dazu beitragen, dass sich das Subjekt objektiviert.197

7 Fazit Nicht nur die Kunst von Orlan, die als Metapher für diese Arbeit diente, sondern auch das Thema der `ästhetischen Körpermodifikation` geht wörtlich unter die Haut. Die Eingriffe

194

Borkenhagen, Ada: Gemachte Körper. Die Inszenierung des modernen Selbst mit dem Skalpell. Aspekte zur Schönheitschirurgie http://www.ssoar.info/ssoar/files/2008/577/gemachte%20k%C3%B6rper.pdf 19.05.2010 195 Meiner Meinung nach, führt diese Problematik zu weit von der `ästhetischen Körpermodifikationen` thematisch weg. 196 Pollman, Arnd: Hart an der Grenze. S.308. 197 Indirekte Quelle für den Punkt 6.2: Vgl. Gugutzer, Robert: Körperkult und Schönheitswahn – Wider den Zeitgeist. S. 6.

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verletzen Hautschichten, ähnlich wie Piercings und Tattoos. Daher muss, auch um die begriffliche Nähe zum medizinisch-hippokratischen Teil der plastischen Chirurgie zu verhindern, ein neuer Begriff für die `Schönheitsoperation` gefunden werden. Ein Ansatz wurde in dieser Arbeit mit der Bezeichnung `ästhetische Körpermodifikation` geschaffen. Aber nicht nur auf der begrifflichen Ebene berührt die `ästhetische Körpermodifikation` empfindliche Punkte, sondern auch auf menschlicher Ebene. `Ästhetische Körpermodifikation` gehen im übertragenen Sinne unter die Haut, da sie Bezug nehmen auf Machtstrukturen und den Wunsch sozial anerkannt zu werden. Dies wurde mit Hilfe der Machtdefinition von Michel Foucault dargestellt. Die Betrachtung des Arztes als ausgebildeten Heilenden mit seiner neuen Funktion als nicht mehr Heilender, sondern als Verletzender der körperlichen Unversehrtheit, sowie als Handwerker, der seine Leistung verkauft, wurde verdeutlicht. Dem Rollenwandel des Arztes wurde in der Schaffung einer neuen Berufsbezeichnung als `Spezialist für ästhetische Körpermodifikation` Rechnung getragen. Der Bezeichnungswandel intendiert einen Bedeutungswandel, ähnlich der `ästhetischen Körpermodifikation`. Mit Hans Jonas wurde die Problematik der `ästhetischen Körpermodifikation` als Technologie mit Eigendynamik verdeutlicht. Gerade in der Beschäftigung mit Jonas wird klar, dass wir mit neuen Technologien, neue ethische Maßstäbe festsetzen müssen. Im letzten Teil dieser Arbeit diente die Theorie des Anderen und des Blickes zur Untersuchung, ob sich das Subjekt zum Objekt machen kann. Nach der Betrachtung können wir in bestimmten Fällen davon ausgehen, dass die Objektivierung durch das Subjekt möglich ist. Die Arbeit bedient demnach zwei Ebenen: die begriffsbezogene sowie die philosophische. In dieser philosophischen Ebene wurden drei Dimensionen thematisiert: die Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum, im Besonderen die Gesellschaft und explizit das Individuum. Die drei Leitthesen: `Schönheitsoperationen` sind Ausdruck von Macht und dem Wunsch nach Anerkennung. Und: Die `Schönheitsoperation` wirft ethische Probleme auf. Sowie: Mittels der `Schönheitsoperation` kann das Subjekt sich selbst objektivieren. wurden auf ihre Richtigkeit überprüft. Mit Hilfe

dieses Arbeit lässt sich folgendes konstatieren: Ein neue, auf die

technologischen Möglichkeiten zugeschnittene Ethik muss entwickelt und im Denken der Menschen verankert werden. Zudem muss eine Debatte über Begriffe wie `Schönheitsoperation` und `Arzt` geführt werden, um den Bedeutungswandel des Bezeichneten auch in der Bezeichnung kenntlich zu machen. Und zuletzt: Die Gesellschaft und das Individuum müssen sich stärker mit der `ästhetischen Körpermodifikation` und den damit verbundenen Problematiken beschäftigen. Wir müssen die Dimension der `ästhetischen Körpermodifikation` erfassen und einer breit 53 | S e i t e

gefächerten Debatte freigeben, denn die `ästhetische Körpermodifikation` geht uns tief unter die Haut, wörtlich und metaphorisch. Welche Fragen bleiben offen? Für den nötigen Diskurs und auch für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema kann das Verhältnis von männlichen und weiblichen Patienten der `ästhetischen Körpermodifikation` von Bedeutung sein. Im Jahre 2009 war der Anteil der männlichen Patienten im Gegensatz zu weiblichen

Patientinnen

wesentlich

geringer:

Nur

Körpermodifikation` wurde an einem Mann vorgenommen.

jede 198

zehnte

`ästhetische

Sollte sich dies im Laufe

der Zeit ändern, kann auf Männer eine stärkere Einflussnahme durch das Schönheitsideal angenommen werden. Frauen und Männer könnten sich in ihrer Form des ausdrücklichen Strebens nach sozialer Anerkennung annähern. Dies könnte für die Soziologie und Genderforschung von besonderem Interesse sein. Ein Thema, dass bereits in der Hinführung erwähnt wurde, soll an dieser Stelle aufgenommen werden: die Medien. In dieser Arbeit habe ich die Rolle der Medien als Beeinflussungsmöglichkeit auf den Menschen bewusst vernachlässigt. Im Ausblick sollen die Medien, wie Fernsehen und Printmedien, jedoch Beachtung finden. Ich denke, dass ein (deutlicherer) Diskurs stattfinden muss, um den Einfluss der Medien auf das Individuum bewusst zu machen. Das Fernsehen mit Werbung und Hollywoodfilmen etc. kann gerade Heranwachsenden und jungen Menschen ein falsches Bild davon vermitteln, wie Mensch aussehen oder sein sollen. Allein die Retuschierung, günstiges Licht und vorteilhaftes Styling können einen Menschen besonders schön aussehen lassen. Es wird nicht deutlich, dass die Schauspieler_innen oder Models in der Realität auch Makel haben. Ein erhöhter Konsum von Filme mit perfekten Menschen kann Heranwachsenden und Jugendlichen das Schönheitsideal zu stark vermitteln. Auch Zeitschriften, besonders Frauen- und Teenagerzeitschriften mit Themen wie Stars und Mode, vermitteln Werte, die der positiven Bewertung von Individualität zuwider laufen. Daher muss ein Diskurs und daran anknüpfend Aufklärung stattfinden. Besonders junge Menschen, die in ihrer Persönlichkeit weniger gefestigt sind, sollten mit den Trugbildern aus den Medien konfrontiert werden. Ihnen sollte die Möglichkeit zur selbstständigen Reflexion von Macht, Schönheit und sozialer Anerkennung aufgezeigt werden. So sollten sich auch die Medien kritischer mit ihrer Rolle und ihrer Macht auseinandersetzen. Es gibt bereits einige wenige Kampagnen, die z.B. Modelle zeigen, die nicht untergewichtig sind. Eine der ersten Kampagnen dieser Art wurde im Jahre

198

Welt Online: Plastische Chirurgie. Immer mehr Männer lassen ihre Brüste verkleinern. http://www.welt.de/gesundheit/article6226111/Immer-mehr-Maenner-lassen-ihre-Bruesteverkleinern.html 11.07.2010

54 | S e i t e

1998 von `The Body Shop` initiiert.199 Bei dieser Kampagne wurde eine Puppe mit weiblichen Kurven gezeigt.200 (Abbildung 3 im Anhang) Da die Werbebranche vor allem perfekte Menschen zeigt, sollte auch hier ein Diskurs über die zu vermittelnden Werte geführt werden. Dabei sollte als Intention weniger das Erreichen von neuen Absatzmärkten, sondern auch eine positive soziale Funktion sein. Anstatt Arbeit an Konformität mittels eines Schönheitsideals zu vermitteln, sollten verschiedene Teile der Gesellschaft daran mitarbeiten, Individualität als Wert zu akzeptieren und zu respektieren.

199

ANITA RODDICK: DISPATCH: Ruby, the Anti-Barbie. http://www.anitaroddick.com/readmore.php?sid=13 11.07.2010. 200 Vgl. MUT (Fachverlag für Marketing und Trendinformationen): Wie sich gesellschaftliches und politisches Engagement für Ihre Firma bezahlt machen. http://www.marketingtrendinformationen.de/pr/sponsoring/beitrag/wie-sich-gesellschaftliches-und-politischesengagement-fuer-ihre-firma-bezahlt-machen-1337.html 11.07.2010

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8 Abbildungen

Abbildung 1 20-jähriger Japaner. In beide oberen Augenlider wurde je eine Lidfalte eingefügt. Zur Vergrößerung der Nasenwurzel und des Nasenrückens sowie der Verlängerung der Nasenscheidewand diente ein Rippenknorpeltransplantat, zudem wurden die Augen im Verhältnis zu Nase und Stirn chirurgisch nach hinten verlagert.

Abbildung 2 17-jähriges Mädchen nach einer modifiziert radikaler Entfernung der Brust. Ursache war Krebs, der dich Milchgänge betraf (Photos rechte Spalte). Zustand nach Rekonstruktion mit Positionierung der Hautinsel seitlich unten, um eine adäquate Projektion und Fülle des Brustvolumens zur Symmetrieherstellung zu erreichen (Photos linke Spalte).

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Abbildung 3 Anita Roddick, Mitgründerin von „The Body Shop“, schuf die Figur „Ruby“. Andere Plakate der Kampagne waren mit dem Satz „There are 3 billion women who don’t look like supermodels and only 8 who do“ versehen.

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9 Quellen

9.1 Abbildungsverzeichnis Deckblattbild: Orlan http://telemaquetime.free.fr/Orlan.htm 01.06.2010 Abbildung 1: Schönheitschirurgie. Hrsg. v. Angelika Taschen. Köln: Taschen 2005. S. 259. Abbildung 2: Bohmert, Heinz: Plastische und rekonstruktive Chirurgie der Brust. Stuttgart: Georg Thieme 1995. S. 168. Abbildung 3: Zur Verfügung gestellt von `The Body Shop`. UNIVERSITÄT ROSTOCK: Logo http://wwwmosi.informatik.unirostock.de/mosi/plonesoftwarecenter.2006-03-21.4262636143/pscproject.200603-21.6122697558/releases/jamesii08alpha2/logo_sigill 06.06.2010

58 | S e i t e

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Identität.

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10 Erklärung

Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe. Die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken, sind als solche kenntlich gemacht. Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder ähnlicher Form keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt.

Münster, der 15.07.2010

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