2016_Theune Unsichtbarkeiten

June 4, 2017 | Author: Claudia Theune | Category: Holocaust Studies, Archaeology of the Contemporary Past, History of former Mauthausen-Gusen concentration camp complex
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Description

DANIELA ALLMEIER, lNGE MANKA, PETER MöRTENBÖCK,

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Erinnerungsorte in Bewegung Zur Neugestaltung des Gedenkans an Orten nationalsozialistischer Verbrechen

[ transcript]

Wir danken dem mauthausen memorialjBundesministerium für Inneres, Ab lung IV/7 für die Projektzusammenarbeit und die Unterstützung der Vortra reihe >>Erinnerungsorte in Bewegung« im Winterhalbjahr 2013/14 an TU Wien. ~-i

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171. ~::;''·?:c KZ- Gedenkstätte Mauthausen

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Drucklegung mit freundlicher Unterstützung von:

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KULTUR-.

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OBERÖSTERREICH

Zukunftsfonds der Repub lik Österreich

DEKANAT DER FAKULTÄT FÜR ARCHITEKTUR UND RAUMPLANUNG UND REKTORAT DER TECHNISCHEN UNIVERSITÄT WIEN

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Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier mit chlorfrei gebleichtem Zellsto Besuchen Sie uns im Internet: http:jjwww.transcript-verlag.de Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis und andere Broschüren an unt info@ transcript-verlag.de

Inhalt

Daniela Al/meier, lnge Manko, Peter Mörtenböck, Rudolf Scheuvens Erinnerungsorte in Bewegung

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VERBINDUNGEN

lrit Ragoff Eine kurze Geschichte über Infrastruktur

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Bertrand Perz »Selbst die Sonne schien damals ganz anders ... « Der Stellenwert der Überreste des Lagers für die Gestaltung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen im historischen Rückblick

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A.W. Faust Schwierige Orte Erinnerungslandschaften von sinai

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Nora Sternfeld Errungene Erinnerungen Gedenkstätten als Kontaktzonen

77 ZUGÄNGE

Jörg Skriebeleit Relikte, Sinnstiftungen und memoriale Blueprints

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Ulrich Schwarz Der Zugang zur Erkenntnis über den Raum Versuche abstrakter Veranschaulichung von inhaltlich-räumlichen Beziehungen

127

Christion Dürr Von Mauthausen nach Gusen und zurück Verlassene Konzentrationslager- Gedenkstätten- traumatische Orte

145

Struber_ Gruber Ein Weg, den Toten ihre Namen zu geben Entwurf für eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die aus Österreich deportierten und in Maly Trostinec ermordeten Menschen

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(U N-)51 CHTBARKEITEN Brigitta Busch Oberschreibungen und Einschreibungen Die Gedenkstätte als Palimpsest

1

Cloudia Theune Unsichtbarkeiten Aufgedeckte Spuren und Relikte. Archäologie im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen

1

Eiko Grimberg!Ciemens von Wedemeyer Rückblick auf einen Drehort

2 GRENZEN

Suzana Milevska Gedächtnisverlust, Trauma und das Erhabene Die unsichtbaren Grenzbereiche des Rassismus in der visuellen Kultur

2

Das Kollektiv Vorrede zu Vierzig Morgen, gehalten im Frühjahr 2014 im Hörsaal6, TU Wien

2

Cornelia Siebeck »The universal is an empty place« Nachdenken über die (Un-)Möglichkeit demokratischer KZ-Gedenkstätten

2

BEWEGUNGEN Brigitte Halbmayr »Bewusstseinsregion Mauthausen- Gusen- St. Georgen« - memory goes regional

3

Dmitry Vilensky Die Geschichte des Paper Soldiervon Chto Delat

3

Wolfgang Schmutz Wo die Republik beginnt und endet Zum erinnerungspolitischen Rahmen für Vermittlung und Gestaltung an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

3

Autorl -innen

3

Index

3

Claudia Theune

Unsichtbarkeiten Aufgedeckte Spuren und Relikte. Archäologie im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen

An Standorten ehemaliger Konzentrationslager, die heute als Gedenkstätten dienen, steht in der Regel noch eine gewisse Anzahl von Gebäuden und Einrichtungen, die gezielt bewahrt wurden, um an diesen historischen Plätzen Originale zu erhalten und sie als Dokument des nationalsozialistischen Terrors sichtbar zu präsentieren. Die Lager waren aber weitaus größer und viel dichter bebaut, als es heute den Anschein hat. Zum Lagerkomplex Mauthausen gehörten bei Kriegsende knapp 100 Gebäude. Schon während der Betriebszeit durch die SS gab es zahlreiche Veränderungen im Baubestand, meist Erweiterungen, um immer mehr Häftlinge in Baracken oder gegen Kriegsende in Zelten unterzubringen. Bei Kriegsende versuchten die Nationalsozialisten durch Entfernung von Tötungsanlagen ihre Gewaltverbrechen zu vertuschen. Nach dem Krieg sind aus unterschiedlichen Gründen diverse Abtragungen vorgenommen worden. In Mauthausen beispielsweise brannten die amerikanischen Soldaten, die das Lager befreit hatten, aus Angst vor Seuchengefahr einige Baracken ab, die Zelte wurden abgebaut. Manche Baracke ist als noch intaktes Gebäude an einem neuen Ort einer neuen Verwendung zugeführt worden . Schließlich wurde im Zuge der Einrichtung der Gedenkstätte das Areal weiter reduziert und lediglich das Hauptlager bzw. Teile des Hauptlagers als Ort der Erinnerung bewahrt. Heute ist man sich bewusst, dass auch die nun unsichtbaren Teile der ehemaligen Konzentrationslager für das Erinnern, für die Geschichte der Lager und der nationalsozialistischen Gewaltstrukturen von wesentlicher Bedeutung sind. Durch archäologische Methoden können diese verdeckten Spuren wieder sichtbar gemacht werden . Sowohl die aufgedeckten baulichen Überreste als auch die zahlreichen ausgegrabenen Funde aus der Lagerzeit geben einen tiefen

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Einblick in die Strukturen der Lager. So können durch die Materialitä der Objekte Zusammenhänge oft einprägsamer (und haptischer) vermit telt werden als durch eine Beschreibung oder ein Bild. Zudem werfen die nachkriegszeitliehen Veränderungen ein Licht auf den Umgang mit den nationalsozialistischen Relikten durch die Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Mauthausen stehen im Hauptlager noch ganz unterschied liche Bauwerke. Um den Appellplatz gruppieren sich auf der einen Seite drei Häftlingsbaracken, auf der anderen Seite befinden sich die steiner nen Funktionsgebäude, also das Arrestgebäude, das Krankenrevier, die Wäscherei und die Küche. Außerdem sind noch die Ummauerung bzw Umzäunung des Hauptlagers, Wachtürme sowie die Kommandantur und der Garagenhof erhalten. Die drei Funktionsgebäude sind zwar im Ver lauf der letzten 70 Jahre nach Kriegsende mehrfach verändert und auch restauriert worden, sie sind aber in ihrer Grundstruktur unverändert Das Gleiche gilt für die Kommandantur, das Ensemble des Garagenhofe und die Ummauerung bzw. Umzäunung. Jedoch gab es bei Weitem nicht nur drei Häftlingsbaracken im Haupt lager bzw. in den Erweiterungen innerhalb der noch stehenden Lagermau ern, sondern rund 25 Baracken, in denen Zigtausende Häftlinge untergebracht waren. Und es stand noch eine Vielzahl von Gebäuden der SS im näheren Umfeld. Vor dem Haupttor etwa, wo sich heute der Denkmalpark befindet, waren ursprünglich die Gebäude der SS-Verwaltung, das Lazarett und auch die Effektenkammer positioniert. Südwestlich des Lagers wo nun das Besucherf-innenzentrum situiert ist, waren Werkstätten ebenso im Norden und im Nordosten des Lagers. Hinzu kommen etliche Erweiterungen, bei denen weitere Häftlingsbaracken gebaut wurden, etwa in Lager 3 südöstlich des Hauptlagers oder auch im nordwestlich gelegenen Sanitätslager, in dem zunächst sowjetische Kriegsgefangene unterge bracht waren. Im Frühjahr 1943 wurden dorthin kranke Häftlinge verleg und es wurde fortan als Sanitätslager bezeichnet. Zu den Häftlingsunterkünften mit ganz katastrophalen Verhältnissen zählte das Zeltlager im Norden. Auf diesen Arealen sind alle Gebäude abgetragen worden, heute prägen landwirtschaftliche Flächen, Felder oder Wiesen das Bild dieses Orts. Auch der Steinbruch, jener Ort, an dem die Häftlinge zu schwerster Zwangsarbeit genötigt wurden, 1 ist stark verändert: Der Boden wurde für 1

Vgl. dazu allgemein Freund, Florian/Perz, Bertrand: »Mauthausen - Stammla ger«, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.) , Der Ort des Terrors. Geschichte de

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ein Konzert im Jahr 2000 eingeebnet. Während des KZ-Betriebs waren hier etliche Gebäude vorhanden, darunter auch massiv ausgeführte sowie diverse Betriebsmittel, wie z.B. Feldbahnen. Einige wenige Bauteile sind zwischen den Bäumen und im Unterholz als Ruinen erhalten; vieles ist auch dort abgetragen worden. Weitere Beispiele ließen sich ergänzen. Trotz der vielen Veränderungen ist der Erhaltungszustand in Mauthausen verglichen mit anderen Standorten ehemaliger Konzentrationslager oder anderer Internierungslager in Europa, an denen mehr oder weniger alle Gebäude abgetragen wurden, recht gut. Dies liegt sicherlich auch an der Lage des Konzentrationslagers abseits der Ortschaft Mauthausen und an der frühen Entscheidung, hier eine Gedenkstätte einzurichten. An anderen Orten, etwa im benachbarten Gusen, ist viel weniger erhalten, dort wurde das Konzentrationslager fast vollständig abgetragen und auf dem Gelände wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Wohnhäuser errichtet. Eine Betrachtung der sichtbaren und unsichtbaren Überreste muss auch die Spuren und Relikte einbeziehen, die sich innerhalb der Gebäude befunden haben, z.B. die Tötungseinrichtungen, wie die Erschießungsanlagen, die technischen Installationen der Gaskammer, die Krankenrevierausstattung, die einfachen Stockbetten in den Häftlingsbaracken - all dies ist ebenfalls nicht mehr vorhanden. Lediglich fest installierte, große runde Waschbecken wurden nicht abmontiert. Die Veränderung bzw. die Entfernung des ehemals Vorhandenen und des ehemals Sichtbaren ging in der Nachkriegszeit so weit, dass auch die Wände der Innenräume übertüncht wurden und somit der optische Eindruck der nationalsozialistischen Funktionszeit als Konzentrationslager völlig verändert wurde. Aus dem Beschriebenen geht hervor, dass diese Umgestaltungen, dass dieses Abtragen des ehemals Sichtbaren ein bewusster Vorgang gewesen ist. Das Areal des Konzentrationslagers Mauthausen wurde schon 1947 an die Republik Österreich, mit der Auflage, dort eine Gedenkstätte zu errichten, zurückgegeben. Die maßgeblich an der Konzeption beteiligten Opferverbände bzw. das Mauthausen-Komitee stellten den Appellplatz als zentralen Platz in das Zentrum der Gedenkstätte, ein Bereich mit hoher symbolischer Geltung für die Leiden der Häftlinge und den Terror der Nationalsozialisten. Um das Gedenken an die Opfer zu betonen, wurde auf dem Appellplatz nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück, München 2006, S. 293-346.

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ein Sarkophag mit der lateinischen Inschrift »Mortuorum sorte discan viventes>Archaeological research in forme concentration camps>Archäologische Relikte und Spuren von Tätern un Opfern im ehemaligen Konzentrationslager MauthausenZeitschichten. Archäologische Unter suchungen in der Gedenkstätte MauthausenBauarchäologie in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen> Mauthausen - Stammlager Bauarchäologie in der KZ-Gedenkstätte MauthausenArchaeological research in former concentration campsArchäologische Relikte und Spuren von Tätern und Opfern im ehemaligen Konzentrationslager MauthausenZeitschichten. Archäologische Untersuchungen in der Gedenkstätte Mauthausen


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