Bachelorarbeit: Die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie. Eine konzeptuelle Analyse aus entwicklungsgeografischer Perspektive.

September 14, 2017 | Author: Björn Reichhardt | Category: Human Geography, Development Studies, Commodity Chains, Sustainable Development, Rural Development, Tobacco, Brazil, Environmental Economic Geography, Global Production Networks, Global Value Chains, Tobacco, Brazil, Environmental Economic Geography, Global Production Networks, Global Value Chains
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Freie Universität Berlin Fachbereich Geowissenschaften Institut für Geographische Wissenschaften  

Bachelorarbeit  

Die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie Eine konzeptuelle Analyse aus entwicklungsgeographischer Perspektive Oktober 2012

Bearbeiter: Björn Reichhardt Matrikelnr.: 4290664

Anmerkung Mir ist bewusst, dass die deutsche Sprache sehr von maskulinen Betitelungen geprägt ist. Bei jeder Möglichkeit im Rahmen dieser Arbeit müsste daher die weibliche Form geschrieben werden, um Diskriminierungen hinsichtlich des sozialen Geschlechts zu vermeiden. Da jedoch Ausführungen wie ‚Bauer und Bäuerin’ dem Lesefluss im Wege stehen, wird in dieser Arbeit stets nur die maskuline Form verwendet. Dies erfolgt aber ausdrücklich nur aufgrund der besseren Lesbarkeit. Berlin, im Oktober 2012

Björn Reichhardt

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Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis ...................................................................................................... 4 Tabellenverzeichnis............................................................................................................ 4

1.Einleitung................................................................................................................. 5 2. Zusammenfassung der Wertschöpfungskettenansätze .................................... 6 2.1. Das Konzept der Wertkette nach Michael Porter .......................................................... 7 2.1.1. Die Industriestruktur und die Positionierung innerhalb einer Branche .................... 8 2.1.2. Anwendbarkeit des Konzepts ................................................................................. 9 2.2. Commodity Chains nach Hopkins und Wallerstein................................................ 10 2.2.1. Periphere Zone und Kernzone .............................................................................. 10 2.2.2. Vertikale Integration vs. Separation ...................................................................... 10 2.2.3. Anwendbarkeit des Konzepts ............................................................................... 11 2.3. Global Commodity Chains nach Gereffi et al.......................................................... 12 2.3.1. Drei Dimensionen.................................................................................................. 13 2.3.2. Producer-driven und buyer-driven Commodity Chains ......................................... 13 2.3.3. Anwendbarkeit des Konzepts ............................................................................... 14 2.3.4. Global Production Networks.................................................................................. 15

3. Die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie .................................................. 15 3.a. Die Tabakpflanze ..................................................................................................... 16 3.b. Geschichte der Tabakpflanze .................................................................................. 16 3.c. Die Tabakindustrie aktuell ........................................................................................ 17 3.1. Konzeptualisierung ................................................................................................... 18 3.2. Das Fallbeispiel der Tabakindustrie Brasiliens ...................................................... 20 3.2.1. Warum Brasilien .................................................................................................... 21 3.2.2. Souza Cruz Firmenprofil ....................................................................................... 22 3.3. Die Global Commodity Chain der Tabakindustrie Brasiliens ................................ 23 3.3.1. Zigarettenherstellung ............................................................................................ 24 3.3.2. Exporte .................................................................................................................. 25 3.3.3. Der Rohtabakverkauf – Auktionsmärkte und dubiose Verträge ............................ 26 2

3.3.4. Tabakanbau .......................................................................................................... 29

4. Auswertung und Ausblick................................................................................... 31 4.1. Reaktionen auf die Tabakindustrie .......................................................................... 32 4.2. Fazit: Die Anwendbarkeit des Global Commodity Chain Konzepts ......................... 33

5. Literaturverzeichnis:............................................................................................ 35 6. Internetquellen ..................................................................................................... 36 Eidesstattliche Erklärung zur Bachelorarbeit ....................................................... 37

3

Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Tabakpflanze ..................................................................................................... 16 Abbildung 2: globale Marktanteile der Tabakunternehmen 2011 ........................................... 18 Abbildung 3: Importe und Exporte von Tabakprodukten in Brasilien 2005 – 2010 ................ 22 Abbildung 4: Souza Cruz Firmenlogo .................................................................................... 22 Abbildung 5: Das Produktionsnetzwerk der Tabakindustrie ................................................... 24 Abbildung 6: Tabakauktion. .................................................................................................... 26 Abbildung 7: Übersicht der Beschäftigtenrate und Kinderarbeit im Tabakanbau Brasiliens. . 29

Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Pro- und Contra-Matrix der Wertschöpfungsketten-Konzepte ……

16

Tabelle 2: Top Ten der Rohtabakproduzenten 1961 und 2010………………….

16

4

1.Einleitung Im Zuge einer wachsenden ökonomischen Globalisierung hat sich auch die Tabakproduktion seit den 1960er Jahren zunehmend in die Länder des globalen Südens verlagert. Dort finden multinational agierende Tabakkonzerne einen optimalen Nährboden für eine kostengünstige Tabakproduktion hinsichtlich natürlicher aber auch menschlicher Ressourcen. Die Tabakbranche entspricht einem enormen Oligopol. Allein vier Unternehmen kontrollieren 98% der Handelsbewegungen von Tabakprodukten weltweit (Vargas, M. A. 2001. S. 8). Neben der Verlagerung der Tabakproduktion hat sich auch der Konsum der nikotinhaltigen Waren zunehmend in die Länder mit niedrigem bis mittlerem Pro-Kopf-Einkommen verschoben (Lecours, N. 2011. S. 1). Ca. 80% der Raucher weltweit (eine Billion) leben in diesen Ländern. Neben gesundheitlichen Risiken wie Lungenkrebs bringt der Konsum auch eine Vielzahl an sozio-ökonomischen Problemstellungen mit sich. Die Produktion des Agrarprodukts steht mit Kinderarbeit, Verschuldung und moderner Sklaverei auf Seiten der Feldarbeiter in Verbindung. Im Rahmen dieser Arbeit sollen die Produktion und die Verarbeitung der Tabakpflanze unter einem sozial-ökonomischen Blickwinkel anhand einer Wertschöpfungskette dargestellt und untersucht werden. Neben den einzelnen Arbeits- und Herstellungsprozessen sollen vor allem auch die in diesem

Produktionsmechanismus

eingebundenen

Akteure,

deren

Positionen

und

Beziehungen zueinander sowie deren soziale und ökonomische Machtausstattung genauer beleuchtet werden Dabei orientiert sich der Beitrag an folgender Leitfrage: Inwiefern kann über globale Wertschöpfungsketten zu einer sozial gerechteren Entwicklung beigetragen werden? Vorab werden jedoch drei verschiedene Wertschöpfungsketten Konzepte thematisiert und diskutiert um zu erarbeiten, welcher Ansatz sich als ein theoretisches Grundgerüst zum einen für die Analyse von global vernetzten Produktionsprozessen eignet und zum anderen ob jenes Konzept über diesen Weg zur Beantwortung der Leitfrage beisteuern kann. Die Anforderungen an den theoretischen Rahmen umfassen neben einer Darstellung der separaten Produktionsschritte auch das Einbeziehen der Verknüpfung der einzelnen Akteure untereinander. Dabei spielt die Art und Weise der Einbettung in die Fertigungsstufen hinsichtlich ihrer sozio-ökonomischen Situation und ihrer geographischen Bandbreite eine zentrale Rolle. 5

2. Zusammenfassung der Wertschöpfungskettenansätze Wertschöpfungsketten

werden

grobgefasst

als

„Netzwerke

von

Arbeits-

und

Produktionsprozessen, deren Endergebnis ein vollendetes Gut ist“ (Hopkins, T. & Wallerstein, I. 1986. S. 159) verstanden. Die Analyse von Commodity Chains dient dazu aufzuzeigen, wie die Prozesse der Produktion, Distribution und des Konsums eines Guts oder einer Ware durch die sozialen Verhältnisse, die die einzelnen Vorgänge innerhalb der Kette charakterisieren, beeinflusst werden (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 2).Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Darstellung des Ausmaßes und der Intensität der Verknüpfung von lokalen und globalen Akteuren. Der Produktionsprozess steht in diesem Zusammenhang im Zentrum der Analyse. Das Konzept der Wertschöpfungskette tauchte erstmals unter Porter (1989) auf, der diese als eine lineare Abfolge der einzelnen Produktentstehungsprozesse definierte. Sein Hauptaugenmerk lag dabei lediglich darauf mittels des Wertkettenansatzes Unternehmen eine Basis zu liefern, anhand der die einzelnen Schritte der Produktion weitestgehend kostengering und effizient gestaltet werden können. Dessen Vorläufer ist das Konzept der Fillière, auf das in dieser Arbeit nicht weiter eingegangen wird, da der Schwerpunkt hier auf den sozio-ökonomischen Strukturen in Wertschöpfungsketten lastet. Porters Nachfolger Hopkins & Wallerstein distanzierten sich von der Perspektive kosteneffizienter Wertschöpfungsketten und stellten mit ihrem Konzept der Commodity Chains einen theoretischen Rahmen auf, der umfassendere Einblicke in globale Produktionsmuster bietet. Gereffi et al. entwickelten das Konzept der Global Commodity Chains. Hier werden die Vorläuferkonzepte weitergedacht und erstmals finden auch Machtbeziehungen einen expliziten Platz in der Analyse von Wertschöpfungsketten. Um zu ermitteln welcher theoretische Ansatz sich am besten dazu eignet die sozialen Probleme der Wertschöpfungskette der Tabakindustrie zu identifizieren, werden im folgenden Abschnitt die drei angesprochenen Konzepte der Commodity Chains anhand einer Matrix analysiert. Dabei werden die Ansätze nicht grundlegend kritisiert sondern lediglich die Stärken und Defizite hinsichtlich des entwicklungsgeographischen Erkenntnisinteresses aufgezeigt. Die in der Tabelle 1 gezeigte Matrix soll vorab zusammenfassend das Für und Wider der im weiteren Verlauf behandelten Konzepte zum Wertschöpfungsketten-Komplex hinsichtlich der Leitfrage dieser Arbeit darstellen.

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Tabelle  1:  

 

Pro-­‐  und  Contra-­‐Matrix  der  Wertschöpfungsketten-­‐Konzepte.  Eigene  Darstellung.   Porter segmentierte  Analyse  von   Produktionsprozessen  

pro

Hopkins & Wallerstein Identifizierung  von   peripheren  Zonen  und   Kernzonen  

Gereffi et al. Weiterführung  der   Vorgängerkonzepte  

Offenlegung   unternehmerischer  Konzepte   rücklaufende  Analyse   durch  die  Positionierung   innerhalb  der  Industrie  

Berücksichtigung  der   Machtausstattung  im  Zuge   der  drei  Kettendimensionen  

Wertschöpfungsketten  als   Netzwerke  

Wertschöpfungsketten  als   Netzwerke  

Wertschöpfungsketten  als   Netzwerke  

Fokus  auf   Wettbewerbsvorteil  und   Kosteneffizienz  

Strenge  Abgrenzung  von   Machtausstattung  der   producer-­‐  und  buyer-­‐driven   Akteure  nicht  berücksichtigt   Commodity  Chains  ist  nicht   zwangsläufig  repräsentativ  

contra

Wertschöpfung  wird   Interessenschwerpunkt  auf   lediglich  am  Zahlbetrag,  also   Weltsystemtheorie   Geld  gemessen  

   

2.1. Das Konzept der Wertkette nach Michael Porter Porter setzt sich in seinem Ansatz mit dem Konzept der Wertkette (Value Chain) auseinander. Diese wird als ein Instrument zur Analyse der Ausgangspunkte von Wettbewerbsvorteilen verstanden, das dazu dient alle Aktivitäten, die ein Unternehmen ausübt sowie deren Wechselwirkungen untereinander systematisch zu untersuchen (vgl. Porter, M. 1998. S. 33). Der Ansatz verfolgt das Ziel strategische Entscheidungen von Unternehmen hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit und Kosteneffizienz zu verbessern. Porter rückt die Industrie, die er als eine direkt miteinander konkurrierende Gruppe von Produkt- und Dienstleistungserzeugern definiert, in den Mittelpunkt der Analyse: „The industry is the arena in which competitive advantage is won or lost“ (Porter, M. 1990. S. 34). Der Wettbewerbsfaktor wird als ein natürliches Element einer jeden Industrie angesehen. Über seinen Ansatz identifiziert Porter zwei Faktoren, die der Wahl einer profitablen und dauerhaft tragbaren Wettbewerbsstrategie zugrunde liegen: die Industriestruktur und die Positionierung des Unternehmens innerhalb der jeweiligen Branche.

7

2.1.1. Die Industriestruktur und die Positionierung innerhalb einer Branche Die

Industriestruktur

orientiert

sich

an

fünf

Triebkräften,

die

den

Wettbewerb

charakterisieren: Die Gefahr des Eintritts neuer Akteure, die Gefahr der Herstellung von Alternativprodukten/-dienstleistungen, die Verhandlungsmacht von Anbietern und Käufern sowie die herrschende Rivalität unter den einzelnen Wettbewerbern. Diese Faktoren bilden die Basis der Profitabilität einer Industrie, denn sie bestimmen über die Preise, die eine Firma erheben kann, über die zu tragenden Kosten im Rahmen der Produktion und die notwendigen Investitionen, die ein Unternehmen aufbringen muss um sich auf dem Markt zu behaupten (vgl. Porter, M. 1990. S. 34). Eine Firma kann jede der Triebkräfte für sich zum Negativen oder Positiven beeinflussen. Umso mehr ein Unternehmen in der Lage dazu ist, die Auswirkungen der Einflussfaktoren für sich zu gestalten, je höher wird der Anteil an der Wertschöpfung der Industrie. Die Analyse der Industriestruktur zeigt folglich auf, wo das Profitpotenzial der Industrie liegt. Die Positionierung eines Unternehmens innerhalb einer Industrie verkörpert dessen Gesamtkonzept. Hier wird gezeigt, auf welche Aspekte eine Firma ihre Wertschätzung legt. Das betrifft sowohl das Produkt an sich als auch die jeweilige Zielgruppe. In das Zentrum dieses Aspekts setzt Porter den Wettbewerbsvorteil, anhand dessen sich eine Firma von ihren Mitstreitern absetzen kann um die Profitabilität der eigenen Machenschaften zu sichern: „If a firm is to gain advantage, it must choose the type of competitive advantage it seeks to attain and a scope within which it can be attained“ (Porter. 1998. S. 40). Zum einen eröffnet sich der Weg der geringeren Kosten, welcher die Fähigkeit beschreibt ein vergleichbares Produkt, bzw. ein Massenprodukt, kosteneffizienter zu entwerfen, zu produzieren und zu vermarkten. Über diese Methode kann ein quantitativ produzierendes Unternehmen zum Beispiel durch das Zahlen von Niedriglöhnen relativ große Renditen in Anspruch nehmen. Die zweite Option ist die der Abgrenzung: Produziert ein Unternehmen eine qualitativ hochwertige und einzigartige Ware, kann dafür ein entsprechend hoher Preis gefordert werden, der die Profitabilität der Produktion verspricht (vgl. Porter, M. 1990. S. 34 ff.). Die Möglichkeit beide Varianten gleichzeitig anzuwenden besteht ebenfalls, jedoch gestaltet sich diese Verfahrensweise umso schwerer, da die Bereitstellung von hochwertigen, bzw. einzigartigen Erzeugnissen in der Regel kostenintensiver hinsichtlich der Entwicklung, Produktion und Vermarktung ist als die jener Güter oder Dienstleistungen, die die Nachfrage einer umfangreicheren Zielgruppe bedienen soll.

8

2.1.2. Anwendbarkeit des Konzepts Ein Beispiel, dem es gelingt beide Wege zu vereinen um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, ist das der Tabakindustrie. Hier werden die Produktionskosten für den Rohtabak seitens der großen Konzerne durch Niedriglöhne sehr gering gehalten, während die einzelnen Tochterfirmen durch die Weiterverarbeitung und Aromatisierung des Tabaks gewisse Alleinstellungsmerkmale schaffen. Porter liefert über den Wettbewerbsvorteil wichtige Sachverhalte, die großen Einfluss auf die Produktionsprozesse innerhalb der Kette nehmen. Seine Orientierung zur Verbesserung der Kosteneffizienz für Unternehmen gibt einen hilfreichen Anstoß für die Analyse ungleicher Einkommensverteilung in Produktionsnetzwerken. Dennoch weist das Konzept nicht ausreichend auf die Problemstellungen hin, die sich in globalen Wertschöpfungsketten etablieren. Dadurch ist der Wertketten-Ansatz nicht ausreichend um ihn als ein Konzept für Debatten einer sozial-ökonomisch gerechteren Entwicklung anzuwenden. Einerseits gelingt es Porter durch die Segmentierung von Produktionsprozessen eine Basis für die Analyse eben dieser zu bieten. Dazu trägt auch die Offenlegung unternehmerischer Gesamtkonzepte über die Positionierung eines Unternehmens innerhalb einer Industrie bei. Allerdings ist der Fokus auf den Wettbewerbsvorteil und die Verbesserung der Kosteneffizienz im Laufe der Produktion gegenüber dem Bestreben Wertschöpfungsketten auf einer sozial-ökonomisch fairen Ebene zu gestalten kontraproduktiv. Porters Theorie dient dem Interesse unternehmerische Strategien hinsichtlich der aufzubringenden Investitionen und der möglichen Profitmaximierung im Rahmen des Produktionsverlaufs effizienter zu organisieren. In Bezug auf globale Wertschöpfungsketten begünstigt dieser Ansatz folglich eher eine weitere Missachtung global geltender sozialer Standards und verstärkt damit einhergehend das sozio-ökonomische Nord-Süd-Gefälle zwischen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern. Der Wertketten-Ansatz mündet in dem Entschluss, dass sich die Wertschaffung gegenüber dem

Konsumenten

durch

die

ausgeführten

Einzelaktivitäten

im

Produktionsverlauf

entwickelt. Den entstandenen Wert misst Porter allerdings ausschließlich an dem jeweiligen Betrag, den die Konsumenten für das erzeugte Gut bereit sind zu zahlen, also lediglich dem Geldwert (vgl. Porter. 1998. S. 40). Zwar wird die Wertkette als ein ineinandergreifendes Netzwerk verknüpfter Aktivitäten verstanden (Porter. 1998. S. 42), jedoch bestehen weitreichende Defizite in der Berücksichtigung der sozio-ökonomischen Beziehungen zwischen den in die Produktionsaktivitäten eingebundenen Akteuren, was eine Anwendung auf die hier aufgestellte Leitfrage außer Frage stellt.

9

2.2. Commodity Chains nach Hopkins und Wallerstein Hopkins und Wallerstein definieren die allgemeine Wertschöpfungskette im Rahmen ihres Weltsystemansatzes als ein „network of production processes whose end result is a finished commodity“ (Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1986. S. 159). Die Vernetzung der Commodity Chains lässt sich auf die Entwicklung und Transformation weltwirtschaftlicher Produktionssysteme übertragen. Die Autoren unterteilen die einzelnen Fertigungsstufen in Boxen oder Knotenpunkte mit sozial definierten Grenzen. Dabei erfolgt eine vereinfachte Kategorisierung dieser Teilaktivitäten innerhalb der Wertschöpfungsketten in periphere Zonen und Kernzonen.

2.2.1. Periphere Zone und Kernzone Die

periphere

Zone

beinhaltet

grundsätzlich

die

Produktionsschritte,

die

die

Rohstoffbeschaffung und die Rohstoffverarbeitung umfassen. Hier wird von einem hohen Grad an unternehmerischer Monopolisierung ausgegangen. Das Beispiel der Tabakindustrie spiegelt diese Annahme auf der geographischen Ebene treffend wieder, wobei eine Monopolisierung eher auf nationalen und lokalen Ebenen und auf der globalen Ebene eher Oligopole bestehen. Der Rohtabak wird vordergründig in einer Vielzahl der Länder des globalen Südens angebaut, wo mit Abstand führende Unternehmen wie Universal Corp und Alliance One die Produktion und den Markt kontrollieren. Erst in Europa, Japan oder den USA nimmt die Marktbeteiligung wieder an Vielfalt zu. Hier erfolgt die industrielle Verarbeitung der Rohmaterialien, während für die in wenigen Industrieländern lokalisierten Tabakkonzerne höhere Profitraten entstehen. Letzteres ist charakteristisch für die Kernzonen der Commodity Chains. Diese werden durch wissensbasierte Arbeitsschritte wie der Entwicklung, dem Design oder der Vermarktung der Produkte charakterisiert (vgl. Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1994. S. 18). Dieser Ablauf lässt sich weder pauschalisieren, noch auf jede beliebige Industrie anwenden. Dennoch gehen Hopkins und Wallerstein stets davon aus, dass die interzonalen Bewegungen

einer

Commodity

Chain,

die

die

Produktfertigung

und

Wertaddition

umschließen, nach dieser Annahme immer von der Peripherie zum Kern verlaufen (vgl. Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1994. S. 17).

2.2.2. Vertikale Integration vs. Separation Geknüpft an die Dynamik der Weltwirtschaft stellen vor allem zyklische Verschiebungen ein entscheidendes Kriterium im Commodity Chain Konstrukt dar. Diese geben Aufschluss über die Kostenreduzierung innerhalb einer Kette durch vertikale Integration oder Separation. Wird das Prinzip der vertikalen Integration verfolgt, reduzieren sich die Transaktionskosten über

die

geographische

Konzentration

der 10

Produktionsprozesse.

Marktähnliche

Transaktionen werden von Commodity Chain Verknüpfungen befreit und Verkauf-AnkaufBeziehungen werden aufgelöst. Dem gegenüber steht die Separation, anhand der durch geographische Zerstreuung sowie durch das Einbinden von Unterverträgen Lohn- und Arbeitskosten eingespart werden können. Hier gewinnen Verkauf-Ankauf-Beziehungen wieder an Bedeutung (vgl. Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1994. S. 19 f.). Auf die Tabakindustrie trifft letzteres Prinzip zu, was sich allein durch die globale Ausbreitung der einzelnen Produktionsprozesse bestätigt. Die Produktion des Rohtabaks findet vorrangig im globalen Süden statt, während sich die Weiterverarbeitung des Tabaks zu Zigaretten, Kautabak, etc. in den Industrie- und Schwellenländern abspielt. Dabei sind die geographische Verbreitung von Arbeit sowie staatliche Wechselbeziehungen nicht als Grundsteine des Konzepts zu verstehen, jedoch ist stets Rücksicht auf die Arbeitsstrukturen und Produktionsorganisation zu nehmen (vgl. Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1986. S. 162).

2.2.3. Anwendbarkeit des Konzepts Das Commodity Chain Konzept dient dazu ökonomische Flüsse zwischen Staaten wie Handel, Migration und Kapitalinvestitionen nachvollziehbar darzustellen. Um die Wertquellen der Produktion zu identifizieren wird die Wertschöpfungskette nach Hopkins und Wallerstein rückwärts konstruiert. Grundsätzlich hält sich diese Herangehensweise an der Ermittlung der Hauptaktivitäten, durch die die Kette gebildet wird und der Erfassung der zentralen Eigenschaften dieser Fertigungsstufen fest. Zudem ist die Erschließung der geographischen und politischen Verbreitung dieser Teilprozesse notwendig (vgl. Hopkins, T. K. & Wallerstein, I. 1994. S. 164). Auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird an diesem Prinzip festgehalten. Dieses Verfahren begünstigt die Analyse der sozialen Wertschöpfung der Tabakindustrie und verhindert es lediglich die Verarbeitung von verschiedenen Produktionsstoffen aufzuzeigen. Dennoch ist das Commodity Chain Konzept für diese Arbeit insgesamt unzureichend. Die Autoren liefern mit der Definition der Wertschöpfungskette als ein Netzwerk eine vorteilhafte Ausgangslage für die Analyse globaler Produktionsprozesse. Auch die Identifikation von peripheren Zonen und Kernzonen, die die geographische Verbreitung einzelner Aktivitäten in diesen Konstrukten beschreiben, bildet einen hilfreichen Nährboden für das Nachvollziehen der Machtverteilung in Wertschöpfungsketten. Ein expliziter Bezug zu Machtstrukturen bleibt allerdings aus. Zudem steht der Fokus auf den Weltsystem Ansatz der Aufdeckung sozialer Ungerechtigkeiten im Rahmen der Produktionsprozesse im Weg. Hopkins und Wallerstein legen ihren Interessenschwerpunkt auf die bereits angesprochenen zyklischen Verschiebungen von wirtschaftlichen Expansionsperioden und Abschwüngen, die ihnen dazu dienen aufzuzeigen, wie sich Produktions- und Handelsprozesse der 11

Weltwirtschaft über längere Zeiträume verändern und geographisch verlagern. Trotzdem Themen wie Eigentumsverhältnisse und die Art der Arbeitssteuerung innerhalb einzelner Fertigungsstufen in das Commodity Chain Konzept einbezogen werden, würde eine detaillierte Analyse den Rahmen hinsichtlich der Zielverfolgung der Autoren sprengen. Die Machtausstattung einzelner Akteure rückt dabei folglich in den Hintergrund. Die Berücksichtigung dieser ist jedoch für die Untersuchung von sozialen Problemfeldern innerhalb von Produktionsnetzwerken notwendig.

2.3. Global Commodity Chains nach Gereffi et al. Gereffi et al. haben die Ansätze von Porter sowie Hopkins und Wallerstein zum Konzept der Global Commodity Chains weiterverarbeitet. Eine Global Commodity Chain setzt sich aus Serien von organisationsübergreifenden Netzwerken zusammen, die sich um ein Gut oder ein Produkt formieren und innerhalb der Weltwirtschaft Haushalte, Unternehmen und Staaten miteinander verknüpfen. Diese Netzwerke gelten hinsichtlich der sozialen Einbettung in ökonomische Organisationen als situationsspezifisch, sozial konstruiert und lokal integriert (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 2). Das

Konzept

Gereffi’s

befasst

sich

mit

den

räumlichen

Eigenschaften

der

Transformationsprozesse sowie mit den sozialen Beziehungen, welche die einzelnen Vorgänge innerhalb der Commodity Chain miteinander verknüpfen. Eine wichtige Rolle wird dabei dem Einfluss von Wettbewerbs- und Innovationsstrukturen zugerechnet. Diese gelten für das Verständnis der Transformation und Organisation von Global Commodity Chains als essentiell. In diesem Rahmen lehnt er sich an den von Michael Porter ins Leben gerufenen Ansatz der Wertkette an. Dennoch weist er darauf hin, dass allein die geographische Verortung und die Organisation der Herstellung keine solide Basis für den Wettbewerb darstellen, da beide Faktoren zu instabil sind. Alternativ werden der Besitz eigener Technologien, die Einzigartigkeit der Waren, der Ruf der Marke, Kundenbeziehungen sowie die konstante Modernisierung der Industrie als eine stabilere Wettbewerbsbasis identifiziert. Gereffi

distanziert

sich

von

jenen

sozialwissenschaftlichen

Annahmen,

die

die

Wohlstandsverteilung innerhalb einer Commodity Chain auf das Abbild einer stufenweise steigenden Hierarchie innerhalb der Produktionsprozesse übertragen. Nach diesem Konzept steigt diese Wohlstandsverteilung proportional mit jedem Produktionsschritt. Das Konzept der Global Commodity Chain spricht dem gegenüber eine Art Neu-, bzw. Umgestaltung von industriellen Produktionsprozessen an, die die hierarchische Trennung von einzelnen Fertigungsprozessen miteinander verschmelzen lässt. Gereffi entfernt sich damit über Sektor-übergreifende Verknüpfungen von konventionellen Grenzen der Industrie: „In fact, Hopkins and Wallerstein (chapter 2) indicate that the concept of GCCs ultimately challenges 12

the hierarchical distinction between raw material production, industry, and services. All activities transform, all involve „human skilled judgment“” (Gereffi et al. 1994. S. 4). Dennoch macht er auf ungleiche Wohlstandsverteilung von den Kernzonen über die semiperipheren zu den peripheren Zonen der Kette aufmerksam: „The GCCs explains the distribution of wealth within a chain as an outcome of the relative intensity of competition within different nodes“ (Gereffi et al. 1994. S. 4).

2.3.1. Drei Dimensionen Das Konzept der Global Commodity Chains definiert sich über drei zentrale Dimensionen: Die Input-Output Struktur stellt eine Bandbreite von Produkten und Dienstleistungen dar, die in einer Serie von wertschöpfenden ökonomischen Aktivitäten miteinander verknüpft sind. Sie stellt die Transformationsprozesse der Rohstoffe innerhalb der Produktion dar. Die Geographische Dimension beschreibt die räumliche Verbreitung oder Konzentration der Produktions- und Distributionsnetzwerke, umfasst von Unternehmen unterschiedlicher Größe und Art. Die Governance Struktur globaler Wertschöpfungsketten setzt sich mit den Machtbeziehungen auseinander, die die Zuordnung und den Fluss von finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen innerhalb der Kette bestimmen (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 96f). Letztere Dimension gilt für den weiteren Verlauf dieser Arbeit als essentiell, da sich Gereffi damit von den zuvor beschriebenen Konzepten abhebt: In der Governance Struktur liegt das entscheidende Argument, das für die Verwendung des Global Commodity Chain Konzepts zur

Analyse

potentieller

Verbesserungsmöglichkeiten

hinsichtlich

sozial

gerechterer

Produktions- und Handelsverhältnisse spricht. Neben

der

Identifizierung

der

einzelnen

Akteure

und

Teilprozesse,

die

in

Wertschöpfungsketten eingebettet sind, werden über die Governance Struktur die Machtausstattung der einzelnen Akteure angesprochen und somit sozio-ökonomische Ungleichheiten, die sich in den einzelnen Fertigungsstufen der Produktion wiederfinden, über Machtbeziehungen aufgedeckt. Gereffi unterscheidet dabei zwischen producer-driven und buyer-driven Commodity Chains.

2.3.2. Producer-driven und buyer-driven Commodity Chains Die Produktionsnetzwerke in producer-driven Commodity Chains werden zumeist von transnational agierenden Unternehmen gesteuert. Diese bewegen sich vorrangig in technologie- und kapitalintensiven Industrien. Als Beispiele werden an dieser Stelle die Automobil-, Computer- oder Luftfahrtindustrie genannt. Die Anzahl der Länder, die in die jeweilige Produktion eingebunden ist, bewegt sich auf einer transnationalen Ebene und variiert ebenso wie der Entwicklungsstand der einzelnen Länder. Charakteristisch für die 13

producer-driven Commodity Chains ist, dass die Produktion von den Hauptsitzen der transnationalen Unternehmen koordiniert wird und dabei häufig auf Zulieferer verteilt wird (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 97). Buyer-driven Commodity Chains sind in Industrien zu finden, in denen hauptsächlich Einzelhändler, Marken- und Handelsunternehmen dezentrale Produktionsnetzwerke vor allem in den Ländern des globalen Südens kontrollieren. Damit werden vordergründig arbeitsintensive

Konsumgüterindustrien

angesprochen.

Dazu

gehören

zum

Beispiel

Kleidungsstücke, Spielzeuge, Verbraucherelektronik, Haushaltswaren und handgefertigte Artikel (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 97). Auch Agrarprodukte werden dazu gezählt. Demnach lässt sich die Tabakindustrie ebenfalls in die Kategorie der buyer-driven Commodity Chains einordnen. Während der von Kleinbauern geerntete Rohtabak über Auktionen an Konzerne, die eine Funktion als Zwischenhändler besetzen, für niedrige Preise verkauft werden muss, sind die großen Tabakkonzerne mit wissensbasierten Tätigkeiten, wie dem Entwickeln, Designen und Vermarkten der Tabakwaren beschäftigt. Den Tabak und die Tabakprodukte produzieren sie dabei nicht selber, sondern beziehen die Cash Crop lediglich von den Rohtabakkonzernen. Hier findet sich eine weitere Parallele zu Gereffis Ansatz: Die vermeidlichen Produzenten können genau genommen nicht als solche anerkannt werden, da sie nicht über die jeweiligen Produktionsstätten verfügen. Auch die Tabakindustrie ist dadurch gekennzeichnet, dass sich die zentrale Rolle der Markenunternehmen, auf die Entwicklung, Gestaltung und letztendlich die Vermarktung der fertigen Artikel beläuft. Diese Bereiche sind gleichzeitig die Profitquelle in buyer-driven Commodity Chains. Sie stellen die Kernunternehmen dar, deren Hauptaufgabe die Organisation der Produktions- und Handelsnetzwerke ist (vgl. Gereffi et al. 1994. S. 98). Buyer-driven Commodity Chains gestalten sich gegenüber producer-driven Commodity Chains als horizontale Produktionsnetzwerke, in denen sich wenige führende Unternehmen nicht in die Produktion einbinden sondern fertige Produkte von verschiedenen Herstellern aus verschiedenen Regionen beziehen. Die multinationalen Konzerne schöpfen ihren wirtschaftlichen Vorteil hauptsächlich durch ihre Markt- und Designfähigkeiten. Die

Steuerung

der

buyer-driven

Commodity

Chains

kann

also

Handels-

und

Markenunternehmen zugeschrieben werden.

2.3.3. Anwendbarkeit des Konzepts Die Perspektive der Global Commodity Chains eignet sich aufgrund ihrer dreidimensionalen Konzeption für die vorangestellte Analyse, da sie sowohl die in die Produktionsprozesse eingebetteten ökonomischen Firmenaktivitäten und deren geographische Ausbreitung und 14

Konzentration beinhaltet, als auch eine Analyse der Machtausstattung der beteiligten Firmen, Organisationen und Haushalte sowie deren Wechselbeziehungen zulässt. Grundsätzlich ist auch die horizontale Produktionsanalyse über den Ansatz der buyer-driven Commodity Chains in diesem Rahmen zu befürworten, da somit der Thematisierung sozioökonomischer Frage- und Problemstellungen ein hilfreicher Nährboden geliefert wird. Eine genaue Auseinandersetzung damit und das Nachgehen der Frage, wie sich die Machtverhältnisse zwischen den Akteuren der Tabakindustrie gestalten, werden im Rahmen der detaillierten Analyse der Tabakproduktion dargestellt. Ein Kritikpunkte an Gereffis Theorie, der im Zusammenhang mit dem Thema Tabakanbau auftreten könnte, ist die strikte Abgrenzung von producer-driven und buyer-driven Commodity Chains mit Blick auf den jeweiligen Produktionskontext. Hier könnte es gewisse Schnittstellen geben, die die Eigenschaften der für producer-driven Commodity Chains charakteristischen Massenproduktion auch in der Wertschöpfungskette des Tabakanbaus (buyer-driven) auftauchen lassen.

2.3.4. Global Production Networks Eine Weiterführung der Global Commodity Chains bringt das Konzept der Global Production Networks mit sich: „The GPN approach is a broad relational framework, which attempts to go beyond the very valuable but, in practice, more restricted, global commodity chain (GCC) and global value chain (GVC) formulations“ (vgl. Coe et al. 2008. S. 272). Dieser Ansatz lehnt sich hinsichtlich des Bezugsrahmens gekoppelter Funktionen, Aktivitäten und Transaktionen, durch die ein Produkt produziert, vermarktet und konsumiert wird, stark an den der Global Commodity Chains an. Zwei grundlegende Unterschiede zwischen den Ansätzen sind zum einen das Abstand nehmen der Global Production Networks von einer linear, bzw. vertikal orientierten Analyse und zum anderen der Versuch alle in die Prozesse eingebundenen Akteure und Beziehungen zu berücksichtigen, während sich der Global Commodity Chain Ansatz auf die Verhältnisse zwischen verschiedenen Firmen konzentriert (vgl. Coe et al. 2008. S. 272 ff.). Eine Analyse auf diesem Konzept basierend würde sicherlich einen tieferen und detaillierteren Einblick in den Sachverhalt gewähren, allerdings würde damit auch der vorgeschriebene Rahmen der Arbeit gesprengt werden.

3. Die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie In diesem Kapitel wird die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie dargestellt und hinsichtlich

der

sozio-ökonomischen

Machtausstattung

untersucht.

15

der

eingebundenen

Akteure

Die Analyse wird sich dabei auf das Land Brasilien beschränken. Dadurch wird ein greifbares Fallbeispiel geschaffen, das in Betracht der allgemeinen Situation der weltweiten Tabakproduktion eine repräsentative Wiedergabe bestehender Probleme und potentieller Lösungsansätze aus entwicklungsgeographischer Sicht bieten soll. Im folgenden Abschnitt soll zunächst anhand einiger Eckdaten ein kurzer Überblick auf die herrschenden Gegebenheiten der Tabakindustrie aufmerksam gemacht werden. Vorab werden einige grundlegende Informationen zur Tabakpflanze und der Geschichte ihrer globalen Verbreitung vermittelt.

3.a. Die Tabakpflanze Die Tabakpflanze, Nicotiana tabacum, wird zu den

Nachtschattengewächsen

gezählt.

Wie

viele der weiteren Mitglieder ihrer Gattung ist auch sie eine giftige Pflanze (vgl. Kessler, M. 2000. S. 10). Der in der Pflanze anteilig am häufigsten

vertretene

Giftstoff

ist

das

suchterzeugende Nikotin. Weiterhin enthalten die

Tabakblätter

Dazu

zählen

krebserregende vor

allem

Giftstoffe.

polyzyklische

aromatische Kohlenwasserstoffe (vgl. Tobacco Atlas. 2009. S. 17). Abbildung  1:  Tabakpflanze  (www.duden.de.  2012)

3.b. Geschichte der Tabakpflanze Ihren Ursprung findet die Tabakpflanze auf dem amerikanischen Kontinent, wo sie bereits seit 6000 v. Chr. besteht und von indigenen Völkern genutzt wurde (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 5). Ihre Existenz blieb bis zum ersten Aufeinandertreffen europäischer Seefahrer und amerikanischer Völker zum Ende des 15. Jahrhunderts lediglich auf diesen Raum begrenzt. In Europa tauchte sie erstmals im späten 16. Jahrhundert auf, als sie von den Seefahrern im Zuge der Kolonisation aus Amerika mitgebracht wurde. Erst im 17. Jahrhundert wurde Tabak zunehmend auch in Europa kultiviert und somit zu einem beliebten Konsumgut, das auch bald die politischen und ökonomischen Interessen aller europäischen Handelsstaaten weckte. Im Zuge erster Exporte aus Amerika gewann die Pflanze an wirtschaftlicher Bedeutung und ihr Anbau verbreitete sich auf mehreren Kontinenten (vgl. Goodman, J. 1998. S. 5 ff).

16

3.c. Die Tabakindustrie aktuell Tabak wird aktuell weltweit in über 120 Ländern angebaut. Dabei werden in etwa 4 Mio. Hektar der globalen Agrarflächen in Anspruch genommen. Die globale Tabakproduktion hat sich seit den 1960er Jahren nahezu verdoppelt, wobei die Produktion in den Entwicklungsund Schwellenländern im selben Zeitraum um etwa 300% gestiegen ist, während sie in den Industrieländern um über 50% gesunken ist (vgl. Tobacco Atlas. 2009. S. 48). Allein im Jahr 2010 wurde weltweit eine Erntefläche von 3.946.665 ha1 Tabakfeldern in Anspruch genommen. Das entspricht einer Produktion von 7.037.514 t2 Rohtabak im selbigen Jahr, was sich auf einen Bruttowert von 15.232 Mio. US Dollar3 beläuft. Die fünf führenden tabakproduzierenden Länder des Jahres 2010 sind China, Brasilien, Indien, die USA und Malawi. Die führenden Unternehmen der Tabakbranche sind nur einige wenige, die allesamt global agieren. Abbildung 2 zeigt, wie sich der Marktanteil der globalen Tabakunternehmen laut British American Tobacco gestaltet. In dieser Darstellung wurde jedoch der Marktanteil Chinas, der einen erheblichen globalen Anteil von etwa 40% ausmacht, nicht berücksichtigt, da dieser als staatseigen definiert wurde. Durch

die

weltweite

Tabakproduktion

entstehen

schwerwiegende

Probleme

auf

verschiedenen Ebenen. So wird der Anbau des „braunen Golds“ mit ungerechten und unzumutbaren

Arbeitsbedingungen

auf

Seiten

der

Plantagenarbeiter,

Menschenrechtsverletzungen wie Kinderarbeit sowie mit gravierender Umweltzerstörung in Verbindung gebracht.

1

Quelle: FAOSTAT | © FAO Statistics Division 2012 Quelle: FAOSTAT | © FAO Statistics Division 2012 3 Quelle: FAOSTAT | © FAO Statistics Division 2012 2

17

Abbildung   2:   globale   Marktanteile   der   Tabakunternehmen   2011   (British   American   Tobacco   2012.   www.bat.com)   Die Tabelle 2 zeigt einen Überblick der Top Ten der Staaten, in denen 1961 Rohtabak angebaut wurde sowie die Liste der zehn meistproduzierenden Staaten im Jahr 2010. Dadurch wird nicht nur lediglich der steigende Umfang, sondern auch die räumliche Verschiebung der Produktion über die letzten 50 Jahre nachvollziehbar. Diese räumliche Verschiebung ist auf das verstärkte Einsetzen der Globalisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Grenzüberschreitende wirtschaftliche Aktivitäten haben zunehmend an Bedeutung gewonnen. Somit sind auch die Import- und Exportflüsse wesentlich angestiegen. In den Ländern des globalen Südens folgten starke Industrialisierungsprozesse, die oftmals mit dem Terminus der Entwicklung gleichgesetzt wurden. (vgl. Gereffi et al. 2001). Geleitet vom Gedanken der Modernisierungstheorie wurde davon ausgegangen, „dass wirtschaftlicher und technologischer Wandel sich Hand in Hand mit sozialem und politischem Wandel vollziehen würde“ (vgl. Menzel, U. 1991. S. 5). Die Verlagerung von Industrien in die Länder mit niedrigem oder mittlerem Pro-KopfEinkommen im Zuge einer liberalen Entwicklungspolitik war für diverse Unternehmen folglich sehr interessant, da es dort verhältnismäßig günstige Arbeitskräfte gab und sich auch der Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen relativ einfach gestaltete. Tabelle  2:  Top  Ten  der  Rohtabakproduzenten  1961  und  2010   1961   Länder  

2010   Rohtabak  in   Tonnen  

Länder  

Rohtabak  in   Tonnen  

United  States  of  America  

935.000  

China  

3.005.753  

China  

395.854  

Brazil  

787.617  

India  

307.000  

India  

755.500  

Brazil  

167.839  

United  States  of  America  

325.766  

USSR  

134.000  

Malawi  

220.198  

Japan  

126.900  

Argentina  

137.000  

Turkey  

101.407  

Indonesia  

122.276  

Zimbabwe  

99.890  

Pakistan  

119.323  

Canada  

95.127  

Zimbabwe  

109.737  

Indonesia  

85.800  

Zambia  

89.700  

Quelle:  eigene  Darstellung  nach  FAOSTAT  |  ©  FAO  Statistics  Division  2012  

3.1. Konzeptualisierung Den Leitfaden für die Analyse liefert das Konzept der Global Commodity Chains nach Gereffi et al. Darauf basierend werden die einzelnen Produktionsschritte der Tabak Commodity 18

Chain unter Einbezug der in diesem Ansatz erarbeiteten Dimensionen, also der InputOutput-Struktur, der geographischen Komponente und der Governance-Struktur untersucht. Zusätzlich wird der institutionelle Rahmen der Tabakindustrie Brasiliens eine nicht unwesentliche Rolle spielen, denn auch der Einfluss staatlicher und nicht-staatlicher Akteure und Institutionen wirkt sich bedeutend auf die Tabakbranche des Landes aus. Wertschöpfungsketten können sich hinsichtlich ihres Ausmaßes sehr umfassend gestalten. Einige Autoren beziehen neben den Aktivitäten, die die Entwicklung, Produktion und Vermarktung bis zum Konsum eines Produkts betreffen auch die Entsorgung dessen ein. Bevor die Analyse beginnen kann muss daher zunächst eine klare Definition der zu untersuchenden Tabak-Wertschöpfungskette erfolgen. Die Commodity Chain des Tabaks bietet einen reichen Umfang an Informationen. Eine vollständige Analyse würde bei der Produktion des Saatguts der Tabakpflanze beginnen, die bereits

die

Berücksichtigung

der

Forschungsprozesse

zur

Herstellung

für

die

Massenproduktion kompatibler Samen erfordert. Der nächste Schritt ist der Tabakanbau. Hier werden den Pflanzen Wachstums- und Schädlingsbekämpfungsmittel zugetragen, die wiederum das zentrale Objekt der Wertschöpfungskette der Düngemittelindustrie darstellen. Der getrocknete Rohtabak wird dann auf Auktionsmärkten gehandelt und an die jeweiligen Abnehmer verkauft, die dann die verschiedenen Tabaksorten vermischen und für den Export weiterverarbeiten. Der Export erfolgt dann in die Länder – meist Industrieländer – in denen der geschnittene und fertig gemischte Tabak für die Zigarettenherstellung genutzt wird. Allein die Transportwege der Exportströme beanspruchen wiederum die Schifffahrtsindustrie, während die Zigarettenproduktion durch die Verarbeitung von Papier, Filtern und Kunststoffen noch weitere Industrien mit sich verbindet. Die Gesamtheit der einzelnen Produktionsschritte beinhaltet eine enorme Vielzahl an Informationen, liefert Auskunft über die Beanspruchung von diversen Ressourcen, über die Positionierung verschiedenster Akteure und deren Machtbeziehungen untereinander sowie über immer wieder neue Verknüpfungen zu weiteren Industriezweigen, die wiederum in andere Produktionsnetzwerke eingebettet sind. Eine ausführliche Analyse der Tabak Commodity Chain würde sich dahingehend mehr oder weniger zwangsläufig auf den Ansatz der Global Production Networks stützen, um das gesamte

Gefüge

von

Produktions-,

Handels-

und

Machtbeziehungen

auf

einer

multidimensionalen Ebene zu erfassen. Die multidimensionale Perspektive des Global Production Networks Konzepts kann ohne Zweifel als eine tiefergreifende als die der Global Commodity Chains betrachtet werden, wird eine detaillierte Erfassung der Verstrickung von Produktionsnetzwerken verlangt. Jedoch ist eine Anwendung auf den hier gegebenen Sachverhalt nicht als optimal zu werten. Zwar lastet der Fokus Gerrefis Konzept vordergründig auf den Beziehungen zwischen den 19

beteiligten Unternehmen. Dennoch kann dies zur Klärung der Problemstellung in diesem Nexus hilfreich sein. Entscheidend sind dabei zwei Sachverhalte: Zum einen wurde die Wertschöpfungskette der Tabakindustrie über die Governance Struktur als eine buyer-driven Commodity Chain identifiziert. Die zentrale Arena der Tabakbranche ist der Auktionsmarkt, auf dem der Rohtabak weiterverkauft wird. Hier entscheidet sich, welcher Preis für die getrockneten Tabakblätter gezahlt wird. Das Einkommen der Kleinbauernfamilien ist daran gekoppelt, wodurch der Zugang zu der Analyse der Problemfelder dieser Abhängigkeit gewährleistet wird. Eine sequentielle Untersuchung, wie sie aus dem Global Commodity Chain Ansatz in linearer oder vertikaler Form hervorgeht, bietet sich in diesem Sinne als zweites Argument für die Verwendung des Konzepts an. Daran orientiert können die Eigenschaften und Kritikpunkte der einzelnen Fertigungsstufen aufgedeckt und aufmerksam bearbeitet werden, ohne weder an interessengeleiteter Erkenntnis noch an Übersicht zu verlieren. Nach dem Vorbild von Hopkins & Wallerstein werden im weiteren Verlauf vorerst die themenrelevanten Hauptaktivitäten der Wertschöpfungskette identifiziert, deren zentrale Eigenschaften bestimmt und deren geographische und politische Reichweite erfasst (vgl. Hopkins & Wallerstein. 1986. S. 164).

3.2. Das Fallbeispiel der Tabakindustrie Brasiliens In diesem Kapitel wird der zuvor aufgestellte theoretische Rahmen auf das Beispiel der Tabakindustrie Brasiliens angewendet und anschließend zusammenfassend ausgewertet. Im Folgenden werden die einzelnen Fertigungsstufen der Tabakproduktion sequentiell dargestellt. Dies erfolgt unter Berücksichtigung der Leitfrage „inwiefern kann über globale von Wertschöpfungsketten zu einer sozial gerechteren Entwicklung beigetragen werden?“. Das heißt neben der Identifizierung der in die Produktion eingebundenen Akteure werden gleichzeitig

auch

deren

Wechselbeziehungen

untereinander

als

auch

deren

Machtausstattung untersucht um aufzuzeigen, wo sich sozio-ökonomische Ungleichgewichte herausbilden und welche Glieder der Wertschöpfungskette demnach stark benachteiligt werden. Die Hauptaktivitäten der Wertschöpfungskette, die sich für die Untersuchung als relevant ergeben sind die folgenden: •

kleinbäuerlicher Tabakanbau auf lokaler Ebene



der Handel um den Rohtabak auf nationaler Ebene



der Export von Tabakprodukten auf globaler Ebene.

Hierbei handelt es sich lediglich um eine grobgefasste Aufzählung, freigestellt von den vielschichtigen Interaktionen, die die verschiedenen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Gruppen und Institutionen miteinander verbinden. Der Untersuchungsrahmen wird dennoch bereits definiert: Die Saatgutforschung und –entwicklung, sowie die Entsorgung von 20

Abfallprodukten, die die Tabakindustrie hervorbringt wird in diesem Beitrag nicht berücksichtigt. Beide Prozesse tragen nicht unmittelbar zu der Bearbeitung der sozioökonomisch orientierten Problemstellung bei. Die Analyse der aufgezählten Fertigungsstufen und der weiteren Produktionsschritte, die diese Hauptaktivitäten verknüpfen wird rücklaufend durchgeführt. Diese Herangehensweise gestaltet sich in Bezug auf die behandelte Problematik als vorteilhafter, da somit zwar auch der Bezug zur Produktherkunft über die Input-Output Struktur hergestellt wird, aber vor allem die sozio-ökonomische Wertschöpfung der einzelnen Fertigungsstufen in den Vordergrund gestellt wird. Die erste Stufe der Untersuchung bildet hinsichtlich der Relevanz zum Thema der Tabakexport. Vorab werden die Stufen der Zigarettenherstellung und des damit verbundenen Tabakkonsums angerissen. Eine detaillierte Darstellung dieser Schritte wird jedoch nicht erfolgen.

3.2.1. Warum Brasilien Brasilien ist als fünftgrößtes Land der Welt aus globaler Sicht mit einer Produktion von 787.617 t Rohtabak auf einer geernteten Fläche von 449.629 ha im Jahr 2010 der zweitgrößte Produzent von Rohtabak (Tabelle 2). Der in 2010 produzierte Rohtabak trägt einen Bruttowert von 2.499 Mio. US Dollar, während sich eine Tonne Rohtabak auf einen durchschnittlichen Preis von 3.173,3 US Dollar beläuft (FAOSTAT | © FAO Statistics Division 2012). In Lateinamerika gilt Brasilien vom 19. Jahrhundert an fortlaufend als der

21

Haupttabakproduzent des Kontinents. Dabei sind die Produktionsraten kontinuierlich gestiegen (vgl. Goodman, J. 1998. S. 25). Abbildung  3:  Importe  und  Exporte  von  Tabakprodukten  in  Brasilien  2005  –  2010  nach  FAOSTAT  2012   Der Anbau und die Verarbeitung von Tabak konzentrieren sich in den Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Santa Catarina und Paranà, die sich im Süden des Landes befinden. Die Abbildung 3 zeigt einen Überblick der gesamten Importe und Exporte von Rohtabak und Tabakprodukten des Landes im Zeitraum von 2005 bis 2010. Mit einem Export von insgesamt 493.003 t (2010) ist Brasilien der größte Exporteur von Rohtabak weltweit. Diese Fakten untermauern die bedeutende ökonomische Rolle, die der Tabakindustrie in Brasilien zugespielt wird. Eine vorherrschende Position auf dem brasilianischen Markt besetzt die British American Tobacco Tochterfirma „Souza Cruz“. Im ersten Halbjahr des Jahres 2012 erreichte das Unternehmen einen Marktanteil von rund 60%4. Aufgrund dieser dominanten Stellung in der brasilianischen Tabakindustrie wird sich das analysierte Produktionsnetzwerk fast schon zwangsläufig auf Tabakprodukte konzentrieren, die im Verbund mit dem Unternehmen Souza Cruz stehen. Den zweitgrößten Anteil am Tabakmarkt besetzt Philip Morris International.

Folgend

werden

anhand

eines

Firmenprofils

einige

Eckdaten

des

Tabakproduzenten Souza Cruz bekanntgegeben.

3.2.2. Souza Cruz Firmenprofil „Souza Cruz’s vision is to lead the Brazilian market in tobacco products responsibly and innovatively, assuring sustainability for the business by developing our people and our brands.” Das ist das Leitbild, das der Konzern Souza Cruz auf seiner Internetseite veröffentlicht (vgl. Souza Cruz 2012. http://www.souzacruz.com.br/). Die Gründung des Unternehmens geht auf das Jahr 1903 zurück. 1914 machte

Albino

Begründer

des

Souza

Cruz,

Konzerns,

der

British

American Tobacco zum Teilhaber seines Unternehmens. Sechs der zehn meist verkauften Zigarettenmarken in Brasilien sind Produkte von Souza Cruz. Dazu gehören z.B. Zigaretten der Marke Derby, Free, Hollywood und Dunhill, Abb.  4:  Souza  Cruz  Logo  (http://www.verruganagordura.com   4

2012.)

Souza Cruz 2012. http://www.souzacruz.com.br

22

die in einer Vielzahl von Ländern auf internationaler Ebene verkauft werden. Das Hauptquartier des Unternehmens befindet sich in Rio De Janeiro, während sich die Produktionsstätten, bzw. Aufbereitungsanlagen zumeist ebenfalls im Süden des Landes befinden, wo auch der überwiegende Anbau des Rohtabaks lokalisiert ist. Laut ihrer Internetseite ist sich die Firma darüber bewusst, dass der Tabakkonsum gesundheitliche Schäden verursacht und gibt vor, ihren Kunden und den sozialen Gruppen, mit denen sie interagieren, die entsprechende Verantwortung entgegen zu bringen. Ebenso wird die Wertlegung auf die Transparenz bezüglich der Produktionsprozesse angepriesen: „Our product, distribution, price and promotion policies are based on studies carried out regularly among consumers and retailers… we endeavor to give consumers relevant information about the products we make and sell. To do this, Souza Cruz adopts a series of principles of ethical and responsible behavior that guides its policies of communication and relationships with the most varied segments of the public” (Souza Cruz 2012. http://www.souzacruz.com.br/).

3.3. Die Global Commodity Chain der Tabakindustrie Brasiliens Die Analyse der Global Commodity Chain der Tabakindustrie orientiert sich in diesem Beitrag an vier zentralen Fertigungsstufen des Produktionsnetzwerks, in denen die Problematik der sozio-ökonomisch ungerechten Machtverteilung deutlich wird: Der Tabakanbau, der Rohtabakhandel, die Erstverarbeitung des Tabaks und der Tabakexport. Diese Vorgänge umfassen das Interagieren von verschiedenen global, national und lokal handelnden Akteuren und gewährt Zugang zu deren sozialen, ökonomischen und politischen Verknüpfungen untereinander.

23

Abbildung  5:  Das  Produktionsnetzwerk  der  Tabakindustrie  nach  Vargas,  M.  A.  (2001)   Die Abbildung 5 zeigt eine vereinfachte aber dennoch repräsentative Darstellung der Akteursbeziehungen innerhalb der brasilianischen Tabakindustrie nach Vargas. Die Grafik verdeutlicht die zentrale Rolle, die Handelsunternehmen und Zwischenhändler in diesem Netzwerk einnehmen. Sie können als das Medium verstanden werden, dass den Produktionsfluss aufrechterhält. Ihre Aktivitäten nehmen Einfluss auf jede einzelne Produktionsstufe. Sie erwerben den Rohtabak, meist über Vertragsregelungen, von den Bauern und leiten ihn an Verarbeitungsanlagen, Exporteure und nationale und internationale Märkte weiter. Ihnen obliegt die Steuerung der Produktionsprozesse der Tabakindustrie.

3.3.1. Zigarettenherstellung Zigaretten gelten als die meist konsumierte Form von Tabak. 96% des global produzierten Tabaks werden zu Zigarettentabak verarbeitet (vgl. Tobacco Atlas. 2009. S. 20). British American Tobacco, der Tabakkonzern dem auch Souza Cruz zu 75% angehört, stellt auf

der

deutschen

Unternehmenswebsite

die

eindrucksvollen

Leistungen

des

Produktionsstandorts Bayreuth dar. Das Werk ist das weltweit größte des Konzerns und produziert täglich in etwa 200 Millionen Zigaretten, was sich auf eine Summe von ungefähr 10,5 Millionen Packungen beläuft. Ein Kurzfilm auf der Internetseite klärt den Konsumenten über den Tabakanbau und die Zigarettenherstellung aus der Sicht des Tabakkonzerns auf (http://bat.de/group/sites/BAT_7TYF37.nsf/vwPagesWebLive/DO83NDVX?opendocument&S KN=1). Die Produktion der Zigaretten ist zudem durchweg rationalisiert und automatisiert, da die Herstellungsprozesse über 24 Stunden täglich durch computergesteuerte Maschinen erfolgen (vgl. British American Tobacco Germany. 2011). Die Herstellung der Endprodukte des Tabakanbaus ist oftmals in Industrieländern lokalisiert wo sich auch die Hauptquartiere der großen Tabakkonzerne wiederfinden, während der zu verarbeitende Tabak vorwiegend Entwicklungs- und Schwellenländern entstammt und lediglich zur Endverarbeitung in die Industriestaaten exportiert wird. Laut Abbildung 5 gehen die geernteten Erträge über mehrere Zwischenstationen zum einen in die Herstellung von Tabakwaren für den nationalen Markt ein, werden jedoch hauptsächlich für den Export produziert. Von den Hauptsitzen der Konzerne gehen mit der Entwicklung und Vermarktung der Produkte zwei wesentliche Schritte des Produktionsnetzwerks aus. Laut Gereffis Konzept der buyer-driven Commodity Chains stehen diese Prozesse im Sinne des Unternehmens hinsichtlich der Profitabilität im Vordergrund der Industrie. Diese Annahme lässt sich ebenfalls auch auf die Tabakindustrie übertragen. 24

Der Blick auf die Internetseiten der dominierenden Tabakkonzerne, in diesem Fall British American Tobacco, vermittelt bei einer oberflächlichen Betrachtung das Bild eines verantwortungsbewussten, nachhaltig agierenden Unternehmens, dessen Hauptaugenmerk auf der Zufriedenstellung des Kunden liegt. Die detaillierte Verarbeitung des Tabaks und das bewusste Hinzufügen von natürlichen Zusatzstoffen, die den einzigartigen Geschmack der jeweiligen Marken ausmachen, wird dabei besonders betont. Die Darstellung der Produkte und Unternehmensbilder über verschiedene Werbestrategien soll den Konsumenten und potentiellen Konsumenten ein positives Bild vom Tabak, fernab von jeglichen negativen Eigenschaften, vermitteln.

3.3.2. Exporte Die Tabakindustrie stützt sich seit mehreren Jahrzehnten auf die Exportwirtschaft. Im Zuge einer zunehmenden Globalisierung in der Nachkriegszeit eröffnete sich den Tabakkonzernen die Möglichkeit neue Märkte in anderen Teilen der Welt zu erschließen, in denen sich die Kosten für den Anbau der nikotinhaltigen Pflanze bedeutend geringer gestalten würden und somit eine deutliche Profitmaximierung realisierbar würde. Wie bereits die Tabelle 2 zeigt, ist Brasilien seit den 1960er Jahren zum zweitgrößten Tabakproduzenten weltweit geworden. Die Abbildung 3 zeigt, dass über 50% des national produzierten Rohtabaks exportiert werden, was das Land zum größten global agierenden Tabakexporteur macht. Bevor der Tabak exportiert oder zum jeweiligen Endprodukt verarbeitet werden kann, erfolgt eine erste Verarbeitung des getrockneten Rohtabaks. Das sogenannte Blending ist die erste weiterverarbeitende Stufe der Tabakproduktion. Nachdem die Tabakblätter von ihren Strängen getrennt wurden, werden hier verschiedene Tabaksorten zusammengetragen und vermischt, so dass sich erste, teilweise auch schon markentypische Geschmacksrichtungen herausbilden (vgl. Souza Cruz/BAT. 2011). Sobald dieser Schritt getan ist, wird der Tabak, der in großen Lagerhäusern aufbewahrt wird, für den Export vorbereitet. Die Exporte enthalten Tabak der landesweit von insgesamt über 900.000 Arbeitern produziert wird (Abb. 5). Brasiliens Tabakproduktion ist stark von den Exporten abhängig. Diese werden von nur wenigen multinationalen Konzernen, wie Souza Cruz (BAT) oder Philip Morris maßgeblich beeinflusst. Die Tabakfirmen, die sich im Süden Brasiliens befinden, zählen die Exporte von Rohtabak und erstmalig verarbeiteten Tabaken neben dem Tabakanbau und der Weiterverarbeitung (Blending) zu ihren Hauptaktivitäten. Allein im Bundesstaat

Rio

Grande

do

Sul

gehören

im

Schnitt

vier

der

Exportunternehmen dem Tabaksektor an (vgl. Vargas, M. A. 2001. S. 2 f.).

25

zehn

größten

Die zentrale Rolle im Tabakexport spielen die großen Tabakkonzerne, die ihre Rohstoffe über Subunternehmen und Zwischenhändler beziehen.

3.3.3. Der Rohtabakverkauf – Auktionsmärkte und dubiose Verträge Auf den Auktionsmärkten wird der Rohtabak gehandelt bevor er zum ersten Mal im Prozess des Blendings weiterverarbeitet wird. Die Tabakbauern bringen ihre getrocknete Ernte auf den Markt um sie an Zigarettenhersteller etc. zu verkaufen. Die Unternehmen bieten nach genauer Prüfung der Qualität gegeneinander (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 12). Die Rohtabakauktionen bilden unter dem Blickwinkel der Analyse der Machtausstattungen innerhalb der Tabak Commodity Chain die Hauptbühne dieser Industrie. Diese Stufe der Produktion steuert den Verlauf und die Organisation der Wertschöpfungskette. Weltweit sind die Rohtabakauktionen das konventionelle Medium über das die Kleinbauern das Agrarprodukt verkaufen. In Brasilien bestimmt jedoch neben dem Auktionsmarkt noch eine weitere Variante den Absatz des Rohtabaks. British American Tobacco, bzw. die Tochterfirma Souza Cruz und die ebenfalls in Brasilien tätige Universal Corporation verpflichten die Tabakbauern mittels Verträgen dazu, ihre Erträge ausschließlich an diese Konzerne zu verkaufen. Beide Absatzmöglichkeiten bedürfen einer genaueren Betrachtung, da sich hier entscheidet nach welchen Wegen und damit verbundenen Strukturen sich die Plantagenarbeiter richten müssen um ihre Lebensgrundlage zu sichern und aufrechtzuerhalten.

3.3.3.1. Tabakauktionen Die Auktionsmärkte auf denen die Erträge der Rohtabakernte zum Verkauf angeboten werden gestalten sich, ähnlich wie die allgemeine Tabakindustrie, überwiegend als ein Oligopol. Die Märkte werden in vielen Ländern von Regierungsinstitutionen ins Leben gerufen, da sich viele Nationalökonomien auf den Tabakanbau stützen. Allerdings werden die Auktionen auch von nur wenigen Konzernen kontrolliert. Demnach steht den Bauern nur eine geringe Auswahl an Verkaufsoptionen zur Verfügung (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 12). Der

Rohtabak

versteuert

und

ist durch

nicht die

wenigen Konzerne, die die Märkte

steuern

Tabakbauern

sind

oft

die

geringen

Preisen ausgeliefert. 26 Abbildung  6:  Tabakauktion.  http://www.afreaka.de.  2012

An dieser Stelle sei das Beispiel Malawi erwähnt. 1999 wurden den Bauern auf den Auktionen noch Beträge zwischen 1 – 2 US Dollar pro Kilo Tabak ausgezahlt. Im Jahr 2000 wurden die Preise auf bis zu 0,10 US Dollar pro Kilo heruntergehandelt. Auch wenn dieser Preisfall in einem Aufstand der Plantagenarbeiter mündete, ändert sich nichts daran, dass sie der Willkür der Abnehmerkonzerne ausgeliefert sind (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 12). Diese Tatsache zwingt die Kleinbauernfamilien mehr Tabak anzubauen, um letztendlich eine ergiebigere Ernte zu haben, die ein größeres Verkaufsvolumen für dennoch geringe Preise verspricht. Hier zeichnet sich der Einfluss von Zwischenhändlern auf die Tabak Commodity Chain deutlich ab. Die wenigen Tabakkonzerne verfügen auf den Auktionsmärkten über ein großes sowohl finanzielles als auch politisches Machtspektrum. Sie regulieren die Preise gegenüber den Kleinbauern und nehmen damit rücksichtslosen Einfluss auf deren Leben.

3.3.3.2. Das Vertragssystem In diesem Fall werden die Tabakbauern rechtlich an den Verkauf ihrer Ernte an Tabak verarbeitende oder handelnde Firmen gebunden. Diese vertraglichen Beziehungen werden als „integrierte Produktionssysteme“ bezeichnet. Die Tabakfirmen bieten den Feldarbeitern das Saatgut, Dünger und Pestizide und verpflichten sie zum Tabakanbau unter strengen Vorgaben bezüglich der Verarbeitung der Materialien

sowie

des

Produktionsumfangs,

der

Qualität

des

Tabaks

und

der

Produktionskosten (vgl. Vargas, M. A. 2001. S. 5 ff). Die Einhaltung der strikten Richtlinien wird regelmäßig durch seitens der Konzerne angestellten Inspekteuren kontrolliert. Sobald die Ernte, unabhängig von der Ursache, nicht geliefert werden kann, müssen die Bauern selber für die Entschädigung aufkommen, bzw. mit entsprechenden Sanktionen rechnen. Die Tabakkonzerne regulieren auch hier die Preise und drohen mit Strafen insofern die Kleinbauern versuchen ihre Ernte für einen besseren Preis an andere Abnehmer zu verkaufen (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 13). Den Konzernen kommen die Verträge dem entgegen nur zugute. Die Verträge befreien die Firmen

von

der Landeigentümerschaft, was

auch

gleichzeitig

die

Befreiung

von

Verwaltungskosten für die Felder bedeutet. Die Kleinbauern sind keine festen Angestellten, was die Konzerne in die Position versetzt sich von arbeitsrelevanten Problemen und Streitigkeiten fernhalten zu können. Obwohl sich die Unternehmen über das Vertragssystem von den eigentlichen Produktionsprozessen entfernen, obliegt ihnen die Kontrolle über den Anbau. Diese erhalten sie über die Steuerung von Kreditvergaben und sämtlichen Inputs, die in die Produktion einfließen sowie über das Aufrechterhalten der Entwicklung und Vermarktung der Produkte. 27

Selbst wenn die Preise vertraglich geregelt sind, sind die Konzerne in der Lage diese zu bestimmen. Das beruht auf der oftmaligen Monopol Position, wie es auch bei Souza Cruz der Fall ist; die Tabakarbeiter befinden sich entsprechend durch kaum vorhandene Absatzalternativen in einer denkbar schlechten Verhandlungsposition. Durch das Einbeziehen von Subunternehmen und Vertragsabschlüsse mit Kleinbauern gelangen die Vertragsunternehmen in ein gutes Licht hinsichtlich der Vertretung nationalökonomischer Interessen. Hier entsteht der Schein, dass eben lokale Landwirte in die nationale Wirtschaft integriert werden und diese gestärkt wird um somit Distanz zu extern induziertem Wirtschaftswachstum zu gewinnen (vgl. Lecours, N. 2011. S. 25).

3.3.3.3. Auswirkungen auf die Kleinbauern Durch beide Verfahren kristallisiert sich heraus, welchen Einfluss die Rohtabakabnehmer auf das Produktionsnetzwerk der Tabakindustrie ausüben. Besonders im Rahmen dieser Fertigungsstufe der Produktion finden sich enorme sozioökonomische Disparitäten wieder. Der geerntete Rohtabak wird den Bauern über zwei verschiedene Wege abgenommen. Beide Wege resultieren jedoch in den gleichen Auswirkungen hinsichtlich der Plantagenarbeiterfamilien. Durch die Preisregulierung der Tabakkonzerne über das Vertragssystem oder über Zwischenhändler auf den Auktionsmärkten, die sich nach einer willkürlichen Qualitätsprüfung der Käufer richten (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 14), werden die Tabakbauern zu höheren Produktionsraten gedrängt, um ein höchstmögliches Einkommen zur Sicherung der Lebensgrundlage zu erreichen. Dadurch wird ihnen ein enormes Maß an Arbeitsintensivität abverlangt, was darin mündet, dass sich die gesamte Familie an der Feldarbeit beteiligen muss. Frauen leiden dabei an einer doppelten Belastung. Entsprechend einer gender-basierten Arbeitsteilung müssen sie sich neben den Tätigkeiten auf den Plantagen auch um die Versorgung des Haushalts kümmern (vgl. Lecours, N. 2011. S. 21). Ein weiterer Effekt der Preisschlinge der Tabakkonzerne ist die Kinderarbeit. Durch das hohe Maß an Arbeitskraft, das auf den Plantagen aufgebracht werden muss, sind vor allem in den Entwicklungsländern Kinder dazu gezwungen, bei dem Tabakanbau zu helfen. Oftmals können sie Bildungsmöglichkeiten nicht nachgehen, da sie den Unterricht für die Feldarbeit verlassen müssen. Die Umstände der häufigen Armut unter den Kleinbauernfamilien und der entstehende Bildungsmangel der Kinder bindet sie an den Tabakanbau und verwehrt ihnen eine Entwicklung orientiert an individuellen Interessen (International Labor Rights Forum. 2012).

28

Abbildung   7:   Übersicht   der   Beschäftigtenrate   und   Kinderarbeit   im   Tabakanbau   Brasiliens   sowie   Einsparungen  durch  Kinderarbeit  nach  Otañez,  M.  &  Glantz,  S.  A.  2011.  S.  19.   Die Abbildung 5 zeigt eine erschütternde Statistik über die Beschäftigungsverhältnisse in der Rohtabakproduktion Brasiliens. Die Autoren beziehen sich bei dieser Darstellung auf Daten aus den Jahren 2006 bezüglich der Gesamtzahl der Beschäftigten und 1999 bezüglich der Rate der Kinderarbeit in Brasilien. Eine zusätzliche negative Folge, die aus dieser Stufe der Tabakproduktion hervorgeht ist die Verschuldung der Arbeiter. Vor allem durch das Vertragssystem verschulden sich die Bauern gegenüber den Tabak-verarbeitenden und mit Tabak handelnden Firmen. Oft können die Landarbeiter die Arbeitsmaterialen wie Düngemittel, Gießkannen usw., die ihnen von den Firmen bereitgestellt werden durch die geringen und inkonstanten Tabakpreise nicht bezahlen. Dadurch werden sie in Arbeitsverhältnisse getrieben, die moderner Knechtschaft oder Sklaverei gleichen. Diese Missverhältnisse entstehen entweder zwischen landlosen Bauern und Landeigentümern oder zwischen Bauern und Tabakunternehmen. Auf Brasilien trifft die letztere Variante zu (vgl. Otañez, M. 2008. S. 7 ff).

3.3.4. Tabakanbau Der Tabakanbau beginnt mit dem Säen der Tabaksaat, bzw. der Anpflanzung des Tabaks und umfasst weiterführende Arbeitsschritte wie z.B. das Düngen, Ernten und Trocknen der Pflanzen bevor sie auf den Markt gebracht werden können. In Brasilien, wie auch in der Mehrzahl der tabakanbauenden Länder der Welt, erfolgt der Tabakanbau vordergründig durch Kleinbauernfamilien, die darauf ihren Lebensunterhalt stützen.

3.3.4.1. Säen und Pflanzen Das Säen und das Anpflanzen des Tabaks sind mühsame Aufgaben. Die Plantagenarbeiter sind dazu meist nicht mit dem nötigen Werkzeug und der nötigen Technologie ausgestattet (vgl. Lecours, N. 2011. S. 21). Vor allem das Saatgut bedarf eines sorgsamen Umgangs. Bevor die Saat ausgetragen werden kann, müssen die Anbaubeete gepflügt werden und mit Gasen oder Asche sterilisiert werden um unerwünschte und hinderliche Lebensformen wie Insekten oder andere Pflanzen zu beseitigen. Sobald das geschehen ist, kann die feine Saat verteilt werden. Zum Schutz 29

der Samen vor Schädlingen werden die Beete mit Heu oder Stoffen bedeckt. Sobald die Pflanzen etwa 30 bis 40 cm in die Höhe ragen, werden sie Stück für Stück in ein Meter Abständen bei einer Anbaurate von etwa 25.000 Setzlingen pro Hektar auf die Anbaufelder umgesetzt. Die Pflanzenspitzen werden über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen regelmäßig gekürzt, um den bei der Ernte die nötige Reife zu sichern und den höchstmöglichen Nikotingehalt aus den Tabakblättern entnehmen zu können (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 5). Sobald der Tabak geerntet wurde, werden die zusammengebundenen Blätter zum Trocknen in dafür speziell gebauten Scheunen aufgehängt. Das Trocknen, bzw. das „Curing“ des Tabaks kann über vier verschiedene Verfahren erfolgen: Flue-Curing: Hierbei handelt es sich um das Trocknen durch Heißluft, die in den Scheunen durch

Heizvorrichtungen

Tabakproduktion

werden

erzeugt über

wird.

diese

Etwa Methode

40%

der

getrocknet,

weltweiten die

fast

ausschließlich für Zigarettentabak genutzt wird. Fire-Curing:

In diesem Fall wird der Tabak über offenem Feuer in den Scheunen getrocknet, wodurch ihm ein rauchiges Aroma verliehen wird. Dieses Verfahren wird auf 20 % des global produzierten Rohtabaks angewendet.

Air-Curing:

Das Verfahren der Lufttrocknung beansprucht keine weitere Hitzezufuhr. Der Tabak wird lediglich durch Luft getrocknet. Diese Methode wird auf 11% der weltweiten Produktion angewendet (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 8).

Sun-Curing

Das Sonnentrocknen nimmt eine Dauer von etwa einem Monat in Anspruch. Der Tabak wird unter freiem Himmel aufgehängt und getrocknet (vgl. BAT. 2011). Dieses Verfahren trifft hauptsächlich auf Orient-Tabake zu, die einen Anteil von 16% an der weltweiten Produktion ausmachen (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 8).

3.3.4.2. Gesundheitliche Schäden Jeder Arbeitsschritt der Rohtabakproduktion wird per Hand getätigt, was ein weiteres Indiz für die enorm hohe Arbeitsintensivität auf den Plantagen ist. Die Preise für den Rohtabak werden gering gehalten, so dass nicht die Möglichkeit besteht gegebenenfalls Zeitarbeiter für die Saison einzustellen. Dadurch gibt es oft keine andere Option, als die gesamte Familie in den Tabakanbau einzubinden. Auch die Kinder sind dann dazu gezwungen auf den Feldern zu arbeiten um zur Lebensgrundlage der Familie beizutragen. Dabei kann der Tabakanbau starke gesundheitliche Auswirkungen auf die Arbeiter und vor allem die Kinder, die auf den Plantagen helfen, nehmen. 30

Für die Anpflanzung des Tabaks und für den Schutz der späteren Ernte vor Schädlingen werden verschiedene Chemikalien in Form von Düngemitteln und Pestiziden eingesetzt. Der Kontakt mit diesen Stoffen aber auch mit den Giftstoffen, die die Tabakpflanze enthält kann starke gesundheitliche Schäden mit sich bringen. Vier verschiedene Krankheitsbilder werden mit dem Tabakanbau in Verbindung gebracht: Green Tobacco Sickness, Belastung durch Agrochemikalien, Atmungsprobleme und weitere Probleme wie Haut-, Knochen- oder Muskelverletzungen (vgl. Lecours, N. 2011. S. 5). Die Green Tobacco Sickness ist dabei speziell mit der Tabak Kultivierung verbunden. Ursachen für die Krankheit sind z.B. das dermatologische Aufnehmen des im Tabak enthaltenen Giftstoffs Nikotin über feuchte Tabakblätter. Symptome der Krankheit sind Übelkeit, Erbrechen, Schwächeanfälle, Kopfschmerzen, Krämpfe, Atemprobleme sowie Unregelmäßigkeiten des Blutdrucks und Puls (vgl. Campaign for Tobacco Free Kids. 2001. S. 24).

4. Auswertung und Ausblick Die Strukturen der Tabakindustrie wirken sich verheerend auf die Lebensgestaltung der Kleinbauernfamilien aus. Neben den oftmals auftretenden gesundheitlichen Schäden sind die Arbeiter auch finanziellen Schäden ausgesetzt, während die Tabakkonzerne hohe Profitraten erhalten. Die folgende Auswertung soll die ungleiche Machtverteilung der Tabak Commodity Chain offenlegen

und

dabei

die

Verknüpfungen

der

lokalen,

regionalen

und

globalen

Produktionsprozesse aufzeigen. Weiterhin soll erneut das Konzept der Global Commodity Chains herangezogen werden. Nachdem die Problemfelder der Tabakindustrie aufgedeckt wurden, liegt es nun daran darauf einzugehen, inwiefern dieser Ansatz die Analyse begünstigt hat, wo eventuelle Lücken bestehen und ob sich das Konzept dazu eignet, Entwicklungspotenziale in global vernetzten Produktionsprozessen zu identifizieren und zu fördern. Die Tabak Commodity Chain gestaltet sich als ein vielschichtiges Netzwerk, in dem sich über weitreichende Handelsbewegungen viele Problemzonen über verschiedene Ebenen herauskristallisieren. Das Global Commodity Chain Konzept bot im Rahmen der Untersuchung Einblicke in die Auswirkungen externer Steuerungsstrukturen auf lokale Produzenten (vgl. Vargas. M. A. 2001. S. 5). Dazu hat vor allem die Identifizierung der Tabakindustrie als buyer-driven Commodity

Chain

beigetragen.

Die

Kernunternehmen

in

solch

organisierten

Produktionsnetzwerken sind eher als Vermarkter anstelle von Produzenten zu identifizieren. 31

Die Spezialisierung dieser Firmen liegt auf der Entwicklung und dem Design der Produkte, anhand dessen sie die hauseigenen Marken gegenüber ihren Zielgruppen extensiv anwerben (vgl. Hassler, M. 2009. S. 205). Diese Struktur lässt sich repräsentativ auf die Tabakindustrie übertragen. Am Beispiel des Unternehmens British American Tobacco ließ sich erkennen, dass sich auch Tabakunternehmen stark auf Werbestrategien stützen. Ihre Herstellungsrohstoffe beziehen sie dabei meist aus anderen Teilen der Welt. Diese räumliche

Trennung

von

Produktionsvorgängen

und

Entwicklung

und

Design

ist

charakteristisch für buyer-driven Commodity Chains (vgl. Hassler, M. 2009. S. 205). Die Lokalisierung der Rohtabakproduktion ist auf die wachsende Globalisierung innerhalb der letzten 50 Jahre zurückzuführen. Mit der internationalen Liberalisierung von Märkten ging eine schnell verlaufende ökonomische Transformation einher, durch welche Staaten keine verschlossenen Einheiten mehr sind, die über die absolute Kontrolle ihrer Wirtschaftszweige besitzen (vgl. Yach, D. & Bettcher, D. 2000. S. 206). Der Zugang zu den Märkten von Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen lieferte den Tabakkonzernen günstige Produktionswege, die zusätzlich eine eigene Profitmaximierung mit sich brachte. Die

Tabakunternehmen,

als

Abnehmer

von

Rohtabak,

steuern

dahingehend

die

Produktionsprozesse und Handelsströme ihrer Branche. Die Machtausübung erfolgt auf unterschiedliche Weise. Entweder wird z.B. der Tabak über Zwischenhändler bezogen oder Kleinbauern werden unmittelbar vertraglich zum Verkauf der Ernte an das jeweilige Unternehmen verpflichtet, wie es für das Fallbeispiel Brasilien zutreffend ist. Die Folgen der Vertragsbeziehungen auf Seiten der Bauern sind schwerwiegend. So leiten z.B. willkürliche Preisregulierungen die Kleinbauern in sozio-ökonomische Missstände in Form

von

Kinderarbeit,

Armut

und

gesundheitlichen

Schäden.

Wie

sich

die

Produktionsprozesse untereinander verknüpfen, so verknüpfen sich auch die damit einhergehenden Probleme miteinander.

4.1. Reaktionen auf die Tabakindustrie Aus

dem

institutionellen

Rahmen

der

Industrie

sind

bereits

mehrere

Initiativen

hervorgegangen, die sich gegen Korruption und Ausbeutung durch den Tabakanbau stellen. So z.B. die World Health Organisation (WHO), die mit Unterorganisationen wie der Framework Convention on Tobacco Control (FCTC) oder der Tobacco Free Initiative (TFI) Aufklärungsarbeit zur Tabakindustrie leistet. Die Tätigkeiten solcher Organisationen spannen ein weites Feld an Interessengegensätzen zwischen eben dieser Tobacco-ControlOrganisationen und den Tabakunternehmen auf, da letztere auf die Weiterführung ihrer Tätigkeiten bestehen. Ein nennenswerter Fortschritt, der die Machenschaften der Tabakkonzerne eingrenzt, sind diverse Werbeverbote für Verkaufsprodukte (vgl. Yach, D. & Bettcher, D. 2000. S. 206). 32

Diese gestalten sich in verschiedenen Ländern jedoch unterschiedlich. Weitere Schritte, die zu einer Reduzierung des globalen Tabakkonsums helfen sollen sind z.B. die Nachfrageorientierten Forderungen nach Steuererhöhungen, gesundheitlichen Warnungen und rauchfreien Räumen sowie auch Angebots-orientierte Forderungen wie der finanziellen Unterstützung zum Anbau von ökonomisch praktikablen Tabakalternativen und dem Schutz von Menschen, die im Tabaksektor tätig sind (vgl. Lecours, N. 2011. S. 1). In Brasilien bestehen bereits Programme der staatlichen Förderung zum Ausstieg aus dem Tabakanbau über das nationale Programm zur Diversifizierung in Tabakanbaugebieten (Programa Nacional de Diversificação em Áreas Cultivadas com Tabaco). Dieses Projekt orientiert sich an diesen fünf Grundsätzen: „Nachhaltige Entwicklung von einkommensschaffenden Alternativen zum Tabakanbau für mehr Umweltverträglichkeit, eine höhere Lebensqualität für die Familien und einen Übergang zu ökologischen Landwirtschaftsmethoden. Ernährungssicherheit für die Tabak anbauenden Kleinbetriebe durch eine diversifizierte Produktion, die Zugang zu hochwertiger Nahrung auf den Höfen und ausreichend Ertrag für Konsum und Verkauf bieten soll. Diversifizierung der Produktion zur Lösung von sozio-ökonomischen Schwierigkeiten und Umweltproblemen durch die Einbindung in bestehende Programme. Partizipation der familiären Kleinbetriebe durch die Bestimmung der alternativen Aktivitäten, die sie mit Hilfe des Diversifizierungsprogramms durchführen wollen. Partnerschaft

mit

staatlichen

und

nichtstaatlichen

Organisationen,

Universitäten,

Beratungsinstituten und Forschungsstellen auf nationaler, regionaler und kommunaler Ebene zur Verbreiterung des gesamten Prozesses“ (Unfairtobacco.org. 2012). Alternativenförderungen zum Ausstieg aus dem Tabakanbau auf lokaler Ebene bestehen also in engagierter Manier. Dennoch sind die Kleinbauernfamilien weiterhin den multinationalen Konzernen ausgesetzt, da die Lobby auf Seiten der Tabakindustrie deutlich zu groß ist und die Abhängigkeit der Bauern von Konzernen und Handelsunternehmen weiterhin besteht. Weiterhin leben ca. 80% der Raucher weltweit in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Pro-Kopf-Einkommen (vgl. WHO. 2012). Ein Ausstieg aus der Tabakproduktion würde sich dahingehend nur über eine Dauer von vielen Jahrzehnten realisieren lassen.

4.2. Fazit: Die Anwendbarkeit des Global Commodity Chain Konzepts Die

dreidimensionale

Konzeption

Gereffis

hilft,

die

jeweiligen

Akteursbeziehungen

miteinander zu verknüpfen, denn im Fall des brasilianischen Tabakanbaus spielen vor allem Exporteure und Zwischenhändler als Käufer von Rohtabak eine zentrale Rolle. Über diese Handelsunternehmen werden einerseits die Preise für den Rohtabak bestimmt und 33

andererseits die Rohstofflieferungen für die Herstellung von Tabakwaren auf nationaler und internationaler Ebene getätigt. Die Tabakhändler stellen folglich eine Art Bindeglied der einzelnen Fertigungsstufen dar, während sie durch ihre Kaufkraft über eine entsprechende Machtausstattung gegenüber den Kleinbauern verfügen und die Tabakproduktion damit steuern. Eine Reaktion auf die Machenschaften der Tabakkonzerne kann über eine vierte Dimension in Gereffis Konzept, dem institutionellen Rahmen, hergeleitet werden. Diesen bilden die politischen

und

sozio-ökonomischen

Bestimmungen,

in

die

die

Vorgänge

der

Tabakproduktion auf nationaler und internationaler Ebene eingebettet sind (vgl. Hassler, M. 2009. S. 203). Der institutionelle Rahmen beinhaltet also das Agieren auf die Problemfelder der Tabakindustrie durch staatliche aber auch nichtstaatliche Akteure. Wie bereits in Kapitel 2 angedeutet, stellt sich heraus, dass eine strikte Abgrenzung von producer- und buyer-driven Commodity Chains in Bezug auf die Anwendung des Konzepts nicht repräsentativ. Im Fall der Tabakindustrie finden sich Eigenschaften beider Wege wieder. So ist die Tabakindustrie ein horizontales Produktionsnetzwerk, was von Handelsund Kaufunternehmen gesteuert wird. Gleichzeitig finden sich aber auch Charakteristika der producer-driven Commodity Chains wieder, in dem sich die Produktionsnetzwerke als Oligopol gestalten und die Herstellungsprozesse auf eine Massenproduktion ausgerichtet sind. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass durch die verschiedenen Ansätze zu der Commodity

Chain

Theorie

eine

hilfreiche

Basis

für

die

Analyse

globaler

Produktionsnetzwerke geschaffen wurde. Sie ermöglichen vielschichtige Analysen von entwicklungspolitischen Problemfeldern und ermöglichen somit den Zugang zur Erarbeitung entsprechender Verbesserungsmöglichkeiten, die eine sozial-ökonomisch gerechte sowie nachhaltige Entwicklung auf globaler Ebene gewährleisten.

34

5. Literaturverzeichnis: Campaign for Tobacco Free Kids (2001):

Golden Leaf Barren Harvest. The Costs Of

Tobacco Farming. 40 S. Coe et al. (2008):

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Encyclopaedia of Human Geography. Volume 1. Oxford: Elsevier, S. 202-208. Gereffi et al. (1994): Commodity Chains and Global Capitalism. Praeger. 334 S. Goodman, J. (1998): Webs of Drug Dependence: Towards a Political History of Tobacco. In: Ashes to Ashes.The History of Smoking and Health. Rodopi. Amsterdam. 244 S. Kessler, M. et al. (2000): Menzel, U. (1991):

Starker Tobak. Museum der Kulturen Basel. 122 S.

Das Ende der „Dritten Welt” und das Scheitern der großen Theorie. Zur

Soziologie einer Disziplin in auch selbstkritischer Absicht. In: Politische Vierteljahresschrift, 32. Jg. Heft 1, Westdeutscher Verlag. S. 4-33. Otañez, M. & Glantz, S. A. (2011): Social Responsibility in Tobacco Production? Tobacco Companies Use of Green Supply Chains to Obscure the Real Costs of Tobacco Farming. In: Tobacco Control 2011. Volume 20. Issue 6. S. 403 – 411. Porter, M. (1990):

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Porter, M. (1998):

Competitive

Advantage.

Creating

And

Sustaining

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Performance. With A New Introduction. Free Press. New York. 855 S. Vargas, M. A. (2001): Forms

of

Governance,

Learning

Mechanisms

and

Upgrading

Strategies in the Tobacco Cluster of Rio Pardo Valley – Brazil. IDS Working Paper 125. Institute of Development Studies. 28 S. Yach, D. & Bettcher, D. (2000): Globalisation of tobacco industry influence and new global responses. In: Tobacco Control 2000. Issue 9. S. 206 – 216

35

6. Internetquellen Afreaka (2012): http://www.afreaka.de/malawi-sambia/mal-sam-foto/tabac1.jpg British American Tobacco (2012): Duden (2012):

www.bat.com, www.bat.de, www.souzacruz.com.br

http://www.duden.de (Abbildung der Tabakpflanze)

Food and Agriculture Organization of the United Nations (2012): www.faostat.fao.org International Labor Rights Forum (2012): Unfairtobacco.org (2012):

http://www.laborrights.org

http://www.unfairtobacco.org

Verruga na Gordura (2012): http://www.verruganagordura.com World Health Organization (2012): http://www.who.int, Factsheet No. 339.

36

Eidesstattliche Erklärung zur Bachelorarbeit Name: __________________

Vorname: __________________

Ich versichere, die Bachelorarbeit selbstständig und lediglich unter Benutzung der angegebenen Quellen und Hilfsmittel verfasst zu haben. Ich erkläre weiterhin, dass die vorliegende Arbeit noch nicht im Rahmen eines anderen Prüfungsverfahrens eingereicht wurde. Berlin, den________________________________________________________

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