2014: Kollaboratives Forschen als Methode in der Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft im Handlungsfeld Flucht und Migration. In: Labor Migration (Hg.): Vom Rand ins Zentrum. Perspektiven einer kritischen Migrationsforschung. Berlin. S. 111-130

July 21, 2017 | Author: Elena Fontanari | Category: Ethnography, Border Studies, Asylum seekers, Collaborative Action Research Methodologies
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»Kollaboratives Forschen« als Methode in der Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft im Handlungsfeld Flucht und Migration Elena Fontanari, Johanna Karpenstein, Nina Violetta Schwarz und Stephen Sulimma

Unter »kollaborativem« Forschen verstehen wir eine Wissensproduktion, die ein in alltäglicher Praxis vorhandenes Wissen zum Ausgangspunkt nimmt und ihre eigene Verankerung in der (politischen) Praxis anstrebt. In diesem Text möchten wir skizzieren, was kollaboratives Forschen sein und wozu es uns im Kontext des Labors Migration – als einer Plattform für alternative Wissensproduktion und selbstreflexive Migrationsforschung  – dienen kann. Das Labor selbst begreifen wir als einen offenen Ort für Wissenschaftler_innen, Studierende sowie Interessierte aus anderen Arbeitsbereichen und somit als kollaborativen Ort, als »para-site«, wie der Kulturanthropologe George Marcus Orte nennt, in denen über akademische Begrenzungen hinweg kollaborativ Wissen produziert wird. Die Idee, als Migrationsforschende des Labors Migration mit Kulturschaffenden, Sozial- und Bildungsarbeitenden in Berlin in Kontakt zu treten, Kooperationen zu initiieren und gemeinsam zu ergründen, welche wechselseitigen Lerneffekte und politischen Interventionen entstehen könnten, war der Auftakt zu generelleren Überlegungen zur Zusammenarbeit von »Wissenschaft und Praxis«. Leitende Fragestellungen waren hierbei: Wie können wir als Migrationsforscher_innen unsere Expertise, unsere Ressourcen, aber auch unsere politischen Positionen nutzbar machen? Wie können wir dies in einen lokalen und praxisbezogenen Austausch bringen? Was bzw. welche Forschungen können Aktivist_innen und Praktiker_innen in der migrationsbezogenen Arbeit gegebenenfalls von uns Migrationsforschenden nutzen? Unsere Überlegungen erhalten eine inhaltliche Fokussierung, da wir – sowohl wissenschaftlich Tätige als auch Sozialarbeitende und Aktivist_innen in verschiedenen Initiativen unsere »praktische« Betätigung mit deren wissenschaftlicher Reflexion verknüpfen wollen, um dieses Vorgehen als Voraussetzung einer kritischen Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft zu formulieren. Im Rahmen unserer Arbeit in der Kontakt- und Beratungsstelle für

| Berliner Blätter | Heft 66 / 2014 | S. 111–129

Einleitung

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Flüchtlinge und Migrant_innen (KuB e.V.)1 in Berlin-Kreuzberg sind wir zum Teil mit der Beantragung und Umsetzung von Projekten, die vom EU-Flüchtlingsfond gefördert werden, und der kritischen Reflexion des unsere Tätigkeit regulierenden migrationspolitischen Förderinstrumentariums befasst; gleichzeitig beschäftigen wir uns mit antirassistischer Arbeit, etwa im Rahmen der Initiative KuB in Brandenburg (KiB) mit der Situation in verschiedenen Wohnheimen für Asylsuchende.2 Aus diesen Praxisformen ergeben sich neben den vorangestellten Überlegungen zum kollaborativen Forschen im Folgenden eine Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit einer kritischen Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft sowie zwei Untersuchungen, die kollaborative Ansätze aufgreifen: eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Forscherin und zugleich Aktivistin in einer Gruppe in Lagern in Brandenburg, die sich aus Lagerbewohner_innen und Aktivist_innen zusammensetzt, und ein aus der Beratungspraxis heraus initiiertes Forschungsprojekt über das Asylsystem in der Republik Zypern. Beiden Untersuchungen ist gemeinsam, dass sie von methodologischen Prämissen und forschungspraktischen Fragestellungen ausgehen, die denen kollaborativer Wissenschaft entsprechen. Die Reflexion beider Beispiele ermöglicht somit Rückschlüsse auf Möglichkeiten und Beschränkungen kollaborativen Vorgehens, von denen wir hoffen, sie für eine kritische Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft im Handlungsfeld Flucht und Migration fruchtbar machen zu können.

Kollaboratives Forschen und Aktionsforschung

Kollaboratives Forschen bezeichnet kein bereits festgeschriebenes methodisches Vorgehen, denn die Ausgestaltung der Kollaboration ist in hohem Maße von den jeweiligen Zusammenschlüssen abhängig. Kollaboratives Forschen meint zunächst eine praxisnahe Produktion von Wissen durch gleichberechtigte Beteiligte aus Forschung/Wissenschaft und Praxis/Aktivismus. Forschen etwa eine Flüchtlingsberatungsstelle oder – hinsichtlich ihrer öffentlich-politischen Position und Argumentation noch klarer verortet  – Antira-Aktivist_innen mit einer Gruppe Wissenschaftler_innen kollaborativ, sind einige Fragen absehbar, die im Kontext kollaborativen Forschens (kontrovers) zu diskutieren sind: – Von wem geht der Impuls aus? – Wer oder was wird »be- oder erforscht«? Und wer entscheidet darüber? – Wer ist Forscher_in? Wer nicht? (Warum?) Ist diese Unterscheidung relevant? – Wie verhält es sich mit Rassismus und Fragen der Repräsentation im Rahmen einer gemeinsamen Forschung? – Sind Grenzen zwischen Wissenschaft und Praxis zu ziehen? Und wenn ja, von wem und wo?

Mit welchem Ziel gilt es gemeinsam zu forschen, zu arbeiten? Um gemeinsam zu publizieren? Um gemeinsam zu demonstrieren? Um eine bestehende (Forschungs-)Praxis zu verändern? Um (wissenschaftliche) Konzepte gemeinsam zu hinterfragen? – Setzt kollaboratives Forschen Sympathie und/oder gemeinsame (politische) Haltungen voraus? – Kann kollaboratives Forschen aus der Praxis heraus Wissen in einer Weise produzieren, die im Hinblick auf Methode und Durchführung den Anforderungen entspricht, die an wissenschaftliche Arbeiten gestellt werden? Und setzt sich eine in diesem Kontext entstandene wissenschaftlich fundierte Analyse nicht der Gefahr aus, in der akademischen Diskussion keine Resonanz zu erfahren, da die notwendige kritische Distanz zum »Forschungsobjekt« nicht gegeben scheint? – Wie stellen bzw. ändern sich die obigen Fragen in Fällen von »Personalunion«, das heißt in Fällen, in denen Praktiker_innen über ihre eigene Arbeit forschen? Offenkundig stoßen wir mit solchen Fragen an Barrieren tradierter Formen von Wissenschaft und anerkannter Wissensproduktion. So steht der wissenschaftliche Grundsatz distanziert-objektiver Betrachtung oft im Gegensatz zur eigenen Beteiligung an (politischen) Initiativen des betrachteten Feldes. Wo Prozesse wissenschaftlich untersucht werden (sollen), an denen wir selbst beteiligt sind, wird also eine intensive und methodische Reflexion nötig. Des Weiteren stellt sich die Frage nach der Positioniertheit der Forschenden, wie sie nicht nur im Labor Migration rege diskutiert wird, mehrdimensional: Wie können Hierarchieverhältnisse in kollaborativen Zusammenhängen produktiv beleuchtet werden, ohne sie vordergründig zu harmonisieren – umso mehr, wenn Wissenschaft mit politischem Anspruch betrieben wird? Überlegungen zu praxisnaher, handlungsrelevanter, Hierarchien reflektierender und auf überkommene Objektivitätsansprüche verzichtender Wissensproduktion finden sich in diversen sozial- und/oder kulturwissenschaftlichen Ansätzen: Vor allem aus der Ethnografie und Sozialanthropologie bekannt und mittlerweile in den Geisteswissenschaften verbreitet sind Positionen zur Situiertheit einer jeden Wissensproduktion (vgl. Haraway 1995) und zur Involviertheit der Forscher_innen in das Forschungsfeld. Die kritische Tradition der Aktions- und Praxisforschung3 wurde in letzter Zeit für die Soziale Arbeit wiederentdeckt (vgl. Kessl/Maurer 2012, 53) und hat einerseits die Unabhängigkeit und andererseits den Expert_innenstatus der Forschenden deutlich problematisiert. »Forschung als egalitäre und solidarische Kooperation« (Fricke zit. n. ebd.), »Erkenntnis als dialogische Ko-Produktion«, als »soziales Produkt und Projekt« (Maurer zit. n. ebd.), auch und gerade angesichts asymmetrischer Positionen, Konflikte und Kontroversen, sind Kennzeichen dieses Selbstverständnisses, das eine alternative Forschungskultur zu

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etablieren versucht, die der vorherrschenden Forschungspraxis oft diametral entgegensteht. Eingreifen in die soziale Praxis mit herrschaftskritischem Anspruch

Ansätze der qualitativen Sozialforschung, jedoch vor allem der Ethnografie haben den erfahrungsbasierten Feldzugang über die Teilhabe der Forscher_innen an und ihr Wirken in dem zu erforschenden Feld ebenso etabliert wie die Reflexion der Forschungssituation als Machtverhältnis (vgl. Anhorn/Stehr 2012, 74). Ethnografie kann somit als gegenstandssensible, methodenplurale Forschungsstrategie begriffen werden, bei der die Auswahl der Methoden gemäß den Bedingungen und Gegebenheiten des Forschungsfeldes und nicht vorab bestimmt wird (vgl. Ott 2012, 167). Dies entspricht den Anforderungen an kollaboratives Forschen insofern, als davon auszugehen ist, dass einerseits Wissensproduktion aus einer solidarischen bzw. herrschaftskritischen Position heraus betrieben wird und andererseits die Methoden, Zugänge sowie Forschungsziele im Prozess und durch regelmäßigen Austausch angepasst werden müssen. Ein früher Ansatz zum kollaborativen Forschen, der von dem Sozialpsychologen Kurt Lewin geprägt wurde, entstand in der Aktionsforschung der 1940er Jahre in den USA. In Deutschland erlangte er dann in den 1960er Jahren im Kontext des Positivismusstreits und der entsprechenden Theorie- und Methodendebatten in den Erziehungswissenschaften, der Sozialen Arbeit und der Soziologie Bedeutung. Die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis sollte gemäß dem sozialemanzipatorischen Anspruch einiger ihrer Vertreter_innen praxisrelevante Lösungen für gesellschaftsrelevante Probleme hervorbringen. Dies umfasste die aktive Teilnahme der Forscher_innen an sozialen Prozessen sowie die Einbeziehung der Untersuchungsteilnehmer_innen in die Forschungstätigkeit. Aktionsforschung setzte sich zum Ziel, »mit Menschen in alltäglicher Praxis in gemeinsamen Arbeits- und Lernverhältnissen zu arbeiten und darüber zu kommunizieren, um in diesen gemeinsamen Arbeits-, Lernund Selbstreflexionsprozessen zum Abbau von Herrschaft beizutragen« (Haag 1972, 42). Aktionsforscher_innen bemühten sich nicht um eine Objektivität, die aus Distanz gewonnen wird, sondern versuchten, gleichberechtigt mit allen am Forschungsprozess Partizipierenden zu interagieren. Die Aushandlung der Ziele der Forschung, die gemeinsame Ausarbeitung der Ergebnisse der Untersuchung (Warneke 2006, 67) sowie eine Verschiebung von der »Subjekt-Objekt«Beziehung hin zu einer »Subjekt-Subjekt«-Beziehung (Moser 1975, 168) sind somit notwendige Voraussetzungen. Im Rahmen feministischer und aktionsforschungsinspirierter Forschung am Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung (tifs)4 entstanden methodische Leitlinien, um »Beforschte« als »Gegenüber« in der eigenen Forschungsarbeit zu erfassen. Zentral ist eine offene, interessierte und wertschätzende Haltung, die Schaffung eines geschützten Raumes zur Artikulation von

Kollaboratives Forschen als Instrument (kritischer) Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft im Handlungsfeld Flucht und Migration

Aus unserer Sicht besteht ein erheblicher Bedarf, für die Soziale Arbeit im Handlungsfeld Flucht und Migration ein Forschungsprogramm zu entwickeln, das den dargestellten Grundzügen des kollektiven Forschens entspricht. Zum einen, weil sich ihre professionelle Praxis alltäglich mit den Folgen einer immer stärker als Disziplinarmacht auftretenden Migrationspolitik konfrontiert sieht und sie als Profession der Verpflichtung unterliegt, über Ursachen und Wirkungen dieser Macht sowohl in Bezug auf ihre Adressat_innen als auch auf ihr professionelles Selbstverständnis nachzudenken. Zum anderen aber auch, weil dieses Nachdenken früh an Grenzen gerät, wenn es aus den gegenwärtig vorherrschenden Annahmen der Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft ein probates theoretisches Verständnis disziplinierender Migrationsregime oder sinnvolle Methoden zu deren Erforschung gewinnen will. Beide Aspekte verweisen nicht nur aufeinander, insofern praktische Betätigung und deren theoretisch-wissenschaftliche Reflexion in der Sozialen Arbeit ohnehin nur schwer zu trennen sind, sie verweisen auch unabhängig voneinander auf verschiedene Prozesse jener neoliberalen Transformation, die sich sowohl auf dem Feld der Migrationspolitik als auch in der Sozialen Arbeit als Disziplin bzw. in ihrem

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Fragen und Sichtweisen, in dem wechselnde Positionen – etwa die der Expertin und der Lernenden – eingenommen werden können (vgl. Kessl/Maurer 2012, 46). Im Rahmen einer kritischen Forschung muss ein solcher Raum dabei auch Konflikte – etwa um gegensätzliche Interessen oder um gesellschaftliche Positionierungen – zwischen den gemeinsam Forschenden zulassen (vgl. Anhorn/ Stehr 2012, 69). Der herrschaftskritische Anspruch, der mit Aktionsforschung und kollaborativer Forschung verbunden ist, gelingt nur unter der Maßgabe »radikaler Reflexivität« (vgl. Kessl/Maurer 2012, 44). Fragen der Deutungsmacht, der Wertschätzung des gesprochenen und des geschriebenen Wortes oder der Reproduktion von Rassismus müssen in Forschungskooperativen einer offenen und regelmäßigen Reflexion zugeführt werden.5 Über die ständige Rückkopplung des Forschungsprozesses an die Praxis werden Ziele und Vorgehen verändert und konkretisiert. Der Forschungsprozess ist nur beschränkt planbar und muss laufend an die Bedingungen der beteiligten Gruppen und an deren Umfeld angepasst werden. Dieses möglichst direkte Zusammenwirken im Handlungs- und Forschungsprozess, die gegenseitige Bezugnahme von aus der Praxis gewonnenem Wissen und dessen wissenschaftlicher Deutung, ermöglicht idealerweise, dass erarbeitete Interventionen in der Praxis auch von allen Beteiligten getragen werden (vgl. Heinze 2001, 80).

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Selbstverständnis so nachhaltig ausgewirkt haben. In den beiden folgenden Abschnitten soll daher zunächst skizziert werden, warum wir eine kritische Perspektive in der Sozialen Arbeit mit Migrant_innen für unverzichtbar halten und was hieraus für die Gestaltung einer kritischen Migrations- und Sozialarbeitswissenschaft folgt. Zur Notwendigkeit kritischer Sozialarbeit im Handlungsfeld Flucht und Migration

Die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, der Beschluss eines Zuwanderungsgesetzes, das die von ihm bezweckte »Steuerung und Begrenzung« von Migration bereits im Namen trägt, die Verabschiedung des Asylbewerberleistungsgesetzes und die Einführung der sogenannten Residenzpflicht sind nur einige markante Beispiele für einen fortschreitenden Abbau der Rechte von Migrant_innen. Dieser wird flankiert von einer Zunahme an disziplinarischen Kontroll- und Erziehungsmaßnahmen, wie der zwangsweisen Unterbringung in Wohnunterkünften oder der verpflichtenden Teilnahme an sogenannten »Integrationskursen«. Beide Entwicklungen bezeichnen die Entstehung eines Migrationsregimes, das »illegale« Einwanderung mit polizeilich-militärischen Methoden zu verhindern trachtet, »legale« Einwanderung in einem postkolonialen Selektionsprozess6 gemäß ihrer ökonomischen Rentabilität zu regulieren versucht und die schließlich eingewanderte Personen mit einer »Integrationspolitik« konfrontiert, die María do Mar Castro Varela im Anschluss an Foucault als »Normalisierungs- und Disziplinierungsregime« bezeichnet (Castro Varela 2006, 152ff.). Die hieraus folgende juristische, politische und soziale Deklassierung von Migrant_innen macht es erforderlich, in der Sozialen Arbeit, die an vielen der genannten Disziplinarmaßnahmen als ausführendes Organ beteiligt ist, eine Diskussion darüber zu führen, »aufgrund welcher wissenschaftlichen und philosophisch-ethischen Basis sie ihre Urteile über Unrecht gründet und ob ihre allgemeinen und vor allem gesetzlichen Aufträge nicht nur legal, also rechtens, sondern auch legitim [ ] sind?« (Staub-Bernasconi zit. n. Kessl 2012, 199) Sie wird diese Diskussion indes nicht führen können, ohne auf der Suche nach ihrer »wissenschaftlichen und philosophisch-ethischen Basis« die Herrschafts- und Machtverhältnisse zu berücksichtigen, die sich im Handlungsfeld von Flucht und Migration sowohl auf ihre Adressat_innen als auch auf ihre eigene Praxis permanent auswirken. Zur Notwendigkeit kritischer Perspektiven in der Sozialen Arbeit

Die immensen gesellschaftspolitischen Transformationen, deren gemeinsame Tendenz sich mit einem Begriff von Timm Kunstreich als »Modernisierung konservativ-liberaler Hegemonie« (Kunstreich 2012, 65) erkennen lässt und deren Folgen für das Feld der Migrationspolitik bereits angedeutet worden sind, haben nicht nur in der Praxis der Sozialen Arbeit massive Verschiebungen der

Kollaboratives Forschen als Instrument kritischer Migrationsund Sozialarbeitswissenschaft

Die Auseinandersetzung mit der Aktionsforschung bzw. mit der zeitweise diskutierten Frage, ob sie als Ausgangspunkt einer denkbaren Weiterentwicklung

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fachlichen und identitären Positionen bewirkt, sondern auch in der ihr zugehörenden Theorie und Wissenschaft. Insbesondere zwei dieser Verschiebungen sind es, die für das hier zu behandelnde Problem kritischer Forschung in der Sozialen Arbeit eine besondere Bedeutung haben: die Orientierung empirischer Forschung an der Effizienz- und Leistungssteigerung sozialarbeiterischer Praxis sowie das damit korrespondierende Verschwinden politischer Kämpfe aus den gesellschaftstheoretischen Grundannahmen der Profession. Letzteres steht vor allem mit dem »Paradigmenwechsel« der Sozialarbeitswissenschaft zu einer systemtheoretisch fundierten Gesellschaftsanalyse im Zusammenhang. An dieser Stelle ist dieser Paradigmenwechsel in zweierlei Hinsicht bedeutsam: Erstens verfügt die in der Sozialarbeitswissenschaft prominent gewordene Systemtheorie Luhmann’scher Provenienz weder über die begrifflichen noch über die analytischen Kategorien, um gesellschaftliche Verhältnisse wie Herrschaft oder Unterdrückung zu erfassen oder gar zu problematisieren. Und zweitens versperrt ihre immanente Logik ihr nicht nur die Perspektive auf die Widersprüche und Konflikte innerhalb der von ihr untersuchten sozialen Systeme, sondern zwingt sie umgekehrt, die Selbsterhaltung dieser Systeme als einzig mögliche Forschungsperspektive zuzulassen (vgl. Dahme/Wohlfahrt 2012, 80f.). Sie begünstigt so die zweite der angesprochenen Tendenzen, nämlich die Reduzierung des professionellen Selbstverständnisses auf die Funktion einer spezifischen Leistungserbringung, die ihrerseits einer Forschung korrespondiert, in der die Bemessung und Erhöhung von Wirkung und Effizienz von Maßnahmen Sozialer Arbeit die entscheidenden Fragestellungen sind.7 »Der der Forschung nachgelagerte Verwertungszusammenhang ist neuerdings für den Entdeckungs- und Begründungszusammenhang gesellschafts- und sozialpolitischer Forschungen konstitutiv geworden und stellt die Forschungsverhältnisse – nicht nur in der Sozialen Arbeit – auf den Kopf.« (Ebd., 88) Insgesamt betrachtet zeigt sich hier der Widerspruch zwischen einer Praxis, die einer kritischen Reflexion ihrer Verhältnisse dringend bedarf, und einer Theorie, die zu dieser Reflexion nicht in der Lage ist. Dieser Widerspruch aber hat in jüngster Zeit in der Sozialarbeitswissenschaft verstärkt zu dem Bedürfnis geführt, die gesellschaftspolitische Disposition Sozialer Arbeit wieder jenseits des systemtheoretischen Paradigmas zu denken. In der »Repolitisierung«, die sich hierin anzeigt, ebenso wie in der Renaissance der Macht als einer analytischen Kategorie finden sich die Anknüpfungspunkte, von denen aus sich ein Programm kollaborativen Forschens als sozialarbeitswissenschaftliches Forschungsprojekt gestalten lässt.

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der Sozialarbeitswissenschaft geeignet sein könnte (vgl. v.a. Heiner 1988; Moser 1995), stellt eine Anschlussmöglichkeit für das von uns vorgeschlagene Konzept einer kollaborativen Forschungsmethode dar. Das hier vorgestellte Modell kollaborativen Forschens überschreitet dabei die Trennlinien zwischen Forschenden und Beforschten, Theorie und Praxis, Wissenschaft und aktiver Beteiligung viel konsequenter, als es der damaligen Aktions- bzw. Praxisforschung – für welche die systematische Unterscheidung von Theorie und Praxis ein andauerndes Problem darstellte (vgl. u. a. Altrichter/Gstettner 1993; Schone 1995) – möglich war. Die neueren Diskussionen in den Sozialwissenschaften, in denen sich diese für neuartige Orte, Methoden und Subjekte der Wissensproduktion geöffnet hat,8 haben in den vergangenen Jahren ein Potenzial erschlossen, das eine kritische, praxisorientierte und kollaborative Forschung möglich erscheinen lässt. Die folgenden Beispiele, in denen jeweils Arbeiten von Aktivistinnen vorgestellt werden, sollen dies veranschaulichen.

Beispiel 1: KuB in Brandenburg (Elena Fontanari)9

Meine Masterarbeit »Begrenzt an der Schwelle. Die Erfahrung der Asylbewerber_innen in Deutschland« behandelt das nationalstaatliche System zur Kontrolle von Migration, genauer das Lagersystem für Geflüchtete in Deutschland. Zentral ist das analytische Konzept der Grenze als Produkt von sozialen Beziehungen und Herrschaftsverhältnissen. Die Frage meiner Forschung war, wie Grenzen produziert werden, welche Effekte sie auf die Betroffenen haben und wie die Betroffenen es schaffen, diese Grenzen möglicherweise zu überwinden. Die Themenwahl und Fragestellung ergaben sich durch mein Engagement bei der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen (KuB) bzw. der KuB in Brandenburg (KiB). Das konkrete Ziel des Projekts KiB ist eine stärkere Emanzipation von Geflüchteten in eher abgelegenen Teilen Brandenburgs. Sie sollen durch Unterstützung und Informationsvermittlung von Seiten der Mitarbeiter_innen der KuB bessere Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe, aber auch mehr Rechtssicherheit bei ihren Anliegen bekommen. Ich hatte als Forscherin deswegen ein doppelte Rolle: politische Aktivistin einerseits und Wissenschaftlerin auf der anderen Seite. Mein methodisches Vorgehen basierte auf Grundlagen der Aktionsforschung, die sich, wie oben dargestellt, nicht nur mit der Produktion von wissenschaftlichen Texten begnügt, sondern auch und vor allem zu konkreten Veränderungen und Entwicklungsprozessen im sozialen Gefüge führen soll. In diesem Zusammenhang habe ich Wohnheime für Asylsuchende als »Grenzräume« identifiziert. Ich wollte untersuchen, wie die Begrenzung in der räumlichen, zeitlichen und der Beziehungsdimension von den Betroffenen im Alltag erlebt wird.

Zu Beginn meiner Forschung tauchte sofort ein klassisches Methodenproblem der Sozialwissenschaft auf: die Beziehung zwischen Forscher_in und dem Gegenstand der Forschung. Einer der wichtigsten Punkte der Aktionsforschung ist, die Dichotomie Beobachter_in vs. Forschungsfeld zu überwinden, und zwar durch die Idee der Einbindung der Beobachter_in ins Forschungsfeld. Dies war aufgrund der Erfahrung und des Austausches mit den Betroffenen möglich, die ich mit dem Verein KuB gesammelt habe. Meine Forschung zielte dabei auf einen Prozess der Wissensproduktion, der sich allmählich durch die Interaktion zwischen Forscher_in und den Protagonist_innen der Forschung10 einstellt (vgl. Melucci 1998). Die gewählte Forschungsmethode kann Probleme zeitigen: Das Risiko besteht, dass meine Forschungsarbeit zu Interferenzen in der Interven11 tionsarbeit führt . Außerdem können Kommunikationsprobleme, Macht- und Interessenkonflikte zwischen Forschenden und Teilnehmenden entstehen. Die Zusammenarbeit von Forscher_in und Protagonist_innen kann aber eine interessante Möglichkeit zur Lösung dieses Problems sein. Es handelt sich um einen fortlaufenden Prozess, in dem der_die Forscher_in und die Protagonist_innen der Forschung eine Beziehung zueinander aufbauen und ihre Rollen innerhalb des Forschungsfeldes »verhandeln« (vgl. Navarini 1998). Dabei verschieben sich bei der_dem Forscher_in permanent die Haltung, die mal distanzierter, mal persönlicher, aber niemals definitiv festgelegt sein kann. Tatsächlich hat sich in meiner Erfahrung mit jeder_m Interviewten die Beziehung geändert: Vor, während und nach dem Interview gab es immer eine Art »Spiel« der Rollendefinition. Sehr hilfreich für meine Forschung war neben einer Reihe geteilter Werte die gemeinschaftliche Arbeit: Bei meinen wöchentlichen Besuchen hatten die Bewohner_innen des Wohnheims und ich an denselben Prozessen 12 der politischen und sozialen Veränderung teil. Das führte zu einem Vertrauensverhältnis zwischen uns und erlaubte mir, einige der Bewohner_innen des Wohnheims zu interviewen, ohne dass sie sich wegen meiner Forschungsarbeit unsicher oder bedroht fühlten. Die Interviewten kannten meine Rolle sehr gut: Ich war aktiv im Verein KuB und zugleich eine forschende Studentin. Es ging mir darum, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen – über die gemeinsame und geteilte Arbeit im Feld und auch über eine Reihe von geteilten Werten und Ideen war es möglich zu kollaborieren. Ein weiterer Faktor, der eine gewisse Nähe zu den Bewohner_innen des Wohnheims schuf, war eine Eigenschaft, die sie (in dieser Konstellation der Projektgruppe) fast nur mit mir verband: Die Tatsache, dass ich auch eine »Fremde« in Deutschland war. Mein »Fremdsein« und die Tatsache, dass ich nicht gut Deutsch sprechen konnte, hat das für die Forschung nötige Vertrauensverhältnis befördert. Die lange Zeitspanne von mehr als einem Jahr, in der ich die Forschung entwickelt habe, spielte auch eine wichtige Rolle. Diese Zeit hat mir erlaubt, den Protagonist_innen der Forschung Zeit zu geben, um mich kennenzulernen, die

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Probleme der Aktionsforschung

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Rollen im Feld zu »verhandeln« und an Beziehungen zu arbeiten, wenn ich bemerkte, dass sich ein Problem für die Forschung oder für die Protagonist_innen einstellte. Auch gegenüber der KuB und ihrer Arbeit hat mir die Tatsache, viel Zeit zu haben, geholfen. Ich konnte meine beiden Rollen fortlaufend teilen, auch wenn sie im Konkreten immer verbunden blieben. So habe ich die Interviews nie an Tagen gemacht, an denen ich mit der KuB ins Wohnheim ging, um eine klare Unterscheidung der Arbeitspraxis zu schaffen. Problem der Machtbeziehung während der Interviewführung

Grundlegend war für mich die Annahme, dass die Protagonist_innen der Forschung – in meinem Fall die Bewohner_innen von Wohnheimen – für den_die Forscher_in keine neutralen Informant_innen darstellen, sondern in ihrer Doppelrolle als Forschungsgegenstand und aktive Subjekte vielmehr als Medium zwischen der_dem Forscher_in und der erforschten sozialen Gegebenheit agieren (vgl. Ranci 1998). Wenn das Subjekt der Forschung ein Teil des wissenschaftlichen Prozesses ist, dann kann es sich aber auch aktiv am Forschungsprozess beteiligen – und somit zugleich mehr sein als nur ein Medium. Daher etablierte ich eine Vorgehensweise, bei der ich – nachdem ich die allgemeinen Richtlinien der Interviews geklärt hatte  – die Fragen zusammen mit den Befragten überprüfte und gegebenenfalls überarbeitete. Auf diese Weise wurden die Befragten im Forschungsprozess zu aktiven Teilnehmer_innen, anstatt bloß Gegenstand meiner Forschung zu sein. Da jede Interaktion im Forschungsprozess sich auf die Ergebnisse auswirken kann, habe ich eine sehr offene Form gewählt, damit umzugehen und die Befragten einzubeziehen. Ich zeigte die Struktur des Interviews und fragte, ob die Interviewfragen gut waren oder ob es etwas gab, das sie verletzen könnte. Das dadurch hergestellte Vertrauen erlaubte mir dann, »beharrlicher« in einigen Fragen zu sein. Die Tatsache, dass die Interviews von beiden Seiten nicht in der eigenen Muttersprache geführt wurden, hat Machtprobleme zwischen Forscher_in und Interviewpartner_innen vermindert. Manchmal haben die Interviewpartner_innen mir die Bedeutung von bestimmten Wörtern auf Deutsch erklärt, die ich nicht kannte. Dies sind Beispiele des »relationalen Spiels« zwischen Forscher_in und Protagonist_innen der Forschung. Die Untersuchung der Machtverhältnisse: die Rolle der bürokratischen Verwaltung

Da ich Grenzen als Produkte von Machtverhältnissen untersuchte, ging es in meiner Analyse auch um die zentrale Rolle der Verwaltung bei der Herstellung von Grenzen. Aus diesem Grund habe ich in meine Analyse der räumlichen, zeitlichen und Beziehungsdimensionen auch die Beziehungen zwischen den Bewohner_innen und dem Leiter des Wohnheims sowie Vertreter_innen der Ausländerbehörde, die für das Wohnheim zuständig ist, einbezogen.

Wissen »von unten« und Veränderung

Die Aktionsforschung beruht auf einer Praxis der Theoriebildung »von unten«, wobei die Protagonist_innen der Forschung die Rolle als Ko-Autor_innen einer »Erzählung« haben und die Forscher_innen sollten nur plausible Interpretationen – und nicht absolutes Wissen – produzieren. Ein ungelöstes Problem besteht darin, dass diese plausiblen Interpretationen von den Forscher_innen und also nicht mehr kollaborativ erstellt werden. Ein weiteres Problem ist, dass die Ergebnisse der Forschung  – und das aus diesen produzierte Wissen  – veröffentlicht oder politisch genutzt werden können, ohne dass es zu den Protagonist_innen zurückkommt. Deswegen sollte der Fokus der kollaborativen Forschung auf dem Prozess statt auf den Ergebnissen liegen, weil es nur der Forschungspraxis zu verdanken ist, dass sich Erkenntnisgewinne13 oder Verbesserungen der Situation

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Mir ging es darum, die unterschiedlichen Techniken zu bestimmen, die Macht etablieren (zum Beispiel die Arbeit der Verwaltung) und die durch die sozialen Beziehungen reproduziert werden (vgl. Foucault 2003), sowie zu begreifen, wie Beziehungen der Unterwerfung Subjekte erzeugen. Aktionsforschung war hier sehr produktiv, denn sie beruht auf der Annahme, dass Wissen und Intervention Teil des gleichen kognitiven Rahmens sind, der von den Forscher_innen gebildet wird. Die Veränderung des untersuchten sozialen Gefüges ist daher nicht nur ein Ziel, sondern auch eine unvermeidliche Voraussetzung für die Forschung. Da die Veränderung eines sozialen Gefüges umso besser verstanden werden kann, je mehr man versucht, es zu ändern, ist der_die Forscher_in ein Instrument der Wissensproduktion. Er_Sie wirkt als Störer_in des Systems und kann deswegen die Reaktion der sozialen Akteur_innen auf die Veränderung beobachten (vgl. Navarini 1998). Ein Beispiel für diesen Prozess ist in meiner Forschung während des Versuchs aufgetreten, die Art der Beziehung zwischen den Bewohner_innen und dem Leiter des Wohnheims zu erfassen. Als Aktivist_innen des Vereins KuB hatten wir versucht, einige Bewohner_innen dabei zu unterstützen, aus einem sozialräumlich sehr isolierten Wohnheim auszuziehen. Da die Bewohner_innen einen bestimmten Aufenthaltsstatus hatten (eine Duldung seit fünf Jahren oder mehr), stand ihnen das Recht zu, eine Wohnung in einer nahegelegenen Stadt zu bekommen. Wir erörterten gemeinsam die Rechtslage und formulierten die Anträge. Mit der Zeit wich das anfängliche Interesse der Bewohner_innen aber einer Art passivem Widerstand gegen die gemeinsame Arbeit und am Ende wollte niemand mehr den Antrag für die Wohnung stellen. Durch Gespräche mit den Bewohner_innen und durch die Interviews haben wir verstanden, dass der Leiter diejenigen, die ausziehen wollten, unter Druck gesetzt hatte. Diese kleine Intervention erlaubte uns, die Beziehung zwischen dem Leiter und den Bewohner_innen bzw. die ihnen inhärenten Herrschaftsverhältnisse zu verstehen, die auf den ersten Blick verborgen blieben.

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einstellen. Jene Asylbewerber_innen, die Partner_innen und Aktivist_innen der KuB geworden sind, erlangten die Möglichkeit, aus dem Wohnheim auszuziehen und einen Prozess der Verbesserung der eigenen Situation zu beginnen. Eine Verbesserung der Situation ist aber nicht immer für alle Protagonist_innen möglich.

Beispiel 2: KuB auf Zypern (Nina Violetta Schwarz)14

Im Rahmen meiner Beteiligung an einer Reise der KuB,15 die unternommen wurde, um die Situation von Asylbewerber_innen im griechischen Teil Zyperns zu dokumentieren, habe ich Ende September 2012 den Aufenthalt auf der Insel mit einer ethnografischen Forschung für meine Master-Abschlussarbeit verbunden. Zahlreiche Gespräche und Begegnungen während des dreiwöchigen Forschungsaufenthalts machten deutlich, dass Warten die prägende Lebensrealität für alle Asylsuchenden in der Republik Zypern darstellt. Warten stellt das verbindende Element zwischen den verschiedenen Lebenssituationen (von der Ankunft und Registrierung in einem EU-Land und die Asylantragstellung über die Ablehnung oder Anerkennung des Antrages bis hin zur Abschiebung oder dem tatsächlichen Ankommen) von Asylsuchenden dar und bildet die konkurrenzlose Beständigkeit in ihrem Leben. An wohl keinem anderen Ort der Akt des Wartens Asylsuchender so deutlich wie in Hafteinrichtungen, in denen voller Ungewissheit gewartet wird. Meine ethnografische Recherche beleuchtet die Situation von inhaftierten Migrant_innen in der Republik Zypern, die zum Warten gezwungen werden. Der Fokus der Ethnografie des Wartens liegt auf dem Raum zwischen dem Inhaftiertwerden und dem Verlassen der Hafteinrichtung, also auf dem Inhaftiertsein und damit auf dem Warten in Haft. Die aus den gegebenen Bedingungen resultierenden individuellen Handlungen inhaftierter Migrant_innen bilden den zentralen Gegenstand meiner Forschung und öffnen den Blick für widerständige Praktiken und autonome politische Projekte migrantischer Bewegung. Die notwendige migrationspolitische Kontextualisierung drängt dann die Frage auf: Welche Rolle spielt dieses Warten-Lassen inhaftierter Migrant_innen für die Republik Zypern und die europäische Migrationspolitik? Um diese bisher wenig beforschten Aspekte herauszuarbeiten, habe ich meine ethnografische Perspektive mit der benannten aktivistisch motivierten Recherchereise verknüpft und werde im Rahmen dieses Aufsatzes auf die methodischen Herausforderungen und produktiven Auseinandersetzungen hinsichtlich einer kollaborativen Praxis im Feld eingehen. Netzwerke bilden und verdeckt forschen

Das Warten in Haft findet in der Republik Zypern an unzähligen, sehr verschiedenen Orten statt.16 Die ethnografisch-aktivistische Arbeit in diesem Feld

Strategische Kollaboration

Einige prägnante Praxisbeispiele sollen im Folgenden Einblicke in die konkrete Kollaboration im Feld erlauben. Die Kontaktaufnahme geschah von mir ausgehend oder schneeballartig zu mir kommend; die Forderungen nach Besuchen in Hafteinrichtungen und das Halten der Kontakte per Telefon oder SMS fanden auf Seiten der Protagonist_innen generell vor dem Hintergrund eines Wunsches

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orientierte sich an den Bedingungen, unter denen die Asylsuchenden an diesen Orten warten müssen, und so war zunächst weniger die Frage »Mit welcher Methode gehe ich ins Feld?« als vielmehr »Wie bekomme ich überhaupt Zugang zu diesem Feld?« handlungsleitend. Auf den ersten Blick scheint der Zugang zu den spezifischen, machbesetzten Räumen der Hafteinrichtungen problematisch, denn deren Zweck besteht ja darin, inhaftierte Personen wegzusperren und zugleich Dritten den Zutritt zu verwehren. In diesem Kontext war daher die grundlegende Annahme von Ansätzen kollaborativen Forschens bedeutsam, dass die Art der Zugänge zum Feld die Bedingungen der jeweiligen Forschung (mit-)konstituieren. Eine wichtige Rolle spielte meine Arbeit innerhalb der Kontakt- und Beratungsstelle. Erst über diesen Pool von Kontaktpersonen und die bekannte politische Positionierung des Vereins war eine vielfältige Netzwerkarbeit zwischen den Akteur_innen in Haft, Berater_innen in Deutschland und Zypern und anderen Aktivst_innen möglich. Mein methodisches Vorgehen kann insofern als kollaborative Forschungspraxis bezeichnet werden, als durch die mehrmonatigen Vorbereitungen und meine Arbeit in den verschiedenen migrantischen Communities und Netzwerken in Berlin sowie in der Republik Zypern die Möglichkeiten geschaffen wurden, aufgrund persönlicher Kontakte in Hafteinrichtungen zu gelangen und gezielt Personen zu besuchen. Diesen Inhaftierten war die Intention der Recherchearbeit bekannt. Da sich unser Kommen herumsprach, gab es am Ende mehr Anfragen zu Gesprächen, als wir aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten berücksichtigen konnten. Den Beamt_innen in den jeweiligen Hafteinrichtungen bin ich bzw. sind wir im Team der ZypernDokumentation in den meisten Fällen als Privatpersonen gegenübergetreten, die bestimmte Inhaftierte besuchen wollten. Ein offenes Auftreten als Forschungsteam, das die Haftbedingungen vor Ort dokumentieren wollte, hätte die Gefahr der Abweisung, der Änderung der Haftzustände oder des Wegsperrens von einzelnen Personen mit sich gebracht. Zudem bestanden Bedenken, dass inhaftierte Gesprächspartner_innen nach unserer Abreise wegen der Kontaktaufnahme zu uns sanktioniert werden könnten. Diese Ängste, für die Weitergabe von Informationen bestraft zu werden, wurden mehrfach von Inhaftierten schon vorher am Telefon geäußert. Der Zugang zu Hafteinrichtungen basierte grundlegend auf dem durch die vorbereitende Netzwerkarbeit geschaffenen Vertrauen, dass jegliche Geheimnisse gewahrt würden.

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nach der Verbesserung der eigenen Situation statt. Ich verstehe dieses Handeln insofern als strategische Kollaboration, als die Kontakte zu mir und uns hergestellt wurden, bevor wir als Team in den Haftzentren erschienen. In den den Anrufen formulieren die inhaftierten Personen klar und deutlich wann ich in welche Hafteinrichtung kommen soll. Teilweise bestehen die Kontakte durch die Verbreitung der Communities bereits in Deutschland, sodass die Anrufe elementare Bestandteile in unserem Zeitplan vor Ort in Zypern sind und damit die Struktur der Forschung mitbestimmen. Deutlich wird, dass kollaborative Forschung, im Sinne einer zielgerichteten Zusammenarbeit und klaren Motivationen auf beiden Seiten, nicht erst mit der konkreten Ankunft in einem Feld beginnt, sondern schon bei dem Knüpfen erster Kontakte stattfindet. Die inhaftierten Migrant_innen greifen in unser Forschungsprogramm verändernd ein und schreiben sich selbst in die Forschung hinein. Gerade weil der Zugang zu Kommunikationsmedien begrenzt bzw. im Falle des Internet verboten ist, spielen Mobiltelefone in Hafteinrichtungen eine existenzielle Rolle. Deutlich wird hier, dass die Möglichkeit, sich über Mobiltelefone mitzuteilen und Unterstützung oder Solidarität zu mobilisieren, trotz der Reglementierung taktisch und strategisch genutzt wird. Die begrenzte Möglichkeit und der Wille der einzelnen Akteur_innen im Feld das Mobiltelefon als Kommunikationsmedium zu nutzen ermöglicht und bedingt dann die Kollaboration zwischen den Akteur_innen und dem Forscher_innenteam. Auch die gemeinsame »Über-Nacht-Aktion« des Verfassens von Briefen17 mit dem Ziel, über das Forscher_innenteam eine europäische Öffentlichkeit zu erreichen und diese über die eigene Situation zu informieren, war eine aktive Form der Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse. Diese und andere Untersuchungen der Bewegungen der Migration und der mit ihr verbundenen solidarischen Netzwerke sind abhängig von Kollaborationen zwischen Forscher_innen Migrant_innen und verweisen auf die Notwendigkeit kollaborativer Forschungen und eines gemeinsamen Aktivismus.

Fazit

Wir haben zu Beginn unserer Überlegungen nach den Möglichkeiten gefragt, welche die Ansätze kollaborativen Forschens einer praxisorientierten, kritischen Wissenschaft der Sozialen Arbeit mit Geflüchteten und Migrant_innen bieten können. Nach der Vorstellung von zwei wissenschaftlichen Arbeiten, die beide auf ihre Weise Beispiele kollaborativen Forschens darstellen, möchten wir zum Abschluss auf diese Frage zurückkommen, auch und gerade im Hinblick auf den Vergleich zwischen der theoretisch-methodologischen Konzeption einer wissenschaftlichen Vorgehensweise und ihrer praktischen Durchführung.Gerade die Erfahrungen der praktischen Forschung haben für uns den

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methodologischen Grundsatz bestätigt, dass der Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit Form und Einsatz der anzuwendenden Methoden bestimmt und nicht umgekehrt. So haben die beiden vorgestellten Praxisforschungen gezeigt, dass die angestrebte Auflösung der Dichotomie von Subjekt und Objekt der Forschung während des Forschungsprozesses selbst durchaus in produktiver Weise gelingen kann; sie haben aber zugleich erkennen lassen, dass die jeweilige Situation der Beteiligten auch in einem ansonsten egalitären Forschungsprozess Differenzen begründet, die für den Ausgang der Forschung von Bedeutung sind. Inwieweit sich diese Differenzen – etwa aufgrund gemeinsamer (politischer) Interessen – überwinden lassen oder wo die Grenzen gesetzt werden können, die Wissenschaft und Praxis, Forscher_in und Beforschte, akademische Tradition und politische Solidarisierung voneinander trennen, kann immer nur im Hinblick auf das einzelne Forschungsprojekt bestimmt werden. Wenn es indes gelingt, diese Grenzen im Zuge einer schlüssigen Konzeption gemeinsamer Forschung zu überwinden, können unserer Einschätzung nach die Zweifel, dass es im Zuge von Aktionsforschung zum Verlust »ideologiekritischer Funktionen der Wissenschaft« (Sommerfeld 2007, 53) kommen müsse, ebenso auszuräumen wie die Bedenken, dass in der Praxisforschung lediglich die Praxis sich selbst bestätigt. Damit läge dann allerdings ein in viele Richtungen anschlussfähiges Konzept vor, welches genügend Offenheit mitbringt, um in den unterschiedlichsten Forschungsbereichen eine (letztlich noch immer neue) Forschungstradition und eine veränderte Wissenskultur (ebd., 62) zu begründen. In den vorangegangenen Forschungsbeispielen wurden Ansätze der Aktionsforschung dargestellt, die einer Diskussion des Verhältnisses von solidarischer Praxis und akademischer Forschung insofern Raum gegeben haben, als sie ihre jeweilige Wissensproduktionen vor dem Hintergrund der eigenen Position als Aktivist_in und Forscher_in reflektieren. Sie haben hierin zugleich die Möglichkeiten dokumentiert, deretwegen die Aktionsforschung sich aus unserer Sicht für eine Verwendung in Projekten sozialarbeitswissenschaftlicher Forschung anbietet. Eine Forschung, die der Sozialen Arbeit aus ihrer Praxis ein Verständnis derjenigen vermachteten Strukturen und Prozesse ermöglicht, die auf diese Praxis einwirken, aber mit den gegenwärtigen, gegenüber Fragen der Macht und des Widerstandes indifferenten Forschungsansätzen nicht zu fassen sind, vergrößert nicht allein den Wissensbestand der Profession und erhöht damit die ihr zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten. Die Aktionsforschung trägt überdies zur Verselbstständigung der Profession bei, indem sie eine Methodik und einen Forschungsbereich zur Verfügung stellt, die der Sozialarbeitswissenschaft zwar nicht exklusiv angehören, zu deren Verwendung sie allerdings ihrer gesamten Anlage nach prädestiniert ist. Dass sie hierfür das Wagnis eingehen muss, die verlässliche Ratio der klassischen Sozialwissenschaften hinter sich zu lassen,18 ist an einer früheren Stelle dieses Textes bereits erwähnt worden. Die hier zur Diskussion gestellten Aspekte und Fragen

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verstehen sich insofern als Anregungen, als von diesen aus eine sozialarbeitswissenschaftliche Forschung, die sowohl ihrer professionellen Praxis wie deren politischem Kontext gegenüber sensibel ist, weitergedacht werden kann. Die hier beispielhaft angeführten Untersuchungen blieben zwangsläufig im Kontext universitärer Wissensproduktion, da sie beide als Abschlussarbeiten entworfen worden sind. Es sind andere Forschungsformate denkbar, die schon im Ansatz ein Vorgehen ermöglichen, das es ermöglicht, auf egalitäre Weise Forschungsziele zu formulieren. Die dargestellte Untersuchung in Zypern, aus der unter anderem die »Ethnographie des Wartens« resultierte, hatte primär die Broschüre »Asyl in der Republik Zypern« (Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen e.V. 2013) zum Ziel, die – innerhalb der dargestellten Grenzen einer Kollaboration mit großteils inhaftierten Geflüchteten – als kollaborative Forschung aus der Praxis einer Beratungsstelle heraus bezeichnet werden kann. Jene Broschüre, die einerseits in der Beratungsarbeit mit Geflüchteten in unserer und anderen NGOs sowie Rechtsanwält_innen eine wichtige neue Informationsgrundlage bietet und andererseits eine ÖffentlichMachung der Zustände in Zypern, wie sie das Interesse der dort lebenden Geflüchteten war, ermöglicht, soll abschließend als Beispiel des auch politischen Nutzens kollaborativer Arbeit genannt werden.

Anmerkungen 1 2

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Vgl. http://www.kub-berlin.org, aufgerufen am 03.12.2013. Im Anschluss an Tobias Piepers Untersuchung »Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Flüchtlingspolitik« (2008) sprechen wir im Folgenden von »Lagern«. Vgl. hierzu Maja Heiner (1988), die in ihrem Buch »Praxisforschung in der Sozialen Arbeit« eine Forschung der Praktiker_innen über ihre eigene Praxis konzipiert. Das tifs ist ein unabhängiges sozialwissenschaftliches Institut, dem die Vermittlung zwischen Forschung, Praxis und Politik ein zentrales Anliegen ist und das intensiv zu den Perspektiven von Praxisforschung arbeitet, vgl. www.tifs.de, aufgerufen am 03.12.2013. Wie Sprache im Forschungszusammenhang sowohl machtvolle als auch Macht relativierende Wirkung entfalten kann, analysiert Elena Fontanari weiter unten im Kontext einer Reflexion über ihre Forschung als Aktivistin in Lagern von Geflüchteten. Vgl. hierzu ausführlich: Ha / Schmitz 2006 »Mit der normativen Ausrichtung sowohl der Praxis Sozialer Arbeit als auch des Wissenschaftsbetriebes auf Effizienz und Effektivität und der gleichzeitigen Behauptung, dass beides in der Praxis Sozialer Arbeit regelmäßig nicht erreicht werde, wird gegenwärtig an der Propagierung des Konzepts der Wirksamkeit und der Implementierung einer Wirkungsforschung gearbeitet, die – vordergründig paradoxerweise – als Aufgabe der professionellen Praxis und als Verpflichtung für die Adressat/innen ›Aktivierung‹ und ›Selbststeuerung‹ als Zielmarke setzt« (Schimpf/Stehr 2012, 8). Hier ist vor allem von denjenigen Innovationen die Rede, die sich – vielfach von den Arbeiten Michel Foucaults ausgehend – etwa in den Culture oder Gender Studies un-

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gemein produktiv ausgewirkt haben und (mit einiger Verspätung) in den vergangenen Jahren auch in den Sozialarbeitswissenschaften eine größer werdende Aufmerksamkeit erfahren haben (vgl. stellvertretend Anhorn u. a. 2007). Dieses erste Beispiel aus der Praxis kollektiven Forschens ist eine (Selbst-)Reflexion über den Forschungsprozess zur Masterarbeit in Soziologie von Elena Fontanari, der im Juli 2012 abgegeben wurde. Entsprechend wird hier aus der Ich-Perspektive berichtet. Ich verwende den Begriff »Protagonist_innen (der Forschung)«, um die Rolle der Beforschten als aktive Teilnehmende der Forschung und als Subjekte zu unterstreichen. Zum Beispiel können die Protagonist_innen ihr Vertrauen zu den Mitarbeiter_innen der KuB verlieren, weil die Arbeit der Kub nicht als uneigennützig wahrgenommen werden könnte. Durch Unterstützung und Informationsvermittlung von Seiten der Mitarbeiter_innen der KuB, und durch verschiedenen Intervention in der Wohnheimen, haben wir versucht die soziale und räumliche Isolation der Asylbewerbern zu reduzieren und bessere Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe zu geben. Die Forschung kann als ein Prozess des Zuhörens verstanden werden, in dem die kommunikative Praxis es schafft, die Menschen sprechen zu lassen, die im gesellschaftlichen Diskurs oft ungehört bleiben. Ich war erstaunt, als Miss R., eine von mir interviewte Asylbewerberin, sich am Ende des Interviews bei mir bedankte, weil dieses für sie eine sehr interessante und wichtige Erfahrung in Richtung von selbst Erkenntnisgewinne war – in der Regel bedankte ich mich bei meinen Gesprächspartner_innen für ihre Bereitschaft zum Interview. Dieses zweite Beispiel aus der Praxis kollektiven Forschens ist eine (Selbst-)Reflexion über den Forschungsprozess zur Masterarbeit von Nina Violetta Schwarz am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin: »Eine Ethnographie des Wartens. Migration und Inhaftierung in der Republik Zypern.« Entsprechend wird hier aus der Ich-Perspektive berichtet. Das Ziel der Dokumentationsreise, im Folgenden »Zypern Dokumentation« genannt, war die Erarbeitung einer wissenschaftlichen Grundlage zur Bewertung von Asylverfahren in der Republik Zypern im Rahmen der europäischen Verantwortung für den Flüchtlingsschutz. Das Regelwerk der Dublin-II-Verordnung (mittlerweile von der Dublin-III-Verordnung abgelöst) sollte kritisch beleuchtet werden. Das Ergebnis des Projekts sind eine schriftliche und eine filmische Dokumentation zur Lage der Asylbewerber_innen in der Republik Zypern. Die schriftliche Dokumentation in Form einer Broschüre umfasst einen wissenschaftlich fundierten Bericht, der von Richter_innen und Anwält_innen als Argumentationsgrundlage gegen Dublin-II-Überstellungen von Asylsuchenden in die Republik Zypern genutzt werden kann. Für meine Forschung relevante Orte sind die Blöcke 9 und 10 des Nicosia Central Prison, die Polizeistation in Lakatameia und die Einzelzelle der Polizeistation in Oroklini. Einheitliche Standards der Haftbedingungen konnte ich bei meinen Besuchen der einzelnen Einrichtungen nicht erkennen und auch nicht in den von mir geführten Gesprächen mit Inhaftierten ausmachen (vgl. Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen e.V. 2013). Die Auswahl der Orte bzw. Einrichtungen begründete sich aus ihrer strukturellen Verschiedenheit hinsichtlich der Lebensbedingungen (Kontaktaufnahmemöglichkeiten nach außen, Besuchszeiten, Zugang ins Freie, Ernährung, Zugang zu Anwält_innen oder Rechtsberatung etc.). Meine Arbeit stützt sich u. a. auf elf Briefe, die von Inhaftierten in der Polizeistation in Lakatameia auf Englisch verfasst und mir am Tag nach dem ersten Besuch dieser Polizeistation übergeben wurden. Es kam in der auf meinen Besuch folgenden Nacht zu einer spontanen Aktion der Inhaftierten: Sie entschieden sich, ihre persönliche Geschichte und ihre Erfahrungen mit dem zyprischen Asylsystem niederzuschreiben. Diese Entscheidung basierte maßgeblich darauf, dass ein persönliches Treffen mit

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allen dort inhaftierten Personen durch die Besuchsregelung für die Besucher_innen von 15 Minuten pro Tag unmöglich war. Zusätzlich zu den Briefen wurden mir diverse Dokumente als Belege einzelner Asylantragstellungen oder zur Dokumentation unrechtmäßiger Inhaftierung ausgehändigt. Fabian Kessl und Susanne Maurer fassen (kritisches) kollaboratives Forschen als »analytische Grenzbearbeitung« (Kessl/Maurer 2012, S. 53).

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